Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

SMS nach Kreta: FC St. Pauli – 1860 München 1:2 (bzw. 2:2)

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„0:1 München 11-Meter – wir spielen trotzdem super bisher, viel energetischer“
„1:1 John Verhoek – Super-Tor, Willensleistung, nachdem der Münchener Torwart 3 Großchancen hielt“
„Schiri gab schon 2 (!!!) Tore nicht für uns“
„1:2 für München gibt er – schlecht verteidigt“
„Das gewinnen wir noch, Mannschaft ist prima drauf“
„Beinahe 2:2 zum zweiten Mal“
„Spiel ist leider deutlich abgeflacht, obwohl Budimir jetzt drin ist“
„Ein wenig verpfiffen werden wir schon …“
„60 schauspielert sich bis zum Sieg“.
„Meggle auf der Tribüne, Schiri Schieber, verloren.“
„Verloren, aber Beginn einer großen, neuen Ära!“

SMS-Protokoll einer trotz allem magischen Niederlage am Millerntor. Selbst urlaubsreife Freunde schalten hinsichtlich des FC St. Pauli ja nie ab. P.A. räkelte sich am Strand, derweil unsere Boys, gestern in weiß, revitalisiert und auferstanden, reanimiert und von Bleiwestenschwere befreit über den Platz jagten, sah aufs griechische Meer und prostete uns aus der Ferne zu, gebannt dem Flow der iMessages
folgend (so stellte ich mir das zumindest vor). Der Sonnenschirm blau-weiß gestreift, Wasser blau, Himmel blau, weiße Häuschen an hohe, schroffe Klippen geschmiegt und ein Bier namens „Muthas“ lachten mich von den Fotos in SMS-Antworten an. Und doch wollte gar kein Neid aufkommen, als ich nach dem Spiel schwer angeschallert vor der Domschänke in leuchtende Gesichter sah. Fast alle glücklich angesichts eines Turnarounds in der Spielweise, eines U-Turns des Milllerntorfeelings, einer Kehrtwende in der Erlebnisqualität! Hat sich mindestens eine Halbzeit lang wieder wie FC St. Pauli angefühlt! Die Erinnerung an strahlende Augen sonst stoischer und grantelnder Tribünennachbarn huschte fröhlich durch die Imaginationsfähigkeit der grauen Zellen.

Da sowieso alle das Spiel ziemlich gleich wahr genommen haben, fällt es schwer, noch eigenen Senf hinzu zu geben. Dass Meggle mutmaßlich die fehlende Hierarchie in der Mannschaft – liest sich aus antiautoritärer Perspektive immer blöd, macht funktional aber manchmal Sinn – durch Kringeaufbau kompensierte, das machte den die ersten 60 Minuten wirklich zum überragenden Mann auf dem Platz. Dass er mit Maurice Jerome Litka auch optisch ein Highlight zu setzen wusste, das weiß der queere Fan sehr wohl zu goutieren – zudem das schon prima war, wie dieses junge Gemüse aufspielte. Ihn ungeahndet in die Zange zu nehmen und auflaufen zu lassen von 60er-Seite, das war es ja, was unseren Trainer zu recht so echauffierte. Die Münchener trotz imposant schneller Spitzen und ziemlich schicker Trikots sehr unsympathisch in ihrem Ausnutzen gestern mangelnder Qualität des auf dem Papier Unparteiischen – selbst der Kicker folgte uns in der Schiri-Beurteilung:

Schiedsrichter: Robert Kampka (Mainz) Note 5,5 nahm entscheidenden Einfluss aufs Spiel. Übersah in der Entstehung zum 0:1 Ramas Abseitsstellung (20.). Kringes Treffer (43.) war korrekt und hätte zählen müssen.

Aber ungerechte Obrigkeiten wirken halt doch immer wieder identitätsstiftend, ist ja leider so.

Dem Fussballgenuss – also das zumindest, was am Millerntor darunter verstanden wird, eben ein eher energetisches Vergnügen statt taktischer Finessen – kann nun, uff, ich glaube daran!, wieder eine Saison Genussfussball folgen, das war doch eindeutig zu sehen.

Dem mag ich mich wieder hingeben … wie schreibt Martin Seel so treffend? Im „sich bestimmen lassen“ kann auch Glück liegen – versteht mensch darunter nicht etwa das Gegenteil der Selbstbestimmung, sondern das Sich-Einlassen auf Impulse, auf Sinnlichkeit, auf Eindrücke, und seien es solche, die ein Haufen weiß gekleideter Männerkörper denen auf den Rängen schenkt, entdeckt er den Spirit des FC St. Pauli nun endlich auch für sich. Weil mensch ihn lässt.

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2 Antworten zu “SMS nach Kreta: FC St. Pauli – 1860 München 1:2 (bzw. 2:2)

  1. Pingback: Sich über den Schiri aufregen zu dürfen ist auch ein Luxus – toller Start von Meggle mit dem #FCSP trotz 1-2 gegen 1860 | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. Pingback: Mut und Unmut | Grenzenlos Sankt Pauli

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