Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wie eine neue Sprache lernen … FSV Frankfurt – FC St. Pauli 3:3

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Nein, keine Fremdsprache. Eine neue.

Ich glaube ja nicht nur fest an Dennis Daube, sondern auch daran, dass zu viele Worte zu vorgeprägt und formatiert,
zu einfachso auf Welt bezogen werden. Wie Selbstverständlichkeiten, als wäre präfiguriert schon klar, welche Satzbausteine nun auf das, was zu beobachten, zu erfahren, zu erfühlen sein könnte, eben passten. Diese Faulheit der Ausdruckssuche lässt einfach nur alles, wie es ist. Schreibt fest, zementiert, nietet oft gerade jene ans Rad, Begriffsattacken ausgesetzt, die eh schon durch solche Anwürfe ins Begehren geschubst erst durch Musik den Flow des Lebens lernen dürfen.

Queere Praktiken haben oft in der umdeutenden Zueignung dessen, womit man sie traktierte, bestanden – so entstand Camp. Zuletzt beim zweckpathetischen Code-Wirbel von Conchita Wurst auf großer Bühne zelebriert. Bezogen auf einen Text des Ethnologen Lévi-Strauss entstand Ende der 80er Jahre fast ein Hype, von „Bricolage“ zu sprechen und zu schreiben – Basteleien mit den Versatzstücken populärer Kultur, um sie umzucodieren.

Irgendwo muss mensch halt anfangen.

Voraussetzungsfrei ist nichts.

Oz, zu recht so umfangreich betrauert nun, nachdem er starb, R.i.P.!!!, war ein Meister im Umgang mit diesen Voraussetzungen.

Das Stadtbild codierte er um.

Dem fortwährenden Angeschrienwerden durch Werbung, Benimmbotschaften, Verbotsschilder setzte er entgegen, was Jean-Michel Basquiat mit Samo(c), Keith Haring formal und Acid House aus gutem Grund mit Smileys voran getrieben hatten.

Wiederaneignung durch das Signieren des Raumes, die auf nichts als sich und den Künstler verweist und natürlich die Praxis, wann, wie und wo so überall mit Unterschriften Politik vollzogen wird und wurde. Eine nicht harmlose Praxis.

Baudrilliard sprach einst vom „Aufstand der Zeichen“ – wenn Codes so dominant würden, müsse man sie halt zerstören, indem man andere Signale so im Raum platziert, dass er Umdeutung erfährt.

Darin liegt freilich auch ein Verstummen. Das Tagging kann auch sinnentlehrt wie die reine Markierung eines Terrains vollzogen werden und sich der Logik der Besitzenden anähneln, als Zeichen leer.

Weil es letztlich – anders als die komplexeren Inszenierungen von Oz – keine andere Sprache sucht, um sich Welt anzunähern, Bezüge zu ihr herzustellen als „hier war ich und lasse mir nichts vorschreiben“. Das schmälert Oz‘ Leistung nicht, aber die mancher seiner Kopisten.

Die bunten Flächen hingegen, die poetisch und engagiert ein anderes Licht, ein neues Erfahren der Farben der Stadt schufen und suchten, sie wirken wegweisend. Das geht auch bei Klängen.

Ein umgehörtes, unerhörtes „Somewhere over the rainbow“, nicht zufällig ja ein Song aus einem Musical mit Oz im Titel, in den 60er Jahren schuf neue Erfahrungs-Räume. Wer gegen bunte Fussballschuhe wettert, der trampelt heute noch darauf herum.

Sind nun recht große Worte, um zum Agieren des neuen Trainers eines Zweitligisten überzuleiten😀 – aber zum FC St. Pauli gehört hoffentlich immer noch dazu, Fussball nicht einfach Fussball sein zu lassen. Sondern fröhlich und auch kontrafaktisch hier und da hinein zu lesen, was über den Ballsport hinaus Räume erschließt. Symboliken, Rezepte zu entdecken, die vielleicht auch jenseits des Rasens umzucodieren vermögen.

Ich mag fürchterlich irren, aber mir scheint es, als würde Meggle das Spiel vom Raum und vom Individuum und dessen Kooperationsmöglichkeiten her denken, nicht vom System ausgehend.

So sieht es zumindest aus.

Das ist selbst dann interessant, wenn es falsch ist, was ich hier schreibe, weil nicht mehr Spieler über die Funktion in einem Gefüge, sondern über ihren Aktionsradius auf dem Feld in Relation zum Mitspieler bestimmt werden.

Das ist nicht das gleiche, weil das Zusammenspiel flexibler, die Möglichkeiten des Einzelnen bestimmender und die Kooperation wichtiger werden.

So war die Vorlage von Dennis Daube zum 2:0 im Raum situiert, nicht das Bedienen eines Stürmers, und deshalb klappte es.

Es fordert viel mehr aktives Mitdenken und dem Gegenüber Fragen zu stellen, spielt man so – er muss antworten, oder Ball ist weg.

Dieser Einbruch in der zweiten Halbzeit erschien mir so, als hätten die Spieler vorrübergehend vergessen, worauf sie sich gerade konzentrieren sollten.

Das ist ein wenig, wie über Akkorde zu improvisieren, mag da die Logik auch eine zeitliche sein: Viele der Jazz-Standards bis zum modalen Jazz folgen dem II-V-I, das ist eine bestimmte Akkordfolge, die (im Falle von Dur) dem Aufbauen von Spannung und dessen Auflösung dient.

Dadurch wird ein akustischer Raum erzeugt, in dem man sich orientieren muss, horizontal wie vertikal – und es ist für Ungeübte schwierig, das Akkordmuster wirklich zu hören und in der Improvisation nicht den Faden zu verlieren. Manchmal dudelt man vorbei.

Es ist aber konträr zu dem, was z.B. die Funktionsbestimmung des Musikers in einem Orchester anrichtet. Da geht er auf in dem Gefüge.

Bei den ja auch irgendwie formatierten Formen der sogenannten „Akkord-Skalen-Theorie“ folgt die Lehre hingegen der Zuordnung von Tonleitern, Skalen, zu den Akkorden und definiert so ein bestimmtes Tonmaterial, das passt. Das Schöne freilich ist, dass evtl. eine Blues-Tonleiter, harmonisch-Moll oder gar eine andere Tonart noch viel spannender sich anhören als das, was normalerweise als richtig angegeben wird.

So findet, ergänzt durch Rhythmik und Phrasierung, also ob man Töne auf dem Sax anstößt oder auf der Posaune zieht und bindet, und Ausdruck, die Trompete mit „Dämpfer“ spielen, eine fortwährende Erfindung neuer Sprachen statt, und selbst Anfänger wie ich ergehen sich oft in Verblüffung, was ihnen da nun gerade wieder spielend passiert ist.

Ein Rahmen ist vorgegeben, innerhalb dessen Freiheit lockt – und das ist schwieriger, als stur Vorgaben zu folgen. Das ist auch ein Gegenmodell zu den „natürlichen Ordnungen“, die fortwährend beschworen werden: Der Rahmen, den die Akkordfolge vorgibt, dient einzig der Verständigung, ist Leitlinie zur Kooperation zwischen Musikern.

FALLS das so ist, dass Meggle ähnlich denkt – da ist ein Raum, das Fussballfeld, da ist ein Gegner, lasst ihm möglichst wenig Platz, steht ihnen auf den Füssen rum, setzt euch durch, haltet eine Grundordnung, damit ihr miteinander kommunzieren könnt, bleibt kompakt, dass ihr euch versteht, auf zu große Distanz geht das nicht mehr, im Rahmen dessen spielt euch frei – dann ist das kein Wunder, dass die Spieler zwischendurch auch mal einbrechen und die Orientierung verlieren, nachdem sie Trainertypen wie Frontzeck und Vrabec hinter sich haben.

Das hat aber sogar eine politische Dimension: Es ist ja erstaunlich, wie hilflos viele Menschen mittlerweile werden, gibt mensch ihnen einen Rahmen, innerhalb dessen zur Kreativität ermutigt wird. Und damit meine ich NICHT die „Projektarbeit“ der Werber.

Das ist dieser Kultur derart fremd geworden, dass es Verwirrung und sogar Wut erzeugen kann. Kommentare im Forum wie jene, dass es „den Spielern ja wohl zu gut gehe“ zeigen ja, dass das Repressiv-Formatierende derart tief in Psychen gesunken ist, dass Freiheitsmöglichkeiten oft mit Neid und Hass begegnet wird.

Ich glaube auch nicht, dass das völlig frei erfunden ist, was ich hier schreibe, selbst wenn ich eine andere Sprache verwende als Fussballfachleute. Wenn ich Jürgen Klopps Analysen, so kurz sie waren, bei Nationalmannschaftspielen verfolgte, ging es immer um die Wahlmöglichkeiten des Einzelnen angesichts der Positionen der Anderen im Raum – Wahl nicht im Sinne der „rational choice“-Theoretiker aus den Wirtschaftswissenschaften gedacht, sondern als kreativer Gestaltungsspielraum.

Das wende man nun mal auf das urbane Gefüge und den politischen Spielraum in einer Stadt an …

WENN das alles so sein sollte, wie ich das hier ergrüble und zu beobachten meine, dann stehen ALLE auf den Rängen in der Pflicht, es als Parameter eigener Kritik anzulegen. Dann ist z.B. egal, wer die Tore schießt – der Stürmer erkämpft einfach den Raum nach vorn und ist der erste in der Verteidigungslinie. Das zu schreiben grenzt an Plattitüden, und doch, nach allem, was ich so lese, gehen wenig Gedanken der Spielanalytiker in solche Richtungen.

WENN das so ist, dann sind Kreativleistungen zu bejubeln, und da, wo die Umstellung noch nicht ganz gelungen ist, ist das eben so. So what. Nichts wäre dann unangemessener, als Fehler vorzuhalten – diese Praxis ist der Tod jeder Kreativität.

Es gab diese Magie ja schon mal in Stanis Anfangstagen, im Zusammenspiel von Takyi, Naki und Ebbers zum Beispiel. Da waren wir kaum noch ausrechenbar.

Und Frontzeck hat es damals zwar auch richtig gemacht, der Mannschaft erst mal eine funktionale Ordnung zu verpassen – was Meggle da macht, ist aber, wenn ich es richtig verstehe, viel spannender: Der versucht, eine neue Sprache des FC St. Pauli mit dem Team zu finden.

Das braucht Geduld, ermöglicht aber das Zurückkommen nach einem 2:3.

Ich finde das gut.

3 Antworten zu “Wie eine neue Sprache lernen … FSV Frankfurt – FC St. Pauli 3:3

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