Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Formale Gleichheit und materiale Differenz: Adornos Melange in der Minima Moralia

In einer Diskussion bei Facebook zu meinen Texten zur AfD, konkret: Zu jenem zur „Weltwerdung der völkischen Kirche„, verwies ein Nicht-Leser angesichts meines Adorno entlehnten Blog-Mottos auf einen anderen Passus in der „Minima Moralia“. Es ergab sich eine dieser Formen der Nicht-Kommunkation, die jeden Hinweis darauf, was in dem Text zur AfD tatsächlich steht, dahingehend konterte, dass der zum Anlass genommen wurde, das zu schreiben, was eh vom Gegenüber immer schon gedacht wurde.

Wie so oft folgen ja Lektüren dem Muster der Signalsprache: Also ein Verhalten entsteht, das jenem gleicht, das Mit-Krähen zeigen, wenn ein anderer Vogel krächzt „Da kommt ein Räuber!“. Ein Hund zum Beispiel.

Um die Diskussion zu beenden, sie ging trotzdem weiter, erklärte ich mich bereit, einen Blog-Eintrag zu eben jenem Passus aus der „Minima Moralia“ zu schreiben. Er könne den ja dann auseinander nehmen und mir hier kommentierend erläutern, was ich nicht verstanden habe.

Der Passus ist tatsächlich interessant, weil er zu zentralen Fragen, die später in der so genannten „Postmoderne“-Diskussion zu intensiven Auseinandersetzungen Anlass boten, einen Kommentar versucht.

Er enthält das N-Wort, insofern Trigger-Warnung. Nein, ich schreibe es nicht aus. Mindestens eines der folgenden Zitate ist meines Erachtens rassistisch kontaminiert; kein Mensch muss diesen Text nun unbedingt gelesen haben, wirklich nicht. Er ermöglicht jedoch die Diskussion ein paar relevanter Punkte rund um die Antidiskriminierungsfrage. Obgleich Bell Hooks und andere da deutlich besser geeignet sind.

Und der Text macht im doppelten Sinne deutlich, dass dieses N-Vokabular neutral nie verwendet wurde – zum einen kritisch, indem der Text selbst diese These entfaltet. Zum anderen kann man bei der älteren Kritischen Theorie auch nicht ignorieren, dass sie selbst eine eurozentrische Entfaltung u.a. rassistischer Motive darstellt.

Adorno diskutiert Rassismus anders als seine „antideutschen“ Adepten freilich auch anhand des antisemitischen der Nazis; diesen mit zu begründen kann man der DdA nicht vorhalten.

Wie so häufig bei Adorno postuliert

der Text ein gesellschaftliches Realwerden erkenntnistheoretischer, philosophiegeschichtlich zu verortender Lehren vor dem Hintergrund hegelianischer Kant-Kritik. Hegel selbst wird negativ gelesen: Dessen Totalität ist das falsche Ganze.

Der Passus „Melange“ expliziert diesen Hintergrund nicht. Dennoch variiert er die Hegelsche Kritik am „leeren Formlismus“ des Kategorischen Imperativs, der als Grundsatz der Gleichheit angesichts der universellen Prinzipien der Vernunft sowohl zur Gleichmacherei führe als auch an der machtvollen und gewaltförmiger Durchsetzung tatsächlicher Differenzen abpralle – Differenzen, die zugleich als Erfahrungen, die aufgrund, wie man heute sagen würde, unterschiedlicher gesellschaftlicher Positionierungen erworben, auch gar nicht aufhebbar seien.

„Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus, und noch die zwingendsten anthropologischen Beweise dafür, dass die Juden keine Rasse seien, werden im Falle des Pogroms kaum etwas daran ändern, dass die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht.“

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/M. 1951/2001, S. 183

Mal ab von der etwas kruden und auch falschen Bezugnahme auf „Phänotypenlehren“ rennt das einerseits hier im Blog offene Türen ein und greift noch, wie ich glaube zu recht, jene Kritik an „identitären“ Konzepten von PoC, LGBTIQ und Frauen als völlig wirkungslos hinsichtlich dessen an, was politische Gewalttäter mit den Exkludierten anzustellen bereit sind. Es ist denen völlig schnurz, wie Menschen sich selbst verstehen, sie prägen denen schon auf, wie sie verstanden WERDEN. Notfalls mit Hilfe der Polizei. Die AfD fordert das explizit im Programmentwurf, wie belegt wurde; ist das deshalb in Resignation hinzunehmen?

Es ist andererseits NICHT so, dass es nicht vielen Menschen zu vermitteln wäre, dass der Begriff „Rasse“ Humbug ist im Fall von von Menschen – anders als bei Hunden, da sind das Reinzüchtungen aufgrund bestimmter Merkmale. Das war eben auch der feuchte Traum der Eugeniker und Lebensborn-Betreiber.

Zwar ist gerade in Deutschland die Diskussionsfreude bei Menschen mit Faschismushintergund diesbezüglich besonders ausgeprägt, die Differenz zu Verwendung von „race“ im Englischen wird fortwährend ignoriert – dennoch ist ja bei dem einen oder anderen durchaus etwas erreicht worden. Es gibt Erkenntnisfortschritte.

Adorno skizziert zudem treffend, wie ein Rekurs auf „alle Menschen sind doch gleich“ fortwährend das Spezifische devianter Erfahrungen weg drückt und so als Ideologie tatsächliche, gesellschaftliche Ungleichheit tarnt. Auch das ist gewissermaßen Dauerbrenner hier im Blog:

„Die abstrakte Utopie wäre allzu leicht mit den abgefeimstesten Tendenzen der Gesellschaft vereinbar. Daß alle Menschen einander glichen, ist gerade das, was dieser so passte. Sie betrachtet die tatsächlichen oder eingebildeten Differenzen als Schandmale, die bezeugen, dass man es noch nicht weit genug gebracht hat; dass irgendetwas von der Maschinerie frei gelassen, nicht ganz durch die Totalität bestimmt ist.“

Ebd. S. 184

Ja. Zustimmung und Basis meiner Kritik an dem AfD-Programm.

Interessanterweise streift Adorno sogar indirekt das Thema Appropriation; nichtsdestotrotz würde es so gar nicht schaden, auch bei Nachdrucken der Originalausgabe von 1951 das N-Wort nicht einfach so zu übernehmen (ich lösche übrigens jede N-Wort-Debatte in den Kommentaren weg).

„Die Fürsprecher der unitarischen Toleranz sind denn auch stets geneigt, gegen jede Gruppe sich zu kehren, die sich nicht anpaßt; mit der sturen Begeisterung für die N…. verträgt sich die Entrüstung über jüdische Unmanieren.“

Ebd., S. 185

Da nun Kritik der Appropriation, des „edlen Wilden“ usw. hinein zu lesen ist freilich die freundliche Lesart.

Adorno hat anders als andere die Spuren der Zurichtung durch Segregation und Herabwürdigung, die Folgen von Sklaverei, Vaudeville und Minstrel im frühen Jazz wahr genommen im Gegensatz zu dessen Fans (und im Gegensatz zu Diedrich Diederichsen).

Umgekehrt stigmatisiert „sture Begeisterung“ hier Black Cultures gleich mit und verunglimpft ernstzunehmende, emphatische und zuhörende Beschäftigung mit diesen ebenso. Was auch nicht erstaunt, wenn man wie Adorno im Rahmen einer totalisierenden Geschichtsphilosophie ohne Geschichte (Herbert Schnädelbach) denkt, die alles nicht-eurozentristische nur als Vorstufen des Verfalls behandelt, der im fragmentarischen Nicht-Werk noch wie auch immer gezerrspiegelt wird.

Ansonsten habe ich den Passus bewusst zitiert, weil er den Rassismus von manchen so genannten „Antideutschen“ bis zu Broder befeuerte. Aus solchen Versatzstücken speist sich der Zynismus, der auch Adorno selbst nicht fremd war.

An seiner Aussage, dass es letztlich um Anpassungsmaßnahmen geht, dass Assimilationsforderungen und Verunglimpfungen in der Regel Hand in Hand gehen auch und gerade historisch wie gegenwärtig Juden gegenüber, ändert das nichts. Das ist richtig.

Das ist, was ich im Text zur AfD am Thema „Leitkultur“ diskutiert habe.

Ich fühle mich in dieser durch Adorno bestätigt.

Meines Erachtnes hat Jean-Paul Sartre das in seinem Text mit dem unseligen Titel zur „Judenfrage“ deutlich besser ausgeführt; der relevante Passus ist bei Hagalil zu finden. Sartre kritisiert dort die Demokraten, so nennt er sie, die Juden dafür hassen, dass sie sich als jüdisch verstehen, am Eigenen, ggf. der Religion, den Gebräuchen, der Diaspora-Erfahrung usw. fest halten.

Das ist in etwa das, was die AfD auch an Muslimen stört, was sie ihnen austreiben möchte, wenn ich das richtig verstanden habe – aber ebenso an LGTIQ. Deshalb möchte sie, dass mit Wille zur Gleichmacherei sexuelle Vielfalt in Schulen keine Erwähnung finden solle, zum Beispiel. Zumindest deren Jugendorganisation in Niedersachsen und die Unterstützer der Petition gegen den Bildungsplan in Baden-Würtemberg, wollen keine Differenz.

„Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren.“

Ebd., S. 184

Das ist historisch wohl auf die DDR gemünzt; es ist zudem Postmoderne pur, hier knüpfte z.B. Lyotard an.

Es belegt freilich, wie diese sowohl als Konservatismus als auch anarchistisch gelesen werden konnte.

Und zudem, wie Adornos wohlfeile Aphoristik gelegentlich am Gemeingefährlichen vorbei schrammt.

Gerade, weil sie selbst alle Differenzen einebnet und das dann als Wirklichkeit behauptet.

Man kann einen total gewordenen Funktionalismus kritisieren, ohne dabei auf die Differenzen zwischen gesellschaftlichen Funktionssystemen und deren Begründungen vollkommen zu verzichten.

Andere Kritiker werfen so auch der Älteren Kritischen Theorie vor, die Kategorie der Klasse lebensphilosophisch inspiriert getilgt zu haben.

Ich finde es grotesk vereinfachend, die Rechtsentwicklung, die Gewaltenteilung und deren Begründungsmodi feuilletonistisch mit Wirtschafts- und Geistesgeschichte zu vermengen; „Melange“ trifft es da schon.

Das ist eine ignorante Sichtweise, die tatsächlich mit Jürgen Habermas kritisiert werden muss. Adorno unterscheidet nicht zwischen einer Gleichheit vor dem Recht und anderen Formen, deshalb könnte man da böswillig die Forderung, Flüchtlinge abzuschieben, weil diese aufgrund wie auch immer definierter Differenzen „nicht hierher gehören“, hinein lesen. Also Olaf Scholz und die AfD.

Diese Differenzlogik haben z.B. belgische Neofaschisten in den 90er Jahren adaptiert. Das ganze wird noch gespenstischer, denkt man daran, mit was für Begründungen die „Brown Babies“ zu eben jenem Zeitpunkt, da die „Minima Moralia“ veröffentlicht wurde, in die USA diskutiert wurden.Im Bundestag.

Mit Kant empfiehlt es sich vielmehr, Formales und Materiales zu unterscheiden und ersteres in bestimmten Hinsichten als unter aktuellen politischen Bedingungen rechtebasierte Voraussetzung für die Möglichkeit von Letzterem zu begreifen.

Mögen Sätze wie „Erkenntnis, die den Inhalt will, will die Utopie“ noch so richtig sein, das Ineinanderfallenlassen von Formalem mit Materialem kann in der Konstruktion von Utopien möglich sein, hilft politisch-gegenwärtig aber so ganz und gar nicht und eben nur jenen, die Adorno eingangs kritisierte.

Ihm ist zuzustimmen, dass man auch nicht eines von beidem mal so eben weg fallen lassen kann; nun aber im Sinne der Differenz Frauen wieder das Wahlrecht zu entziehen und homosexuelle Praktiken zu verbieten, um vermeintlicher Gleichmacherei zu trotzen, ist noch dann grober Unfug, wenn man den bürgerlichen Rechtsstaat mit Marx kritisiert.

Klar, Adorno schreibt „emanzipatorisch“ im Sinne der Möglichkeit, das Besondere leben zu können; idealerweise und kontrafaktisch formuliert genau das die Idee der Menschenrechte – mag deren Instrumentaliserung, ganz wie Adorno es diagnostiziert, auch üblich sein.

Vollends rätselhaft bleibt mir allerdings folgender Passus:

„Die Technik der Konzentrationslager läuft darauf hinaus, die Gefangenen wie ihre Wächter zu machen, die Ermordeten zu Mördern.“

Ebd., S. 184

Das mag jetzt manch „Israel-Kritiker“ für sich in Anspruch nehmen wollen, gruseligerweise und fälschlich; ich meine, ist da nicht die Dialektik in Nonsens aufgehoben?

Das kann mir der Kommentator bei Facebook ja erläutern; seines Erachtens habe ich den Text ja eh nicht verstanden, und das ist ja durchaus möglich.

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19 Antworten zu “Formale Gleichheit und materiale Differenz: Adornos Melange in der Minima Moralia

  1. Horst Jung September 19, 2014 um 3:26 pm

    Es sind ja eher Lernstunden, vielen Dank. Ich kann sie an mancher Stelle sicher auch brauchen, auch wenn ich das, was die Theorie anpeilt, in den meisten Fällen dann doch schon gedacht, gelesen, gelebt oder verstanden habe; aber nicht in jedem Fall.

    Ich habe nur auch schon so oft in den letzten 15 Jahren erlebt, dass Theorie-Liebhaber dann das Gespräch über organisatorische Veränderungsmöglichkeiten aufhalten, was wohl auch ihr Ziel ist, wenn dem Differenzgedanken zu seinem Recht an erster Stelle verholfen werden soll. Und eventuell verständlicherweise, wie in diesem Artikel dargelegt. Denn es geht ja darum, die AfD klar zu entschlüsseln.

    Es ist ja gerade eine Stärke der Ökonomie, dass sie zunächst mal „alle gleich“ behandelt, wenn wir nur bei den Zahlen bleiben. Alles weitere liegt in anderen Feldern, auch wenn alles immer sich auch in Ökonomie abbilden läßt. Und über ökonomische Sicherheit lassen sich entsprechende Differenzen eben auch von vornherein eher überbrücken ohne sonstige Angleichungsforderungen mit zu übertragen, weil keine Mehrheitsökonomie mehr allein als einzige „Leitkultur“ pressiert. Da liegt meines Erachtens der Hund begraben.

    Insofern fand ich einen früheren Hinweis meines Mitdiskutanten auf ein anderes Währungssystem viel interessanter und brauchbarer für eben jene „Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen“, als seinen Hinweis auf diese neue Partei. Die, wie auch hier richtig bemerkt, ja letztlich etwas ganz anderes möchte. Aber das ist dann eventuell eher Euer Thema.

    Danke für diese beiden Artikel!

  2. momorulez September 19, 2014 um 4:05 pm

    Gerne geschehen! Und in der Tat ist gerade unter theoriefxierten Adorniten üblich, jede Frage nach der Praxis naserümpfend als Banausentum abzuqualifizieren und noch Marx‘ Kapital als „L’art pour l’art“ zu lesen.

    Was freilich diese Gleichheit bei Vertragsabschlüssen, diese Pseudo-Symmetrie, jene auf dem Markt, wo es angeblich nur auf Qualifikationen ankäme, dieser ganze ideologisierte Nonsens der Wirtschaftsliberalen, auch mit dem gemeint, was Adorno kritisiert, im Grunde genommen jede Quantifizierung. Und die Gleichheit vor dem Recht ist nirgends verwirklicht. Da hilft es dann schon auch, mit Habermas sich immer wieder klar zu machen, wann man in einem normativen, wann in einem deskriptiven Sprachuniversum unterwegs ist. Diese Differenz, die Adorno auch nie vor nimmt, aufzuheben ist ja der Trick von AfD und Co und von den sich als Naturwissenschaftsanalogien tarnenden Wirtschaftswissenschaftlern. Das ist zumeist einfach ein gewaltiger naturalistischer Fehlschluss. Und genau das meinten nun wieder Horkdorno mit dem Umschlagen von Aufklärung in Mythologie.

    Es stimmt auch, dass das Zusammenbrechen von gesellschaftlicher Absicherung in ökonomischer Hinsicht die politische Rechte befördert europaweit und mangels Alternativen die Leute auf Nationalismen, Rassismen usw. setzen. Es ging auch bei Twitter ein Text rum, der den christlichen Fundamentalismus in den USA, an dem auch die AfD sich labt, aus dem Fehlen sozialdemokratischer Parteien erklärt – da können Neoliberale noch so oft den New Deal Roosevelts als sozialdemokratische Faschismusvariante behaupten.

    Nun gibt es aber Befürworter der These, dass die „Affirmative Action“ in den USA, also gezielte Diversity-Maßnahmen, so etwas wie ein neuer New Deal gewesen seien. Suche ich noch mal raus. Der höchst produktiv gewirkt hätte; in meinen Feldern bisherigen Wirtschaftens ist die US-Produktion auch deshalb Jahrzehnte voraus. Da wird das Argument auch schnell schal, man solle doch mal lieber über Wirtschaft reden als über diesen kulturwissenschaftlichen Schnickschnack. Da befindet sich die deutsche Diskussion echt in der Steinzeit. Das denkt hier einfach keiner, stattdessen wird nur fortwährend diskutiert, wo und wem man mal kürzen könnte, und auch die Linke glorifiziert Armut und hasst jeden, der auch nur so viel verdient wie ein W3-Professor. Diese allgemeine Knauserigkeit ist es doch, die zu den Blasen führt, diese kollektive Missgunst.

    Da an Eigentumsfragen zu arbeiten ist aber genau richtig, wie Du ja auch bei Facebook geschrieben hast. Es ist hier annähernd unmöglich, irgendwas zu werden, wenn man nichts hat. Was unter anderem daran liegt, dass die Kredit- und Bürgschaftsvergabepraxis echt das letzte ist und zudem je kleiner desto teurer ist. Das ist echt ein Witz, was da rund um den Euro-Rettungsschirm passiert, wenn man sich anguckt, wie schon mittelständische Unternehmer fortwährend bedroht werden – durch Banken, für die sie zugleich mit bürgen.

    Ich weiß jetzt nicht, ob das unter „Geldsystem“ fällt, es hängt aber zum einen mit diskrimierenden Praxen eng zusammen – Du glaubst ja nicht, was los war, als eine schwarze Freundin eine schwarzen Bankberater forderte.

    Das andere ist, dass die Scharniere zwischen Betriebs- und Volkswirtschaft nie Thema sind. Dadurch, dass die Wiwis das einfach mal eben so trennten und keinerlei Vermittlung mehr zwischen beidem gedacht wird, versteht kaum noch wer, was abgeht. Was einige für sich auszunutzen wissen, anderes sind systemische Effekte, bei denen man mit Marx schon recht weit kommt.

    Das ergänzt aber das oben Geschriebene und ist nicht irgendein anderes Thema.

  3. momorulez September 19, 2014 um 4:31 pm

    PS: Der Text zur „Affirmative Action“ ist: Neoliberales Ideal und neoliberale Realität in den USA: Politische Mobilisierung und neue Gouvernanceregime am Arbeitsmarkt, Michael J. Piore, in: Max Miller et al, Welten des Kapitalismus, Frankfurt/M. 2005, S. 227 ff.“

    Das ist auch deshalb von Relevanz, weil der natürlich vor der Finanzkrise 2008 entstanden ist und die Neoliberalen die nun gerade gegenteilig erklären – dass man Leute, die es sich leisten konnten, zum Häuslebau animierte, Regeln für die Kreditvergabe also zu locker gewesen wären. Ist das so, oder lag es daran, dass der Derivathandel aufgrund des tendenziellen Falls der Profitrate erst ex- und dann implodierte?

    Übrigens sind all die obdachlosen, queeren jugendlichen, die wegen Gedanken wie jenen von Storchs von ihre. Eltern raus geworfen wurden, das sind wahnsinnig viele, wie auch die tatsächlich zugleich scheißteuren als auch in den USA lukrativen, zutiefst rassistischen Gefängnis- und Sicherheitsindustrien von Relevanz bei dem Thema und stützen Adorno.

  4. Horst Freud September 19, 2014 um 6:11 pm

    Vielleicht bin ich ja schlicht zu schlicht. Trotz (zumindest oberflächlich) einigermaßen erfolgreichem kulturwissenschaftlichem und kunsthistorischem Studium. Ich bin nun aber ganz froh darüber, daß ich nach praktischen Ansätzen suchen kann, die für mich auch einfach Fun sind: In der konkreten Sozialen Frage sammelt sich m.E. letztlich (fast) alles, worüber debattiert wird. Es müßte viel mehr über Arbeit, Geld und Eigentum unabhängig von der Person gesprochen werden, nicht weniger. Ich glaube nicht mehr, daß Quoten (also positive action) vonseiten der etablierten Organisationen etwas anderes leisten, als ihre derzeitige (materielle) Vorherrschaft abzusichern und vormals Exkludierte nun für inkludiert erklären, um sie auf ihre Ideologie zu trimmen. Ein langhaariger, kiffender Soldat ist immer noch ein Soldat.

    Nur eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse kann Exklusion beenden. Verteilen wir Eigentumsverhältnisse, brauchen wir recht rasch nicht mehr über unterdrückte individuelle Merkmale zu sprechen: Im Gegenteil – wer sich „auf sicherem Boden“ „auf Augenhöhe“ begegnet, kann sich umso schöner weiter streiten. Es hat dann nur keinen direkten Effekt mehr. Was ist ein Schwulenhasser, der keine Macht über Schwule hat? Ein machtloser Schwulenhasser. Also eine Witzfigur. – Es mag paradox klingen: Der Wettbewerb gehört NICHT in die Ökonomie. Sondern in Geschmacksfragen. Den Sport. Die Kunst. Die akademischen Wissenschaftsrituale. Die Gastronomie. Den Balztanz. Sexuelle Präferenzen. Argumentionen. Die Mode… also in alle Formen des Spiels.

  5. momorulez September 19, 2014 um 6:33 pm

    Es findet ja kaum Wettbewerb statt, das ist ja ein Mythos. Es schieben sich weiße, heterosexuelle Männer wechselseitig die Kohle rüber in existenten Netzwerken, und so entsteht überhaupt erst Rassismus, Misogynie und Homophobie, weil die Abstammungs- und Familienregeln das absichern. Und z.B. PoC, die einfach mal mitspielen wollen, die Systemfrage vor die Emanzipationsfrage zu schalten, macht einfach genau das gleiche, weil so White und Male Privilege abgesichert werden, für irrelevant erklärt und getarnt. Den Verzicht auf Statussymbole muss man sich auch erst mal leisten können, das macht die bürgerlichen Gegenkulturen ja oft so lächerlich. Diese Tour, sich vor einen Lampedusa-Flüchtling oder Migrantisierten zu stellen, die ein Stück von Kuchen abhaben wollen, und dem zu erzählen, er sei so was wie ein kiffender, weißer, systemstabilisierender Soldat, das ist bei aller Smpathie echt zynisch.

  6. Horst Ferenczi September 19, 2014 um 7:21 pm

    Also ich komme da nicht mehr mit. Wieso werden denn white male Privilege abgesichert, wenn man tradierte Eigentumsverhältnisse infrage stellt? Wieso würde damit ein Geflüchteter zu einem systemstabilisierenden Soldaten erkärt? Es geht doch gerade darum, den Kuchen zu verteilen, unabhängig von der Person. – Und es ist mir auch schleierhaft, welcher Mensch denn seit „Jahrhunderten“ andere schlecht behandelt hat und nun vor Angst erstarrt? An der Stelle wird es illiberal. Kein einziger Mensch wurde meines Wissens nach bisher mehrere Jahrhunderte alt.

    Aber ich danke für den Austausch, der für mich jetzt zwei Tage lang sehr lehrreich war. Jetzt stehe ich aber da, wie der blöde Typ, der aus iner superioren Position heruas auf Weltverbesserer macht. Bei aller Sympathie komme ich da jetzt nicht mehr hinterher. Und nehme die Rolle gern an. Das kenne ich schon und dann soll das eben meine Rolle sein. Ich unterwerfe mich hiermit meiner äußerlichen Zuschreibung! 🙂 Ciao.

  7. Horst Cremerius September 19, 2014 um 8:03 pm

    P.S. Versuch mal, als junger Theatermitarbeiter im Hort des Bürgertums „Staatsschauspiel“ eine Schauspielerin mit schwarzer Hautfarbe durchzusetzen. Da wird von oben gefragt, ob da wohl sexuelle Abhängigkeiten vorlägen? Oder einen deutsch-türkischen Kollegen für ernshafte Mitarbeit in der Dramaturgie abseits von Orient-Fragen einzubringen, versuch das mal. Oder eine Theaterreihe aufzusetzen, in der LGBT-Künstler regieren. Du willst Dich wohl profilieren, kommt da von überall her.

    Du wirst von allen Seiten aufgefressen. Zuerst kommen die genervten Altvorderen, mindestens so: „Ach Gott, ist das Thema nich ma durch jetzt?“ Dann kommen die NebentheoretikerInnen der Eingeladenen – niemals die Eingeladenen selbst, die nämlich gern mal was zeigen wollen auf den großen Bühnen der Nation! Die französischen Scholastiker im Hilfskommandotrupp Theorie-Kampf sind aber der Ansicht, daß das „Ihr Volk“ sei, die Leute, die „seit Jahrhunderten unterjocht wurden von Typen, die so ähnlich ausgesehen“ hätten wie ich.

    Selbst wenn du nur das Gängeviertel featurest, kommt da ein junger Top-Ambitionierter mit kritischem Blick und fragt, warum ausgerechnet der weiße, männliche, deutsch-aussehende Jungdramaturg auf Mini-Gehalt das wohl machen möchte? Also warum ich nicht bitte einfach die Schnauze hielte & meiner qua Aussehen und damit assoziierter (aber nicht zutreffender) herrschaftlicher Herkunft gerecht würde. Die ich ergo doch bitte der Einfachheit halber einhalten solle? Benimm Dich herrschaftlich und feature Deinesgleichen, sonst bist Du Extra-Extra-Kacke.

    Was aber, wenn ich die Durchmischung mag? Und da gern gay mitmachen möchte, beim Aufbruchder alten furzigen weißen normalo Herrschaften?

    Ich soll also meinen Platz räumen, weil das nicht so gern gesehen ist, daß jetzt auch die weißen Jungs da mitspielen? OK, hab ich längst gemacht. Und jetzt? Bitte nicht im Internet schreiben? Nichts sagen? Nicht Gerechtigkeit im Munde führen? Einfach nicht teilnehmen an Politik, Kultur und Austausch? Mich als gekränkten Narzißten abqualifizieren lassen? Bittschön weiße Herren-Opern komponieren, wie es für mich vorgesehen ist? Oder ans Fließband, daß „meine“ Vorfahren doch erfunden haben?

    Nein. Das mache ich jetzt seit 15 Jahren immer mal wieder mit. Im roten Marburg, in der linken Szene in Hamburg. Wo soll ich denn hin, Mönsch? Wie weit muß man weg? Ins Jenseits?

    Rien ne va plus. Rien. Rien. Rien.

    Hakuna matata,
    A-)

  8. momorulez September 19, 2014 um 8:07 pm

    „Also ich komme da nicht mehr mit. Wieso werden denn white male Privilege abgesichert, wenn man tradierte Eigentumsverhältnisse infrage stellt?“

    Aus zwei Gründen – selbst wenn Du Dich nun zurück ziehst, sollte eine Antwort ja formuliert sein 😉 :

    – weil die Eigentumsverhältnisse auch patriarchal und rassistisch organisiert sind, und das auch ohne Jahrhunderte alte Menschen, weil sie zumeist in irgendwie kolonialen Zusammenhängen entstanden sind und die gesellschaftlichen Positionen sich strukturell nicht änderten. In Russland ist manches noch ein wenig anders gelagert aus historischen Gründen. Das ist ja die Frage wie die nach der Henne und dem Ei, die nach Klasse und „Rasse“, das hängt einfach zusammen und ist nicht auseinander zu dividieren.

    – Weil a.) gar nicht alle einen Systemwechsel wollen und b.) dieser dann eben doch der Utopie zuzuschlagen ist. Morgen die Weltrevolution ist unwahrscheinlich.

    Und immanent (!!!) betrachtete existieren Chancenungleichheiten.

    Thematisiert man diese strukturellen Bedingungen nicht, sondern geht direkt zu „ungeachtet der Persönlichkeit“ über, ist angesichts der Unwahrscheinlichkeit, dass morgen die Weltrevolution ausbricht, das realpolitisch-systemimmanent eine gute Methode, einfach alles so zu lassen, wie es ist.

    Weil man ja davon profitiert. Ich auch.

    Man steht nicht außerhalb des Systems, sondern ist in seiner gesellschaftlichen Positionierung eben Element. Das kann man reflektieren und da seine Schlüsse draus ziehen, in US-Diskussionen kommst Du ohne gar nicht mehr durch, oder man lässt es bleiben und lässt systemimmanente Verschiebungen nicht zu. „Reflektiere Dein Male und White Privilege“, gebe also Anderen Raum, und sorge so dafür, dass andere Wahrnehmungsweisen, die zunehmend auf Öffentlichkeit wirken, ein Denken der Utopie überhaupt erst ermöglichen.

    Das ist der Verzicht auf die Ego-Betonung. Ego meint nicht Egoismus, sondern die Betonung und Thematisierung dessen, was man glaubt, dass man es sei und was man der Welt signalisieren möchte, dass man es ist. Marginalisierte Egos sind wichtig, um Emanzipation zu erreichen, eben Symmetrien herzustellen, wo diese nicht gegeben sind, und Diskrimierung zurück zu weisen. Diskriminierung braucht aber immer eine dominante Gruppe, die die Macht hat, diese auch durchzusetzen, deshalb gibt es keine Diskriminierung weißer Männer. Weil die nicht individuell, aber strukturell herrschen.

    Weiße und männliche Egos – oder gar nationale – sind der Horror, weil sie sich ständig vor die Wahrnehmung Anderer schieben.

    Da kommt übrigens dann auch weit bessere Kunst bei raus 😉 , wenn man das alles mal bleiben lässt – nur so nebenbei, Deine kenne ich ja nicht. Das führt dazu, sich auf Welt überhaupt einlassen zu können.

    Da scheint für die meisten aber des Preises zu hoch zu sein, und klar, da handelt es sich um eine Liberalismus-Kritik, weil es normative und deskriptive Fragen nicht durcheinander bringt. Das ist üblich, dass sich da zurück gezogen wird – dabei wartet da echt das Geschenk der Freiheit, wenn man sich müht, das mal beiseite zu schieben. Das war jetzt aber Sartre.

  9. momorulez September 19, 2014 um 8:19 pm

    Danke für den PS-Kommentar! So was Ehrliches hat hier noch nie jemand auf der Linken kommentiert 😉 – echt jetzt!

    „Nein. Das mache ich jetzt seit 15 Jahren immer mal wieder mit. Im roten Marburg, in der linken Szene in Hamburg. Wo soll ich denn hin, Mönsch? Wie weit muß man weg? Ins Jenseits?“

    Gute Frage, aber so sind die ja richtig gestellt, JA, das sind die Probleme! Nein, natürlich sollst Du nicht ins Jenseits 😀 – nicht falsch verstehen.

    Man kann ja die eigene Privilegien nutzen, um Anderen Raum zu verschaffen. Und das geht auch ganz und gar kooperativ. Kann jetzt hier nicht mein Wirken ausbreiten und habe mit Sicherheit ebenso viel Mist gebaut wie alle anderen auch, aber in dem Feld, wo ich aktiv war, ging das immer besser über die Jahre. Ich habe entsprechend eingestellt, entsprechend einen Kompagnon gesucht, versucht, in den Produktionen möglichst viele PoC, Gay-People, Frauen, beides kombiniert über sich und andere sprechen zu lassen, haben deren Werke in den Mittelpunkt gerückt – und es hat bei einer gar nicht so kleinen Institution echt was verändert. Nur jetzt kam kam Manif pour Tous in Frankreich, und es wird prompt schwieriger.

    Aber genau das ist doch der Weg, was Du da gerade geschrieben hast! Das setzt doch ganz anders an, weil wohl kaum eine andere Institution derart verspießt und mit Supremacy genährt ist wie das Theater. Aber so, wie Du die Fragen jetzt stellst, ist ja was in Bewegung, und dann geht das auch, Anderen Räume zu schaffen, ohne selbst auf der Strecke zu bleiben. Glaube ich. Und die Systemfrage kann man trotzdem stellen.

    „Und da gern gay mitmachen möchte, beim Aufbruchder alten furzigen weißen normalo Herrschaften?“

    Let’s do it 😉 …

    Schreiben wir doch ein Theaterstück und mischen den Laden mal auf 😉 – und legen das so an, dass Andere Raum bekommen. Und das nicht als Accessoire, wie es manchmal bei den Lampedusa-Flüchtlingen geschah.

  10. Horst Bowlby September 19, 2014 um 8:22 pm

    Naja, wie Du siehst, habe ich mich ja nicht zurückgezogen. Ich habe mich lieber selber abgeschafft.

    Dann bitte someone else, go ahead! Aber weiterleben und ab und an wählen gehen, das darf ich dann schon noch, oder? – Das hatte ich nämlich trotz aller Erfolglosigkeit dann doch gern vor.

    À la prochaine.

  11. momorulez September 19, 2014 um 8:26 pm

    Ich habe ja auf den zweiten Kommentar auch noch geantwortet 😉 – wäre ja nun wirklich schade um Dich, so eine Selbstabschaffung. Es gibt doch unendlich viele Möglichkeiten ohne Selbstabschaffung! Man muss nur den Raum dafür aggressiv frei schießen, metaphorisch, glaube ich …

  12. Horst Eysenck September 19, 2014 um 8:26 pm

    O.K.! Let’s see!

  13. Horst Fenichel September 19, 2014 um 9:06 pm

    Und sie bewegt sich doch: S’wird immer ACCESSOIRE bleiben, wenn sich grundlegende Eigentumsverhältnisse nicht ändern lassen. Ich plaidiere auf Henne, denn da kommt das Ei raus!

  14. Horst Jacoby September 19, 2014 um 10:37 pm

    Das ist ganz große Klasse!! – Trotzdem frage ich mich noch immer, ob es in der von Dir gelobten (US-)Bekenntniskultur nicht auch ganz praktisch ist, eben erstmal über Merkmale der Person zu sprechen, weil man dann nicht so bitter ‚ran muss an den eigenen Zaster, Eigentum und das eigene Verhalten. Man hievt einfach ein paar (wenige) andere Kollegen rein und muß systematisch nichts verändern, auch nicht an kolonialistischen Strukturen. Und vielleicht ist eine von Dir so benannte „Weltrevolution“ ja gar nicht so arg abwegig? Warum sollte sie das auf alle Zeit hin sein? und gäbe es sowas evtl. in Abstufungen?

    Nun.

    Kürzlich wollte ein adliges Söhnchen, inzwischen Marketingleiter in einem großen unschönen Zeitungsverlag, mir was von critical whiteness vorbeten.

    Dies, während er mit der zur Entenjagd umgehängten Flinte auf dem treuhandgeschenkten Anwesen seiner Vorväter rumstand: „Wir mußten hier echt viel investieren. Es ist soviel Arbeit!“ Der wollte wirklich, dass ich ihn bemitleide und ihm die schmeichelhafte Top-Theorie abkaufe. Das Schloß, das fast das ganze Jahr über leersteht, würde ein prima Wohnnhaus abgeben, für Leute in Orientierungsphasen und andere Geflüchtete. (Frag nicht, wie ich dahin kam, das ist eine andere skurrile Geschichte, ich schieße nicht auf Enten, allenfalls auf Adlige, Klerus und Kapitalisten: Mit flüssigem Pech bewehrten Katapulten. Die Situation stimmt aber.)

    Ist das Beispiel zu konkret? Es geht IMMER um Eigentumsverhältnisse.

    ===> I disagree. Rasse ist nicht gleich Klasse. Im Gegenteil: Property is Race. – Aber ich verstehe schon, daß innerhalb dieses Denksystems ICH nunmal nicht willkommen bin als Teilnehmer, allenfalls als Gast?

    Bleibt als Synthese eine Agententätigkeit, der ewige Trick. Sicher? Vielleicht sollte ich es mir einfacher machen und einzig danach handeln, wie ich geschmeidig durchkomme und mehr bei rumkommt? Aber das fühlt sich arg reaktionär an und würde hinter einmal erreichte Erkenntnisstände zurückfallen. Marktkonform wärs aber.

    Was auch immer, es ist ja eben keine persönliche Sache, bei der ich mich als weiser Moderator aufspielen möchte, wie Du es ja oben auch so vortrefflich in die Pfanne gehauen hast. 😀 Es führt so letztlich kein Weg daran vorbei, daß man dann irgendwie sein Ding vorantreibt auf seinem eigenen Erkenntnisstand, meine ich. Nochmals dank für die Konversation. Irgendwie nun doch ein schales Gefühl so im Ganzen. Denn strukturell blickt da immer wieder dieses „nö, Du nicht!, durch“. Und zwar nicht aus Gründen, die nicht aus dem Inhalt hervorgehen (da hättest Du bei meinen hurtig zitateverweigernden Schreiben mit dem verzweifelten Mut zu Lücke und Absicht allen Anlaß), sondern weil Du meine Intentionen eben dann doch als Teil einer privilegierten Klasse KLASSIFIZIERST. Das scheint mir rassistische und kapitalistische Techniken in Andeutung strukturell zu wiederholen. Ist das beabsichtigt? Und rächst Du Dich auch an Dir selber für Deine Whiteness?

    Aber das alles kennst Du wie ich ja auch schon alles. Ich mit der Entwicklung des Debattenstandes der (Ex-)Linken einfach insgesamt nichts mehr anfangen, wenn mensch nicht, ja, quantifizierbare Erfolge erreichen will, die eine Veränderung materiellen Verhältnisse erreichen, sondern die Machtstrukturen eben letztlich im Aussehen zu finden glauben und damit m.E. zementieren.

  15. momorulez September 19, 2014 um 11:46 pm

    „Trotzdem frage ich mich noch immer, ob es in der von Dir gelobten (US-)Bekenntniskultur nicht auch ganz praktisch ist, eben erstmal über Merkmale der Person zu sprechen, weil man dann nicht so bitter ‘ran muss an den eigenen Zaster, Eigentum und das eigene Verhalten. Man hievt einfach ein paar (wenige) andere Kollegen rein und muß systematisch nichts verändern, auch nicht an kolonialistischen Strukturen.“

    Klar ist das Mechanismus auch möglich. Das kann auch bei mir zutreffen; aktuell lebe ich eh vor allem von Erspartem und weiß nicht, ob sich die Eigentumsfrage bei mir evtl. demnächst nicht noch drastischer stellt 😉 – „White“ und „Male Privilege“ ließe sich dann ggf. dahingehend nutzen, dass ich Sachen machen müsste,zu denen ich ggf. Zugang hätte, die ich so gar nicht mag, und damit ginge es mir dann wie dem Großteil der Bevölkerung. Es hätte nun aber auch niemandem geholfen, hätte ich mich stattdessen zum Straßenkehrer gemacht, um irgendwie Buße zu tun.

    Ich habe doch individuell nur die skizzierten Möglichkeiten; würde ich jetzt alles Verwertbare komplett spenden, würde sich ja auch nichts Fundamentales ändern. Tropfen auf den heißen Stein.

    Wenn die Weltrevolution käme, würde ich vermutlich mit machen, wobei ich eher straßenkampfuntauglich bin und nun aktuell auch nicht sonderlich publikumswirksam 😀 – dieser ganze Kram, den ich gemacht habe, womit man sehr viel mehr Leute erreicht, den versuche ich ja gerade zu vermeiden.

    Ich meine, die Weltrevolution kannst Du ja auch nicht herbei schreiben oder diskutieren, und die geht eh eher in China oder Brasilien los als hier.

    Was Du vom Entenjäger erzählst, ist ja ungefähr Ähnliches, wie ich oben meinte, dass nun unter Verweis auf die Systemfrage Affirmative Action zurück gewiesen wird; auf letzteres kann ich aber einwirken und tue das auch, wo ich kann. Und ich finde es auch nicht schädlich, wenn der Entenjäger sich über Critical Whiteness informiert; das wird ihn mit Sicherheit nicht davon abhalten, seine Gebäude für andere Zwecke zur Verfügung zu stellen.

    Wenn ich jetzt wortgewaltig für die Enteignung der Elbvorortler plädiere, wird das vermutlich selbst dann verpuffen, wenn die ganze Schanze einstimmt.

    Zudem es ja verlogen wäre, würde ich behaupten, dass ich nicht auch gerne eine hätte, eine Villa da. Ich glaube ja mittlerweile auch eher, dass das Problem an dem reinen Ausbeutungs- und Knappheitsansatz ist, dass das auch ins 19. Jahrhundert gehört. Ich denke, dass die Menschheit längst so weit ist, dass es allen sehr gut gehen könnte, und das man die Debatte darauf lenken sollte, wer Interesse daran hat, dass das so bleibt wie es ist – und dass eher „Luxus für alle“-Imaginationen hilfreich sind 😉 …

    Was einen ja gar nicht daran hindern sollte, auch da Gedanken beizutragen zu ökonomischem Wandel, wo es geht; ich spiele die Systemfrage und die der Emanzipation und Partizipation systemimmanent ja gar nicht gegeneinander aus.

    Nur, dass einem schon klar sein muss, auf welcher Ebene man sich da gerade bewegt – und auch, was die, mit denen man zu tun hat, selbst sagen, dass sie es wollen würden.

    Die Zeit der Black Panther ist ja nun auch leider vorbei, als noch sozialistische Visionen kursierten. Die Lampedusa-Flüchtlinge wollen arbeiten und ihre Qualifikation einbringen, PoC-Freunde von mir einfach ein Stück vom Kuchen abhaben oder in der Filmbranche was werden – soll ich denen jetzt erzählen, dass sie gefälligst den Systembruch herbei führen sollen und sie mit ewigen Vorträgen darüber nerven? Dann stecke ich einfach in der Supremacy-Falle, das lasse ich bleiben. Die haben halt ihren Weg und stellen teilweise auch ganz andere Fragen.

    Und wenn es immer auch um Eigentumsverhältnisse geht, geht es halt auch nicht nur um diese. Es gibt auch keine Identität von Race und Class, aber Zusammenhänge.

    „daß innerhalb dieses Denksystems ICH nunmal nicht willkommen bin als Teilnehmer, allenfalls als Gast?“

    Als Zuhörer. Als Multiplikator. Als „Alliierter“, so wurde ich auch schon genannt 😉 …

    „Irgendwie nun doch ein schales Gefühl so im Ganzen. Denn strukturell blickt da immer wieder dieses “nö, Du nicht!, durch”. „

    Das ist ja auch – scheinbar – was Hartes, wobei, jetzt mal im Ernst, ich diskutiere hier immer seit Stunden mit DIR, und das ja sehr gerne!

    Trotzdem: Da lese ich ja viel bei den Feministinnen rum und treffe sie auch manchmal, und die hauen sich immer weg bei solchen Fragen. Weil Frauen ständig antrainiert wird, sich zurück zu nehmen, für Andere da zu sein, für den Beziehungshaushalt, Anderen hinterher räumen usw. – und Männer inszenieren sich gerne als maßgeblich aktive Kraft, da bin ich ja auch nicht anders, lese dann bei denen, denke an all die Meetings, in denen ich den Zampano spielen musste und das Wegbeißen meiner Autorinnen durch männliche Führungskräfte und frage mich dann, ob dieses „ich bin mal nicht dran“ nicht eigentlich auch gut ist.

    Da wurde Mann ja auch an allerlei gewöhnt, an Aufmerksamkeit, an „Macher“-Fantasien und dass Mann dafür Anerkennung erhält und vergisst dabei völlig, wer so alles dafür gar keinen Raum bekommt.

    Und DA liegt glaube ich eine ökonomische Crux drin verborgen, weil die ganzen bürgerlich-patriachalen Systeme ja darauf ausgelegt sind, dass Frauen in Heterobeziehungen Männern zumeist den Rücken frei halten. Und ich habe das Gefühl eher, dass je mehr Räume geschaffen werden, dass diese Erfahrungen sich artikulieren können, desto mehr Ökonomie sich wandeln wird. Weshalb die AfD das ja auch nicht will. Diese Masterplan-Veränderungen hat es ja außer im real-existierenden Sozialismus nie gegeben, und da wurden die auch nicht wirklich umgesetzt, gesellschaftlicher Wandel funktioniert doch ganz anders.

    „sondern weil Du meine Intentionen eben dann doch als Teil einer privilegierten Klasse KLASSIFIZIERST. Das scheint mir rassistische und kapitalistische Techniken in Andeutung strukturell zu wiederholen. Ist das beabsichtigt? Und rächst Du Dich auch an Dir selber für Deine Whiteness?“

    Letzteres kein Stück 😀 … das ist nun echt nicht mein Problem, und ich wundere mich eher, wie Du auf den Gedanken kommst, ich wolle Dich nun stellvertretend dazu missbrauchen, mich für irgendwas in mir zu rächen. Wie kommst Du denn auf so was?

    Und diese Klassifizierungen sind gesellschaftlich wirksam ganz unabhängig davon, ob ich die nun erwähne oder nicht – die wende ich nicht aus irgendwelchen niederen Instinkten böswillig auf Dich an.

    Da geht es um Bewusstwerdung, außerhalb derer ich nun auch nicht stehe. Das wiederholt rein gar nix. Das hat auch einfach nicht die gleichen Konsequenzen gesellschaftlicher Art und negiert auch gar keine Individualität. Das ist, klassisch gesprochen, Ideologiekritik, kein persönlicher Angriff oder irgendwas in die Richtung.

  16. Horst Horst September 20, 2014 um 12:36 am

    Yo, das stimmt nun wieder & kann ich nachvollziehen. – Also, 1000 Dank für den Austausch unter nahezu unbekannt! Da hab ich jetzt das Eine oder Andere dazugelernt; auch Dinge, die hier gar nicht aufgeschrieben stehen. – Ich berichte jetzt nicht von Freundschaften. Beziehungen, die von Kindesbeinen an eine Tiefe haben, ohne ehemalige oder noch bestehende Privilegien oder Nachteile für irgendwen überhaupt jemals groß untereinander thematisiert zu haben. Weil sie im Verhältnis einfach nicht vorkamen und auch selten im sonstigen Alltag, glaube ich.

    Diesen Artikel fand ich in den letzten Stunden auch ganz gut: http://www.linksnet.de/de/artikel/30437

    Also merci!! – (Die AfD hatte letztlich gar nichts mehr mit diesem Dialog zutun. Ich halte ja wie dargelegt auch weniger als nichts von dem Fanclub der glücklicherweise bröckelnden weißen Mittelschicht diesen Zuschnitts.)

  17. momorulez September 20, 2014 um 9:23 am

    Selbstverständlich einen herzlichen Dank zurück! Und viel wichtiger noch als die Verortung der AfD ist ja auch, die Alternativen mal wieder so prachtvoll erstrahlen zu lassen,wie sie sind 🙂 … und da muss man ja leider auch sagen, dass z.B. das Theater da von US-Serien von Queer as Folk bis The Wire, selbst Kitsch wie Glee schlicht überholt wurde. Was nun nicht nur an Budgets liegt. Dass Sharon Otoo auch einfach spannender schreibt und Joshua Redman mehr Utopie in seinem Zugang zur Musik hat als diese ganzen Supremacy-gesättigten deutschen Formen, die im selbstreferentiellen Feuilleton kursieren (was „The Wire“ immerhin auch tut; ein Äquivalent aus Deutschland würde abgeschlachtet).

    Und ich glaube echt und auch weiterhin, dass das Glücksversprechen von Diversity auch ökonomisch wirkt. In HH ist das alles nur noch abgeschotteter als anderswo. Kann man ja ändern 🙂 … es zumindest versuchen.

  18. Horst September 20, 2014 um 11:37 am

    Ja, klar weiter verändern, nicht aufhören! Diversity wollen wir ja eh alle hoffentlich – klar strahlt das, unbedingt! Ich halte demgegenüber Homogenity eben aus überkommenen Eigentumsstrukturen herkommend. Und zwar einzig und allein. Die sind ökonomisch wirksam, andere Merkmale sind es nicht oder nur indirekt. Weil sie eben nicht machtwirksam sind, sondern eine Folge. Aber OK, ich wiederhole mich. – Ansonsten ist man sich doch letztlich mit allen tollen Denker*innen einig: Es gibt nur eine einzige menschliche Zivilisation und die Moderne ist nicht vorüber.
    Lògòs: Ich verstehe ja auch, daß es um eine deutliche Übermittelung von Ansprüchen und Themen geht, die in dem jeweils Anderen wirksam werden sollen. Das hast Du erreicht, auch wenn etwas davon schon da war. Das ist wirklich angekommen! – 🙂 A la prossima!

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