Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Erosionen als zukunftsweisende Perspektive? Greuther Fürth – FC St. Pauli 3:0

„(Das Spiel des FC St. Pauli, MR) hat unterm Zwang der eigenen sachlichen Konsequenz die Idee des runden Werkes kritisch aufgelöst und den kollektiven Wirkungszusammenhang durchschnitten. Wohl hat keine Krise, nicht die wirtschaftliche und nicht die der Kultur, in deren Begriff der verwaltende Wiederaufbau mitgedacht ist, das offizielle (Vereinsleben, MR) zu unterbinden vermocht. Auch (im Fussball, MR) hat das Monopol der Tüchtigen überlebt. Vorm versprengten Klang jedoch, der sich dem Netz der organisierten Kultur und ihrer Konsumenten entzieht, wird solche Kultur als Schwindel offenbar.“

Theodor W. Adorno, Philosophie der Neuen Musik, S. 36

 

Ja, das habe ich von Brecht, diesem Banausen! Einfach in die heiligen Worte des Philosophen derart Profanes einzubauen. Und in Erosionsprozessen die Zukunft zu wittern ist immer zwiespältig – das Konzept der „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter) ist auch eines, das den Neoliberalen behagt, wie manche mit dem Sozialrevolutionären Kokettierende sich hinter die Löffel schreiben könnten.

Dennoch: Beim gestrigen Spiel in Fürth musste ich trotz der Ausmaße einer Tragödie der Lethargie an lauter gestrige und vorgestrige Theorieversatzstücke der  undogmatischen Linken denken. Während ja heute zumeist sich als heroisch inszenierender Aktionismus meckernd dem Strukturkonservatismus sich hingibt und jede Niederlage noch als Bestätigung des Falschseins des Ganzen freudig begrüßt wird, weil im Grunde genommen sie auch alle nicht wüssten, was zu tun wäre, würden Erfolge errungen, wieder andere weiterhin im Virtuellen wühlen, weil die Realität so hart ist, Dritte dann den ganzen Globus mit Analysen überziehen, weil sie sich hierzulande im Gerangel so gut eingerichtet haben, dass jeder Stellvertreter für fröhliches Projizieren willkommen scheint, angesichts all dessen erscheint manche Großartigkeit vergangener Debatten wie eine funkelnde Welt der, ja, Differenz im positiven Sinne.

Eben vor allem jene Versatzstücke, die in Brüchen, Dissonanzen, Diskontinuitäten, Dekonstruktionen große Erzählungen zertrümmerten und im Fragment, im Scheitern, im Auflösen der Sinnzusammenhänge bei gleichzeitiger Ortlosigkeit der Kritik, manche auch im reinen Flanieren (ganz wie manch Spieler gestern) die letzte Flucht wähnten vor dem, was gesellschaftlich quält.

Das entspricht ja bemerkenswerterweise ungefähr dem, was unter Vrabec, mal ganz unabhängig davon, ob er nun heute gegangen wird oder nicht, auf dem Platz zu sehen ist.

Er müht sich mürrisch, Strukturen zu etablieren, die durch temporär kontemplatives Verhalten der in Funktionszusammenhängen Eingeschlossenen boykottiert werden (wie bei den ersten beiden Gegentoren), und klar, gewollt vermutlich nicht, erscheint das fast so, als sei Systemkritik das Ziel des Spiels derer, die über den Platz waberten.

Es wirkt zumindest wie das, was beim Autoritären Charakter zuerst hinten raus kommt: Die Ich-Schwäche, die sich ins Tagträumen flüchtet. Bis er in nackter Aggression gegen das Weiche, Weibliche, Unkontrollierte sich temporär entladen könnte, gegen das angearbeitet wird, fortwährend, während dieser innere und äußere Widerstand das Individuum quält. Und exakt das muss nun verhindert werden, dieses aggressive Sich-Entladen.

Vielleicht ist einfach das Utopische dieses Geschehens noch gar nicht begriffen, kein Wunder bei all den weißen, heterosexuellen Punkrock-Konservativen im Stadion, die beim Hören der Musik von Al Green vermutlich schon einen Gefühlsschock erlitten. Dieses  rhetorische „Starker Mann!“-Getue, das aufbrach als Haltung gegenüber der Mannschaft, per Abendblatt verkündet von Seiten sportlicher Führungen, wer also sich auch gerne mal einen neuen Verein suchen könne, wies in die Richtung der Überspitzung des Autoritären: Menschen zur Disposition stellen, die sich nicht fügen  – und die Reaktion der Mannschaft wirkte zumindest wie ein Sich-Entziehen.

So dass, anders als StPauli.Nu es einordnet, es vielleicht eine andere Art der Schlüsselszene war, als der bildhübsche Trinks unserem Kapitän den Brustkorb fast eintrat. Dass vielleicht auch einfach Verletzlichkeit Sujet war?  Und die Spieler diese einfach anders auflösen als der Trainer? Und dass wir deshalb, weil er mutmaßlich tradierte Ego-Wege wählt, das Scheitern des Autoritären erleben, etwas, das im Fussball ja länger schon immer mal wieder Thema ist?

Ich witzelte gestern twitternd auch über die fussballerische Kritik an der total gewordenen Erfolgsorientierung und einer entfesselten Spaßgesellschaft, aber liest man das Auftreten der Mannschaft als unfreiwillige und unbewusste Opposition gegen die Riten der ungeschlachten Junggesellenabschiedhaftigkeit, die nur denkbar ist als verzerrter Wille, tatsächlich scheiternd Freude zu erfahren in der Disziplinar- und Kontrollgesellschaft, dann wohnt dem etwas inne, was wirklich Wege weisen könnte.

Dann wäre das nämlich Auftakt zu einer neuen Ära, nachdem harschen Protesten folgend das Teilzeitgemacker von Orth, Spiess und Stenger ja auch dem Moderieren wich, nur dass der dazu passende Trainer halt noch nicht da ist (obwohl Vrabec das nach einer Erholungsphase definitiv lernen wird, gebe ich dem jungen Mann mal mit auf den Weg 😀 ).

Auf Präsidiumsebene formt sich ja was, was dem entsprechen könnte. Vielleicht ist die Zeit des „Kampfschweins“ auch schon länger vorbei, als wir das denken, und gerade mit Spielertypen wie Trybull oder Nöthe, dem sprachlich hochbegabten Himmelmann und dem so gar nicht Maskulinität inszenierenden Ratsche sind wir schon längst auf einem Weg, der aus dieser ewigen, sich wechselseitig stärkenden Opposition aus systemischer Autorität und dem widerstreitenden Punk, der sich historisiert und musealisiert, hinaus führt? Aus diesem Feierabendaufbegehren als einer Art Kunst am Bau, einer sich zuspitzenden Komposition als Kompensation der täglich Arbeit in Werbeagentur und Commerzbank löst sich auf hin zu Spuren des tatsächlich Besseren, nur dass die Gegenkräfte noch in dialektischer Verstärkung des Überkommenen zu stark am Wirken sind?

So kann man auch die Reaktion mancher im Publikum auf Vickys „Ich liebe das Leben“ lesen. Das ist ja ein ziemlich sensitives Lied, eine Hymne des Trotzdem: Der Koffer wartet schon im Flur, die alte Liebe ist vorbei, und doch wird das Leben gefeiert – oder gerade deshalb.

Vielleicht ist das Spiel deshalb Symptom eines noch gar nicht wirklich vollzogenen Transformationsprozesses, der gar nicht in Richtung Schlagermovisierung und Ballermannisierung weisen MUSS – by the way hätte das Motto gestrigen Spiels auch „Fuck you, Freudenhaus“ sein können -, sondern noch unentdeckte Tugenden offenbart, die man die Spieler einfach nicht auf den Platz bringen lässt?

Wenn ich an die ersten Spiele nach Frontzeck denke, war das die Befreiung nach einer als Korsett empfundenen, zu unflexbiblen Ordnung. In der Winterpause kippte das dann, warum auch immer, um – hin zu einer Spielweise der Geprügelten, Mutlosen.

Vielleicht sollte man den ganzen neoliberalen Schwätzern Begriffe wie „flexibel“ einfach wieder entreißen, den Esoterikern die Freude, um Konzepte jenseits tradierter Männlichkeit auf den Platz zu bringen?

Vielleicht sind einfach noch die Gegenkräfte eben auch auf den Rängen viel zu stark, als dass sich das bisher entfalten konnte?

Vielleicht ist gar nicht das Fügen in Systemzusammenhänge das Rezept, sondern ein spielerisches, solidarisches Erkunden von etwas, dass wir alle selbst noch gar nicht kennen?

So ungefähr lautete ja auch die Antwort der oft gescholtenen „Postmoderne“ auf die Systemimperative … von Nazis bekommt man übrigens genau dafür auf die Schnauze. Wenn man dem „Echten“, „Eigentlichen“ das Spielerische entgegen setzt.

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2 Antworten zu “Erosionen als zukunftsweisende Perspektive? Greuther Fürth – FC St. Pauli 3:0

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