Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Lost Highway. Oder wie Alicia Keys uns Wald und Mais entriss (Optik Rathenow – FC St. Pauli 1:3)

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„Jedes einzelne Element (…) muß auf Anhieb verstanden werden – und zwar verstanden auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Es ist eine wahre Schande. Es gäbe so viele Orte, an welche sich die Leute begeben könnten, wären sie nicht so eng an diese Beschränkung gebunden.“ (Interview im Rolling Stone, 6. März 1997)“

Orte In Brandenburg vielleicht? Herzsprung?

Das ist nicht zufällig Teil der Gemeinde HEILIGENGRABE.

Mit Sankt als Vorname ahnt die Crowd, in den Bus gepfercht, Fürchterliches.

In Herzsprung ist und west eine Pension. Unweit dieser: Ein See. Mit Bootsrundfahrt. Und nahe dessen ein Baumaschinenverleih. Da sieht man in der entfesselten Vorstellungskraft des Küstennähesiedelnden Einwohner, johlend und angestachelt von Bier und Korn blutige Jagden auf Eindringlinge mit Bagger und Dampfwalze veranstalten als Wochenendvergnügen …. drumherum Wald.

Nicht eine Ansammlung von Bäumen, nein: WALD.

Ein Begriff, in seiner Totalität Welt geworden. Kein Blick. Nur Stämme, Blätter schlucken Licht. Unterholz verschlingt.

Visionen keimen ins uns auf: Sollten wir,

wie in einem Film von David Lynch, möbiusschleifengleich EWIG durch diesen Wald fahren?

Wir imaginieren uns in die Gefangenschaft einer Pension in Herzsprung hinein. Tauchen tief in deutsche Mythologie – nach der sieht es da halt überall aus in Brandenburg. Das kalt gewordene Herz: Gesprungen. Im Heiligengrabe – das Herz von SANKT Pauli.

Sätze kursieren: Wenn wir uns ins Elfmeterschießen retten und erst da raus fliegen, haben wir echt noch Glück gehabt. Rathenow spielt bestimmt in der nächsten Runde gegen Chemnitz und kegelt die raus.

Wir imaginieren den Fährmann der ewigen Bootsrundfahrt – bestimmt liegt der Styx gar nicht im antiken Griechenland: Es ist ein See bei Herzsprung in Brandenburg. Sehen sein mephistotelisches Grinsen vor dem geistigen Auge, hören sein Gustav Gründgens-Gelächter, während er diese Stange, mit der er im Trüben stochert den Kahn zu bewegen, hebt und senkt, hebt und senkt, hebt und senkt, um uns Wald, Wald, Wald … und er höhnt: „Raus aus dem Pokal in Rathenow, raus aus dem Pokal in Rathenow, raus aus dem Pokal in Rathenow …“.

Doch dann fällt der magische Satz, der ALLES ändern wird: „Wenn wir Rathenow schlagen, ist ALLES möglich!“

Schnitt. Wechsel der Hauptfiguren. Ein Hauch von Zuversicht ist in sie gefahren. Doch es lauert ein See auch unweit des Vogelgesangstadions. Bestimmt schippern auch dort unheimliche Fährmänner in die Unterwelt.

Doch wir sind gewappnet – ganz wie Orpheus mit Musik. Dichten die „Vogelhochzeit“ um. „Der Thy, der Thy, der trifft das Tor … fiderallala, fiderallala, fiderallalalala.“ Ja, gemein. Paradoxe Intervention. Im Stadion verlieren wir uns in den endlosen Schlangen vor überfordertem Bierverkaufspersonal und ich mein Handy. Hat zufällig jemand ein weißes iPhone gefunden?

Franko Wombat wählt die Nummer meines verlustig gegangenen Gefährten mit dem schlichten Namen 4s. Hat ja was von R2D2. Verbindung kann nicht hergestellt werden.

Eine Vision befällt mich wie Fieber: Nicht mehr Franko steht da, sondern der mephistotelische Fährmann aus dem See bei Herzsprung. Ein surrealer Dialog entfaltet sich:

„Weiterhin sagt er zu Momo: „Ich bin bei Ihnen zu Hause. Ich bin jetzt gerade dort.“ Zum Beweis gibt er Momo ein Mobiltelefon und fordert ihn auf, seine eigene Nummer zu wählen. Tatsächlich geht der Mann ans Telefon, der Momo im Stadion gerade gegenübersteht. Momo fragt den Mann am Telefon, wie er in sein Haus gelangt sei – dieser antwortet: „Sie haben mich eingeladen. Es ist nicht meine Art, dorthin zu gehen, wo ich nicht erwünscht bin.“ Dann fordert er ihn auf, das Telefon zurückzugeben. Der seltsame Fährmann verabschiedet sich und verschwindet.“

Verwirrt nach der Rückkehr aus meiner Vision sehe ich Tom Trybull beim Aufwärmen zu. Sieht gut aus. Gegen den Eros hat selbst der Fährmann keine Chance, durchfährt mich der Erkenntnis Lohn. Der Eros entsteinet das Herz und holt das SANKT aus dem Heiligengrabe, kittet alle Herzsprünge, denke ich so vor mich hin.

Dann dieses magische 1:0 von Christopher Nöthe: Traumhaft platziert. Schön. Sexy. „Der Nöthe, der Nöthe, der schenkt uns Morgenröte, fiderallala, fiderallala, fiderallalalala!“

Der von Hitchcock inspirierte Vogelgesang düsterer Raben und Krähen brandenburgischer Wälder und diabolisch quakender Enten auf Tümpeln inmitten der Undurchdringlichkeit der Baumstamm-Baumstamm-Baustamm-Welt der Altmark weicht dem hoffnungsfrohen Gezwitscher der Morgendämmerung.

Den Boys im schicken Pokal-Trikot Jason Lees spürt man an, wie sie es genießen, ihre Technik mal ausspielen zu können, überlegen zu sein.

Wer deckelt die sonst nur so? Sehen sie David Lynch-Filme statt Spielanalysen? Fokussieren sie sich auf Düsternis, statt das Strahlen in ihren Gesichtern wahrzunehmen, wenn sie spüren, dass das Leben doch schön ist und Spaß machen kann?

Ein Piano-Intro zu einem Song, so hoffnungsfroh, keimt in mir auf. Was ist das nur? Es klingt wie Rettung. Zukunft. Wie ein Pop-Gegenmittel zu Brandenburger Wäldern und die Untiefen germanisch-mythischer Tümpel. Ich ahne bereits: Dieses Piano kündigt an, was uns retten wird.

3:1! Wir haben Rathenow geschlagen! Jetzt ist ALLES möglich ….

Doch dann war da noch diese Brücke. Auf dem Heimweg. Inmitten Rathenows. Der Busfahrer stoppt. Eine Fahrbahn ist gesperrt. Wähnt nun auch the Loneley Driver, besungen von Mando Diao auf ihrem neuen Album mit einer Stimme, die durch und durch geht, aber so was von durch und durch, okay, vielleicht meinten sie doch nicht unseren Busfahrer, wähnt nun auch der den Styx inmitten Brandenburgs und fürchtet, die Brücke könne unter uns zusammenbrechen und die geheiligte Crowd doch noch in die Tiefe der Welt des mephistolischen Fährmanns zerren? Trotz Nöthe? Trotz Budemir?

In der Tat. Er lässt uns alle aussteigen. Mit St. Paulianern als Übergewicht im Bus will er die Brücke nicht passieren. Wir überqueren sie zu Fuß – und geraten wieder in die Zeitschlaufe: Zurück ins Möbiusband von „Lost Highway“.

Als wir wieder einsteigen, schwellen gespenstische Bocksgesänge auf den hinteren Bänken an: „Mit Vrabec in die Championsleague“. Spooky!

Statt in die Zivilisation der Welt des WC spuckt der Bus zum Wasser lassen die mit Bier gefüllten Blasen an zugemüllten Parkstreifen inmitten von, na, was wohl: WALD aus.

Dieser weicht zunehmend Mais-Feldern. Wir ahnen: Inmitten derer sind die Children of the Corn am Wirken. Dort, wo komplett verstrahlte Teenies Orgien feiern in platt getrampelten Lichtungen in Wirrungen des Getreides, dort, wo der Fährmann sich Eishockey-Masken aufgesetzt hat, um uns doch noch … die Baumaschinen warten atemlos in der Nacht.

Und wieder leuchtet sie, diese vermaledeite deutsche Mythologie, wie der Flashback eines schlechten LSD-Trips: Die Türme von Stendal ragen sattsam historisch in den milchig-grauen Abendhimmel.

Wittenberge.

LUDWIGSLUST:

Restaurierte Kleinstadtsehnsucht, gefährlich pittoresk, umgeben von den Baracken und Uberresten des SED-Kultes, dieser Kleinbürger-Hölle, die nicht einmal David Lynch oder Hitchcock je zu inszenieren gewagt hätten aus Angst, dem WAHNSINN zu verfallen. HÖLLE. HÖLLE. HÖLLE!

Stephen Kings ES, in Ludwigslust am Wirken: Der Horror wäre zu unerträglich, um ein Welt-Bestseller zu werden.

Wie raus da, aus dieser Busfahrer-Endlosschleife so unerträglich fernab der Autobahn?

Dieses Klavierintro, das bei Nöthes Kopfball in mir aufstieg wie eine Vorahnung der Rettung, es erklingt erneut in meinem inneren Ohr. Sehe diesen Blick vor mir, den unser Stürmer auf den Fotos, die er bei Facebook immer postet, blickt: In aufkeimenden Intensitäten, so lebensfroh, formen die Klänge sich bis zur Wiederekennbarkeit. Es ist Alicia Keys! „Empire State of Mind II“.

Beginne, es im Kopf umzudichten – konzemtriert, meditativ, durchdrungen von Glauben und Verlangen:

Even if it ain’t all it seems, I got a pocketful of dreams Baby I’m from St. Pauli, Concrete jungle where dreams are made of There’s nothing you can’t do. Now you’re in St. Pauli, These streets will make you feel brand new Big lights will inspire you. Hear it for St. Pauli, St. Pauli, St. Paulihiiiiiiiiiiiii ….“

Beschwörend dichte ich weiter. Die Magie meiner inneren Worte erfüllt den Bus.

„… takes me down to Finkenwerder to the Köhlbrandt Bridge
Someone sleeps tonight with a hunger for more than an empty fridge“

Trotz der politischen Unverschämtheiten der Welt von HARTZ IV: Es wirkt.

ES WIRKT!

Noch bevor ES in Ludwigslust tiefste Alpträume zu unserer Realität werden lassen kann, schwenkt der Busfahrer in Richtung Autobahn.

I’m gonna make it by any means,
I’ve got a pocketful of dreams
Baby I’m on the way to St. Pauli,
Concrete jungle where dreams are made of
There’s nothing you can’t do.
Now you’re in St. Pauli,
These streets will make you feel brand new
Big lights will inspire you.
Hear it for St. Pauli, St. Pauli, St. Paulihiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii ….“

Jetzt geht alles ganz schnell. Alicia Keys sei Dank. Der Fährmann wird uns nicht erwischen. Wir entrinnen Mais und Wald. Das Licht der Stadt leuchtet in der Ferne. Kommt näher. Das Licht erreicht uns. Wir haben das Licht gesehen!!!

Millerntor. Der Dom strahlt uns an. Wir fallen uns in die Arme.

Jetzt, wo wir Rathenow geschlagen haben, ist ALLES möglich!

Gehe heim und summe weiter vor mich hin:


One hand in the air for the big city Street lights, big dreams, all looking pretty, No place in the world that can compare, Put our lights up in the air, everybody say Yeaaaahhh, Yeeaaahh Auf St. Pauli! Concrete jungle where dreams are made of There’s nothing you can’t do!

Now you’re back in Hamburg!

PS: Nein, ich habe nie LSD genommen und hatte auch keinen Flashback 🙂 …

10 Antworten zu “Lost Highway. Oder wie Alicia Keys uns Wald und Mais entriss (Optik Rathenow – FC St. Pauli 1:3)

  1. pauliane August 17, 2014 um 2:33 pm

    So war es…und jetzt ist ALLES möglich 🙂

  2. Pingback: Nach der #fcsp Auswärtsniederlage in Aalen die Erkenntnis: es gibt tatsächlich eine 2. Runde im DFB-Pokal. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  3. heribert_kat.c August 18, 2014 um 9:06 pm

    was für’n schwachsinniger bericht.
    übelste hetze gegen den osten.
    gegen die mauer in euren köpfen.

  4. momorulez August 18, 2014 um 9:21 pm

    😀 – ich erkläre Dir jetzt nicht, dass ich mich genau darüber den ganzen Text hindurch lustig mache: Über die Mauer in meinem Kopf und die Filmbilder, die dazu in eben diesem ablaufen (und zudem auch noch gezielt antike Mythologie, Charon, vermeintlich „germanische“ und Hollywood durcheinander bringend. Selbst Gründgens hatte seine großen Erfolge hier im Schauspielhaus).

    Wäre trotzdem lieber über die Autobahn nach Hause gefahren und mag die Lichter von St. Pauli lieber als Brandenburger Wälder. Die fand ich ECHT gruselig.

    Aber warte mal ab, was mir so alles zu „My own private Niedersachsen“ einfiele :D, zu Hermann Löns und Heide und Moor und Werwolf und Irrlicht und Wiedergängern und Wacholder, zu teuflischen Heidschnucken und dem wahren Horror von Schützenfesten und Heideköniginnen! Und der HARZ erst! Und der DEISTER!

    Jetzt erzähl Du mir aber im Gegenzug, wie Du Dir Stephen Kings ES mit Ludwigslust statt Derry als Schauplatz vorstellen würdest!

  5. goodsoul August 19, 2014 um 9:05 pm

    “My own private Niedersachsen”

    Hehe! Sehr schoen! Das waere doch mal was! Aber meine geliebte Geburtsstadt CELLE muss drin vorkommen. Fand ich damals echt nicht so schlimm. Aber ich habe auch LSD genommen. 😉

    Keep the faith!

  6. momorulez August 19, 2014 um 9:54 pm

    Trage die Vision ja mit mir herum, seitdem ich nach über 20 Jahren noch mal „My own private Idaho“ von Gus van Sant mit dem unglaublichen River Phoenix sah und mich frage, was nun das niedersächsische Äquivalent dazu wäre 😀 – Celle ist mir ja noch nicht mal ganz fremd, mein Vater hat da zu Zeiten seines Referendariats in der Altstadt gewohnt (als es mich noch gar nicht gab). Ist jetzt aber ewig her, dass ich da war – schön isses ja, aber irgendwie auch spooky, so „misstraue der Idylle“-mäßig. Und Richtung Bergen und Manövergebiet wird es dann auch noch gruseliger – auch Munster ist ja so ein Kaff, also, der Freund aus dem Osten da oben soll mal bloß nicht glauben, auf dieser Seite der Geschichte würde irgendwas idyllisiert. Schon gar nicht Lindwedel! Oder Schillerslage! Gifhorn!

  7. goodsoul August 19, 2014 um 10:22 pm

    Oh ja! Die B3 nach Norden (Bergen und Co.) war auch nie mein Ding. Das war eh eine ganz dunle Strasse. Da musste man Richutng Sueden auch immer durch Westercelle. Und da waren die Naziskins!

    Ich sollte mal etwas ueber die B3 schreiben. Um Heribert’s angesprochene Mauer in unseren Koepfen noch groesser zu machen. 🙂

    Die 214 nach Sueden Richtung Nienhagen, Uetze etc zu den Dorfpunks. Das war schon lustiger! Obwohl das Ende der 80ger auch schon komischer wurde.

    However!

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