Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Was passiert, wenn man einfach so drauflos schreibt :D – Zeitmaschine nach St. Pauli

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An manchen Abenden, gerade, wenn der Frühherbst dem Tag heimleuchtete und Parkwächter mir hinterherpfiffen „Leinen Sie bitte den Hund an!‘, imaginiere ich mich des abends gerne in ein B-Movie voller Leben, Leiden und Melancholie.

Eben in diesen Zauber, diese Freiheit,

die nur aus der Resignation erwachsen kann und dem vor lauter unbezähmbarer, innerer Romantik der vorgetäuschte Zynismus ja doch nicht gewachsen ist.

Wähne mich im zerknitterten Anzug an Bars sitzen, der Trenchcoat auf dem Barkocker nebenan – eine 3-Mann-Kapelle spielte besoffen in der Ecke des mit Zigarettenrauch gefüllten Raumes eine Mischung aus Jazz und Blues. Ungefähr so wie zu Hildes „Mein Zimmer bei Nacht“, der Liveaufnahme, na, die auf dem Doppelalbum halt, auf dem auch „Die Welt ging unter am Zürichsee bei 30 Grad im Schatten“ in Vinyl gepresst und klangvoll den Weg in Gehörgänge ersehnte und fand.

Stelle mir weiter vor, wie es wohl gewesen wäre, wenn nicht Tyrone Power, sondern ich mit der großen Knef damals in der Gay-Bar unweit des Broadway gesessen hätte. Wäre vermutlich gar keine sonderlich ungewöhnliche Unterhaltung gewesen. Über das Chaos bei den Proben zu „Silk Stockings“, Anekdötchen rund um Don Ameche, Smalltalk über die Musik von Cole Porter – dass sie in Deutschland eh keiner mehr sehen wolle seit „Die Sünderin“, aber die haben da ja auch gegen Marlene demonstriert.

Wäre dann in mein Schnüffler-Büro gegangen und hätte mit den Füßen auf dem Schreibtisch gepennt; für die Appartment-Miete reicht’s halt nicht in B-Movies. Ich erwachte, weil eine männliche Veronica Lake mir einen albernen , abstrusen, gefährlichen Auftrag aufschwatzte. Er war einfach rein gekommen und redete drauf los; bestimmend. Keine Widerrede.

Wie bitte? Zeitreisen? Äh, ich meine, all die Verschwundenen …. ich nahm den Auftrag nur an, weil seine Augen so blau waren und Gel in blondierten Haaren für mich ein ankonditionierter Hingucker ist. Vermutlich wegen H. damals, aber das ist eine andere Geschichte …

Dass mich noch mal ein Job nach Europa führen würde, damit hatte ich selbst nicht gerechnet. Mit einer dieser JU 52, klapprig, sie hätte längst ausrangiert gehört, flog ich nach Hamburg und musste so einige Sprituosen in mich hinein schütten, um nicht aus Angst das Zeitliche zu segnen und so das herbei zu führen, was ich doch fürchtete angesichts des turbulenten Fluges.

Während ich so sinnierte, fiel mir auf: Hey, das könnte ein erster Hinweis in dem Fall sein!

Ich fiel in einen tiefen Schlaf und erwachte erst, als die Maschine landete. Ein kurzer Akt der Selbstreflektion hielt mich mich davon ab, mit dem Stewart flirten zu wollen: In meinem Zustand würde ich bei dem nicht landen können.

Ganz, wie die männliche Veronica Lake es angekündigt hatte, holten mich in Hamburg zwei breitschultrige Gestalten in dunklen Mänteln am Flughafen ab und fuhren mich schweigend zu der Lagerhalle, in der die Zeitmaschine stand.

Ohne Not hätte ich mich darauf nie eingelassen, in so ein Ding zu steigen, standen sie doch in dem Ruf, schlicht den Körper zu dematerialisieren. Danach schwirrte man als Energie durch die Städte bis in alle Ewigkeit. Wenn man nicht zufällig einen Hippie fand, der so ungeschickt war, „außerkörperliche Erfahrungen“ machen zu wollen – und schwups, besetzte man dessen Leib und der hatte halt Pech gehabt.

Aber den Rest meines Lebens in irgendeinem Hare-Krishna-Ashram wollte ich auch nicht verbringen.

Doch ich hatte keine Wahl: Selbst mit der Büro-Miete war ich im Rückstand.

Der Kasten war mit Alu verkleidet, eine Art Schrank, und stand in einer leeren Fabrikhalle im Hafen. Die Breitschultrigen schubsten mich einfach wortlos hinein.

Da stand ich nun. Es wackelte, ich fühlte mich kurz komisch – die Tür ging auf, und ich befand mich auf einem Platz, den ich nicht kannte. Sah irgendwie nach Zukunft aus. Die Leute hatten merkwürdige Klamotten an, viele einen Totenkopf darauf. Ich sah einen großen Bunker aus Weltkriegstagen – viele Autos parkten hier, die ganz anders gebaut waren als vorgestern noch auf dem Broadway.

Alle strömten auf einen roten Backstein-Bau zu, an den seltsame Wandbilder gemalt waren; etwas, das ein wenig wie gerade gerückte, abstrahierende Figurenzeichnungen moderner Kunst oder auch Pop-Art wirkte, hielt auf einem riesigen Gemälde ein Schild hoch: 2:1. Hmm.

Ich ließ mich treiben, und auf wundersame Weise war ich plötzlich drin. Manche beäugten mich misstrauisch wegen meines altertümlichen Anzugs – die hätten sich mal selbst sehen sollen!

Ich stellte mich irgendwo in die Masse und sah auf grünen Rasen. Männer in mir unbekannten Materialien trugen etwas, das wohl Fussballtrikots waren. Sexy!

Um mich herum stritten sich die Leute – einer fluchte „eine Schande fur den Verein, dieses Team!“, woraufhin andere ihn anpflaumten, er solle sich doch bitte ein anderes Stadion suchen. Manche raunten „Trümmertruppe“, „Das wird doch eh nichts!“, andere sangen und gaben sich trotzig und optimistisch.

Ich bekam mit, dass hier irgendein „FC St. Pauli“ gegen „Eintracht Braunschweig“ spielte. Schreckliche Musik zum Sound von diesen Dingern, die unseligerweise LesPaul erfunden hatte, war unglaublich laut zu hören. Die Leute um mich sangen etwas auf Französisch und zuckten danach bei jedem Fehler zusammen, den ein Spieler, offenkundig verunsichtert, machte. Kannte die Regeln kaum und merkte doch, dass es für die, für die jene waren, die um mich herum standen, nicht gut lief.

Dieses seltsame Gefühl, das Zeitreisen hinterlassen, wich – ja, ich kann es gar nicht beschreiben, so was kannte ich gar nicht. Plötzlich fieberte ich mit. Meine Existentialisten-Attitüde fiel von mir ab wie eine leere Hülle.

Ich war drin. Drin im Spiel. Ich freute mich einfach über alles, was ich sah, und alles, was klappte bei denen, die wohl die Heimmannschaft waren. Weil es neu für mich war. Und aufregend.

Plötzlich passierte irgendetwas. Irgendetwas fuhr in die Spieler der Heimmannschaft. Das Publikum wurde lauter. die Spieler schneller, die Körpersprache änderte sich. In das Fluchen mischte sich nun Jauchzen.

Rums! Alle schrieen „Hu, Hu!“ zu eingespielten Lärm.

Und kurz darauf wieder „Hu, Hu!“

Die Leute tickten aus. Konnte mir allmählich die Lieder merken. „Ich liebe Dich, ich träum von Dir …“. Und wieder „Hu, Hu!“ Sie waren gar nicht mehr zu zügeln um mich herum, Bierduschen auf meinem Trenchcoat, so das eine und andere und noch eins genehmigte ich mir ja auch – keine Ahnung, wie dieses neumodische Geld in meinen Anzug gelangt war.

Der Jubel nach Abpfiff: Unbeschreiblich! Zusammen mit denen auf dem Platz feierte das ganze Stadion wie in Ekstase, und ich machte einfach mit.

Dann leerten sich die Ränge, und ich stand an einer viel befahrenen Straße – Mist, was war noch mein Auftrag?

Ich hatte ihn vergessen. Einfach vergessen.

Gefiel mir aber ganz gut hier. Sehr lebendig. Viel Alkohol.

Ich irrte ein wenig herum und ging in eine der Bars, vor der sich eine Menschentraube versammelt hatte. Alle schienen einen auf wild zu machen. Süß. Kurioses Volk.

Manche lästerten über bunte Fussballerschuhe. Na, wer’s braucht.

Ich bestellte ein Bier, nahm es und stellte mich an den Rand der Menschenansammlung.

Okay, Hilde würde ich schon vermissen, dachte ich mir. Aber wieso eigentlich dahin zurück, wo ich ich nicht mal die Büromiete zahlen könnte. Das könnte ich ja genau so gut auch hier nicht können.

Ich nahm einen Schluck aus der Flasche und fragte mich, wie der Whiskey hier wohl schmecken würde …

Ich hatte ihn schon kommen sehen. Die männliche Veronica Lake war mir gefolgt und ging auf mich zu. Eine Mischung aus Nervosität und, ja – Freude stieg in mir auf. Komisches Gefühl. Freude. Hatte wohl was gelernt soeben.

„Ich hab’s gewusst!“, sagte er. Wir lächelten uns an. „Hast Du gut gemacht!“

Gemeinsam schlenderten wir in die Nacht …

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