Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Teile, herrsche, projiziere! Diskurskonfigurationen in der bundesrepublikanischen Aktualität

Ich möchte so gerne wissen, wie die das immer wieder hinbekommen.

Die, die satt und unbefragt in den Zentren der Thematsierungsmaschinerien sitzen und Gruppen Anderer exkludieren, um an sie Unbill zu delegieren und es auf sie zu projizieren – im nächsten Schritt hetzen sie sie gegeneinander auf. Was oft genug gelingt. Und immer wieder neu stabilisieren so die Unbefragten ihre Macht.

Muslimische Facebook-Bekanntschaften fragten jüngst,

wo denn der Aufschrei bliebe, wenn Anschläge auf Moscheen in Deutschland verübt werden. Zu recht! Er erschien mir im Falle antisemitischer Ausfälle und Attacken zumindest im Rauschen der Mainstreammedien auch lauter, aber nicht minder berechtigt. Mich packte da auch Entsetzen, und die Abwiegelungsversuche von Wolfgang Benz und Tagesspiegel sind auch nur das Zelebrieren der rein gewaschenen Kartoffelgüte.

Und all die sich als „volksdeutsch“ Verstehenden mit Faschismushintergrund (ja, den hab ich auch) lehnen sich entspannt zurück, weil sie so tun, als ginge es vor allem um „Juden versus Muslime“. In Deutschland. Ausgerechnet in Deutschland.

Im Zuge all der Auseinandersetzungen mit Hamas und ISIS bei den einen, mit Teilen der israelischen Politikerintentionen bei den anderen die eigene, genozidale Geschichte aus dem Scheinwerfer gerückt zu haben, hach, das tut immer wieder soooo gut!

Problemlos finden Mythen, Fälschungen und Propaganda rund um um das Leben Mohammeds zum Beispiel Eingang in Agitationen im Hier & Jetzt, wenn es darum geht, Andere herab zu würdigen. Was hier gerade mal ein paar Jahrzehnte zurück liegt, hat freilich allenfalls dann prägende Kraft, wenn es darum geht, Dritte zu degradieren, weil DIE DA ja die wahren Nazis seien!

Auch indirekt funktionieren diese in Jahrhunderten denkenden Deutungsschemata, wenn z.B. eine im Iran agierende, brandaktuelle absolute Horror-Bewegung indirekt zurück ins 7. Jahrhundert projiziert wird bei Jan Fleischauer – ohne neuzeitliche Bewegungen wie die Puritaner zu erwähnen – ; noch die brutal zugerichteten Leichen der Opfer instrumentalisiert der Herr, um die eigene „Fortschrittsgeschichte“ erzählen können, und fast wie die Verhöhnung eigener Gedanken doziert er ergänzend über das verlorene Wissen evangelischer Führungsfrauen um – ausgerechnet – den Teufel. Nee, verlinke ich nicht.

Wieder andere wähnen im Dilirium, Montags demonstrierend, Rothschild und FED als maßgebliche Kräfte hinter Weltkrieg und Holocaust.

Muslimische Facebook-Freundinnen fassen es einfach nicht, dass nun ausgerechnet die Völkermord-Weltrekordhalter es immer wieder schaffen, vor Dünkel triefend eigene Geschichte überall anders, nur hier nicht am Wirken zu sehen.

Drastisch wird es immer, wenn irgendwo „Kinder“ geschrieben wird. Die Armen, kaum auf der Welt, kommen Erwachsene daher und instrumentalisieren sie. Nachdem jahrzehntelang die Propaganda über die „pädophilen Schwulen“ die Welt in Atem hielt, ist nun in Kommentarspalten der antisemitische Mob dabei, eben dies auf das „verjudete Hollywood“ zu projizieren. Und das auch noch anlässlich des Todes, Rest in Peace!, von Robin Williams. Ebenso wie Fleischauer ist das unverlinkbar. Nachdem die Ritualmordlegenden des traditionellen Antijudaismus nur noch variiert in die Welt posaunt werden, ist nunmehr die Unterstellung der Pädophilie als gewissermaßen letztes Mittel en vogue.

Als Schwuler kennt man das und weiß auch, von wem es ausgeht: Den „Keimzellen“-Verfechtern. Also jenen, die eine Lebensform proklamieren und ggf. auch leben, in der nachweislich am häufigsten und am nachhaltigsten psychisch wirksam Töchter von Vätern, Onkels und Bekannten befingert werden. Darauf weisen Überlebendenverbände regelmäßig hin. Das Wort „Missbrauch“ finde ich hier völlig verfehlt; wirkt es doch so, als gäbe es in dieser Hinsicht Gebrauchsformen. Hier findet zwar kein „Teile & Herrsche“ statt, das Schema der „pathischen Projektion“ (Horkheimer/Adorno) bleibt gleich. Zudem man sich um die Mädchen deutlich weniger sorgt als um die Jungs, by the way.

Diese Spaltung, um Hass unter Dritten zu säen, geschieht stattdessen in schöner Regelmäßigkeit, geht es darum, LGBT-People und PoC gegeneinander auszuspielen. Und ganz viele entzürnte Schwule lassen sich da auch noch durch den Kakao ziehen und machen hassend mit.

Plötzlich werden, wo es nützlich ist, Agitatoren gegen die rechtliche Gleichstellung und Verhinderungsstrategen da, wo es um die Entschädigung von KZ-Opfern und jenen der bundesrepublikanischen Opfer des Paragraph 175 geht, zu vehementen Kämpfern für LGBTQ-Rechte, bricht der Eifer aus, Dritte als „rückständig“ zu behaupten.

Nicht minder gruselig die weißdeutschen Apologeten eines völlig verzerrten, vermeintlich „antikolonialen“ Diskurses, wie laut queer.de in der Linkspartei NRW aktiv. Das sind nicht zufällig solche, die sich oft auch den Staat Israel strukturell als Eindringen von Juden in naturgemäße Terrains des „arabischen Volkskörpers“ imaginieren, eine völkische Projektion.

Die haben die Debatten um den „Homonationalismus“ und „Pinkwashing“-Diskurs sich so hingedreht, glaubt man den Quellen, dass ihre heteronormative Ordnung auch ja stabil bleibt und sie ins Horn von US-Evangelikalen finanzierten Agitatoren in afrikanischen Staaten stoßen. Damit folgen sie wohl implizit der realhistorischen linken Tradition der „Dekadenz- und Degenerationskritik“. Völlig ignorierend, dass nun gerade der arabische und persische Raum Traditionen der Lust und Liebe zumindest zwischen Männern kennt, von denen das nordostamerikanische „Two Spirits“ den Hunden zum Fraß vorwerfende, „christliche Abendland“ nur träumen kann, drehen sie mutmaßlich die These, dass „Homosexualität als identitäres Konzept“ eine Erfindung der Europäischen Psychiatrie des 20. Jahrhunderts sei, sich so hin, dass queere Selbstverständnisse als per se rassistisch gedeutet werden – wie üblich nicht nur Stimmen wie z.B. den ISD oder Noah Sow komplett ignorierend. Ebenso erfolgt keine Kenntnisnahme der jüngst veröffentlichten Studie, dass 18% der männlichen, iranischen Jugendlichen sich als schwul verstehen. Das kann man nun den Katholizismus kopierenden Mullahs folgend als „Verwestlichung“ behaupten, historisch ist das Quatsch. Und deutschiranische Kumpel wussten schon immer Spannendes aus der Schwulenszene Teherans zu berichten.

„Homonationalismus“ meint nicht etwa, dass Nationalismus eine schwule Erfindung sei, sondern eben genau jene Rhetorik, dass nun LGBT-Rechte zur Legitimation rassistischer Praktiken herhalten müssen, indem Homophobie kontrafaktisch kulturalisiert und ethnisiert wird zum einen. Zum anderen eine staatstragende Assimilierung insbesondere Schwuler an heteronormative Verhältnisse und eine Stahlhelm tragende Identifizierung derselben mit Kulturnationalismus kopierenden Konstrukten wie „Der Westen“. In einem ähnlichen Paradigma bewegt sich der Vorwurf des „Pinkwashing“. Sehr grob vereinfacht. Das ist definitiv kein Appell gegen LGBTQ-Lebens- und Liebesformen.

Dass das freilich angesichts unterschwelliger Homophobie allerorten noch da, wo „Toleranz“ beschworen wird, im Sinne der Verschlagwortung nach hinten los gehen kann, passt man nicht ein wenig auf, das habe ich ja immer schon befürchtet beim „Homonationalismus“-Diskurs. Wieder können simpel Mehrheitsgesellschaftler so tun, als wären DIE DA das wahre Übel.

Das enthebt freilich insbesondere weiße Schwule nicht der Aufgabe, die mir bekannten lesbischen und queer-feministischen Diskurse sind da erheblich weiter, verschärft Selbstreflektion zu betreiben, wo sie instrumentalisiert werden – was für als sich muslimisch und jüdisch Verstehende ja nicht anders gilt und auch statt findet. Bei ersteren nehme ich das in meiner selektiv gelesenen Filter-Bubble stärker wahr.

Letztlich haben nämlich alle das gleiche Problem hierzulande: Sie werden je nach Interessenlage sich wahlweise säkular oder christlich definierender, heterosexueller Kartoffeln wie die Schachfiguren auf Diskursfeldern hin- und hergeschoben und kriegen noch allesamt derbe auf die Nase, feiern sie nicht fortwährend die ach so rein gewaschene, postnazistische Güte der Mehrheitsgesellschaftler.

Damit diese ihre eigene Perspektive auch ja nicht befragen müssen und gemütlich Reserven für Hass-Attacken aufbauen können.

PS: Ich habe ausnahmsweise feministische Perspektive und die Genderfrage nicht mit diskutiert und bitte dafür um Entschuldigung. Die gehört da ebenso mit rein; es wäre mir nur für einen Blog-Eintrag zu komplex geworden. Kritik diesbezüglich würde aber zu recht erhoben.

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16 Antworten zu “Teile, herrsche, projiziere! Diskurskonfigurationen in der bundesrepublikanischen Aktualität

  1. Vegan Queer August 13, 2014 um 10:53 pm

    Ich bin eben auf diesen Blog aufmerksam geworden und möchte ein großes Kompliment aussprechen. Der obige Text ist eine sehr gute Zusammenfassung, die ich teile, und der ich nur wenig hinzufügen kann. Viele eigene Gedanken spiegeln sich darin wieder. Die gegenwärtige Fixierung vieler Medien und auch vieler vermeintlich linker Antideutscher auf den angeblich speziell unter Muslimen grassierenden Antisemitismus ist eine gigantische Projektionsleistung. Zumal ja gerade der Philosemitismus der Antideutschen im Grunde nur die antisemitischen Stereotype aufgegriffen und positiv umbewertet hat, quasi als eine Art Reaktionsbildung auf den internalisierten Antisemitismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Das ist das gleiche Prinzip wie beim Positivrassismus, denn die Stereotype als solche werden ja nicht aufgegeben. Meiner Ansicht nach stimmt übrigens auch das Argument, dass die Deutschen die Palästinenser bzw. die hier lebenden Muslime, die sich manchmal kulturell bedingt mit den Palästinensern identifizieren, für ihre eigene Geschichte leiden lassen. Nicht weil ich jetzt die antisemitische Rhetorik von Ahmadinedschad bedienen wollte, und Antizionismus ist mir genauso zuwider wie Dir. Aber wenn sich deutsche Muslime darüber beschweren, dass deutsche Intellektuelle im Nahostkonflikt aus historischen Gründen einseitige und antisemitisch motivierte Israelkritik zwar zurecht ächten, einseitige und islamophob motivierte Kritik an den Palästinensern als vermeintlich antisemitischem Einheitskollektiv aber viel harmloser finden, dann ist das genauso eine indirekte Folge einer fehlgeschlagenen Aufarbeitung des Holocaust wie die von Dir angesprochene Tendenz, Anschläge auf Synagogen irgendwie viel schlimmer zu finden als Anschläge auf Moscheen. Und bei aller berechtigten Kritik an der Montagsdemo-Querfront muss sich auch Jutta Ditfurth hier den Vorwurf gefallen lassen, dass sie auf den von ihr betriebenen Seiten Antisemiten zwar konsequent rausschmeißt, gegenüber islamophoben Entgleisungen aber weitaus toleranter ist und z.B. auf Facebook sogar Seiten verlinkt, auf denen regelmäßig islamophobe Beiträge gepostet werden, was deren meist antideutsche Betreiber/-innen natürlich weit von sich weisen. Bei aller wichtigen Kritik und Aufklärung haben nicht wenige Querfront-Kritiker/-innen da nämlich mitunter ihr ganz eigenes Querfront-Problem, nur wurde das von den meisten Linken großzügig und konsequent ignoriert. Im Wesentlichen zeichnet sich da dasselbe ab wie allgemein in der Nahostdebatte, auf deren Protagonisten bzw. beteiligten Gruppen ja diverse Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit projiziert werden, um die rassistische deutsche Mehrheitskultur zu entlasten.

    Dann noch was zu Deinen Ausführungen über homophobe Stereotype: Manchmal vermisse ich – selbst schwul – bei den (verständlichen) Distanzierungen anderer LGBT’s von Pädophilen den Hinweis darauf, dass auch die sich ihre Neigung nicht ausgesucht haben. (Wobei ich diesen Hinweis nicht nur bei LGBT’s vermisse, sondern allgemein auch bei anderen Linken. Oder allgemein bei anderen, aber bei Linken ärgert es mich besonders, weil ich von denen da mehr erwarte.) Der geringste Anteil des sexuellen Missbrauchs geht auf Pädophile im klinischen Sinne zurück, und viele Pädophile leiden ausschließlich selbst unter ihrem Begehren, haben niemals einem Kind irgendetwas angetan, schämen sich aber extrem und begehen vereinsamt irgendwann Selbstmord, weil sich selbst etliche Psychologen und Psychiater weigern, sie zu behandeln, wenn sie sich von sich aus verantwortungsvollerweise Hilfe suchen, weil sie kein Kind missbrauchen wolllen. Das ist gleich aus mehreren Gründen unmenschlich, nicht zuletzt aber auch deshalb, weil dadurch eine wichtige Chance vertan wird, sexuellen Missbrauch präventiv zu verhindern. Und es wird von den Medien totgeschwiegen, weil Pädophile in ihrer Gesamtheit, v.a. nicht straffällige, hier auch stellvertretend als Sündenböcke fungieren für überwiegend heterosexuelle und sexuell primär auf Erwachsene ausgerichtete Familienväter oder Menschen, die Kinder als „Ersatzobjekte“ zur sexuellen Befrieidigung missbrauchen, weil sie es mit Erwachsenen nicht aufnehmen können, aber eben nicht, weil sie wie echte Pädopohile an sich sexuell primär auf Kinder fixiert wären.

    Großteile der Linken sind gegenwärtig leider allzu bemüht, mit den Scherben aufzuräumen, die die Forderungen einiger 68er und Grüner nach der Legalisierung vermeintlich „freiwilliger“ sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern hinterlassen haben, um erkennen zu können oder zu wollen, dass das alles nichts an der wissenschaftlich belegten Tatsache ändert, dass die meisten pädophil veranlagten Menschen ausschließlich selbst unter ihrer Neigung leiden, niemals ein Kind anrühren, aber einsam, beschämt und isoliert leben in einer Gesellschaft, die mit der Unterscheidung zwischen (nicht willkürlich kontrollierbarer) Neigung und (willkürlich steuerbarer) Tat offenbar überfordert ist. Und die selbst Opfer sexueller Gewalt als Täter betrachtet, wenn sie ohne ihr eigenes willentliches Zutun ihr Trauma auf eine Weise verarbeitet haben, das sie zu ihrem eigenen Entsetzen Kinder sexuell begehren lässt. Die breite Masse weiß darüber aber auch einfach zu wenig und reproduziert einfach die Stereotype, die die Medien verbreiten.

    Auch auf die Gefahr hin, jetzt von anderen verbal gesteinigt zu werden: Ich habe als Schwuler vor meinem Coming-Out selbst erlebt, wie es sich anfühlt, wenn sich ein sexuelles Begehren in einem entwickelt, das man selbst nicht beeinflussen kann, und vor dem man sich selbst fürchtet. Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der die Gleichsetzung von Schwulen mit Kinderschändern noch sehr üblich war. Aber gerade das hat mich sensibilisiert für das Leiden jener, die auch heute noch zu Unrecht bzw. aus Mangel an Differenzierung mit Sexualstraftätern in einen Topf geworfen werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich irgendwie die Absicht hätte, die Grenzen zwischen gesundem und krankhaftem sexuellem Begehren zu verwischen. Die könnten hier auch kaum eindeutiger verlaufen, sind aber für die Argumentation nicht ausschlaggebend und auch nicht dafür, dass es unmenschlich ist, Menschen für Dinge zu verurteilen, auf die sie selbst keinen willentlichen Einfluss ausüben können: nämlich auf ihr sexuelles Begehren. Und nur da besteht dann tatsächlich eine Parallele. Denn dass sexuelle Übergriffe verachtenswert sind, ist sowieso klar, aber genauso klar ist, dass sich sexuelle Empfindungen nicht willentlich kontrollieren lassen, und dass Moral Entscheidungsfreiheit voraussetzt. Darüber sollte m.E. auch mal diskutiert werden.

  2. momorulez August 13, 2014 um 11:35 pm

    Ich danke Dir für Deinen differenzierten Kommentar; auch die abschließenden Bemerkungen. Das ist auch kein Grund zur Steinigung.

    Ich bin da einfach nicht so wahnsinnig informiert; aber auch mir ist zu Ohren gekommen, dass ähnlich wie bei Thema Vergewaltigung der Machtaspekt beim tatsächlichen sich vollziehenden „Missbrauch“, wieso Anführungszeichen, siehe oben, dominant ist, schreibst Du ja auch, und Tatort ist zumeist die heterosexuelle Kleinfamilie – während die, die eben die von Dir skizzierten Neigungen haben, eher damit hadern, kämpfen, Therapien aufsuchen und gar nicht unbedingt zur Praxis übergehen und mit ihren Therapeuten, wenn sie welche finden, das auch als Ziel einvernehmlich anpeilen und vereinbaren… ich fasse nur zusammen, was Du auch schon völlig richtig geschrieben hast, und bin ganz bei Dir, das auch zu betonen. Ich habe da auch Interviews mit Therapeuten gelesen, die das exakt so schilderten und das Problem in der Verteufelung nie Handelnder sahen, die sich so auch nicht mehr in Therapien trauten.

    Zu der Geschichte der Linken ist ergänzend zu sagen, dass es da eben auch Bestrebungen gab, schlicht ein zwang- und tabufreies Verhältnis zum eigenen Körper Kindern zu ermöglichen, bei Günther Amendt zum Beispiel, und dass manches dessen, was Du schilderst, auch in solche Sichtweisen hinein projiziert wurde, ohne dass da der Unsinn von freiwilligen und einvernehmlichen Handlungsmöglichkeiten kolportiert wurde.

    Dass die Asymmetrie in der Machtkonstellation unaufhebbar ist mit allen für Betroffene, eben die Kinder, psychisch grausamen Konsequenzen, ist freilich Grund meiner doch deutlichen Distanzierung und wird von Überlebendenverbänden auch eindrucksvoll geschildert, und da habe ich schlicht das Bedürfnis, es noch einmal zu betonen. Weil die Opfer halt ebenso so wichtig sind – zumeist die heterosexueller Männer.

  3. Vegan Queer August 14, 2014 um 1:36 am

    Danke für Deine Antwort. Dass das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern unaufhebbar ist und die psychischen Konsequenzen sexueller Übergriffe, auch vermeintlich „gewaltfreier“ (bei vermeintlicher Einwilligung aufgrund fehlender Einsichtsfähigkeit des Kindes), sehr grausam sind, war für mich selbsterklärend; daher hatte ich es nicht noch einmal ausdrücklich hervorgehoben. Trotzdem kann man das eigentlich nicht oft genug betonen, da hast Du Recht. Die Kinder begreifen ja oft erst sehr viel später, was da überhaupt mit ihnen geschehen ist und wie und wofür ihre Unwissenheit ausgenutzt wurde. Zum Glück scheint die Infragestellung dieser Tatsachen aber heute keine große Rolle mehr zu spielen. In den „68ern“ spielten da auch viele andere kulturelle Einflüsse und Missverständnisse mit hinein, z.B. neben falsch verstandenem Minderheitenschutz (in Bezug auf die Rechte Pädophiler) auch die Auffassung, dass die Tabuisierung sexueller Handlungen von Erwachsenen an Kindern ein Ausdruck reaktionärer bürgerlicher Moralvorstellungen sei, die es zu überwinden gälte. Das hat sich bei den Grünen leider bis in die 80er gehalten. Dabei sollten gerade die Interessen hilfloser und wehrloser Mitglieder der Gesellschaft (Kinder) den Bedürfnissen Erwachsener geopfert werden. Insofern fällt es mir auch schwer, solche Forderungen politisch als „links“ zu begreifen. Es zeigt aber, wie ich finde, dass man immer auch kritisch sein muss, wenn man mit vermeintlich progressiven Positionen konfrontiert wird, denn manche davon entpuppen sich beim Blick hinter die Oberfläche als menschenverachtend und rückwärtsgewandt. Auch mit der Aufklärung und der Antidiskriminierung wird eben bisweilen „Etikettenschwindel“ betrieben: Das zeigt sich ja dann auch darin, dass viele deutsche Nicht-Muslime es für einen Ausdruck ihres Engagements gegen Diskriminierung und Unterdrückung halten, wenn sie Muslime als kollektiv rückschrittlich darstellen und ihre eigenen antisemitischen, homophoben und sexistischen Tendenzen bei einer leicht diskrimnierbaren Fremdgruppe bekämpfen, um sich im Gegenzug aufgewertet zu fühlen. Manch eine(r) scheint da vergessen zu haben, dass z.B. Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland noch bis in die 1990er Jahre legal war und auch der §175 erst in den 90ern gestrichen wurde. Und der Holocaust als Grundlage für die Projektion von Antisemitismus ist auch mehr als offensichtlich. Wobei Projektion hier ja nicht meint, dass es solche Tendenzen nicht auch unter manchen Muslimen gäbe, aber sich derart obsessiv darauf zu konzentrieren, um vermeintliche Unterschiede zur Eigengruppe hervorzuheben, macht einfach sehr deutlich, welche Motive sich tatsächlich dahinter verbergen. Da diese Motive aber in vielen Fällen unbewusst sind, kommt man da leider nur schwer gegen an.

  4. momorulez August 14, 2014 um 8:18 am

    Die antimuslimischen Tendenzen bei hier lebenden, jüdischen (und sich auch so Verstehenden) kann man nun auch nicht unter den Tisch fallen lassen, nur dass das dann auch wieder problematisch ist, da nun ausgerechnet als Kartoffel drauf zu verweisen – und es mir aktuell so schien, dass bei sehr vielen auf beiden Seiten das Bewußtsein des gegeneinander aufgehetzt werdens sehr viel deutlicher sich artikulierte als noch Mitte der Nuller-Jahre.

  5. Mrs. Mop August 14, 2014 um 10:28 am

    @Vegan Queer

    Vielen Dank für diese Fülle an anregenden, teils ‚out of the box‘ gedachten Gedanken. Selbst bei der dritten Lektüre Deiner Kommentare verliere ich mich immer noch in nicht-endenwollendem Nachdenken, so vieles wird da während des Lesens bei mir ausgelöst.

    Zu Deinem ersten Kommentar bzw. was du dort über „Pädophilie im klinischen Sinne‘ schreibst: Es ist so unglaublich bigott, auf der einen Seite pädophil veranlagte(!) Menschen zur am meisten geächteten gesellschaftlichen Randgruppe zu dämonisieren, andererseits denjenigen unter ihnen, die professionelle Hilfe suchen – speziell jenen, wie Du schreibst, mit großem Leidens- und Schamdruck, die eher mit dem Gedanken an Suizid als an eine de-facto-Annäherung an ein Kind spielen – diese Hilfe zu versagen bzw. den Zugang dazu so schwer wie möglich zu machen.

    Es gab vor ein paar Tagen ein sehr lesenswertes mutiges Feature in einem amerikanischen Onlinemagazin über Jugendliche mit pädophilen Neigungen,“You‘re 16. You‘re a Pedophile. You don‘t want to hurt anyone. What do you do now?“ Der Autor hat sich mit vielen dieser (explizit „non-offending“) hilfesuchenden Jugendlichen getroffen und sie ausführlich interviewt. Niederschmetterndes Resultat: Es gibt keine Hilfe in Gestalt therapeutischer Intervention bzw. Prävention. Es ist, als ob die um Hilfe ersuchte Gesellschaft jegliche therapeutische Maßnahmen ablehnt mit der Logik: ‚Werd erst mal erwachsen und vergewaltige ein Kind und dann kommst du in die Mühlen der Kriminaljustiz und dann endlich wissen wir, wie wir mit dir umzugehen haben.‘ Also erst dann, wenn der Schaden, der Missbrauch, die Vergewaltigung bereits erfolgt ist. Erbärmlich.

    Übrigens wurde das Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft unter der Leitung von Volkmar Sigusch, „nicht nur eine weltweit anerkannte, einzigartige Brutstätte der Theorie, Heimat einer reflektierten kritischen Sexualwissenschaft, sondern mit seiner sexualmedizinischen Ambulanz auch oft nach langer Irrfahrt letzte Zuflucht vieler leidender Menschen“, im Jahr 2010 geschlossen. Begründung damals: kein nachzuweisender Bedarf. Und das, wo in der sexualmedizinischen Ambulanz des Institutes über Jahre hinweg viele pädophile Menschen intensiv therapeutisch betreut worden waren. „In Frankfurt wurde eine Chance vernichtet.“ Kein Bedarf, hieß es. Wir haben ja eine Strafjustiz, das muss reichen. Erbärmlich. Bigott. Zum Schämen.

  6. momorulez August 14, 2014 um 10:51 am

    Über die Schließung des Sigusch-Institutes habe ich mich damals auch wahnsinnig aufgeregt – hier in HH lehrte ja mit Günther Schmidt die zweite Choriphäe und vor allem wie Sigusch auch einer, der in der Lage war, mit Foucault die Geschichte des eigenes Fachs als hochproblematisch zu begreifen. Mit seiner Trinität von der Indiviualgeschichte von Geschlechtsidentität (im sozialen Sinne), Bedüfnis- und Beziehungsgeschichte hat der eh ein fernab jeder blödsinnigen Triebtheorie verortetes Modell entwickelt als der ganze naturalisierte Quatsch aus der Keimzellen-Ecke. Das auch ein Thema wie Macht und Sexualität hochdifferenziert angeht, gerade, um die oben skizzierten Differenzen, die auch in Vergewaltigunsdiskussionen, wo es eben NICHT um „Triebabfuhr“ geht, viel präziser zu führen erlaubt. Das alles lieber gar nicht mehr zu thematisieren, da scheint es ein gesellschaftliches Interesse zu geben.

  7. Mrs. Mop August 14, 2014 um 11:51 am

    Ja, Gunther Schmidt, ich entsinne mich dunkel, der hat mal vor langer Zeit fulminant abgerechnet mit der „triebhydraulischen Sexualitätstheorie“ (so nannte er das, glaube ich), die nach Art eines Dampfkesselmodells funktioniere mit Überdruck mal hier, Unterdruck mal da, weshalb ein paar gut plazierte „Ventile“ für sexuellen Druckausgleich sorgten und alles komme ins Lot. Ähnlich augenöffnend wie vieles von Sigusch Geschriebene. War damals eine Art Erweckungslektüre für mich.

  8. Vegan Queer August 14, 2014 um 12:49 pm

    Da gibt es auf beiden Seiten natürlich auch Leute, die sich instrumentalisieren lassen, wie in jeder Gruppe. Und ich denke, wenn man das in einem unmissverständlich emanzipativen Kontext äußert und klarmacht, dass das Hauptproblem in der Merheitsgesellschaft besteht, übrigens auch bei Leuten, die ihre extrem einseitige Solidarität mit einer der beiden „Parteien“ im Nahostkonflikt mit antisemitischen oder islamophoben Argumenten zu legitimieren versuchen, bewusst oder unbewusst, dann sollte man das m.E. auch als Kartoffel ansprechen können. Die Lösung kann ja nun auch nicht darin bestehen, dass man zu Antisemitismus oder Rassismus schweigt. Es geht für mich immer darum, wie und in welchem Kontext die Kritik geäußert wird, und aus welchen Motiven heraus. Geht es um Aufklärung und Emanzipation, oder um Ablenkung im Sinne von Binnengruppenaufwertung und Fremdgruppenabwertung? Da die Motive aber häufig unbewusst sind, gibt es einfach keine rundum befriedigende Lösung für dieses Dilemma. Ich habe mich da auch mal aus dem Fenster gelehnt, indem ich in einem Forum sehr vorsichtig und mit aller Mühe um Differenzierung darauf hingewiesen hatte, dass es nicht nur als Antirassismus getarnten Antisemitismus gibt, sondern auch als „Anti-Antisemitismus“ getarnte Islamophobie, gerade wegen der Polarisierung im Nahostkonflikt. Und als ich energisch gegen eindeutig vulgär-rassistische, islamophobe Äußerungen eines anderen Forenmitglieds protestiert hatte, wurde mir von eben dieser Person, deren Argumentation stark an die auf PI kolportierte erinnerte, eben deshalb (und wirklich nur deshalb) Antisemitismus vorgeworfen, weil man in deren Logik Isrealis und Juden diskriminiert, wenn man nicht alle Palästinenser geschlossen für Antisemiten hält oder sich weigert, den Islam als antisemitisch zu bezeichnen. Will sagen: Selbst die oft wiederholte und ohne Frage gut gemeinte Behauptung vieler Linker, absolut niemand in Deutschland würde den Antisemitismusvorwurf instrumentalisieren, stimmt in dieser sehr verallgemeinernden Form so leider auch nicht. Auch wenn man dazu als Kartoffel vielleicht wirklich besser schweigen sollte (?) Gleiches gilt aber natürlich ebenso für den Rassismusvorwurf gegenüber Leuten, denen das Existenzrecht Israels nicht egal ist. Die Lage in Nahost ist polarisiert genug, und gerade die Mehrheitsgesellschaft projiziert genügend gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gleich welcher Couleur dort hinein, dass es m.E. sehr naiv wäre anzunehmen, dass Antisemiten auf der einen und Rassisten auf der anderen Seite es nicht auch verstehen würden, jeweils einen dieser beiden Vorwürfe zu instrumentalisieren, um ihre eigene gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu „legitimieren“ bzw., falls sie unbewusst ist, nicht reflektieren zu müssen. Denn die geht ja mit entsprechend einseitigen Positionierungen im Nahostkonflikt einher, die dann wiederum zum Ausgangspunkt für die Bewertung vermeintlicher Neutralität gemacht werden. Das mag die Argumentation sehr schwierig machen, denn dummerweise eignet sich ja nun gerade auch der Hinweis darauf, dass solche Vorwürfe hin und wieder auch tatsächlich instrumentalisiert werden mögen, hervorragend zur Demagogie, wenn er nur pauschal genug formuliert wird, und das ist mir dramatischerweise auch vollkommen bewusst. Und selbst wenn man das nicht tut und sich so differenziert wie nur möglich ausdrückt, kann man niemals ausschließen, dass man auch Zustimmung von Leuten bekommen kann, auf deren Zuspruch man lieber verzichtet hätte. Man kann nur versuchen, dem so gut wie möglich argumentativ vorzubeugen.

    Aber die Verfahrenheit dieser gesamten Debatte ist die traurige Realität, und ich glaube auch nicht, dass man die irgendwie besser macht, wenn man nun ausgerechnet die unsägliche Art und Weise, in der die Nahost-Debatte gerade unter Linken mitunter geführt wird, aus lauter Angst vor falschem Applaus gar nicht mehr zum Gegenstand der Kritik macht, nur weil man als Deutscher da verständlicherweise Hemmungen hat. Antideutsche und Antiimps tragen diese idiotischen Grabenkämpfe seit Jahrzehnten sowohl untereinander, als auch mit wirklich weitgehend neutralen Personen aus, die sie aus ihrer jeweils einseitigen Perspektive heraus natürlich ebenfalls für einseitig und diskriminierend halten müssen, weil alles andere ja erfordern würde, die Einseitigkeit der jeweils eigenen Position zu reflektieren. Und zu allem Überfluss hält sich natürlich auch fast jede(r), die/der sich dazu eine Meinung leistet, selbst schon automatisch für ausgewogen, sei es nun am Stammtisch oder auch in der Presse. Das Drama daran ist nur, dass die Mehrheitsgesellschaft versucht, Minderheiten gegeneinander auszuspielen, und dass diese Strategie natürlich immer auch bei einigen aufgeht. Vor allem geht sie aber in der Mehrheitsgesellschaft selbst auf, bei Leuten, hinter deren extrem einseitiger Solidarisierungswut sich oft auch vermeintlich „politisch korrekt“ sublimierter Rassismus oder Antisemitismus verbirgt. Denn die Mehrheitsgesellschaft profitiert davon selbst in jeder Hinsicht. Das Problem in Deutschland ist nur, dass die öffentlich in den Medien geführte Debatte (abseits von den Stammtischen) aus historischen Gründen nur in der einen, kaum aber in der anderen Richtung ein halbwegs reflektiertes Problembewusstsein erkennen lässt. Islamophobie mag vielleicht am Rande auch in den Medien noch hin und wieder thematisiert werden. Aber spätestens dann, wenn es darum geht zu begreifen, dass die politisch pseudokorrekte Tarnung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Nahost-Konflikt nicht nur in der einen Richtung erfolgreich praktiziert wird, sollte man bei der deutschen Presse nicht auf allzuviel Einsicht hoffen. Womit ich nicht sagen möchte, dass ich die Art und Weise, wie auf kaschierten sekundären Antisemitismus reagiert wird, immer entschlossen genug finde, aber zumindest kann man hier (anders als bei der Islamophobie) nicht behaupten, dass es in den Medien praktisch gar kein Problembewusstsein dazu gibt.

  9. Vegan Queer August 14, 2014 um 1:32 pm

    @ Momorulez:

    Mein letzter Kommentar bezog sich natürlich auf Deine Anmerkungen dazu, dass es auch unter Jüdinnen und Juden Islamophobie gibt. Das ist natürlich genauso wahr wie die andere Konstellation, und trotzdem hat das Hauptproblem in beiderlei Hinsicht die Mehrheitsgesellschaft, wobei ich Dein Statement im Kontext des Haupttextes aber auch nicht anders interpretiert habe.

    @ Mrs. Mop: Danke für Deine weiteren wertvollen Gedanken dazu. Ich finde es auch beschämend, dass das Interesse, Pädophile zu verachten, in der Bevölkerung ja offensichtlich größer ist als das Interesse, sexuelle Übergriffe zu verhindern. Das lässt auch irgendwie tief blicken, wenn das Bedürfnis nach Menschen, die man als abartig und pervers verachten kann, anscheinend größer ist als das Mitgefühl mit den Opfern sexueller Gewalt und das Bedürfnis, sie wirksam zu schützen. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass sich TV-Formate wie das Supertalent größter Beliebtheit erfreu(t)en, in denen u.a. zehn- bis elfjährige Mädchen sexualisiert aufgebrezelt wurden. Was aber natürlich nicht im Kontext mit Pädophilie, ob nun latent oder manifest, diskutiert wird. Ich glaube, da wird weitaus mehr sublimiert und Selbsthass projiziert als vielen bewusst ist, zumal es da jenseits der klinischen Diagnose ja auch Grauzonen gibt und außerdem im Alltagssprachgebrauch vieler Konservativer der Begriff „Pädophilie“ auch noch sehr weit gefasst „definiert“ wird. Bis hin zu Menschen, die ältere Jugendliche, die dem Schutzalter schon weit entwachsen sind, auch nur irgendwie attraktiv oder ästhetisch finden.

  10. momorulez August 14, 2014 um 6:49 pm

    @Vegan Queer:

    „Aber die Verfahrenheit dieser gesamten Debatte ist die traurige Realität, und ich glaube auch nicht, dass man die irgendwie besser macht, wenn man nun ausgerechnet die unsägliche Art und Weise, in der die Nahost-Debatte gerade unter Linken mitunter geführt wird, aus lauter Angst vor falschem Applaus gar nicht mehr zum Gegenstand der Kritik macht, nur weil man als Deutscher da verständlicherweise Hemmungen hat.“

    Puh. Ich glaube, das bei allem, was sich rund um Israel abspielt, die Welt groß genug genug ist und genug kompetente Memschen überall herum laufen, als dass nun ausgerechnet die Nazinachfahren, die eh schon immer alles besser wissen und sich zu allem eine Meinung zutrauen, nun auch noch ihren Senf dazu geben müssen. Ich ziehe mich da immer lieber auf eine prinzipielle Israel-Solidarität zurück und lausche ansonsten Leuten, due sich besser auskennen.

    Und ansonsten ist doch viel wichtiger, dieses absurde Denken in irgendwelchen konstruierten Blöcken aufzulösen und deutlichst zu unterscheiden z.B. zwischen Muslimen in Deutschland, jenen in Gaza, jene in Israel und jene im Irak und da alle Binnendifferenzen an den Anfang zu stellen, wozu auch die „Muslimifizierung“ durch Kartoffeln gehört, die vielen komplett auf die Nerven fällt.

    Da immer so eine Gesamtkausalität, gründend in „dem Islam“ anzunehmen, das ist doch einfach falsch. Zudem im Irak das Verhältnis Schiiten und Sunniten auch eine große Role spielt.

    Man kann Antisemitismus unter deutschen Muslimen da, wo er wirklich vorkommt, auch als „Integrationsleistung“ lesen. Das ist doch eine völlig andere Voraussetzung, Sichtweisen zu entwickeln, als wenn man vor Ort noch Arafat erlebt hat oder Freunde von der israelischen Armee ungebracht wurden oder man einfach keinen Bock mehr drauf hat, dass Hardliner auf beiden Seiten ganze Bevölkerungen in Geiselhaft nehmen oder auf was und wen man da nun auch immer Bezug nehmen will.

    Antisemtismus oder auch nicht entwickelt sich doch in Neukölln oder Worpswede unter völlig anderen Bedingungen bei Muslimen wie bei Kartoffeln auch.

    Und die oben hinein gemengte ISIS ist noch mal ein ganz anderes Phänomen. Auch da kann ich mich als weißer Deutscher nicht mal eben so zur allwissenden Müllhalde stilisieren und wieder mal alles über einen Kamm scheren. Ich habe sehr lückenhaftes Wissen über den Iran nebenan, aber dieses Konstrukt „der Islam“ spielt da in einer ganz anderen Konstellation von Interessen eine Rolle als in Gaza, und die Lage dort in Gaza hängt auch damit zusammen, dass eine einst dominante panarabsiche Bewegung in sich zusammen gebrochen ist und die aktuellen Machthaber in Ãgypten keinen Bock auf die Hamas haben. Ganz, wie einst Jordanien die Schotten wegen der PLO dicht genacht hat, falls ich nicht völlig fehlinformiert bin.Dann bitte ich um Korrektur.

    Wenn ich, wieder anderes Beispiel, über den Iran gelesen habe oder Texte deutschiranischer Kumpel las, dann tauchten als konstitutiv die Interessengegensätze zwischen Land- und Stadtbevölkerung in einer politischen Struktur, die zum Teil eher an die DDR erinnerte, zentral auf, und „der Islam“ war eher Vehikel, die Interessen der Besitzenden abzusichern bei gleichzeitiger Alimentierung der Landbevölkerung, die man als Volksmuhadschedin brauchte, um bürgerlich-emanzipatorische Bevölkerungsgruppen platt zu machen. Und das alles in einer postkolonialen Konstellation, weil US-Interessen da stark einwirkten und einwirken.

    Was das bei ISIS ist, woher die so plötzlich kommen, wie die diese Power generieren, wie die sich finanzieren – ich zumindest weiß das nicht, es gehört definitiv nicht ins 7. Jahrhundert, sondern hat irgendwie mit den Folgen des Bush-Krieges vermutlich zu tun, ganz wie die Taliban sozusagen Spätfolge der russischen Annektion Afghanistans waren. Und bevor jetzt jemand „Antiamerikanismus“ schreit: Auch da ist es zumindest mutmaßlich wieder die Frage, wessen Interessen es sind, wenn ich „US-Interessen“ schreibe, nein, nicht die der Weisen von Zion :D, bestimmt nicht, bestimmt aber auch nicht die Deklassierter in Detroit, die Globalisierung ist ja nun mal eben doch wirksam, Akteure agieren supranational, und ich finde es einfach unsinnig, mich da als Zeitdiagnostiker zu inszenieren und habe by the way auch nix gegen den „Persuit of Happiness“ oder wie auch immer sich das schreibt.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde diese ganze Beschreibung, die alles als ein Aufeinanderprallen ethnisierter, ideologischer Blöcke beschreibt, einfach widersinnig und grundfalsch, und nach allem, was ich lese, trifft die noch nicht mal auf die Durchschnittsbevölkerung in Gaza zu. Die wollen doch auch nur ihre Ruhe haben und glücklich leben. Könnte man jetzt alles auch noch mal aus jüdischer Perspektive durchdeklinieren.

    Das Christentum ist auch durch und durch antsemitisch, ohne das nun allen, die sich so begreifen, in die Schuhe zu schieben. Da sind nur die Akteure viel klarer zu fassen als im viel ausdifferenzierteren Islam.

    Was alles nix dran ändert, dass in Deutschland der Bezug zur Vergangenheit konstitutiv bleibt, weil diese so und in dieser Form nun mal weltweit einmalig ist. Das ist keine Ethnisierung, sondern eine Relation zu etwas, die ganz unterschiedliche Resultate nach sich ziehen kann.

  11. Vegan Queer August 14, 2014 um 9:59 pm

    Wenn ich mit meiner Beschreibung das Denken in zwei Lagern unterstützt und die Grenzen zwischen deutschen Juden und Israelis bzw. hier lebenden Muslimen und Palästinensern verwischt habe, dann war das wirklich nicht meine Absicht, das tut mir leid. Natürlich besteht diese Gefahr. Andererseits ist aber doch gerade dieses Denken in Blöcken und die Projektionen von Antisemitismus und Islamophobie in den Nahostkonflikt hinein das, was in vielen Köpfen stattfindet, und da meine ich nicht primär deutsche Juden oder Muslime, sondern v.a. Angehörige unserer Mehrheitsgesellschaft, die sich zum Teil auch aus antisemitischen oder rassistischen Motiven sehr extrem einseitig (und nur darum geht es doch) mit einem dieser beiden „Blöcke“, die eben in ihren Köpfen existieren, solidarisieren, und damit die Legitimität der Interessen und Bedürfnisse der jeweils anderen Seite im nahen Osten und deren Rechte vollständig ausblenden. Klar besteht eine gewisse Gefahr, dass man dieses Denken in Blöcken noch weiter fördert, indem man es aufzeigt. Vielleicht war ich da auch nicht sensibel genug oder habe manches problematisch formuliert. Aber die Lösung kann doch nun nicht sein, dass ich einfach schweige, wenn mir jemand aus dem Umfeld von Politically Incorrect erzählt, meist sind das ja auch Mehrheitsdeutsche, dass alle Palästinenser Antisemiten wären und dass meine Weigerung, das anzuerkennen, und meine Empörung über diese rassistische Äußerung bloß Ausdruck meines eigenen Antisemitismus sei, weil es mir egal sei, wenn die Palästinenser Israel auslöschen würden. Das ist doch gerade das Spiel „Hetz sie aufeinander“. Ich denke mir das ja nicht aus, da gibt es wirklich solche Spinner, die so argumentieren. Und sich damit auch noch als links und emanzipativ zu verkaufen, das funktioniert dann wirklich leider nur in Deutschland. Soll ich dann dazu einfach schweigen? Gerade als Nachfahre der Nazis, und gerade wenn die Person, deren Rassismus ich damit kritisiere, wie so oft weder Jude noch Israeli ist, sondern einfach nur ihren Philosemitismus wie eine Monstranz vor sich herträgt, um ihrem eigenen Rassismus ein vermeintlich politisch korrektes und emanzipatives Antlitz zu verleihen und dabei dreisterweise auch noch zu unterstellen, dieser Rassismus sei im Interesse aller Israelis oder repräsentiere gar die Haltung der in Deutschland lebenden Juden? Auch das ist ja Demagogie, die ihre Wirkungen erzielt und Spuren in den Köpfen von Menschen hinterlässt. Und ja, speziell in diesem Kontext, und ausdrücklich nur in diesem, wird der Antisemitismusvorwurf mitunter wirklich von Rechtspopulisten instrumentalisiert, um damit ihren Rassismus zu „legitimieren“; aber eben deshalb, weil die zwei Fronten in deren Köpfen existieren. Das passiert, und da hilft es auch uns als Nachfahren der Nazis m.E. nicht weiter, wenn wir so tun, als würde so was in Deutschland nirgendwo und niemals passieren, dass der Antisemitismusvorwurf nämlich in manchen Kontexten durchaus auch instrumentalisiert werden kann, um Islamhass zu schüren. Nicht von Juden, sondern v.a. von Mehrheitsdeutschen. Damit unterschätzt man nämlich einfach die Perfidität demagogischer Argumentation, die in dieser Form übrigens auch nur in Deutschland so gut funktioniert. Und wenn man sich weigert, sie zu benennen, kann man gar nichts mehr dagegen ausrichten, und man lässt damit v.a. die Opfer dieser Demagogie im Stich. Dass diese Strategie in Deutschland so gut funktioniert, liegt daran, dass es für viele Deutsche zwei sehr wirksame Strategien gibt, um sich der historischen Schuld zu entledigen: Entweder man projiziert sie sekundär antisemitischerweise auf die Nachkommen der Opfer, oder aber man gibt lediglich vor, sich mit den Nachkommen der Opfer zu solidarisieren, während man aber in Wahrheit nur die antisemitischen Stereotype positiv umbewertet, sich durch Philosemitismus in die Unschuld zu flüchten versucht, und dann eben den Nahostkonflikt zur Abfuhr des eigenen Rasssismus nutzt, nun eben gegen die Palästinenser oder gleich gegen das ganze vermeintliche Kollektiv „antisemitischer Muslime“ gerichtet, weil man das kranke Bedürfnis, sich als Deutscher überlegen zu fühlen, eben doch nie wirklich überwunden hat. Und weil man natürlich alles Mögliche in den nahen Osten hineinprojiziert, mit dem Ergebnis, dass da irgendwann Fronten durch den eigenen Kopf verlaufen. Und dass viele deutsche Linke es vermeiden, dieses Problem überhaupt anzusprechen, ist natürlich historisch bedingt durch eine fehlgeschlagene Geschichtsaufarbeitung, die am Ende neue Feindbilder produziert hat.

    Ich bin genauso für grundsätzliche Israelsolidarität, aber gerade linke Israelis wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, von (anti-)deutschen Islamhassern zur Bewältigung von deren eigenen Psychopathologien als Identifikationsobjekt missbraucht und dabei auch noch entinividualisiert und mit deren rassistischen Positionen identifiziert zu werden. Dieses Denken in Blöcken existiert nun mal gerade bei den Leuten, die in puncto Nahost extrem und einseitig argumentieren, egal in welcher Richtung. Ich finde das auch sehr unappetitlich, aber wenn ich mich dazu nun nicht mehr äußere, würde ich ja gerade auch mein Einverständnis damit signalisieren. Das ist aber in meinen Augen etwas ganz anderes als wenn ich nun irgendwo lautstark behaupten würde, der Antisemitismusvorwurf würde ja sowieso nur ständig und überall instrumentaliisiert, was ich nicht mit einem Wort gesagt habe und auch niemals tun würde. Aber das ist halt eben das Dilemma, das ich meinte: Ich kann dabei nur versuchen, so vorsichtig und sensibel wie möglich zu argumentieren, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Aber ich kann und will dazu auch nicht einfach schweigen, und zwar will ich auch gerade als Nachfahre der Nazis nicht hinnehmen, dass einige Leute, sogar einige Linke, meinen, ihren Kampf gegen den Antisemitismus als Kampf gegen den Islam führen zu können, ob nun mehr oder weniger explizit ausformuliert, aber oft genug läuft es ja am Ende genau darauf hinaus. Auch wenn natürlich immer ein niemals ganz auszuschließendes Restrisiko besteht, dass das dann irgendeine Kartoffel aufgreifen und für sich verwursten könnte, die sich ständig und überall von der vermeintlichen „Antisemitismuskeule“ bedroht fühlt, oder die die Protokolle der Weisen von Zion für eine reputable Quelle hält. Ich kann halt nur versuchen, mich argumentativ so klar wie möglich von alledem zu distanzieren, aber wenn ich jedes diesbezügliche Risiko, falschen Beifall zu bekommen, ausschließen wollte, könnte ich wirklich nur noch schweigen. Auch zu mehrheitsdeutschen PI-Kartoffeln, die behaupten, man müsse den gesamten Islam bekämpfen, um die Juden vor dessen vermeintlich kollektivem Antisemitismus zu schützen, und wer das in Frage stelle, sei in Wahrheit selbst antisemitisch motiviert. Wäre das dann besser, zu solchen offensichtlich rassistischen Instrumentalisierungen des Antisemitismusvorwurfs zu schweigen und so zu tun, als ob es sie gar nicht gäbe, nur um jede Gefahr auszuschließen, auch falschen Beifall zu bekommen? Oder wäre nicht gerade das am Ende eine totale Verhöhnung des Gedenkens an die Holocaust-Opfer, wenn man zulässt, dass solche Rassisten sich als emanzipatorische, progressive Vorkämpfer im Kampf gegen den Antisemitismus inszenieren können? Die Diskursstrategien von PI und anderen Rechtspopulisten sind bekannt, werden aber in den Massenmedien kaum thematisiert, im Gegensatz zu der anderen Selbstentlastungsstrategie des sekundären Antisemiismus, über die immerhin in politischen Talkshows debattiert wird. Während gleichzeitig auf einem anderen Kanal des ÖRR darüber diskutiert wird, ob der Islam tatsächlich eine faschistische Ideologie sei..

    Noch mal: Ich finde dieses Denken in Fronten abscheulich und stimme vollkommen mit Dir darin überein, dass man alles versuchen muss, um es zu überwinden. Nur denke ich, dass die Voraussetzung dafür nur sein kann, dass man erst mal eine öffentliche Debatte darüber zu führen beginnt, was in den Köpfen dieser Menschen abgeht. Das Problem verschwindet ja nicht, wenn man es nicht mehr benennt.

  12. Vegan Queer August 14, 2014 um 10:37 pm

    Ich glaube auch, Du hattest einzelne Teile meines Kommentars missverstanden, oder ich habe mich auch missverständlich ausgedrückt. Als ich über die Polarisierung im Nahost-Konflikt (Israel – Palästina) geschrieben habe, meinte ich nicht die zwischen einigen muslimischen Antisemiten und jüdischen Islamophoben, die es natürlich u.a. auch gibt. Ich habe immer vorrangig die Mehrheitsdeutschen gemeint, die sich mit einer dieser beiden Seiten extrem einseitig solidarisieren und die Rechte der jeweils anderen Seite vollständig ignorieren, um damit irgendwie, in welcher Form auch immer, die historische deutsche Schuld abzuwehren und ihren eigenen Antisemitismus oder Rassismus (und im Zweifelsfall auch beides gleichzeitig) vermeintlich politisch korrekt ausleben zu können. Und ich habe es bedauert, dass es denen mitunter gelingt, Teile der in Deutschland lebenden Minderheiten tatsächlich gegeneinander aufzuhetzen. Zumindest wollte ich das so zum Ausdruck bringen, es war aber wohl offensichtlich wirklich sehr missverständlich. Ich wollte also den Ursprung dieses ganzen Problems im pathologischen Umgang der deutschen Mehrheitsgesellschaft mit dem Nahostkonflikt beschrieben und habe dabei bedauert, dass Teile der hier lebenden Minderheiten in das Spannungsfeld zwischen sekundärem Antisemitismus und philosemitischem antideutsch gefärbtem Islamhass hineingezogen werden. Das Denken in Fronten habe ich also primär der Mehrheitsgesellschaft unterstellt und nicht den Minderheiten, geschweige denn auf der Grundlage ethnisierender Zuschreibungen politischer Positionen in Nahost. Jedenfalls war das so nicht gemeint, und wenn man das so lesen konnte, tut es mir ehrlich leid.

  13. momorulez August 14, 2014 um 11:07 pm

    Ich weiß das aktuell immer gar nicht. Ich habe den Text oben ja auch geschrieben in einem ganz ähnlichen Sinne, wenn ich mich auch aus diesem antideutsch/antiimp-Kram eigentlich immer ganz gut raus halten konnte, und ich habe auch nicht den Eindruck, dass das nun irgendwas verschlimmert hätte – wobei da tatsächlich auch „Silencing“ mit rein spielt, dass man manches einfach nicht mehr thematisiert, weil man keine Lust auf die anschließenden Debatten hat.

    Ich habe dieses Mal den Antisemitismus als um einiges krasser erlebt als die ganzen Male davor, da konnte ich dann irgendwie nicht mehr anders; ich habe, trotzdem manche schwule Publizisten da schlicht schreienden Unsinn produzieren, zudem auch immer wieder die Befürchtung, dass aus einem komplett krude verstandenen Antirassismus und Antikolonialismus ganz und gar krasse Homophobiewellen auf der Linken entstehen können, die es im Antigentrifzierungsdiskurs auch schon gibt. So kam es zu dem Text oben.

    Und ich schreibe so oft „ich“ hier gerade, weil ich da keine generelle Antwort mehr weiß.

    Ich hatte zudem den Eindruck, dass man gegen Islamophobie und Rassismus auch hervorragend argumentieren kann, ohne die Nahostfrage zu berühren. Und dass die Wirkung, ob ich da nun mitdebattiere oder nicht, auf Vorgänge vor Ort in Nahost ja gar nicht existiert. Es interessiert auch ISIS nicht oder IS-Miliz oder wie auch immer, wenn in München Leute demonstrieren. Das wird schnell selbstrefentiell.

    Das ist ja nix, wo man nun Palästinenserleben rettet oder Israelis beschützt, wenn man hier rum debattiert, und hat noch nicht mal irgendeinen Einfluss auf Regierunsghandeln. Das ist bei Fragen wie der Hamburger Flüchtlingspolitik anders, da war spürbar, dass, wenn man mit sehr vielen in die gleichen Kerben haut, das bei Akteuren im Senat nicht völlig verhallt. Und, hoffe ich zumindest, auch, wenn man sich mal Gedanken macht, was in einer Stadt wie Hamburg schmerzlichste fehlt, weil es nicht mehr diesen regen jüdischen Einfluss gibt, weil die Nazis da so „erfolgreich“ waren. Hoffe ich, dass da in zwei, drei Köpfen was bewegt.

    Ansonsten frage ich mich halt immer, ob es nicht falsch ist, sich nun ständig von den ganzen Hatern aller Varianten die Themen vorgeben zu lassen, indem man darauf reagiert. Ich kann da ja auch oft nicht anders, aber man wird dadurch ja nun auch nix los. Und die kriegen auch noch Aufmerksamkeit.

    Ob es nicht irgendeinen Weg gibt, das, was wichtig erscheint, das ganze Erbe jüdischer Kultur, das der Black Cultures, der queeren Kulturen, des Feminismus, einfach fortwährend so stark und auch wieder „cool“ zu machen, dass die irgendwann ganz von selbst verstummen. Das kann naiv sein, und es gab Phasen, da brauchte ich hier nur was zu „Querelle“ in positiver Hinsicht zu posten und irgendwelche Kommentatoren drehten durch und die ganze Hass-Diskurse waren wieder im eigenen Wohnzimmer oder nebenan bei Ex-Verbündeten, wo dann gegen vermeintliche „Lesbenherrschaft“ gehetzt wurde, auch, das war’s dann mit Verbündetsein.

    Jetzt habe ich zwar deutlich weniger Kommentatoren, kann aber an der Aufwertung des Abgewerteten viel besser arbeiten 😉 … und will zumeist eigentlich nicht mehr, mir nun ständig von diesen ganzen Blockdenkern mein eigenes Denken versauen zu lassen.

    Ich weiß aber auch nicht, was da nun richtiger ist. Das, was Du schreibst, oder der Versuch, eher im Positiven zu agieren. Weiß ich wirklich nicht.

  14. momorulez August 14, 2014 um 11:11 pm

    PS: Zum zweiten Kommentar – leid tun braucht Dir das echt nicht. Zum einen ist es nun gerade bei mir auch immer mal sehr gut möglich, dass ich was missverstehe, weil ich gerade irgendwas im Kopf habe 😀 – zum anderen habe ich so eine blöde Angewohnheit, bestimmte Akzentsetzungen immer wieder zu betonen, aus beruflichen Gründen, die ich hier nicht erläutern kann. Das ist doch alles völlig in Ordnung, was Du schreibst, erhellend, nachdenklich, reflektiert, bereichernd!

  15. Vegan Queer August 15, 2014 um 11:47 am

    Danke, das waren ja auch nur meine Gedanken dazu, und ich bin grundsätzlich offen und auch dankbar für Kritik. Das können ja immer auch wichtige Anregungen sein, und manchmal hat man ja auch wirklich blinde Flecken. Ich sehe wie gesagt auch die Gefahr, dass die Hetzer auf beiden Seiten zu viel Aufmerksamkeit bekommen oder dass das Fronten-Denken in den Köpfen noch weiter verfestigt werden könnte, wenn man ständig darauf rumreitet. Andererseits glaube ich aber auch, dass man solche demagogischen Diskurse, gerade wenn sie gesellschaftlich einflussreich werden, auch nicht einfach ignorieren darf, sondern auseinandernehmen muss, v.a. wenn sie dann auch noch als politisch korrekt präsentiert werden, z.B. eben von Antideutschen; wobei ich die Antiimps mit ihrem Antisemitismus nun kein Stück besser finde. Vielleicht geht es da einfach um das gesunde Mittelmaß, halt nicht ständig nur über Nahost zu debattieren, aber zu den Aktivitäten von PI und anderen, die sich obsessiv auf genau dieses Thema beziehen, eben auch nicht nur zu schweigen. Natürlich hast Du recht, dass man zum Thema Antisemitismus und Islamophobie auch genug schreiben kann, ohne den nahen Osten zu thematisieren. Wenn man das zu oft tut, könnte das wirklich kontraproduktiv sein, weil sich der Eindruck verfestigt, dass zwei verfeindete Lager einander gegenüberstehen, und zwar auch in Deutschland in Gestalt religiöser Minderheiten mit vermeintlich unausweichlichen Identifikationstendenzen in Bezug auf den Konflikt. Das ist ja auch völliger Quatsch, und in dieser stereotyp verabsolutierenden, ethnisierenden Form sowieso.

    Dass der Antisemitismus im Moment so grassiert wie schon lange nicht mehr, ist auch mein Eindruck, und das ist wirklich extrem besorgniserregend. Viele Juden leben in täglicher Angst und fragen sich, ob sie in Deutschland überhaupt noch sicher sind, und die haben nicht mehrheitlich Angst vor den hier lebenden Muslimen, sondern vor den Nachkommen der Nazis. Aber natürlich gibt es Antisemitismus in allen Gruppen, und auch da ist es ein schmaler Grat, einerseits auch den Antisemitismus, der sich kürzlich z.B. auf den Demos einiger Palästinenser/-innen gezeigt hat, nicht einfach zu ignorieren (das fände ich auch falsch), denn dafür ist Antisemitismus grundsätzlich zu gefährlich; andererseits aber auch nicht, wie vielerorts geschehen, so einseitig darüber zu berichten, dass man beim Zuschauer dann unterm Strich doch nur wieder islamophobe Ressentiments schürt, indem man den Eindruck erweckt, Antisemitismus sei speziell ein Problem von Muslimen. Das ist schon alleine deshalb Quatsch, weil auf diesen Demos ja auch viele deutsche Nicht-Muslime waren, die die Palästinenser nur als Aufhänger für die Legitimation ihres Antisemitismus benutzen; und die antisemitischen Sprechchöre stammten aus der NS-Zeit. Da habe ich in der Presse und im TV beides gelesen und gesehen: Einerseits auch einige wenige Artikel und Beiträge, die gleichzeitig auch die virulente Verbreitung des Antisemitismus und auch der Islamophobie in der deutschen Mehrheitsgesellschaft thematisiert haben und ausdrücklich davor gewant haben, Antisemitismus als Problem von Muslimen zu begreifen. Aber andererseits viel mehr Beiträge, in denen zwischen den Zeilen der Antisemitismus ethnisiert bzw. „muslimifiziert“ wurde, und wo es dann im Internet auch entsprechend unzählige rassistische Kommentare als Reaktionen gab, die oft sogar stehen bleiben durften und zu 90% positiv bewertet wurden, und das waren keine Publikationen vom äußersten rechten Rand, sondern Mainstream. Das macht mir Angst. Und das ist dann wieder ein weiteres Problem, das ich sehe, dass nämlich nach dem 11. September in Deutschland u.a. im öffentlich-rechtlichen TV Thesen über den Islam „kontrovers“ debattiert werden, für deren analoge Äußerung in Bezug auf praktisch alle anderen diskriminierten Minderheiten man eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung riskieren würde. Diese Tendenz hat sich auch in der öffentlichen Bewertung der Mohammed-Karikaturen als vermeintlichem Beitrag zu demokratischer Diskussionskultur gezeigt, so nach dem Motto: „Das ist Demokratie, das kennt ihr halt nicht, aber da müsst ihr euch integrieren“, und die Zeichner wurden sogar noch mit Preisen überhäuft, einfach ekelhaft. Nicht dass ich jetzt Morddrohungen eine legitime Reaktion darauf fände, aber diese Karikaturen waren eindeutig volksverhetzend. Dass die juristische Auslegung des Volksverhetzungsparagraphen auch von der Stimmung im Land abhängig ist und faktisch immer auch davon abhängt, was Richter, die ja auch ihre eigenen Vorurteile haben, für eine legitime Meinungsäußerung halten, ist echt ein Problem, denn da konnte man vor über 20 Jahren ja auch noch straffrei die tollsten Sachen über Schwule und ihre vermeintlichen pädophilen Neigungen behaupten oder gar Zwangskastrationen fordern, ohne dass das irgendein Gericht auch nur im Ansatz strafwürdig gefunden hätte, weil das damals alles noch als „normal“ durchging.

  16. momorulez August 15, 2014 um 11:59 am

    Wenn Du Dir zum Beispiel die Sendung von Maischberger reingezogen hast, Text von Matussek oder in der taz, auch von Broder, ist doch die rhetorische Jagd auf Schwule und Lesben längst wieder eröffnet und liegt voll im Trend bis zu Claus Kleber. Mit PI und Co hängt das allerdings eng zusammen, weil die Neue Rechte halt bis zu AFD Muster der US-Rechtsradikalen kopiert, was in der Tat nach dem 11. September einsetzte und qualitativ neu ist, das rechtsradikales Denken in Deutschland sich als Ideologie der Freiheit geriert. Muster, die bei Critical Whiteness und Fragen des Feminismus bis tief in die Linke sich etabliert haben. Ansonsten stimme ich Dir zu.

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