Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Wiederherstellung der Ordnung: Exkludieren, tolerieren, umerziehen

Ein biederer Chemie-Lehrer, der, um seine Krebsbehandlung zu bezahlen, zum Drogenproduzenten und – dealer wird. Eine Krimi-Serie, in der Mensch und Institution miteinander konfrontiert werden – aber so, dass jene der „Sicherheitsapparate“ und jene der Kriminalität sich gleichen, multiethnisch besetzt. Ein Landstrich, im Norden, wo Polizei und Baulöwen Hand in Hand ein Terror-Regime installieren. Eine queere Community, die sich gegen einen konservativen Politiker, der Polizeichef ist und nun Bürgermeister werden will , intrigant zur Wehr setzt – und siegt. Ein Gangster beim Pychotherapeuten. Intrigen rund um einen Politiker.

Klar, jeder weiß, was da jeweils skizziert wurde – mögen auch Queer as Folk und der Yorkshire Killer nicht ganz so bekannt sein. Klar, jeder feiert die US-Serien oder auch auch „Sherlock“ – aber es ist eben nicht nur diese staatstragende nivellierende Mitte-Orientierung

in deutschen Fernsehsendern, ARTE mal zum Teil ausgenommen.

Es wird hierzulande gar nicht verstanden, was ein Konflikt ist, weil sowieso die „Mitte“ auf Dominanz setzt und Konflikte nur Unruhe erzeugen, die in eine „Wiederherstellung der Ordnung“ überführt werden müssen.

Weil hierzulande einzig noch Konflikte wie jene der Marianne Bachmeier verstanden werden, da es ansonsten immer und in allen gesellschaftlichen Bereichen nur im die Entgegensetzung von Inklusion und Exklusion geht und die Leute ernsthaft glauben, sie würden über moralisch Konflikte sprechen, wenn sie PC als „moralischen Rigorismus“ geißeln. Da haben sie den zentralen, moralischen Konflikt einfach nicht verstanden – auch, weil sie nicht lauschen wollen, wenn ihn jemand zur Darstellung bringt.

Auch davon profitiert die Alternative für Piefigkeit, Provinzialität und Patriachat. Da wettern sie gegen „Umerziehung“ im Falle des puren Erwähnens sexueller Vielfalt, während die nur für sie gemachten Schmonzetten zu allgemeinen Umerziehungszwecken alle Kanäle ganztägig zuschmieren, bis es stinkt.

Und, autoritär, wie allesamt strukturiert sind, platzen sie dann vor Gekicher, wenn über Exkludierte gewitzelt wird, weil das das einzige (ja gar nicht existente) „Tabu“ sei, das Menschen hier überhaupt wahr nehmen.

Nicht etwa die Perspektivenumkehr – Fiktionales, nicht Dokumentarisches, wo immer irgendein Redakteur noch vermittelnd eingreifen kann, das die Perspektive der Lampedusa-Flüchtlinge, die von Sinti oder Roma einnähme, ist doch hierzulande ohne Verkitschung, wo dann vermutlich weiße Retter, gespielt von Veronica Ferres, final die Ordnung wieder her stellen, noch gar nicht gedacht worden. Als ginge es da nicht um die wirklich großen Themen. Will keiner wissen und keiner denken.

Und gegen „Systemmedien“ wettern ausgerechnet am lautesten jene, die durch Sarrazin und Co fortwährend Repräsentation erfahren – und die, die drin sitzen, grübeln über die Wiederherstellung der „Glaubwürdigkeit“, also Ordnung, obgleich sie sich in ihrer gesellschaftlichen Positionierung kein Stück von den Wetternden unterscheiden.

Einer wie Neumann als fiktionalisierter Superschurke, der „Sozialbetrüger“ als Held, ja, auch nur eine Serie, die Sexualität mal anders als im Verhandeln von Normalität und den „Anderen“, die dann heiratend assimiliert werden, thematisieren würde: Fehlanzeige. Selbst bei einem türkischstämmigen Tatortkomissar schaltet man hierzulande ab.

Bei alledem erstaunt nicht, dass jene, die sich da besser auskennen als weiße treudeutsche Biederselige und heterosexuelle Tolerierer, folgendes diagnostizieren:

„Statt auch hierzulande in nationale Serienproduktionen zu investieren und seine lokale Basis in einem fragmentierten Markt zu festigen, erteilt Netflix zum Businessstart den Produzenten deutscher Fiction-Konzepte eine klare Absage. Es fehle an Serienstoffen, die auch international Interesse wecken. Eine harte Ohrfeige. „

Weil man hier für „international relevant“ hält, in welchen Krieg man mit zu ziehen gewillt ist und welches Land wie viele Schulden, böse, böse, hat. Und Israel. Immer wieder Israel.

Intrigen beim Legen der „Smoking Guns“, Menschen, die hin her gerissen sind, während sie ihre Mission in Frage stellen, weil Menschen sterben, ohne jede Heroisierung, weil die Alternativen beide Scheiße sind  – oder denen das egal ist, weil sie nur Sex mit der Konkurrentin aus dem Nachbarbüro im Kopf haben, deren fiese, doch gerechte Finten, um sich bestmöglich zu rächen: Da sei Gauck vor.

Alle narativen Extreme, die mal wirklich etwas zu erzählen haben, stehen unter Extremismusverdacht und erfahren Weichspülung.

Musste nur mal raus.

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3 Antworten zu “Die Wiederherstellung der Ordnung: Exkludieren, tolerieren, umerziehen

  1. MartinM September 23, 2014 um 9:28 am

    Stimmt auffällig. (Oder: Da bin ich ganz bei dir.) Wobei ich den „deutschen Provinzialismus“ vor allem da sehe, wo mit Filmen, Liedern, Büchern usw. „richtig Geld“ verdient bzw. für die Produktion in die Hand genommen wird. Womit ich keineswegs nur die despektierlich „Kommerzkultur“ genannten Unterhaltungsliteratur (-filme, -musik usw.) meine, sondern auch z. B. die subventionierten Staatstheater – oder auch die wenigen mit großen Buget versehenen Vorzeigeproduktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die es noch gibt.

    Eine persönliche Beobachtung, aus der Zeit, in der ich versuchte, mithilfe einer Agentin einen Kriminalroman zu „verkaufen“, also bei einem Verlag unterzubringen. (Als angehender Profi natürlich erst mal ein Exposé.)
    Was ich gleich mehrmals erlebte, und worauf mich meine Agentin auch hinwies, war die „gewisse Mutlosigkeit“ der großen Verlage. Das heißt, dass, von einige Vorzeige-Romanen abgesehen, entweder Stoffe und Erzählmuster reproduziert wurden, von denen man aus Erfahrung weiß, dass sie ihr Publikum finden, oder man veröffentlicht Krimis, die in anderen Ländern schon Erfolg hatten. Das ist aus kommerziellen Überlegungen her sogar nachvollziehbar, wenn auch für deutsche Möchtegern-Autoren ärgerlich, aber hat einen unangenehmen Nebenaspekt, der sich in dem oft gehörten Satz äußert: „Das finde ich persönlich ganz interessant, aber unsere Leser(innen) wollen das nicht!“
    Dieses Satz kennen ja auch Musiker zur Genüge; wie es in anderen Kulturindustriebereichen aussieht, weiß ich nicht, aber ich vermute mal, nicht wesendlich anders.
    Eine Variante erlebte ich, als „aktiver“ Science-Fiction-Fan, vor gut 20 Jahren, als SAT.1 ein Begleitprogramm zur den damals populären SciFi-Serien, vor allem „Star Trek“ machte (übrigens unzufällig alles US-Importe). Bei SAT1 setzte man, zur Verwunderung praktisch aller SciFi-Fans, auf die „Zielgruppe“ der 15-20-jährigen (deshalb ja auch die für alle anderen Zielgruppen eher ungünstigen Nachmittags-Sendertermine) – und die mit dem Begleitprogramm beauftragte Agentur setzte folglich auf „Star Trek-Parties“ in Diskotheken mit „weichgespültem“ Techno und „möglichst verrückten Kostümen“. Die vorhandene Fanszene ignornierte man bzw. hielt sie für irrelevant – denn man kannte ja „seine Zielgruppe“. Übrigens ohne Marktforschung, wie ich wenig später herausfand. Das wäre überflüssig, denn man hätte ja Erfahrungswerte (bzw. Vorurteile).
    Es kam, wie es angesichts der überwiegend erwachsenen und überwiegend überdurchschnittlich gebildeten Science-Fiction-Freunde kommen musste: Die Einschaltquoten waren katastrophal und die Star-Trek-Parties waren Flops. Was das bestätigte, was man unter erfahrenen deutschen Fernsehnmachern längst zu wissen glaubte: SciFi ist beim deutschen Publikum ein Randphänomen; der Durchschnittsseher will „so was“ nicht.
    Ich vermute, dass seit Jahrzehnten ein Teufelskreis aus sich selbst bestätigen Vorhersagen den deutschen Kulturbetrieb beherrscht – jedenfalls den Bereich, in dem es um ein breites Publikum und viel Geld geht. Oder man züchtet den einfallslosen, mutlosen, vorurteilsvollen und ausgrenzenden Publikumsgeschmack, den man dann wieder achselzuckend bedient, weil
    das dumme Publikum nun mal so haben will. Die unglaubliche Arroganz der „Entscheider“ halte ich übrigens für die „andere Seite“ der autoritär geprägten Persönlichkeit: eine „Elite“ der „Bescheidwisser“, meistens männlich, herkunftsdeutsch, „bildungsbürgerlich“ und „natürlich“ Weiß usw. die auf die „kreativen Spinner“ und erst recht auf das „dumme Publikum“ herabsieht.
    Aber wem sag ich das …
    Es ist übrigens ganz interessant, welche Sorte Krimis die deutsche Krimikultur sozusagen züchtet: Die, bei der die „Ordnung“ zwar gestört, aber niemals infrage gestellt wird. Es gibt vielleicht korrupte Polizisten, aber keine korrupte Polizei, „Minderheiten“ kommen als „Quotentürken“ oder „Alibischwule“ usw. vor, Sozialkritik darf sein, aber nie so, dass sie das „Model Deutschland“ infrage stellen dürfte. Man hält sich bei einigen Verlagen allerdings ein paar „rebellische“ Autoren/Autorinnen, die eine gewisse Narrenfreiheit genießen, der große Rest hat gefälligst nach „Schema F“ zu schreiben. So Richtung „Tatort“ oder noch schematischer.
    Kein Wunder eigentlich, dass die sozialkritischen Krimis bei uns aus Skandinavien und die Politthriller aus dem angloamerikanischen Sprachraum kommen …
    Ja, übrigens sah mein Krimi als fiktionalisiertem Superschurke einen „rechtspopulistischen“ Politiker, als seine Helfershelfer ganz normale Kommunalpolitiker bzw. hohe Kommunalbeamte vor – und einige meiner Helden waren nicht nur schwul oder bi, sondern lebenden auch glücklich in ein polyamoreusen Gruppenehe. Relativ wenig provokativ, dachte ich. Meine Agentin warnte mich: Das kommt bei deutschen (Groß-)Verlagen nicht an.
    Sie hatte recht.
    Und kein Wunder, dass ich nur lieber Science Fiction, Fantasy und Abenteuerstoffe schreibe, und auf Kleinverlage und „Self-Publishing“ setze – also auf die Möglichkeit verzichtete, mit meiner Schreiberei substanziell Geld zu verdienen.

  2. MartinM September 23, 2014 um 9:32 am

    (Korrektur:) Ja, übrigens sah mein Krimi als fiktionalisierten Superschurke einen “rechtspopulistischen” Politiker, als seine Helfershelfer ganz normale Kommunalpolitiker bzw. hohe Kommunalbeamte vor – und einige meiner Helden wären nicht nur schwul oder bi, gewesen, sondern hätten auch glücklich in einer polyamoreusen Gruppenehe gelebt. Relativ wenig provokativ, dachte ich. Meine Agentin warnte mich: Das kommt bei deutschen (Groß-)Verlagen nicht an.

  3. momorulez September 23, 2014 um 12:00 pm

    „der sich in dem oft gehörten Satz äußert: “Das finde ich persönlich ganz interessant, aber unsere Leser(innen) wollen das nicht!”“

    Du glaubst ja gar nicht, wie oft ich das auf meinem Feld gehört habe! Und ja, alles andere exakt so, wie Du schreibst. Das ist völlig konträr zu dem, wie die in den USA ran geht, was auch daran liegt, dass die da eine ausgeprägte Staats-Skepsis haben, die auch gute Seiten hat und eine „Outlaw-Kultur“ ermöglicht. Da ist Deutschland viel zu piefig in der Hinsicht …

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