Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

What now, my love? FC St. Pauli – Sandhausen 2:1 (und ein wenig Philosophie)

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Läuft hier gerade, dringt aus meinen Boxen: „What now, my love, now, that you’re gone …“ – ist das ursprünglich von Gilbert Bécaud? Oder von Charles Aznavour?

„Nous sommes St. Pauli“ singen wir ja immer frankophon vor uns hin zu Spielbeginn, ansonsten eher britisch orientiert. Was meine Vorliebe für den Existentialismus des frühen Sartre wie auch konträrer Philosophien des Poststrukturalismus nicht schmälern kann. Beides französischer Herkunft. „La vie ne fait pas de cadeau“, ich weiß. Aber quand on n’a que l’amour ist das auch nicht immer ausreichend.

Und beides, Existentialismus und Poststrukturalismus, tritt zumindest den Wortbedeutungen folgend ja unter Vrabec ins Rampenlicht: Dieses so merkwürdig existentielle Gefühl, dass da was verspielt wird. Trotz Sieg. Les Jeux sont faits, so hieß ein Drehbuch des frühen Sartre. Der deutsche Titel: „Das Spiel ist aus“.

Er wirkt allerorten im Stadion,

der Eindruck, dass dieses Sich-Entwerfen hin auf eine Zukunft des „Nous sommes St. Pauli!“ der Faktizität des Spielens zeitlich nach der Struktur gewichen ist. Dass als „mauvais foi“, letztlich wie jede Fixierung des Selbstbildes Selbstäuschung, den Möglichkeiten der Transzendenz beraubt zu sein in Spielerhirne sich einschlich. So dass lediglich engagierte Individuen, auf pure Leiblichkeit reduziert, über den Platz hetzen, die Wege zur Kooperation suchen, aber sie nicht finden.

Und all das, mutmaßlich, da das Für-Andere-Sein des Trainers, dieser Kampf mit Bildern, die Andere sich von einem – ihm – machen und die doch für ihn so unerreichbar sind, weil in fremden Geistern generiert, so dominant wurde, dass dem Teambuilding, dem Sich-auf-Andere-hin-Entwerfen, zu wenig Aufmerksamkeit er schenkte.

„Poststrukturalismus“ meinte wissenschaftsgeschichtlich, dass das Aufsuchen invarianter, universeller Strukturen („das Rohe und das Gekochte“, die Universalgrammatik) der Historisierung wich, dass Strukturen in sich zusammen brechen und neue entstehen können.

Hat Vrabec ja versucht: Vom Rotieren und Rumprobieren zur Konstanz des 4-4-2. Und doch wuseln, ganz wie bei Sartre, da das Zwischenmenschliche stets scheitert, da die Freiheit und Spontanität des Subjekts und die Objektivierung durch den Anderen in unauflöslicher Dialektik nie zu vermitteln oder aufzuheben sind, lauter Einzelspieler über den Platz.

Solche, die ihren oft guten Ideen impulsiv folgen und dabei übersehen, was der Mitspieler gerade tut. Kesse Eingaben in die Mitte vors Tor, wo aber niemand ist, der etwas draus machen könnte. Plötzlich Loslaufen in Richtungen, die sonst keiner sucht. Pässe ins Nirvana. Das Sein und das Nichts.

Ja, temporäres Aufkommen überraschender Verständigungsleistungen wie vor dem 1:0 gab es ja auch. Und der, der die Vorbereitung nicht mit machte, kommunizierte, gestikulierte auch eifrig und ist definitiv ein Gewinn, Budimir halt. Und definitiv waren allesamt ganz und gar bei der Sache („zu den Sachen selbst“, Kernsatz der Phänomenologie Husserls) – das 2:1 war purer Wille, und doch und trotz alledem: „What now, my love?“

Keiner will die Heideggersche „Mannschaft“, dieses toitsche Kollektiv, das in Funktionen sich auflöst. Die Individuen da auf dem Platz sind ja super. Da war Leuchten und Leidenschaft in den Augen, und selbst Nöthes Frust-Auszeit in Hälfte 2 ist halt einfach nur menschlich.

Aber anders als in der Gruppenimprovisation des frühen Jazz oder den schrägen Ausschlägen der guten Swing-Orchester fehlt jeglich Linie im Spiel, so dass poststrukturalistisch zum Jenseits der Struktur mutiert und nur noch emotionale Anballungen und Verklumpungen doch noch zum Tor in der Nachspielzeit führten. Das allein kann es doch nicht sein. Klar hab ich mich trotzdem gefreut.

What now, my love? Gemeint ist der FC St. Pauli, klar.

Woher kommt jetzt der Rahmen, um 90minütige Symphonien zu komponieren, statt fussballerischen Existentialismus aufzuführen? Wer kommt jetzt, um den zweifellos vorhandenen Potenzialen mal Rhythmus, Leitmotive, Melodieführung und Zusammenspiel beizubringen?

What now, my love?

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5 Antworten zu “What now, my love? FC St. Pauli – Sandhausen 2:1 (und ein wenig Philosophie)

  1. Nonastrist August 23, 2014 um 12:45 pm

    Anzumerken bleibt, dass LES JEUX SONT FAITS einerseits ja gerade nicht bedeutet „Das Spiel ist aus“. Vielmehr geht es dabei um den Punkt, ab dem das Spiel läuft, ohne dass seine Teilnehmer Einfluss nehmen können (es sei denn, sie brechen fundamental die Regeln). Sie verharren ebenso wie ihre Statthalter auf der Spielfläche, während das, was letzendlich über das Resultat des Spiels entscheidet, sich unbeeinflusst von Willenskraft und Können und Wissen und Raffinesse und Erfahrung … dahin bewegt, wo die Schwerkraft es anhält und das Ergebnis anzeigen lässt.
    Das auf das Spiel im grünen Rasenrechteck übertragen, würde bedeuten, dass die dort sich aufhaltenden Akteure und das erfolgreiche Erreichen ihrer Aufgabe mit Anpfiff (womöglich – in einer radikalen Fokussierung dieses Ansatzes – gar mit Beginn der Saison) einem außerhalb ihres und des Trainers und des Publikums und des Wetters Einflussbereiches liegenden Entscheidungsprozess ausgeliefert sind.

    Optimistisch angegangen – und das ist „andererseits“ -, folgt aber auch aus der Erkenntnis des kleinen Satzes im Moment seines Ausgesprochenwerdens, dass schon alles vorbei ist, ganz gleich, wie lange sich noch etwas bewegt (die Kugel auf dem Tisch, der Ball auf dem Rasen). Denn die Teilnehmer haben bereits alles getan, was zu tun gewesen ist. Die Kugel (oder die Anzeigetafel) wird es gleich bestätigen.

  2. Pingback: Matchday 03: FC Sankt Pauli – SV Sandhausen 2-1 | FCSP Athens South End Scum

  3. Pingback: Toller Schlußakkord nach schlimmen Vorspiel – #FCSP schlägt Sandhausen mit 2-1 | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  4. momorulez August 23, 2014 um 2:50 pm

    Danke für diesen eleganten und informativen Kommentar! Ergänzende Pointe ist freilich, dass die Differenz zwischen Roulette und Fussball schon noch in der Einwirkungsmöglichkeit der Spieler besteht – und mit Abstrichen sogar während des Spiels auch noch des Trainers. Die feine Ironie freilich ist mir nicht entgangen 🙂 …

  5. Pingback: Greuther Fürth 3-0 FCSP; 01.09.2014 Das hier ist Fußball, das hier sind Dramen… « Sankt Pauli Province Fanatics

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