Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Wir sind gegen die Seilbahn und die Polizei ist doof!“

Ich habe nicht mit abgestimmt, obgleich ich als Bewohner des Bezirks „Mitte“ ja gekonnt hätte. Über die Seilbahn. Weil ich mir schlicht unsicher war. Weil, wenn ich richtig informiert war, der Startpunkt des Bauunterfangens am unteren Ende der Wallanlagen gewesen wäre und es mir schon bei Hafengeburtstagen auf die Nerven fällt, wenn die Leute in meinen Vorgarten eindringen – was ja schon auch viel über meine eigene Jägerzaun-Mentalität aussagt.

Trotzdem merkte ich heute morgen Zorn in mir aufsteigen. Über dieses ewige „Dagegen“ derer, die nun mit Sicherheit so gar nicht dafür zu sorgen, dass sich mal was in die richtige Richtung bewegt. Die unverdrossen glauben, ob im Zeckensalon oder bei  Celtic-Spiel-Rahmenprogrammen, ihre öden, weißen Indie-Kapellen, die sie in ihrer öden, weißen, heterosexuellen Macker-Welt nostalgisch pflegen, hätten nun irgendwas mit Zukunft zu tun.

Neulich im Golem: Die Haus-Jazz-Band spielt im Rahmen von FATJAZZ. Was Gabriel Coburger da auf die Beine stellt ist ja wirklich dolle. Ein wenig wird er subventioniert mit einer lächerlichen Summe, verglichen mit dem, was anderswo hin fließt.

FAT JAZZ ist aber zugleich Symptom einer für vermeintliche Gegenkulturen so typischen Abschottung: Das, was genuin schwarze Musik ist, wird hier mit Hilfe von satten NDR Big Band-Mitgliedern akademisiert. Da kann Diedrich Diederichsen noch so ausgiebig zitieren, es handele sich beim Jazz historisch um „entwendete“ Musik. Aaaaargh, nur weil die Instrumente alter Militärkapellen gekapert wurden, nur weil es keine andere Möglichkeit gab, als vor Weißen als Publikum in Blues und Jazz auch rassistische Klischees zu bedienen und sich an die etablierten, harmonischen Formen der Unterhaltungsmusik zu assimilieren, um schlicht GELD ZU VERDIENEN und doch mit der Kraft der Gruppenimprovisation, der Blue Notes, der Rhythmen eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Noch die Lennie-Tristano-Tradition, die zusammen mit dem BeBop den Modern Jazz, grob skizziert, eröffnete, wurde von Künstlern wie Miles Davis, die, durchaus auch an Schönberg, Debussy und anderen geschult waren, ja, klar, in einen gänzlich anderen Kontext überführt, eben jenen der Marginalisierten, die sich zugleich mit westafrikanischen Wurzeln akustisch auseinander setzten, weil ihnen jede eigene Sprache GERAUBT und VERBOTEN wurde. Wie das geschah, das Rauben und Verbieten, das lässt sich bei der Fat Jazz-Reihe eben AUCH noch als Nachhall beobachten.

Nun war dieses eine Mal, als die Hausband spielte, auch ein hervorragender schwarzer Sänger mit am Start. Die anwesenden Bläser übertönten ihn zwar aggressiv, doch wenn er durchdrang, war das schon dolle, sehr sophisticated, sehr variantenreich. Der hatte keine „Hochschule für Musik und Theater“-Eintrittskarte, wenn ih mich recht entsinne, sondern war unter anderem auf der Musical-Bühne groß geworden.

WAS BLIEB IHM DENN AUCH SONST ÜBRIG? Schlagt ihr nur auf die Stage Holding ein,  weil ihr den Sänger vermutlich lieber als Refugee sehen würdet, dem gegenüber man sich als „Helfer“ sehen kann, was ja oft auch gut ist – nur wo zum Teufel ist den Platz für ihn in euren verschissenen Szene-Zusammenhängen????????

Glauben diese ganzen wackeren Protestierer eigentlich, für Musiker gäbe es schlicht JOBS?

Aber zum Glück spielen ja wieder die Goldenen Zitronen für die Refugees der Lampedusa-Gruppe auf Kampnagel.

Deren Rap-Performance in der St. Pauli-Kirche war aber einfach besser.

Neulich beim Saxphonunterricht. Mein Lehrer, in Deutschland auch unter PoC verbucht, bekommt einen Frustanfall: Nee, im Musical-Orchester wolle er nicht spielen. Er versuchte sich in Film-Musik. Seine Kunden wollten etwas, das sich nach Wagner anhört. Er komponierte etwas, das sich nach Wagner anhört. Die Kunden: Entsetzt. Er spielt ihnen Wagner vor. Die Kunden: Entsetzt. Was, so hört sich das an?

Vermutlich waren die in ihrer Jugend auf Antigentrifzierungsdemos, aber nie in der hochsubventionierten Staatsoper, während sie doch lautstark gegen Freihandelsabkommen zum Kulturschutze wettern, für Buchpreisbindung fighten, um sich dann abends US-Serien reinzuziehen – und anschließend versammeln sie sich beim „Kraftclub“-Konzert. Bei einem der Gigs meines Saxophon-Lehrers habe ich noch nie einen aus der ach so politischen Fanszene gesehen des FC St. Pauli gesehen.

Sie jubeln aber, wenn die Seilbahn nicht kommt, obwohl sie vermutlich noch nicht mal auf St. Pauli wohnen, eine Seilbahn, die ja eigentlich ganz gelungen die oft nervigen Touris AUF DIE ANDERE ELBSEITE gebracht hätte. Habe ich nie als Argument gelesen.

Als wäre das nicht auch ’ne Lösung: Brachfläche auf der anderen Elbseite für’s Amüsieren umwandeln, um den Kiez zu entlasten. Es war ja richtig, die Flora vor Kurz zu retten. Nun bauen sie im Nichts, und alle wettern immer noch.

Wie wäre es denn mit: Einfach Business-Improvement-District-Komitees entern, ob die wollen oder nicht, dort beeinflussen – aber was käme dabei vermutlich raus? Clubs für weiße, heterosexuelle Bürgerkinder, wo Macker zur Gitarre sich produzieren.

Neulich im Schmidt. Betrachtete mir das Programm meiner virtuosen Freunde von den „Hidden Shakespeares“, die von Kunst-Vertretern rund um Schauspielhaus und Thalia vermutlich als „Rampensäue“ verunglimpft werden. Die treten, um ihre Miete zu bezahlen, im Sommer zu Teil beim „Hamburger Jedermann“  auf. Seltsam, dass irgendwelche verstrahlten Antifa-Kids da noch nicht mit Buttersäure um sich sprühten, um artfremde Touris zu vertreiben. Das Schmidt bietet ihnen AUCH Auftrittsmöglichkeiten. Als Gäste im improvisierten Programm traten andere Schauspieler aus den Programmen von Schmidt’s und Schmidts Tivoli auf, auch eine der Starbesetzungen aus „Heiße Ecke“, die ein wenig die alte Ohnesorg-Masche renoviert. Zwei Musiker, ein Freelancer und der musikalische Leiter der Häuser, der das Programm der Hidden Shakespeares traumhaft stimmungsvoll auf der Posaune untermalte, sitzen auch beim Bierchen mit dabei. Sie alle schlagen sich irgendwie durch, sind froh, auch mal bei „kommerziellen“ Produktionen ein wenig das Konto füllen zu können. Irgendwer wird schon dagegen protestieren …

„Heiße Ecke“ ist kein Kunstwerk. Es baut aber immerhin schwule Perspektiven für ein Bus-aus-Schleswig-Publikum in die Story ein. Auch die nicht mehr blutjunger Schwuler.

Es gibt nicht allzu viel zu glorifizieren bei Cornys Häusern, aber der versucht wenigstens was.

Es war dort auch da Black Facing zu sehen, großflächig beworben auf der Internetseite, was keiner so recht mit bekommen hat. Grausam. Böse. Das Geschehen um die Häuser ist wie die linke Szene durch und durch weiß. Nur die Barkeeper natürlich nicht.

Jetzt wurde zum Wettbewerb aufgerufen: Neue Musicals neuer Autoren müssen her! Eine Aktion, wie es sie bei den ganzen „Kommerzkritischen“ NIE gibt. Im Prinzip super. Musical ist eine coole Form, wie die „Rocky Horror Picture“-Show oder John Waters oder „Fame“ gezeigt haben, das Tivoli einst auch bei „Beiß mich!“ und „Cabaret“. Aber hat sich irgendein „Kommerzkritischer“ in die Off-Inszneierung im Grünspan verirrt? Ich auch nicht, war mir zu rockig. Aber auf so was steht ihr doch sonst.

Natürlich ist die von Corny mitsamt Dr.-Kompagnon eingesetzte Jury wiederum rein WEISS. Keine Love Newkirk, kein Darsteller aus dem „König der Löwn“ sitzt da mit drin. Das ist zum Kotzen. Und TROTZDEM gibt es mal Möglichkeiten, mal rein zu kommen und irgendwie mit kreativen Fähigkeiten auch jenseits der ausgrenzenden, hochsubventionierten Eliteveranstaltungen Geld zu verdienen.

Und was hat die ach so widerständige, linke Szene zu alledem sagen? „Wir sind gegen die Seilbahn und die Polizei ist doof.“

Super.

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30 Antworten zu “„Wir sind gegen die Seilbahn und die Polizei ist doof!“

  1. Moritz August 27, 2014 um 11:14 am

    Ich lese deine Blogbeiträge ja immer gerne. Aber dies scheint mir dann doch ein frustrierter, aggressiver Rundumschlag zu sein. Oder ich hab’s nicht verstanden. Aber man kann doch aus verschiedenen Gründen _gegen_ die Seilbahn sein, sich irgendwelche Musicals bei Corny oder sonstwo angucken (ebenfalls nicht mein Fall, zugegeben), Menschen mit anderen Hautfarben nicht immer als Refugees einordnen wollen und trotzdem weiße, heterosexuelle Gitarrenbands hören? Und Jazz ödet mich an, sorry. Was ich meine, ist dieses: Du differenzierst im Text nicht. Null. Tut vielleicht mal ganz gut, wirkt aber eher angestrengt.

  2. momorulez August 27, 2014 um 11:29 am

    Der Text war nun auch keiner zum Gernelesen 😉 – und solche Binnendifferenzierungen helfen angesichts der Realökonomie aktuell auch nicht weiter, meines Erachtens. Da bleiben halt immer die gleichen außen vor, und manche haben gar keine andere Chance als „Kommerz“, wenn sie denn überleben wollen. Und die „Antikommerz“-Fraktion wird durch die Kommerzlandschaften oder den Staat subventioniert, das ist einfach so. Und all die Sich-Durchschlagenden, die ich oben skizziere, bleiben bei linken Modellen eben auch außen vor.

    Die Argumente der Seilbahn-Gegner sind ja nun bestens bekannt, die muss ich ja nicht wiederholen oder wie in einer Schul-Erörterung nun brav auf pro und contra hin abklopfen; heute morgen habe ich mich trotzdem geärgert, weil wie üblich keine einzige Frage aus „der Linken“, als deren Teil ich mich durchaus betrachte, beantwortet wird, aber alle glücklich sind, was sie mal wieder verhindert haben. Das nervt mich kolossal.

    Die Frage der weißen Gitarrenbands führt dazu, dass ich zu solchen Events nicht mehr hin gehe, weil ich mich da ausgegrenzt fühle. Und das ist kein Effekt, der nun irgendwie exklusiv bei mir in Anschlag gebracht würde. Das hält mich von den meisten Veranstaltungen rund um die FC St. Pauli-Fanszene fern. Das muss niemanden stören, kann es aber.

  3. Moritz August 27, 2014 um 11:57 am

    Ich kapier‘ durchaus dein Unbehagen gegenüber der Uniformität der St.-Pauli- und auch der linken Szene. Aber manchmal bringt meiner Meinung nach der Protest aus diesen Zusammenhängen auch was positives hervor. Die Seilbahn ist nicht das beste Beispiel, aber z.B. Flüchtlingsproblematiken und die ‚Festung Europa‘ anhand von LampedusaHH zu konkretisieren, finde ich so schlecht nicht.

    Und ja, ich sollte aufhören, Blogbeiträge mit Schulaufsätzen zu vergleichen 😉

  4. momorulez August 27, 2014 um 12:05 pm

    Ich fand das super, überragend zeitweise, die Proteste gegen das Agieren des Senates in der Lampedusa-Frage! Am besten das „Refugees Welcome Center“, weil das eine strukturelle Antwort war.

    Aber im ganzen Gentrifizierungsdiskurs taucht doch gar nicht auf, wer da als erstes weg gentrifiziert wird, zum Beispiel. Auch nicht, wer wo mit spielen darf und wer von den immer gleichen Platzhirschen weg gemobbt wird. Auch nicht, wieso nun nicht von Abschiebung bedrohte so wenig in den „Szenen“ in Erscheinung treten.

    Ich habe ja nun mittlerweile auch eine FSK-Sendung, und da sieht man – keineswegs wegen meiner Sendung, sondern weit darüber hinaus -, wie mit Akribie darauf geachtet wird, trotz Non-Kommerz feministische und queere Perspektiven, jüdische Gemeinden, abstrakte Philosophien, Soul-Sendungen usw. als Stimmen zu etablieren.

    Da wird versucht, das mal aufzulösen, was mich immer so aufregt. Das muss nur irgendwie auch mal mit ökonomischen und strukturellen Visionen durchdrungen werden.

  5. MartinM August 28, 2014 um 6:25 pm

    Im Großen und Ganzen bin ich damit zufrieden, dass die Seilbahn abgeleht wurde. In erster Linie, weil ich sie für eine teure, mit übertriebenen Versprechen gehypte Schnappsidee halte, in zweiter Linie aber schon, weil die Überfahrt per Hafenfähre, wie ich von etlichen Musicalbesuchern gehört habe, als echte Attraktion empfunden wird. Woraus sich ergibt, dass ich über einige der erfreuten Reaktionen auf das „Nein“ gar nicht erfreut bin – diese irgendwie elitäre, auf jeden Fall arrogante, Anti-Kommerz-Attitüde. Gern verbunden mit dem, was Marxisten, die ihren Marx wirklich kennen, „verkürzte Kapitalismuskritik“ nennen.
    Die Frage, wieso eigentlich im Gentrifizierungsdiskurs so selten (oder nie?) die Frage auftaucht, wer da als erstes weg gentrifiziert wird, ist auch mir bisher nicht gekommen, obwohl das eigentlich offensichtlich ist: je mehr „Aussenseiter“, je weniger priviligiert, je weiter weg von der weißdeutschheterocismännlichkarrierorientiert… usw. Norm, desto schnell ‚raus. Wobei ich mit „Aussenseiter“ ausdrücklich nicht selbstdefinierte Aussenseiter meine, also Menschen, die ihre Exzentrik ablegen könnten, um als „normale brave Bürger“ wahrgenommen zu werden. Vom Punk zum erfolgreichen Kleinunternehmer oder so was in der Preislage.

    Man kann viel gegen die Musical-Konzerne, gegen die Kulturindustrie überhaupt, sagen, aber wie Du an anderer Stelle schrobst, geben Musicals Kreativen die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Und wenn auch die Musicals nicht meinem persönlichen Geschmack entsprechen, bodenlos niveaulos sind sie nicht, handwerklich allemal gut gemacht, wer Musicals mag, ist bestimmt nicht für z. B. klassische Musik oder Jazz verloren … und vor allem haben Musicalfans nicht das elitäre Getue, das mir bei den Fans anderer Musikrichtungen hin und wieder auffällt.

    Anti-Attitüten bringen auf die Dauer nichts. Ich kenne z. B. seit Jahrzehnten Musiker, die sich über die GEMA und ihre Praktiken beklagen. Allerdings wurde eine Alternative zur GEMA. die C3S, erst vor einem Jahr gegründet, übrigens unter Beteiligung einiger guter Freunde von mir (einer von ihnen, Sven Scholz, von den Singvøgeln sitzt im Verwaltungsrad der C3S, Leitung Kommunikation). Selbst wenn die C3S noch lange nicht wirklich als Verwertungsgesellschaft funktioniert, sind das schon mal Nägel mit Köpfen. Dagensein – bitte, aber alles und jedes verhindern, außer einige abgestandenen Lieblingsideen keine Vorstellungen haben, wie man es anders machen könnte, bringt nichts. Erinnerung: Vor gut 20 Jahren setzte mir ausgerechnet ein entschiedener Umweltschützer auseinander, dass Solarstrom sich niemals rechnen wird, ja sogar, dass Photovoltaik-Anlagen sich niemals „energetisch amortisieren“ können, also mehr Strom liefern, als zu ihrer Herstellung erforderlich war. Das war schon damals falsch, aber es gehörte zu seinem Weltbild. „Alternative Energiegewinnung“ war für ihn, wie für seine geschworenen Gegner von den Energieversorgungsunternehmen, einfach ein Unding. Seine abgestandenen Lieblingsidee war übrigens eine Low-Tech-Welt, die mich unwillkürlich an vorindustrielle Zeiten erinnerte – die Frage, ob es darin auch Leibeigene gäbe, wagte ich nicht zu stellen. Wer damit nicht einverstanden war, egal warum, war eben „korrupt“, dachte „technokratisch“ oder hing „unrealistischen Träumen nach“. Ich kenne die abgestandenen Lieblingsideen der Linke-Szene-Platzhirsche zu wenig, um dazu viel sagen zu können; ich vermute aber, dass sie denen des Öko-Platzhirsches von damals (war er ja, hatte viele Fans, die zu seinen „Alternative? Nein danke!“-Sprüchen Befall klatschten), nicht ganz unähnlich sind. Eine Welt, in der sie sich wohlfühlen, privilegiert sind, die draussen vor der Tür stehen, die sieht man eben nicht.

    Ich wundere mich auch immer wieder über die Arroganz, mit der selbst nicht künstlerisch tätige Kunstliebhaber sich über „leider kommerziell gewordene“ Künstler beklagen. He, auch Kreative wollen etwas zu beißen haben und brauchen ein Dach über dem Kopf, das dichter ist, als das auf Spitzwegs berühmten, angeblich romantischen, aber wohl tatsächlich als bitterer satirischer Kommentar zur realen Lage der „Kulturschaffenden“ in der ach so heilen, kunstfrohen Epoche des Biedermeiers gemeinten, Gemälde „Der arme Poet“!
    Ohne die Möglichkeit, Geld zu verdienen, notfalls mit dem einen oder anderen Kompromiss, bleibt nur die Abhängigkeit von „Gönnern“ – oder der Rückzug ins reine Amateurlager (weil neben einem Vollzeit-Brotjob nicht die Zeit bleibt, z. B. so viel zu üben, wie ein professioneller Musiker nun mal üben muss)!
    Die Nachbarin des „Singvøgel“-Mitglieds Duke Meyer ist z. B. eine ausgesprochen gute Jazz- und Soul-Sängerin. Man kennt sie aber allgemein als Schlagersängerin, weil sie in den 70er-Jahren mal ein paar Hits in diesem Genre hatte. Heute macht sie eher die Musik, die sie wirklich kann, aber eben – im bescheidenen Maße – „kommerziell“. Von Auftritten in Szene-Clubs und Tonträgern für ein kleines, erlesenes „Kenner“-Publikum könnte sie nicht leben.
    Ich habe großen Respekt vor dieser Frau, und finde es einfach wiederlich, wenn sie von selbsternannten „Kennern“ als „kommerziell“ und als „alternde fette Schlager-Tussi“ ab
    qualifiziert wird.

    So, wieder mal vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen! 😉
    Gruß: MartinM

  6. momorulez August 28, 2014 um 7:26 pm

    Ich bin allem ganz bei Dir 🙂 – beim Hölzchen wie beim Stöckchen!

  7. MartinM August 29, 2014 um 9:06 pm

    Na ja – mein rausgerotzter Kommentar war mal wieder ’ne Mischung aus Captain Obvious & mittelschwer O.T. 😉

  8. ziggev September 1, 2014 um 5:55 pm

    oh, je, ein etw. längerer Text. Aber, was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben … (uns o nahm das Schicksal seinen (oder ihren – unter Schicksal stelle ich mir immer eine Göttin vor) Lauf.

    Von der Seilbahn hörte ich im Frühjahr des letzten Jahres zum 1. Mal (und seitdem nicht mehr, wohl weil ich hier in „splendid isolation“ in der Suburbia wohne; wie dem auch immer sei, letztes Frühjahr war ich bei einer Art Verkehrszählung in Wilhelmsburg dabei (genaueres möchte ich nicht verraten), wir latschten also die Straßen ab und machten Notizen. So kamen wir herum und ins Gespräch mit Anwohnern – die z.T. umgesiedelt werden sollten, weil für die Gartenausstellung Platz gemacht werden sollte (oder war es der Architektur-Sommer; egal, beide dienten – katastrophal vorbereitet – zur „Modernisierung“ Wilhelmsburgs zum Vorzeigestadtteil: oh, cool, ein Energiesparhaus im angeblich modernen Quarder-Stil, wie seit einiger Zeit in der ach so gerühmten „Hafen-City“ zu „bewundern“, die vollkommen missraten ist, beengt, beengend, laut, feinstaubbelastet; ich habe für Architektur auch (oder eigentlich nur) einen völlig unpolitischen Blick, was aber Mist ist, ist einfach Mist, vom Fischmarkt etwas westlich bis mindestens zu dieser neuen Musikhalle, die ich besichtigt habe, und die von innen einfach nur einen engen, beengenden Eindruck macht, und die Appartments, die dort eingeplant sind, sind – ohne Fenster, die geöffnet werden könnten – einfach nur panne, lächerlich); – und, wieder zurück in Wilhelmburg, ich sah mir die Prospekte für den Architektur-Sommer an, es schien an das Bild einer Media-Boheme angeschlossen werden zu sollen, irgendwas mit „lounge“, „Ortlosigkeit“ und Mixture von Arbeit und Freizeit (bersarin wettert wieder vehement und köstlich zu lesen dagegen), in irgendwelchen post-industriellen aber hip-modernisierten Bauten rumhängen, Laptop dabei, klar, der Charme einer nach newtonschen Gesetzen funktionierenden Produktionswelt sollte als unverputzte Wände – oder in Gestalt von Durchbrüchen auf solche Ansichten – herausgestellt werden, als projektierte Nichtorte zwar in gewisser Weise utopisch – nur dass allen klar war, dass das eh´ nichts werden würde. Mir gruselt jetzt schon vor den Olympia-Bewerbungen Hamburgs und Berlins, an denen irgendwelche Unternehmensberater-Firmen und dergl. ihren Reibach machen werden und sonst niemand (wie dazumal in Leipzig), für alle voraussehbar allerdings dabei, dass das sowieso nichts werden wird, und wenn doch, dann wird es nicht nur diese absolut alberne Seilbahn sein, was kommen wird.)

    Die Anwohner in Wilhelmsburg, die sich gerade nach neuen Bleiben umsahen (zu vergleichbaren Mieten), berichteten von der Seilbahn. Mein Eindruck: ein absolut wirres, lediglich in den Köpfen von irgendwelchen Leuten, die sich nur zu bereit zeigten, mit ihren Planungen ganz alleinig den Symbolwertambitionen der bisherigen weitere lediglich symbolische Planungen hinzuzufügen, während jeder realistische Blick sofort das kommerz-symbolisch-utopische dieser Ideen erkannte.

    Es gibt zwar solche Installationen, wo sie nicht ohne Sinn sind; z.B. (mir fällt kein besseres Bespiel ein) der Lacerda Elevator in Bahia, Brasilien, der die auch topologisch so sinnhaft bezeichnete Ober- mit der Unterstadt verbindet.

    Ja, es gibt in der weiten Welt solche Elevators und Seilbahnen. Und Fakt ist auch, dass manchmal die S-Bahn-Verbindung nach Wilhelmburg etwas überlastet ist. Dass aber tatsächlich dieses vollkommen absurde Seilbahnen-Projekt durchgezogen werden würde, hielt ich von Anfang an für eine Schnaps-Idee. Es sollte eine Seilbahn von irgendwo an der von an Lächerlichkeit kaum zu überbietenden möchtegern-modernen Bauten zugebauten nördlichen Elbseite losgehend gebaut werden, die dann irgendwo südlich vom Wilhelmsburg-S-Bahnhof, dort, wo irgendwelche Gartenausstellungsflächen bereitgestellt werden sollten, enden sollte. Ich verstehe: für Ingenieure eine Herausforderung. Ein Wow-Projekt, ähnlich dem hamburg-neuen Bunjee-Jumping vom Fernsehturm – das allerdings ohne große Verluste wieder abgebaut werden konnte (und wo sich dann B-, C-, oder D-Promis auf Einladung von Yellow-Press-Agenturen für Foto-Termine tummelten).

    Dass das von der Hafenstraße ausgehend nicht funktionieren würde, war ja eh´ klar; vom Stintfang aus? Auch wenn ich angesichts all jener katastrophalen Planungen betreffs „Hafen-City“, die von Wirrköpfen zu allem Überfluss auch noch verwirklicht wurden, jede emotional-lokalpatriotische Bindung an meine Heimatstadt verloren habe: was zuviel ist, ist zuviel! Nur um c.a. 20 Leute in ne halben Stunde (oder meinetwegen 20 min) über die Elbe zu chauffieren, ohne auch nur die geringste Entlastung für die S-Bahn-Connection zur Veddel, dazu eine vollkommen absurde Seilbahn-Station an der hoffnungslos und selbst in den Augen eines Kapitalismus-Verliebten, mit dessen Augen ich ja bereit bin, mir neue Architektur anzugucken, überantifunktionale überbebauten Nordseite der Elbe?

    Aus meiner subjektiven Sicht halte ich es nicht für einen ungeteilten Verdienst der betreffenden Leute, die Du in Deinem Text erwähnst, „die Seilbahn“ verhindert zu haben. Aber ich leide unter einem systematischen Lack an Infos über solche schwachmatischen Projekte. Solche mir allein als real zu realisierende vorzustellen, würde bedeuten, zu versuchen, in die Köpfe derjenigen hineinzuschauen, die sowas betreiben. Ich bin aber ein etw. übersensibler Typ, es würde sich das Innerste nach außen kehren (u. Umgekehrt), es wäre so, wie wenn beim Kotzen nur noch Gallensekret herauskommen würden. Wenn ich mich näher mit solchen Machenschaften auseinandersetzen müsste, dann würde ich mir zuerst nen Kontakt zu einem Schamanen klarmachen, denn ich wüsste keine andere Möglichkeit, das teuflische Prinzip, das ich mir dadurch unvermeidlich einverleiben würde, wieder loszuwerden.

    (Soviel Aberglauben muss – aus Überlebensinstinkt- erlaubt sein.)

    Die unverdrossen glauben, ob im Zeckensalon oder bei Celtic-Spiel-Rahmenprogrammen, ihre öden, weißen Indie-Kapellen, die sie in ihrer öden, weißen, heterosexuellen Macker-Welt nostalgisch pflegen, hätten nun irgendwas mit Zukunft zu tun.

    Nein. Ich glaube nicht, dass da noch irgendwelche Überzeugungen vor sich hinwesen. Dieser Sound ist eher wie eine schlechte Angewohnheit. In ästhetischer Hinsicht der Stillstand jener Szene (inwieweit derselbe symbolisch ist, kann und mag ich nicht zu beurteilen). Wie aber eine solche engstirnig-selbstbeschränkende Festlegung auf einen von Anfang an nur lächerlichen Stil in jenen Szenen vonstatten ging und noch immer anhält, gibt mir unlösbare Rätsel auf. Anfang der Sechziger hieß es noch, die „Beat“-Kapellen würden ihre Instrumente „vergewaltigen“; es kam zu Schallplattenverbrennungen (das war die Ur-Szene des Pop, nicht der intellektuelle Quatsch, um den sich D. Dietrichsen so bekümmert, eine Kulturkritik am Phänomen „Pop“, bei welchem es sich bei D.D. bereits um ein sich intellektuell verstehende, kulturkritische Bewegung handelt, denn anderes kennt er ja nicht, Intellektualität als Pop-Phänomen, und genau zu dieser Fehlentwicklung zählt ja Dietrich Dietrichsen).

    Diese absolut unverschämte versuchte Machtübernahmeversuche in Sachen Pop, bestenfalls können wir hier einfach Unwissenheit und Unbildung in Sachen Pop veranschlagen, seit den späten 80er-Jahren, dieses Indie-Gejammere und – denken wir einfach nur an eine einfache Quart, wie sie Chuck Berry (um nur einen der bekanntesten zu nennen) anzuschlagen wusste – ist einfach nur eine Vergewaltigung einer ganzen Tradition samt der bis in den zeitgenössischen Jazz hineintradierten Art und Weise, wie ein Instrument gespielt zu werden hat.

    Ach, Momorulez, es ist doch eine gar zu ferne Utopie, dass hierzulande eine offene Musik, die Lust an Neukombinatorik, die diese Musik, mal etwas ernsthafter betrieben, bereitstellt, für Neukombinatorisches in den Gehirnen jener Leute stehen würde, die sich explizit „politisch“ verstehen!

    Da pflege ich keinerlei derlei Hoffnungen. So unbeholfen es ja ist und klingt, ich stehe da mehr auf menschliche und musikalische Offenheit. Wenn ich aber oben an der Hafenstraße-Treppe in der Bar abhänge, dann ist zwar das Bier billig, die Musik aber immer zu laut, jede Kommunikation verhindernd – und abgestanden, veraltet, einfach nur l a u t – nix für mich.

    Coburger nenne ich für mich immer den Ten.-Sax-Surfer. Macht er wohl nicht immer so; aber als ich ihn mal auf ner Mainstream-Session (also alles seit Ch. Parker) sah, da stand der immer mit leicht gebeugten Knien da (wie auf einem Surf-Board), das Sax irgendwo auf Knie-Höhe und trötete sich einen ab, dass es nur so seine Bewandtnis hatte! (Natürlich die Coltrane-Schule intus, haben aber ja ohnehin alle studierten Saxophonspieler heutzutage.)

    In gewisser Weise möchte ich aber die neueren Entwicklungen durchaus auch begrüßen: Denke Dir nur, in den 80ern gab es einfach keine qualifizierten Jazz-Musik-Lehrer! Ausnahme: Herb Geller – NDR-Bigband (ich kannte Musiklehrer, die bei ihm Nachhilfestunden nahmen). Wenn Du dahin zurückwillst – keine Einwände. Es gab noch echte Autodidakten auf der Szene, einige, die im Tropical Brazil von Südamerikanern und Afrikanern lernten … (nicht alle)

    Ich gehe immer wieder gerne zu Jazz-Sessions (als Zuhörer), um immer wieder die Erfahrung zu machen, dass Jazz eine live zu spielende Musik ist. Ich mag einfach diese Verkörperung eines verkörperlichten Stils. Diesen Klangkörper ! Den ich trotz meiner Bang & Olufsen Lautsprecher bei mir zuhabe nie mir zu Gehör bringen werde. Und dann, ja, dann sind diese kleinen Risse manchmal zu hören, Gelegenheiten zur Neukombination, Offenheit, von der in der Jazzgeschichte Bewanderte ein Lied zu singen wissen.

    Ich hör´s mir manchmal an und genieße diese Lücken an Offenheit, es ist, wie einmal tief durchatmen. Einige der hamburger haben wohl auch in New York studiert; mich kümmert´s wenig. Die besseren beleben in meiner Wahrnehmung die Szene im besten Sinne: Neukombinatorik und friend-to-friend musikalische Offenheit. Die „politische“ Szene ist da in Modernität hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Guter Jazz, guter Blues (ohne Macho-Attitudes) sind sachen, die mich intellektuell wie auch gefühlsmäßig befriedigen; Herausforderungen, die auch menschlich fordern; Leute, die sich jede menschliche Offenheit durch gewohnheitsmäßig schlechten Geschmack systematisch verbauen, sind eine noch einmal besonders zu therapierende Klientel.

  9. momorulez September 1, 2014 um 6:22 pm

    Willkommen Herr Co-Blogger 🙂 – aber immer gerne! Das sind jetzt derart viele Aspekte, dass ich kaum antwortend da weiß, was ich heraus greifen könnte. Diese ganze städtebauliche Frage, mein Gott, da finde ich z.B. den grausigen Komplex mit Hotel und diesen komischen Verköstigungslounges an der Davidstraße viel problematischer, und die Hafencity hat – mal ab von der Elbphilharmonie – ja eher den Vorteil, dass sie Leute aus anderen Vierteln fern hält, die genug Geld haben, andere wegzugentrifizieren. Und dann hängen die da in ihrer scheißteuren Öde, so what. Thema meines Textes war nun aber offenkundjg ein ganz anderes, dass im Zuge des Protestes gegen die Seilbahn der „Musical-Konzern“ unter Beschuss geriet und ich mich zunehmend fragte, warum denn eigentlich. Und das ist die Anschlussfrage nach Job- und Präsenzmöglichkeiten im Kulturbereich noch da, wo nun eh keiner Geld verdient, beim FAT-Jazz, deshalb relevant, weil diese weißbürgerlichen Aussiebungen und Abgrenzungen vollzogen werden als ferner Abglanz dessen, was z.B. Bourdieu beschrieben hat. Was ich völlig absurd als leere Form empfinde. Was Du ja zum Teil auch so siehst. Und dass diese linke Szene mit großer Lust auf das eindrischt, wo nun auch jene, denen der weiße Papi nicht die Miete zahlt, schlicht ihre Nahrung verdienen können, was NIE Berücksichtigung erfährt. Anders als Du glaube ich zudem schon noch am die Kraft der Popkultur, als sozialer Katalysator zu wirken – und dass eher häufiger in Zusammenhängen, historisch, die ganz woanders als diese linken Szenen situiert sind. Was diese mal ernster nehmen sollten, und zum Teil tun sie das ja auch.

  10. ziggev September 1, 2014 um 8:27 pm

    Und dann hängen die da in ihrer scheißteuren Öde, so what.

    – schön gesagt !!

    Äh, was ist eigentlich der „Musical-Konzern“? Ick´ wees´ sowas einfach nicht. Hab mal so´n Gitarristen kennengelernt, mit Möglichkeit, nen Freund von mir – oder sogar mich! – da, bei ‚Cats‘, einzuschleusen. Aber das ist normal, wenn Du einfach nur Musik – und nicht Politik – machst, dass Du solche Leute kennenlernst, – einmal Leute, die etwas weniger lokalpatriotisch sondern, siehe da!, eher etwas international aufgestellt sind.

    Ist denn das kein Gewinnn für Hamburg? Klar, ich wurde hinten durch den Dienstboten-Eingang bei ‚Cats‘ eigeschleust, sah die Noten, hörte das Spiel des betreffenden Gitarristen, die Antwort war einfach: geht nicht, werde ich mir in den nächsten 5 Jahren nicht zutrauen, auch wenn ich „Nach-Noten-Spielen“ nach allen Regeln der Kunst gelernt habe (etw. übertrieben), aber dann jeden Tag 5 Stunden üben … ? Wird nichts – ende der Durchsage – auch gut.

    Aber das ist der „internationale Stil“: jedwedem wird alles zugetraut, man weiß es ja nie, wir arbeiten hier auf internationalem Niveau und haben keine Gründe, anzunehmen, dass andere es anders halten würden.

    Diese Musiskal-Musiker sind musikalische Nomaden der heutigen Zeit, sie kommen von L.A., New York und so weiter; ich kannte einige der prominentesten Schüler der Musical-School, oder wie das noch hieß, in HH, aber keiner von denen hat es vermocht, eine internationale Karriere anzuschließen. Geschweige denn im miefigen Deutschland. Die Musiskal-Musiker aus Afrika und anywhere sehe ich als ein absolutes Geschenk für Hamburg, wie ich hörte, heben gerade genau diese Leute das Niveau auf den ohne-Verdienst-Sessions in HH regelmäßig auf ein gerade noch akzeptables Level.

    Wenn ich nicht um Deine ehrenhaften Ambitionen wüsste, würde ich es als eine absolut ehrabschneiderische Einlassung und Beleidigung jedes ehrlichen Bemühens bewerten, Deinerseits, dass Du tatsächlich anhebst, die kulturell-historische Leistung jener Künstler auch nur entfernt in Relation zu dem politischem Bewusstsein irgendwelcher kulturell unerzogenen Präpubertären zu setzen.

    Studio Hamburg, CCH, Fabrik, Studio vom Bremer Rundfunk – kenne ich alles von innen (und außen: TV, Radio usw.). Aber wie kann eins überhaupt nur auf die Idee kommen, seine oder ihre wie auch immer künstlerischen Ambitionen zu den ‚politischen‘ irgendwelcher vollgekiffter pubertären Ego-Männchen in irgendwelche Relation zu setzen?

  11. momorulez September 1, 2014 um 8:33 pm

    „Wenn ich nicht um Deine ehrenhaften Ambitionen wüsste, würde ich es als eine absolut ehrabschneiderische Einlassung und Beleidigung jedes ehrlichen Bemühens bewerten, Deinerseits, dass Du tatsächlich anhebst, die kulturell-historische Leistung jener Künstler auch nur entfernt in Relation zu dem politischem Bewusstsein irgendwelcher kulturell unerzogenen Präpubertären zu setzen.“

    😀 – ich teile ja in sehr viele Fragen, in dieser nun gerade nicht, die Ansichten dieser Szenen. Nur, dass ich glaube, dass manche derer sogar ziemlich bewusst boykottieren, dass mal irgendwas in eine bessere Richtung sich entwickelt, weil sie zu viel von den aktuellen Rollenverteilungen im Spiel haben. Andere aber ja auch nicht.

    Aber bis viele da ihren ästhetischen Irrtümer und eben auch, was da politisch dran hängt, mal gepeilt haben, vergehen vermutlich noch 100 Jahre.

  12. ziggev September 1, 2014 um 9:34 pm

    “ Nur, dass ich glaube, dass manche derer [also der bewussten Szenen] sogar ziemlich bewusst boykottieren, dass mal irgendwas in eine bessere Richtung sich entwickelt, weil sie zu viel von den aktuellen Rollenverteilungen im Spiel haben. “ —

    Genau solche anzitierte Denke nenne ich durchpraktizierte Dummheit. Dummheit ist als theoretische Haltung ja noch durchführbar und ggfls. zu rechtfertigen. Als Praxis verdient sie aber nichts anderes als eine praktische Antwort. In diesem Punkte folge ich jetzt aber nicht meinem Vorbild, dem Diogenes von Sinope, der jedem, der ihm dumm kommt, ins Bein beißt, nein, diesmal nicht (immer wenn ihm jemand etwas zu Essen gibt, wedelt er mit dem Schwanz). Das wäre die einzig zu rechtfertigende Erwiderung. Mich interessiert immer noch mehr der Durchgang vom Moll-major zum Moll-6-Akkord. Bevor ich beiße, werde ich mich in Harmonie-Lehre üben. Aber solche Leute sind aus meinem Kosmos von Vorneherein hinausdefiniert, existieren nicht. Momo, pass auf Dich auf, beschäftige Dich nicht zu sehr mit ego-kranken, kiffenden, Präpubertär-Idioten!

  13. momorulez September 1, 2014 um 9:42 pm

    Ach, kiffen find ich ja gar nicht so schlimm 😀 – aber Harmonielehre auch nicht. Moll 6 müsste ich zwar noch nachschlagen (wird die Quinte durch die Sexte ersetzt?), aber die harmonisch-Moll-Tonleiter hat mir heute wieder echt viel Spaß gemacht! Und ich bin ja strikt gegen „Dummheit“ als Beschimpfung oder Erklärung. Das ist in der Tat Ego (jeder Musiker weiß, dass es schief geht, wenn sich das zu Worte meldet), das ist Ignoranz, Zeitvertreib …

  14. ziggev September 1, 2014 um 10:30 pm

    na, wenn mich nicht alles täuscht, hast´e bei der harmonischen die kleine Sechst (zum Akkord hinzugefügt), und damit in der Leiter den Sprung um eine Terz von der kleinen Sechst zur großen Septime, und das ist eine (kleine) Terz! Und zwar in der Tonleiter, was sonst recht ungewöhnlich ist (sonst nur Sekunden) !! Klingt das nicht ein wenig ‚orientalisch‘? (Allerdings geht die Harmonische abwärts nochmal anders, ich gebe aus meiner Sicht zu, ein weites Feld.) Ich bin absolut begeistert von der harmonischen; nimm anstatt der kleinen Sechst die große, spiele das Ganze von der Sieben aus – und Du hast die Alterierte !! (b9#9b5#5) Vieles ist viel einfacher, als eins denkt: Hausaufgabe: finde die Parallelen der alterierten zur Blues-Tonleiter heraus!

    Wenn ich als Gitarrist von einem Moll-6-Akkord spreche, dann meine ich die hinzugefügte große Sechst. (Wobei damit noch nicht unbedingt klar ist, ob dann nun die große oder die kleine Septime gespielt werden soll, also die harmonische oder die melodische Leiter; diese Frage stellt sich nämlich, weil es sich bei einem Sechst-Akkord gewöhnlich um einen Major-Akkord, also um eine Tonika, handelt, das muss der betreffende Musiker sich aus dem Kontext erschließen). Sonst würde ich b13 schreiben (für die kl. Sechst); – wenn die Quint ersetzt werden soll, dann würde ich die Alteration der 5 eben durch eine #5 oder +(5) deutlich machen.

    Die klassische Terminologie lasen wir für heute beiseite, denn, ja, da gibt es für diesen Akkord-ohne-Quint-aber-mit-kleiner-Sechst bestimmt eine besondere Bezeichnung.

    Im Soul-Jazz (u.a.) hast Du aber manchmal im Akkord oben, also in der Oktave, den Durchgang von der Eins über die major-7, die flat-seven bis zur großen Sechst, bevorzugt von der Orgel gespielt, eigentlich landest Du dann auf der funktionalen Fünf. Damit werkele ich immer noch mit rum.

    Nicht ganz genau dasselbe, es geht von der Sechst (eigentlich der Quint) hoch zur kleinen Sieben, Good Morning Heartache, bekannt durch Billie Holiday, gibt vielleicht etwas von dem feeling vor.

  15. momorulez September 1, 2014 um 10:39 pm

    Ich nehme das gerne als Hausaufgabe mit und mühe mich, das mit meinen Mitteln noch mal nachzuvollziehen 😀 – wobei Akkord ohne Quint mit kleiner Sexte ja das ist, was ich meinte. Wie bei sus4 doch die Terz durch die Quarte ersetzt wird, oder? Und ja, es hört sich ein wenig „orientalisch“, aber eben – wie Blues-Tonleitern – auch sehr dramatisch an, wenn man die Harmonisch-Moll-Leiter z.B. auf die Akkorde von „Blue Bossa“ spielt. Das kann man rum tröten, wie man will, weil gewissermaßen das Finale immer stimmt und echt ein Knaller ist! Viel spannender als dorisch, finde ich.

  16. ziggev September 1, 2014 um 11:14 pm

    ja, ok, jetzt muss ich aber um diese Uhrzeit etwas „improvisieren“ (also keine terminologische Garantie). „Akkord ohne Quint mit kleiner Sexte“ ist, wenn die kl. 7 mitgemeint ist (normalerweise – also im Jazz – selbstverständlich und nicht immer mitnotiert), in der Notation einfach ein #5-Akkord (manchmal etwas inakkurat etwa D+ – das wäre der D7#5 – bezeichnet), es handelt sich also um eine erhöhte 5. (Wie gesagt, ich habe im Moment keine Lust, das in meinem klass. harmonischen Lehrbuch nachzuschlagen, wie der in der klass. Terminologie heißt).

    Aber ich habe das Gefühl, dass das genau richtig ist, wie und was Du da machst: Durch die harm. Molltonleiter hast´e die Dominante mit drin, die Sache wird spannend, und in Moll lässt sich nochmal die jeweilige Dominantskala alterieren, abändern, kurz, da ist der Phantasie einfach keine Grenzen gesetzt! Dorisch ist in der Tat etwas schematisch, fast flach, bei „Blue Bossa“ wirst´e dabei nix. (die Molltonika liegt auf der sechten, nicht auf der 2. Stufe!)

    Also immer schon auf der harmonischen rumprobieren, sehe ich genauso, ich höre es schon, Du wirst die eine oder andere Schlussphrase bravoriös hinbekommen. (Ich persönlich höre da immer Ella & Joe Pass, um mich einzutunen.)

  17. momorulez September 2, 2014 um 7:32 am

    War natürlich auch gar nicht meine Idee; hat mir mein Lehrer da hin geschrieben 😀 – und Herr Coburger, by the way, scheint seine eigene Jazz-Theorie und harmonische/disharmonische Konzeption entwickelt, sagte mir mein Lehrer auch. Ich finde das ja auch oft etwas angestrengt, was er so spielt, wenn er eigene Kompositionen spielt, von dieser verblüffenden Leichtigkeit eines Joshua Redman, der auch einen Heidenspaß daran hat, das „Populäre“ zu verwursten, ist das ja schon meilenweit entfernt; aber, ach, das ist ja irgendwie mein Lebensdrama zugleich, dass hierzulande das Populäre immer gleich Ideologie wird, ganz schlimm, das, was man ihm entgegen setzt, aber gleich mit – während die in den USA mit einer Souveränität damit umgehen, die hier keiner drauf hat. Da fehlt einfach was in diesem Lande, was man ja selbst diesen pseudoverspielten Klötzen in der Hafencity ansieht, obgleich die von international renommierten Architekten zum Teil stammen. Was da gemacht wurde, ist ja fast eine Karrikatur deutscher Mentalitäten.

  18. ziggev September 2, 2014 um 2:07 pm

    nunja, habe den wundervollen Coburg live vor einigen Jahren gesehen. und da hat der Sax-Surfer wirklich einfach nur – viel hilft viel – den Raum und die Zeit vollstmöglich ausgefüllt, traneartig und ohne mit der Wiper zu zucken auch polulär, aber, schließlich bin ich „Experte“, nicht ohne Qualität, einfach so, dass es nur eine Freude war. unterdessen habe ich aber mal gegoogelt und mir (kurz) angehört, was er so im 227 gemacht hat. tja, vielleicht meinst Du das mit „etwas angestreng“ usw. ich bin aber natürlich auf keine Weise irgend gegen allemöglichen Avantgardismen. John Zorn mit seinem Zettelkasten ist ein großes Vorbild (nicht nur, weil er mit keinem geringeren als Albert Collins auf dem Album „Spillane“ zusammengearbeitet hat).

    Zur selfmade-Jazztheorie (wobei das deutlich über „den“ Jazz hinausgeht) möchte ich auf keinen Fall Steve Coleman unerwähnt lassen (Steve Coleman & Five Elements). ehrlich gesagt habe ich´s nicht ganz kapiert (er hat/(hatte?)) ja ne eigene Web-Seite, wo er alles erklärt). Aber egal, hab den mal in der Fabrik gesehen, da waren ca. 50 eingefleischte Jazzfans, mehr nicht, aber immherhin war ich in guter Gesellschaft. es ist einfach irre, was der macht! und ich hatte den Eindruck, dass die Mitmusiker von ihm nach Freundschaft ausgesucht worden waren (irgendwie aus der New Yorker Comunitity oder so). zuerst kommt die Freundschaft, dann die Musik (und wenn´s nottut, dann muss ich ihm das halt mal eben schnell beibringen, was ich haben will), super bescheiden und sympathisch der Kerl.

    wie gesagt, ich habe nichts gegen avantgardistische Experimente, sich hineinstürzen ins (Theorie-)Labyrith !! – Wenn eins irgendwann auch noch mal den Ausgang findet. aber auch die Zwischenergebnisse müssen nicht von Schlechten Eltern sein. (für uns Hörer allemal, nochmal: Steve Coleman.)

    Zum Populären im Jazz und der Leichtigkeit, die ich ja gerade beim Sax-Surfer bestaunt hatte: bei der Session, wo ich immer zu Gast war, hing auch immer dieser Swing-Saxophonist rum. ich zu ihm dann mal: „warum spielst Du nicht?, nun los, mach!“ ich weiß nicht mehr genau, was er sagte, aber etwa (auch wenn mich jetzt meine Erinnerung nicht belügt): „nee, das ist nicht mein Stil, heute nicht (mehr so viel).“

    ein paar Jahre später sprach ich aber mit der Rhythmusgruppe, (alle nur zu darauf erpicht, im Bop was zu machen), „aber was der ‚Swing-Saxophonist‘ heute gemacht hat, war doch gar nicht so schlecht, ich musste an Lester Young denken …“ ich erntete nichts anderes als ‚raised eyebrows‘: „nee, auf den geben wir überhaupt gar nichts, ist wirklich was dahinter, nicht ’nur‘ Coletrane, zum Glück ist der heute gekommen! …“

    der gute alte Swing – verschrien als die populäre Variante im Jazz; wie ich lernte : zu Unrecht. (die Holliday/Young-Geschichte spricht ja bereits Bände.)

    also die „Ballads“ von Coletrane – ist das nicht auch ziemlich „populär“, und dennoch Jazzgeschichte? Oder wenn wir uns die Monk/Trane-Aufnahmen anhören, meine Leib-und-Magen-Aufnahmen, Riverside 1957, weil Monk diese tiefblauen Akkorde spielt, tief in der Tradition, Ragtime, Stride, verwurzelt, dazu Tranes warmer Saxsound … aber wir hören auch Coleman Hawkins´ im Gegenstz zu Tranes mehr traditionellem Stil, Growl-Effekt usw. (Swing?) Ohne diese Tiefendimension könnte ich nicht leben. manches, was so leicht daherkommt, fußt auf einer vehementen Tradition, die nicht von schlechten Eltern ist, so sehe ich das jedenfalls.

  19. momorulez September 2, 2014 um 2:58 pm

    Ich höre auch Coleman und Lester Young. liebe Ben Webster, das Dexter Gordon “Ballads”-Album ist eins meiner Lieblingsalben – habe aber auch fest gestellt, dass Charly Parker-John Coltrane-Michael Brecker die Linie ist, die die aktuellen “richtigen Jazzer” ziehen und Coltrane da der Gewichtigste ist, auch, was Soundvorstellungen betrifft. Die stehen all auf diesen sehr geraden, dichten, konzentrierten Ton und meiden, was der Normalmensch so unter Blues- oder Porn-Sax-Klang kennt, wie die Pest. Stan Getz hat bei denen Feindbild-Charakter (was ich allerdings verstehe). Dann lieber richtig quietschen, röcheln, quetschen, “hart spielen”. Redman und Carter sind unter den aktuellen aber auch sehr bwundert, weil die immer wieder zeigen, dass sie ihren Coltrane drauf haben, dann darf es auch mal populär sein. Wobei gerade Redman eben auch – anders als die Uni-Jazzer hier – das Instrument vor allem auf der Bühne gelernt hat, weil er das Glück hatte, durch seinen Vater mit echten Legenden früh schon auf der Bühne zu stehen. Das ist das, was Du oben schreibst: Jazz ist halt Live-Musik. Was ja all die Großen, auch Coleman Hawkins, auszeichnete: Das waren tourende Berufsmusiker, die das Publikum beeindrucken mussten. Auch Coltrane. Der irrwitzig schnell war, dass er fast Akkorde gespielt hat, weil die Töne so schnell aufeinander folgten, dass eine Beinahe-Gleichzeitigkeit entstand. Das ist anderes Erkunden von Klang und Skala, an dem die sich orientieren, wenn ich das alles richtig verstanden habe, das über die Funktionsharmonik hinaus weist. Das wird mich allerdings nicht daran hindern, den Grover Washington der 70er Jahre, Gene Ammons, “Fathead” Newman und immer wieder Ben Webster und Dexter Gordon in meinem persönlichen Pantheon eben auch zu haben zu haben 😉 …

  20. ziggev September 2, 2014 um 3:40 pm

    for sure: ich werde niemandem die Ohren wegnehmen wollen (zumal ich dazu sowieso keine Chance hätte).

    … u. werde jetzt einfach mal bei Dexter Gordon ´reinhören. es gäbe noch viel mehr zu sagen, aber das deutet ja nur auf die Unerschöpflichkeit der Quelle hin. (nun, was ist die ‚Quelle‘? – darüber ließe sich trefflich philosophieren.) ich müsste jetzt aber den Boden der (aus meiner bescheidenden Sicht) ziemlich gesicherten Erkenntnis verlassen. bei „Giant Steps“ stieß ich jedenfalls bei Analyseversuchen auf isomorphe Strukturen auf einer geradezu erschreckend breiten Skala. hatte ich ja vor einiger Zeit mal erwähnt, ich vermeinte zu erkennen, dass sowas zuletzt in der Renaissance gemacht wurde. (o.k., Strukturfetischisten aus der „modernen Klassik“ vielleicht außen vor, da kenne ich mich trotz frühem Schönberg, Bartok, und Webern nicht so aus.)

    ansonsten hat Coletrane einfach so schnell gespielt, alle Töne fast gleichzeitig noch in die letzt Achtel gepackt, dass er gar nicht mehr anders konnte, als über das bisher übliche tonale System hinauszugehen. mir fehlt es aber hier an Wissen; ich vermute, dass das, was wir heute als ‚Standard‘ lernen, wohl jedenfalls zum Teil auf Coletrane zurückgeht. ich glaube, das „inside-outside“-Spiel, also als quasi-Dominante einfach in eine fremde, fast willkürlich gewählte Tonart zu gehen, das gibt Spannung und wurde von den Rock-Jazz-Leuten manchmal bis zum Exzess betrieben, eigentlich ja auch ein simples Konzept, – und dann natürlich wieder zurück in die Tonart, ich glaube also, dass diese Technik auf Trane zurückgeht.

    Für mich ist John Coletrane jemand, der alles wollte. also hat der einfach ALLES gespielt. hat jedenfalls für ein paar Saxophonisten-Generationen gereicht. Chapeau! ich sage mir nur immer: so macht man das !

  21. momorulez September 2, 2014 um 3:51 pm

    Kennst Du das? Da kommt die Animation kaum hinterher 😀 … sind aber angeblich „nur“ 3 Skalen:

    https://m.youtube.com/watch?v=2kotK9FNEYU

  22. ziggev September 2, 2014 um 5:31 pm

    ja, super-cool! es ist zu sehen, wie genau trane die Töne in takte hineinpasst. (…)

    was ich aber immer meinen Schülern (nur Freunde und aus Freundschaft, jedenfalls bisher) aufgebe: versuche die mentale Praxis an die körperliche anzupassen bzw. vize versa. so blöd es klingt: versuche, Dich zu enspannen. körperlich, wie auch im „mind“. bewusstseinsmäßige Verspannung sorgt für körperliche und umgekehrt. also halte das Plekton locker; auch wenn Du eine „angespannte“ Haltung zum Spielen einnehmen musst, wirst Du merken, dass das Spiel dann umso leichter vonstatten geht. die Muskeln, die dazu erforderlich benutzt werden, haben dann ein umso freieres „Spiel“.

    also (langer Rede kurzer Sinn): ich lasse heute mal wieder Coletrane an mir vorbeirauschen; es ist berauschend. um mich aber versucht kompetent dazu zu äußern, werde ich wohl mich mit meinen körperlichen Signalen zuerst auseiandersetzen müssen: die da wären : Herzrasen, erhöhter Puls, das arme Gehirn, das nur zu bereit ist, sich in den sich selbst überschnellenden Wahnsinn zu stürzen (obwohl es ja weiß, das Trane kein Wahnsinn ist, sondern für alle Saxophonisten auf der Welt einfach nur Standard).

    Meine versuchte Analyse werde ich vielleicht mal bei mir nachliefern, so Gott (Coletrane) hilft.

    im Moment ist es einfach nur der Puls, und das „mind“ hinkt hoffnungslos hinterher.

    Ohne Theorie (oder „Anschauungsformen“ und dergleichen Quatsch mehr) können wir wohl kaum Erfahrungen machen. Mein Konzept ist aber – soweit ich es verstehe – anti-hegelianisch. Sobald wir eine Erfahrung gemacht haben, gilt es, soviel als möglich an ‚Theorie‘, wie verdorbenes Fleisch, mit dem wir uns nur eine üble Infektion einhandeln würden, wegzuschneiden. In unseren verdorrten knöchernen Händen Fingern halten wir dann eben diese diamant-funkelnde Erfahrung … (zutreffendes jeweils einzutragen)

  23. ziggev September 2, 2014 um 7:56 pm

    ja, und das:

    //www.youtube.com/watch?v=Z4wRGqc-uaI

  24. momorulez September 2, 2014 um 10:19 pm

    Höre ich morgen in Ruhe, Danke für die Links! Komme gerade von der Präsentation eines Films über Udo Jürgens 😀 – da geht das irgendwie nicht direkt anschließend.

  25. momorulez September 3, 2014 um 9:22 pm

    Die Chet Baker-Geschichten kenne ich natürlich, traumhaft! Nur dass dem Westcoast-Dingens oft auch irgendwas fehlt. Ted Giola und solche beziehen sich da ja stark drauf, und das ist meistens sehr schön, aber irgendwas ist mir da zu schwebend, zu lasch – nicht bei Chet Baker selbst, aber bei der Traditionslinie. Kann aber auch daran liegen, dass ich mich gerade aktiv um Dirtymess bemühe 😀 – weil ich mir so komische, falsche Sachen in meiner Rachenstellung angewöhnt habe, vermutlich in meiner Jugend, dass ich zu hoch und zu flach intoniere und der Ton nicht breit genug ist. Und wenn die nicht gerade superfluffig mit irrwitzig viel hörbarer Luft spielen, dann ist mir das auch manchmal nicht dunkel und röhrend genug, wo ich ja gerade hin will.

  26. ziggev September 4, 2014 um 6:44 pm

    ja, das ist natürlich hart, – lediglich vom Ansatz her sich um „dirtyness“ zu bemühen. wie vermeintlich leicht ist es da für Gitarristen, die sich dann auf ihre Effekte verlassen – und es immer noch nicht hinbekommen … ´n Freund von mir hielt mir stundenlange Vorträge über das Blatt im Sax. wie ich es verstand, bevorzugt er ein möglichst hartes. (ja, das waren die 80er und David Sanborn war nun mal populär und aktuell.) den etwas mehr „geröchelten“ Stil, mit mehr losem? Blatt, kriegt er aber mittlerweile ganz gut mit seinem Tenor hin, sonst ja nur auf dem Alt gelernt. das ist, glaube ich, schon ein wichtiger Unterschied bei Blas- und unseren Schalgintrumenten. die „dirtyness“ kommt bei letzteren nur ganz subtil heraus – oder es wird gar zu oberflächlich. bei Blasintrumenten ist der ganze Körper mitbeteiligt, und genaugenommen gibt es da keine Kompromisse, tief Luftholen, die Lunge, der ganze Kreislauf ist beteiligt … eigentlich wollte ich ja auch mal Trompete lernen; genau deswegen.

    etwas stumpf, fast gegen den Rhythmus, spielen, understatement-mäßig nur minimales Vibrato, halt perkussiv, das ist für meine Begriffe die Schule der ganz großen Blues-Musiker. Hendrix wurde fast immer nur für pseudo-Expressivität missbraucht (ich kenne natürlich nen Typen, bei dem das nicht so, sondern kongenial ist). ich sehe aber auch keinen Grund, nicht vom rein technisch zu bewerkstelligenden Ausdruck hin zu einem musikalischen „dirty-Ausdruck“ zu gelangen; zumindest nicht, was die endlos abgegriffenen Hendrix-Imitaten betrifft.

    ich weiß nicht, ob das „Westcoast“ ist, aber ich höre immer wieder gerne Wes Montgomery:

    stumpf nur die Gitarre klingen lassen, I love it!

  27. momorulez September 4, 2014 um 7:35 pm

    Die Großen haben irrsinnig harte Blätter gespielt. Allerdings auch wegen der Lautstärke – Coleman Hawkins sagte mal, er habe sich ja schließlich gegen einen Louis Armstrong durchsetzen müssen. Und Sax spielste tatsächlich mit dem ganzen Körper, Bauchdecke/Zwerchfell, Lufstrom, Rachenstellung, Zungenstellung, Lippen, lockerem Kiefer … der Sound ist echt eine Lebensaufgabe. Vor allem die Variabilität und die Konstanz von Ton (Intonation) und Druck. Da arbeiten wir gerade ganz intensiv dran. Da macht man lauter Sachen, ohne es zu merken.

  28. momorulez September 4, 2014 um 8:18 pm

    Boah, bei Wes Montgomery fällt aber auch wieder auf, wie wahnsinnig schwer Jazz-Gitarre zu spielen ist! Da sind mit Blasinstrumenten oder dem Klavier tatsächlich viel leichter expressive Akzente zu setzen. Verstehe auch noch besser, was Du mit den Effektgeräten meinst – dieses „Töne halten“, was man beim Sax mit den Longtones ewig üben kann, ist ja nur über die wirklich zu erzeugen, und das kann bei E-Gitarren (und Slide Guitars) höllisch nerven. Dann muss wohl (?) das Klangbild übers „Picking“ (korrigier mich) erzeugt werden, was, wenn man nicht gerade Flamenco spielt, echt schwer ist. Bewundere ich sehr.

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