Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Stonewall was a riot, not a Party“

Ja, ich Krieger, ich.

Jedem Ende der Enthaltsamkeit jederzeit zustimmend, als Plädoyer formuliert, ist meine Trinkfestigkeit dennoch dem Verfall anheim gegeben. So folgte ich wie so oft meinen eigenen Forderungen nicht. Und sah im Anschluss an ein biergeschwängertes Nickerchen nach dem Spiel gegen Ingolstadt auf ARTE zwei Dokus über Boy- und Girlgroups, anstatt mich in die schwülen Nächte der Pride Week zu stürzen. Eine gute Doku und eine schlechte Doku.

Die gute wusste Spannendes zu berichten
über die weit besseren Chancen der weißjungmännlichen Gesangsensembles der 90er Jahre im Vergleich zu ihren schwarzen Kollegen. Über die intensive Ausbildung, die SängerInnen im Gospelchor durchlaufen, tut der Blick der rassistischen Matrix doch manchmal so, als sei die Stimmgewalt und Virtuosität schwarzen Gesangs selbstverständlich Angeborenes, während die weiße Kopie dessen hart erworben und deshalb bemerkenswerter sei. Erfuhr über die „Spice Girls“ als aufbrandende und schnell wieder verebbende soziale Bewegung des „Girl Power!“ mit enormer Marktmacht (es kommentierte Clay Cane, einer der Aktivisten von „for coloured Boys“, einer Selbsorganisation von PoC-Gay-People in den USA) und ergänzend, dass Erleichterungen adoleszenter Entdeckungsreisen in zukünftig Amouröses durch Popstarliebe auf Distanz gefahrloser gewonnen werden konnte.

Die schlechte Doku interviewte weiße Männer aus Plattenfirmen, von der „Süddeutschen“ und dem SWR, kompilierte Ausschnitte aus längst versendeten Interviews der späten 90er (zum Beispiel mit Frank Farian) hinein und ereiferte sich über das „nur Gemachte“.

Nun mag es seit Kettcars „Auch Hitler war authentisch“ langweilig sein, gegen Authentizitätsrhetorik, die Sehnsucht nach dem „Echten“ (nicht zufällig hieß so auch eine Boygroup, nicht die schlechteste, „Sag mal weinst Du, oder ist das der Regen …“) und den Jargon der Eigentlichkeit zu wettern. Nötig ist es dennoch; es hält sich hartnäckig, gerade auch im St. Pauli-Umfeld, und diese impliziten Naturalisierungen und Aufschreie gegen „Künstlichkeit“ kippen gern und schnell in Homophobie um.

Lustigerweise teilte der warum auch immer Interviewte von der Süddeutschen diese Ansicht. Ein einsam im Sendungsverlauf aufscheinender O-Ton seinerseits besagte dieses, was soll der Quatsch mit der Authentizität?, ploppte plötzlich auf und führte damit die Aussagen ad absurdum, die ansonsten gelangweilt abspulten, dass das ja alles gar keine richtigen Bands, meine Helden von Take That auch nicht, seien mit eigener Musik und total „kommerziell“.

Auch eines dieser Worte, „kommerziell“, die in ständigem Gebrauch jeglichen Sinn verloren haben, weil in der Warenform, dem Claim, der Werbung für sich selbst noch jede Südkurven-Choreo, jede fetischisierte Street Art, ja, die „Street Credibility“ selbst enthalten ist und noch Lärm und „Ungefälliges“ ja nicht deshalb aussagekräftiger wird, weil man es nicht anhören mag. Bei Ornette Coleman trat halt noch was hinzu.

„Nicht-kommerziell“ muss man sich auch erst mal leisten können.

Der heikle Satz Brian Kinneys in „Queer as Folk“, „There’s nothing noble ‚bout being poor“, verunglimpft nicht die Armen, sondern behauptet Armut als Problem, und wieso das nun fortwährend weg geredet wird, das verstehe ich sowieso nicht. Ich würde all denen in Jenfeld von ganzem Herzen gönnen, sich schicke Lofts mit Elbblick leisten zu können (mir selbst übrigens auch).

Ich weiß nichts über die Verdienstformen des Autoren dieser Doku und wie er seine Miete bezahlt; schon mit fest-freiem Vertragsrahmen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk hätte er wohl eines der Privilegien, die erlauben, sich über „Kommerzialität“ erheben zu können.

In diesem Sinne erstaunlich war dann auch, dass außer Archiv-O-Tönen von Milli Vanilli, die Story müsste auch noch mal aus antirassistischer Perspektive erzählt werden (oder wurde das schon oft, und ich habe es nicht mit bekommen), und eines mit RTL-Ex-Superstar Alexander Klaws nur weiße, männliche Deuter zu Worte kamen, keine Protagonisten – während in der anderen, guten Doku sehr lustvoll und charmant auch Tic Tac Toe, Lee von Caught in the Act und Nathan von Worlds Apart sich pointiert amüsierten. Ich kenn die ja alle noch 😀 …

Und deutlich mehr zu erzählen hatten. Was immer man auch von Tic Tac Toe rückblickend halten mag: Gerade aus feministisch-antirassistischer Perspektive sich derer noch mal anzunehmen, das schadet so gar nicht. Was brach einst für ein Hohn über diese Frauen herein, ähnlich wie bei Gery von den Spice Girls nicht zufällig auch wegen fotografischer Vergangenheit im „Rotlicht-Milieu“ , kein Wunder, so wie diese Gesellschaft gebaut ist. Eine, in der Grimme-Juroren in der Süddeutschen deuten, dass ja sowieso Riot Girls, Grunge-Authentiker und Nu Metal-Bands in ein und demselben Film etwas mit der vergammelten Metapher von den Äpfeln und den Birnen zu tun hätten, und so lange das so ist, dass so was geschrieben wird, wird sich in diesem Land eh nix ändern.

Ja, dieses ist ein Spielbericht 😀 – habe mir ja vor genommen, mich im Falle des FC St. Pauli gar nicht mehr ständig nur zu echauffieren über die mangelnde Erfüllung eigener Selbstverständnisse in Museumsausstellungen und auf den Rängen, sondern nur noch über das zu verbreiten, was ich gut finde.

Tom Trybull sah verdammt gut aus, wie er am Spielertunnel stand und mit Fans diskutierte. Der hätte eine Boygroup echt bereichert!

Das Tor von Sören Gonther fand ich gut. Und die ersten 20 Minuten. Und dass @Felgenralle wie immer zu recht so gefeiert wurde.

Und die Regenbogenflaggenchoreo in der Nord!

Über die habe ich mich sehr gefreut.

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Auch, dass Nord Support ein Regenbogenbanner dort die ganze Zeit hängen hatte. Ebenso über den Satz „Stonewall was a riot, not a Party“. Das gewalttätige Aufbäumen, ausgelöst durch Polizeigewalt 1969 in New York, angeführt von Trans-Menschen und vielen mehrfach diskriminierten PoC, hätte Michael Neumann vermutlich zum Unterstützen des Ausrufens eines Gefahrengebietes veranlasst, an mögliche Aussagen von Rainer Wendt von der Polizeigewerkschaft möchte ich gar nicht denken …

Das soll keineswegs Gewalt promoten. Wenn durch Party gesellschaftliche Verhältnisse zu ändern sind, ist das ja die viel bessere Wahl. Und ich denke, dass das im Falle der Gay- (ich vergesse hier die Lesben nicht, es gibt einfach Gründe, warum das bei ihnen so nicht hätte funktionieren können in einer durch und durch sexistischen und patriarchalen Gesellschaft, deren Teil auch die Gay-„Szenen“ sind)) Communties zumindest ein wenig auch geklappt hat.

Im gesamten Dance-Bereich haben sie einfach immer die Trends gesetzt, sehr oft in Kommunikation mit Black und Latino-Cultures oder beides in Personalunion wie im Falle Frankie Knuckles.

Dieser Party-Hedonismus ist als queerer zumindest implizit politisch; und ja, auch deshalb der Textbeginn zu den Boy- und Girlgroup-Dokus. Diese Diskussionen gibt es in den schwulen Medien wie auch beim Bier vor der Domschänke mit fast noch juvenilen St. Paulianern ja auch: Dass das alles nur noch Kommerz sei, diese CSD-Geschichte.

Natürlich gaffen da auch Touris am Straßenrand wie beim Schlagermove, selbst Junggesellenabschiede sollen gesichtet worden sein.

Es ist trotzdem ein Politikum, auch weiterhin, wenn so viel LGBTQ-People auf einem Haufen SICHTBAR werden. Und ähnlich wie deutschtürkische Communities in Köln-Mühlheim oder bei der Gründung von Motown-Records gab es auch keine andere Wahl, als eigene ökonomische Strukturen zu schaffen, um so wenigstens Ansätze von Eigenständigkeit und einen Hauch gesellschaftlicher Macht zu erlangen.

In den USA funktioniert das nachhaltiger, weil der Markt da viel größer ist; so ist TIMM hier gescheitert, während es in den Vereinigten Staaten eigene Gay-Sender gibt. Auch so etwas wie „Queer as Folk“ oder „Looking“ hat in Deutschland keine Finazierungschance, ist aber im Sinne der Repräsentation Marginalisierter unerlässlich.

Nun dringt zu mir das Echo des Rümpfens mancher linken Nase „Was heißt denn schon marginalisiert, wenn sogar auf dem Oberlandesgericht die Regenbogenflagge weht …“.

Wer auch immer da rümpft, kann ja mal dem NDR-Fernsehen ein LGBTQ-Thema anzubieten versuchen … mich hat das ernsthaft berührt, dass auf jenen Gebäuden, da einst noch der 175 vollstreckt wurde (die CDU blockiert seit Jahren die Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer), nun diese Flagge im Wind sich räkelte. Wobei ich dieses dumpfe Gefühl nicht los werde, dass das manch Rollback gerade auf der Linken noch verstärken wird.

Gut fand ich auch, die Bezugsgruppe nach dem Spiel vor der Domschänke nach so langer Pause zu treffen. @Kleinertod im Rock, @Foxxibear in Glitter und all die Vertrauten – wären da nicht die restlichen 70 Minuten des Spiels gewesen: Ein toller Nachmittag.

Wobei: Als die Spieler nach dem Spiel Liebe bei der Süd suchten und nach Händen greifend am Zaun entlang gingen, das war schon auch süß von den Jungs. Um in der Boygroup-Sprache zu bleiben 🙂 ….

2 Antworten zu “„Stonewall was a riot, not a Party“

  1. ausgesucht August 4, 2014 um 8:38 am

    … und doch ist es „die beste aller Welten” 🙂

  2. Pingback: Neues Spiel, neues Glück? Der #fcsp Saisonauftakt gegen Ingolstadt. Und der CSD. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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