Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Zwei „Querfronten“: Wieso die AfD auch Entwicklungen auf der Linken und bei Liberalen zum Ausdruck bringt

Energie folgt der Aufmerksamkeit, so einer der Leitsprüche Hawaiianischer Mystik. Und mag man das auch unter Esoterik verbuchen: Es stimmt ja, dass Aufmerksamkeitsverschiebungen, von vielen geteilt, ein Thema sozusagen „aufladen“.

Insofern werde ich mich hüten, mich nun täglich mit der AfD zu beschäftigen; solche zwanghaft-exkludierenden Kräfte mit ihren Vorstellungen „natürlicher Ordnungen“, übrigens das gleiche Begriffsfeld wie „Authentizität“ und eben Heideggers „Jargon der Eigentlichkeit“, sind am besten durch die Attraktivität der Gegenentwürfe zu bekämpfen.

Nur schaffen es Agitatoren wie jene der AfD, diese Alternativen mit Angst und Abwehr zu besetzen.

Sie verstärken damit dominante Trends in der Gesellschaft.

Das zeigt sich deutlich bereits seit der Agitation gegen den Bildungsplan in Baden-Würtemberg, jedoch ebenso von „Manif pour tous“ in Frankreich: Projekte, die vorher noch problemlos zu lancieren gewesen wären, werden aus Angst der Verantwortlichen plötzlich abgeschmettert.

Die ach so vehementen Verteidiger der „Meinungsfreiheit“ schaffen es, durch erst Shitstorm, dann Gewaltandrohungen bestimmte Themen aus den Institutionen zu drängen.

Bei der AfD handelt es sich halt nicht um Dorfvorsteher irgendwo in Meck-Pomm., die den inneren Skinhead ausleben. Vielmehr profitieren sie von dieser Fixierung auf Alt- und Neonazis aller Debatten, indem sie sich elegant als „das Andere“ darstellen.

Sie haben von Springer, Achse des Guten und Co gelernt, sich als das Gegenteil der Nazis geschickt zu positionieren, indem sie deren Methoden in Exkludierte projizieren und so externalisieren und sich noch fortschrittlich gebärden.

Sie nutzen dazu antifemistische, antiqueere und antimuslimische Ressentiments und koppeln sie an Formen der „White Supremacy“.

Diese Dünkel- und Abwehrhaltungen haben sich in den letzten Jahren verstärkt, weil immer mehr Betroffene sich mit „Toleranz“ nicht mehr abspeisen lassen wollten. Da werden im Gegenzug Pfründe verteidigt.

Zudem nach all den unseligen Debatten um Antiimps und Antideutsche auf einer zunehmend in Irrelevanz sich begebenden Linken, da sich viele eher um ihre persönliche Platzhirsch-Position und die paar verbliebenen Fleischtöpfe scheren und alles dafür tun, jene, für deren Emanzipation sie sich doch vermeintlich kämpfen, von diesen fern zu halten, die Wirkungen des simplen AfD-Modells nicht zu unterschätzen sind, eben, was die WHM-Ideologie der AfD auch für diese Kreise im Anrühren niederer Instinkte anrichtet.

Viele derer leben davon, sich an die Stelle von Minderheiten und gesellschaftlich nicht-dominanten Gruppen zu setzen, um deren gesellschaftliche Deklassierung zu nutzen, sich selbst „gegen Nazis“ zu profilieren. Und wenn diese dann, seien es Juden, LGBTIQ, Frauen oder Nicht-Weiße, es wagen, eine eigenständige, selbstbewusste Position zu formulieren oder gar die Regeln bestimmen zu wollen, reproduzieren auch diese Kreise jene Ausgrenzung, die die AfD zu ihrem Programm gemacht hat.

Vieles, was Lucke äußert, haben mir ach so Linke und vollends Aufgeklärte schon vor Jahren ins Blog geschrieben. Kaum, dass diese Partei ihr 10% plus X einfahren, entstehen äußerst unappetitliche Kommunikationen bei Facebook, da sich WHM als die „Ausgleichenden“ zwischen der Neuen Rechten und LGBTIQ gebärden, und man spürt die Sympathie all der narzißtisch Gekränkten für das vermeintliche „Zurückschlagen“ der weißen Männer. Also jener, die es gewohnt sind, dass man ihnen sowieso immer und überall zuhört, sie sich als die Weltendeuter aufspielen können und dafür Beifall gewohnt sind. Sie saugen die Macht in der Diskursverschiebung begierig auf, um wieder Plätze zuweisen zu können, ganz, wie sie es gewohnt sind – das war es dann mit der Freundschaft.

Dadurch, dass nach Jahren kurioser Formen der pro-westlichen Indoktrination, also einem Umdeuten universeller Rechte als Kulturspezifika,  in aktuellen Debatten alles wie bei Popper auf die Frage nach der „offenen Gesellschaft und ihrer Feinde“ zugespitzt wird und, wer nicht spurt, zum Putin-Fan oder Terroristen-Freund erklärt wird, sind Teile des antideutsch geprägten und linksliberalen Spektrums völlig blind für das Wirken der US-Rechten geworden – dass ihre teilweise krass antisemitischen Antiimp-Gegner, statt sich mittels postkolonialer Theorien mal an die eigene Nase zu fassen, damit beschäftigt sind, in Ratlosigkeit kleine und große Teufel zu denken, macht die Sache noch schlimmer.

Das weiß die AfD natürlich atmosphärisch erschreckend gut für sich zu nutzen. Rufe nach einem blinden Liberalismus – es gibt auch andere Formen – als Konsequenz sind deshalb so formuliert, eben jene Ansprüche abzuwehren, die auch die AfD zurück weist.

Was dabei völlig unter den Tisch fällt, sind Zusammenhänge (!!!) zwischen Tea Party, US-Neocons, der Tradition des Thatcher-Konservatismus, Manif pour Tous, der ungarischen Regierung, der Saat Ratzingers, den Neofaschisten in der Ukraine und Putins Strahlkraft. All die haben gelernt, sich in abstrusen Umkehroperationen als „antifaschistisch“ zu gebärden, sind durchgängig in Reaktionen auf den Wandel nach 68 fixiert, in deren Zentrum die schwarze Bürgerrechtsbewegung und Black Panther, Frauen- und „Homosexuellen“-Bewegung standen, von denen einige einen anderen Sozialismus wollten. Und mit den Antisemiten eint sie diese krude Fiktion, dass sie von Minderheiten oder Frauen unzulässig dominiert würden. Obwohl es um einen Verteilungskampf geht. „Haben Nicht-LGBTIQ-Frauen kein Recht auf Meinungsfreiheit?“ heißt es dann, als hätte das jemals jemand behauptet.

Mit der nicht zuletzt auch in Think Thanks vorgedachten Agitation gegen „Political Correctness“ haben sie tatsächlich eine scharfe Waffe geschmiedet. In annähernd ALLEN Konflikten rund um Feminsmus, Antirassismus und LGBTIQ-Rechte, jedoch ebenso beim Denken der Alternativen zur Ökonomie des reinen Kapitalismus, brechen noch bei sich als sozialrevolutionär Verstehenden, aber auch bei Pseudo-Linksliberalen IMMER Argumente auf, die von der US-Rechten mundgerecht vorgefertigt wurden, und das bei den Montagsdemonstranten EBENSO wie bei ihren Gegnern.

Sie alle postulieren eine Freiheit auf Kosten Anderer und haben damit enormen Erfolg, der völlig quer zu jener Lagerdenke steht, die ständig die „freie Welt“ gegen Gegner zu verteidigen behauptet. Weil alle am gleichen Marginalisierungsstrang ziehen und fröhlich Minderheiten gegeneinander ausspielen, um solche anzugreifen, die nicht über die gesellschaftliche Macht verfügen, Tagesschau.de-Kommentare zu verfassen.

Es existieren parallel zwei Querfronten: Die zwischen den rechten und linken Kritikern „des Systems“, wie auch immer das dann bestimmt wird – und jene, die laut „Antiamerikanismus“ schreien und mit Liberalismus kokettieren, in den USA lediglich und ausschließlich der Rechten lauschen, so autoritäre Systeme stützen und sich von Franz-Josef Strauss einst kaum noch unterscheiden. Und das Kuriosum ist: Der AfD gelingt es, BEIDE ebenso anzufüttern wie Nationalkonservative.

Die taz arbeitet das an einigen Aspekten treffend heraus:

„„Gender-Wahn abschaffen“, lautet einer ihrer Schlachtrufe. Im Wahlprogramm zur Europawahl fordert die Partei die Abschaffung des Gender-Mainstreaming.

Der Spitzenkandidat der AfD in Thüringen, Björn Höcke, sagte derThüringer Allgemeinen: „Schädliche, teure, steuerfinanzierte Gesellschaftsexperimente, die der Abschaffung der natürlichen Geschlechterordnung dienen, zum Beispiel das Gender-Mainstreaming, sind sofort zu beenden.“ Kinder sollten wieder „verstärkt in der Familie erzogen werden“: „Die klassische Familie ist wieder zum Leitbild zu erheben.“

Und die wenigen Frauen in der Partei? Frauke Petry, die Spitzenkandidatin in Thüringen, nennt es „wünschenswert, dass eine normale deutsche Familie drei Kinder hat“, und spricht sich für ein Volksbegehren für eine Verschärfung des Paragrafen 218 aus. Die Spitzenkandidatin für die Europawahl, Beatrix von Storch, ist eine zentrale Figur im Konglomerat der „LebensschützerInnen“. Bei deren „Marsch für das Leben“ in Berlin 2013 war sie ganz vorn mit dabei.“

Dem können Putin, Manif pour tous und Tea Party halt gleichermaßen zustimmen – was freilich bei den Transatlantikern niemandem auffällt.

Schade, dass in allen Texten zum Thema immer Andreas Kemper angeführt wird. Nichts gegen den; das führt nur, wie gestern bei Twitter zu lesen war, zu in der Tat kuriosen Immunisierungsreflexen: Demagogie war gar zu lesen bei der Kritik einer Partei, in deren programmatischem Zentrum meines Erachtens genau diese steht.

Zum Beispiel wurde die Behauptung der „Naziphantomjagd“ erhoben – man kann sich die Finger wund tippend die AfD im 19. Jahrhundert verorten, und trotzdem lesen da einige prompt Parteigründungen aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hinein.

Diese hier im Blog oft beklagte Fixierung auf Neonazis, die einen Andreas Breivik gar nicht zu fassen vermag, ist eben auch dazu da, andere Gefahren verharmlosen zu können.

Dass eine Privilegierung der klassischen Kernfamilie LGBTIQ, Alleinerziehende, Patchwork- und andere Lebensformen gar  nicht explizit angreifen muss, entgeht insbesondere jenen, die dieses Modell als heimelige Welt gegen die kalte  des Kapitalismus selbst leben.

So rotten sich all die Privilegierten aller Lager einmal mehr zusammen und ziehen an einem Strang, während sie sich wechselseitig beschimpfen.

Um immer die gleichen auf der Strecke zu lassen – selbst wenn die AfD in 5 Jahren keiner mehr wählen sollte, deren Blaupause wirkt verstörend stark.

 

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3 Antworten zu “Zwei „Querfronten“: Wieso die AfD auch Entwicklungen auf der Linken und bei Liberalen zum Ausdruck bringt

  1. monodromie September 19, 2014 um 5:28 am

    das ist so ein Fall, der der ‚Funktionselite‘ dazu dient, gegen ‚affirmative action‘ bzw. Feminismus zu hetzen: eine DozentInnen-Stelle an der schoenen HU Berlin wird (nur inoffiziell) fuer Frauen ausgeschrieben, man(n) weiss angeblich von nichts, am Ende ist man(n) der Bloede. Hier zeigt sich wie diese Verschraenkung von regressiven Strukturen mit halbgaren Versuchen, sich progressiv zu geben, jeden Versuch es anders zu machen disqualifiziert, denn natuerlich ist es absurd, affirmative action quasi mit der Scham des Gesetzesbruchs zu ‚begehen‘. Aber der Artikel klagt nicht das an, sondern die angeblich so katastrophale Situation fuer den ‚heimkommenden‘ deutschen Forscher und seine Familie, fuer den es offenbar sonnenklar war, dass diese Stelle ’normalerweise‘ fuer ihn (oder seinesgleichen) reserviert gewesen waere. Ziemlich widerlich das ganze.

    http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/verdacht-der-diskriminierung-frauen-an-der-hu-berlin-bevorzugt-a-972145.html

  2. momorulez September 19, 2014 um 8:04 am

    Oje … Danke für den Link. Ähnliches ergab sich gestern auch bei einer etwas kuriosen Diskussion mit mir bis dato Unbekannten: Die haben eine derartige Angst, dass man mit ihnen umgehen könne, wie sie es seit Jahrhunderten gewöhnt sind, mit Anderen umzugehen – eben sowieso Männer zu privilegieren, zum Beispiel, nur halt umgekehrt -, dass manche wegen angeblich ach so fürchterlichen Gegenbewegungen mit der AfD sympathisieren, die sich ansonsten für Antidiskrimierungsarbeit auf die Schulter klopfen.

  3. monodromie September 19, 2014 um 8:44 am

    der Punkt ist zudem, dass Aschenbrenners Zusicherung ‚er habe von nichts gewusst‘ bzw. ‚zwei Drittel der Bewerber‘ haetten von nichts gewusst (eben genau die Maenner? aber die Frauen wussten aus dubiosen Quellen, dass sie bevorzugt wuerden?) vollstaendig unglaubwuerdig ist. Ich war ein paar Jahre zuvor Zeuge einer aehnlichen Ausschreibung an der HU Berlin und ALLE waren eingeweiht in den Charakter der Ausscheibung. Es war am Ende so, dass DIESE Stelle an eine Frau vergeben wurde aber natuerlich keine andere Professorenstellle an der HU Mathematik in zehn Jahren, insbesondere wurden die Bewerberinnen auf diese Stelle gnadenlos gegeneinander ausgespielt, entschieden haben wieder einmal Maenner, gewisse Bewerberinnen wurden schon weit im Vorfeld als chancenlos eingestuft, simplerweise weil man nicht verstand was sie taten. Es gab also soviele misogyne Begleiterscheinungen dieser Konstellation, dass der Spiegel-Artikel vollstaendig GROTESK erscheint. Hier wird Wahrheit gewissermassen diametral ins Gegenteil verkehrt und als Garant dessen erscheinen irgendwelche kruden funktionalen Eliten. Man muss im Gegenteil annehmen, dass Aschenbrenner im vollen Bewusstsein des Charakters der Ausschreibung ‚(selbst)herrlich‘ heranrauschte um quasi die Leute zu zwingen, ihre schaendliche Frauenbevorzugung aufzugeben. Leider hat es nicht geklappt, vorerst, aber man kann sich ausrechnen, dass er in zwei Jahren spaetestens an der HU auftaucht, das wird man schon lancieren, da ist er immerhin unter seinesgleichen.

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