Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Fuck you, Freudenhaus“?

Sonntagmorgen. Heute nacht Geräusche in der Stadt, wummernd, laut, aufbrandendes Martinshorn. Klingt kurios, dieser Krach aus der Ferne; so, als seien Aliens gelandet.

Ich mag das englische Wort „alienated“. So habe ich mich oft genug gefühlt. Eine Frau schluchzt laut im Hinterhof, morgens um 6. Es ist hell. Ich dämmere wieder weg.

Sonntagmorgen. Habe den Ventilator eingestartet. Muss dabei immer an eine Passage aus Stephen Kings Autobiographie denken. Nach einem schweren Unfall – das Auto, das ihn fast tot fuhr, hat der große Erzähler später gekauft, um es genüsslich verschrotten zu lassen – von Schmerzen geplagt, im Rollstuhl sitzend, spürt „seine Frau“, dass er wieder arbeiten muss, um nicht in völligem Verdruss zu enden. Sie richtet ihm einen Platz zum Schreiben im „hinteren Flur“ ein. Ich frage mich immer, wie in Kings weltberühmten Haus in Maine mit den zwei verschiedenen Türmchen wohl der „hintere Flur“ aussehen mag. Sie stellt Fotos von seinem Sohn auf den Schreibtisch und ihm einen Ventilator dazu. Es ist ein heißer Sommer in Maine, und Stephen King genießt es, im Kühlen wieder arbeiten zu können …

Sonntagmorgen. Einst, als ich noch die Nächte auf dem Kiez saufend mir um die Ohren schlug und gelegentlich auch jemanden mitnahm, war das „Or“ in der Gerhardstraße mein erweitertes Zuhause. Ein kleiner, schmaler Club mit roten Wänden und Möbeln aus Metallabfällen aus dem Hafen, designet von Lommel, die auch fantastische SM-Möbel herstellte. Ihre Freundin Miss Nico stand an den Plattentellern;

zu vorgerückter Stunde gerieten wir in Ekstase zu „Cruzified“ von der Army of Lovers oder auch dem so herrlich melancholischen „Kung-Fu Fighting“. Die Tür machte C., eine gute Freundin, die heute in „Kiezhelden“-Trailern zu sehen ist. „Tante Sunshine“, immer solariengebräunt, riss die Arme hoch und schüttelte die blonden Locken auf der winzigen Tanzfläche, und hinter der Bar stand ein gewichtiger Barkeeper, den wir „Inge“ nannten. Hier fühlte ich mich nicht „alienated“, das tat gut! Während ich Lipovitan, einen thailändischen Energy-Drink voller Koffein, mit Wodka trank.

Neulich, als ich mit Dirk von „Queerpass“ und dem „Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus“ gemeinsam ein St. Pauli-Spiel auf der großen Vidiwall der O-Feuer-Bar sah, sprachen wir über die Zeit und entdeckten lauter gemeinsame Bekannte. In meiner Wahrnehmung mischten sich die Bewegungen der Spieler auf dem Platz mit den Tänzen im „Or“ einst. Das war schön.

 

***

 

Am Abend des 25.7. findet die Vernissage zur ersten Ausstellung in den zu 99% zukünftigen Räumen von „1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V.“ statt. Dort ist sie etwas mehr als einen Monat lang zu sehen, bis sie zum 30.8 endet. Die Ausstellung thematisiert das „Werden eines Stadions“, täglich geöffnet von 11 bis 18 h, donnerstags bis 22 Uhr.

Es ist enorm (!!!), was die Macher des Fördervereins da auf die Beine stellen; die eine oder andere von mir initiierte Idee zu Zeiten, als ich da noch mit mischte, fand ich sogar wieder. Es ist nun ein Fussboden in den Räumen, die erst als größte Stadionwache aller Zeiten konzipiert waren und nun besseren Zwecken zugeführt werden sollen. Stellwände sind eingebaut.

 

Foto-2

 

Ein Rundgang durch die Historie des Stadions ist geplant – von imitierten Bodenverhältnissen auf Kampfbahnen, da die Drainage vergessen wurde, bis hin zu verschneiten Pokalspielen. Ein Kabinett des Grauens im nächsten Abschnitt: Nicht realisierte Stadionpläne. Das Entstehen der jetzigen Architektur wird dokumentiert. Ein imposantes Stadionmodell. Ein Raum, da zu sehen und auch zu lauschen ist, wie Choreos geplant werden. Ein weiterer, in dem ausgehend von der ersten Stadionordnung Deutschlands, in der rassistische, sexistische und homophobe Sprüche und Gesänge schlicht verboten wurden (oje! die Meinungsfreiheit! wie illiberal!), die politische Dimension der Fanszene ausgeleuchtet wird und das Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus diesmal wohl bei den aufwändigen Messestellwandrucken nicht vergessen wird, um die Schmuddelecke sich dann selbst einzurichten zu dürfen.

Ergänzend die wohl wichtigste Fragestellung: Das Stadion – Fluch oder Segen für das Viertel? Es werden Anwohner-Interviews zu sehen und zu hören sein. Denn dass das Millerntor-Stadion nicht nur Ort der Proteste gegen Gentrifzierung ist, sondern auch Teil derer und in sich dank Business-Seats und Separés diese auch abbildet, ist ja nicht einfach so zu beschweigen.

Final im Rundgang, im Zellentrakt, sind Lieblingsfotos der Lieblings-St. Pauli-Fotigrafen zu sehen, Viva con Agua und die Kita präsent – als Bloggern, Fanvertretern und wohl auch Journalisten (?) die Planung vor Ort skizziert wurde, hörte sich das alles sehr gut an.

 

***
Es war damals nicht ungefährlich, vom „Or“ nach Hause zu gehen. Gerade nach Heimspielen des FC St. Pauli, mit dem ich noch nichts zu tun hatte, bestand das Risiko, auf dem Hans-Albers-Platz, vor allem rund um den damaligen „London-Pub“, auf hochaggressive Nazis zu treffen. Nach manchen Spielen sammelten sie sich dort, um die Hafenstraße zu stürmen, auch sonst hieß es: Obacht.

Ich ging so oft „unten rum“, durch die Erichstraße. An einem Abend hatte ich mir leichtsinnigerweise einen Schal umgebunden und auch niemanden „abbekommen“. Ich hastete die Straße entlang, eine ausgesprochen attraktive Frau mit aschblonden Locken ergriff die Enden des Schals und hielt mich fest. Mist. Mit Huren konnte es tatsächlich Ärger geben, eine brüllte mir mal quer über die Davidstraße mit ihren Kolleginnen hinterher, was für eine Schwuchtel ich doch sei (bemerkenswerterweise kennt die Autokorrektur das Wort „Schwuchtel“, nicht jedoch „homophob“). An dem Abend, da feste Griffe meinen Schal hielten, fragte mich die junge Frau mit großen blauen Augen, in denen man problemlos versinken konnte, schlicht das Übliche. Ich teilte ihr bemüht freundlich mit,  dass ich kein Interesse hätte.

„Bist Du schwul? Diese Stimme!“ Oje, jetzt geht’s ab. Aber nix da. „Wissen Deine Eltern davon? Meine wissen es. Mein Vater findet es okay, meine Mutter redet nicht mehr mit mir.“

Randgruppensolidarität! Ein netter Plausch entwickelt sich. Sie will mich noch überzeugen, dass wir dann doch einfach einen Kaffee zusammen trinken gehen. Hätte ich prompt und gerne gemacht, sie wollte jedoch dafür bezahlt werden. Das wollte ich ich aber dann doch nicht.

 

***

 

„Fuck you, Freudenhaus!“ So das Motto der Ausstellung. Klar, gegen Moderationen wie jene Jörg Wontorras einst gerichtet. Gegen Ballermannisierung, Junggesellenabschiedsrituale, Schlagermovisierung und die unterirdischen T-Shirts Eltons – stattdessen halt eher auf die politisch-kritische Lebenswelt vieler Fans fokussiert.

Finde das Motto trotzdem hochproblematisch. Ja, man kann sich da nun auch in diffizile Ausdeutungen begeben, die Absage an den Rotlicht-Bezirk St. Pauli ist da aber auch deutlich heraus zu lesen.

Das ist  typisch für bestimmte Entwicklungen in „die Fanszene“. Die Verbürgerlichten, oft gerade die, die in schwarz gekleidet und auf jeder Demo zu finden, sind in der Hinsicht ja auch oft nicht weniger nervig als die „Unpolitischen“ und die  „Paaaaadie“-Fraktion. Und St. Pauli ist ja nun nicht irgendein Szene-Viertel wie das Schanzenviertel einst, Kreuzberg oder was es da sonst noch gibt. Auch wenn die „Unser Viertel!“-Schreier ja immer so tun, als sei alles auf das Jolly Roger, Pudel oder Backbord zu reduzieren und sie die maßgebliche Kraft der Entwicklung gewesen. Das hat im Falle St. Paulis schon zu Zeiten des Star-Club und des frühen Grünspan nicht gestimmt, das stimmte nicht zu Zeiten der „Eros-Center“ und des „Salambo“, das trifft nicht auf „Crazy Horst“ und „Tom Perstall“ zu, das war nicht wahr, als das „Opera House“, später das „Camelot“ und der „Tempelhof“ oder auch das „Soul Kitchen“ an der Bernhard Nocht-Straße die Masse zogen. Einzig die Hafenstraßenbesetzung hat tatsächlich die Gentrifzierung erschwert auf diesem Filet-Stück des Hamburger Immobilienmarktes. Doch nicht die „Wunderbar“ noch „Mojo“ noch „Pergutory“, weder „Schmidt“ noch Tivoli stehen in dieser Tradition.

Und es ist einfach typisch für Feld-, Wald- und Wiesenlinke wie auch für die postautonome Crowd, das alles mit einer in der Tat atemberaubenden Systematik auszublenden.

Die Menschen, die in schummrigen Bars, in Sex-Shops und Porno-Kinos arbeiten, gehören da eben auch mit dazu. Auch der Transenstrich an der Schmuckstraße, falls es den noch gibt, zur Frage Transsexualität und Prostitution könnte man lange Abhandlungen schreiben. Stricher und Huren sind auch Teil des Ganzen (ich glaube, Huren ist die Selbstbezeichnung, sonst schreibe ich alles noch mal um). Einst, als ich den Barkeeper in der Bar des „Florida Art Hotels“ so verschossen war, empfing dessen damaliger Besitzer dem Hörensagen nach männliche Prostituierte eben dort. Neben einem derer saß ich mal einen Abend lang und wir haben uns gut unterhalten. Guckt man die sehr beeindruckende Dokumentation von Rosa von Praunheim zwar nicht über St. Pauli, aber die Szene am „Bahnhof Zoo“ an, entdeckt man auch Bezüge zu den Zwängen und Nöten mancher Sinti und Roma. Und, nicht zuletzt, gibt es auch ein Restaurant namens „Freudenhaus“ samt angeschlossener Bar mit unzähligen Gin-Sorten auf dem Kiez.

Mir fiel das schon zu Zeiten der Proteste gegen den Stangentanz im Separé von „Suzis Showbar“ ziemlich auf die Nerven, einem Etablissement, wo die Frauen wenigstens vernünftig verdienen, sagen sie zumindest. Ebenso freilich ging mir diese Grünschnäbeligkeit des Präsidiums gegen den Strich, die sich mit Sexismus ebenso viel beschäftigt haben wie mit der Grammatik des Swahili.

Natürlich gibt es da auch viel zu problematisieren. Aber auch das macht keiner. Die Frage der SexarbeiterInnen taucht überhaupt nicht auf. Als die ESSO-Häuser geräumt wurden, fragte ich mich immer, ob es da auch jetzige und einstige derer trifft. Habe nix dazu gefunden. Stattdessen entsteht immer der Eindruck, dass Gentrifzierung hieße, dass linke Studenten-WGs verschwinden und IHRE Kneipen gleich mit. Der Rest scheint nicht sonderlich interessant zu sein.

Wenn nun Aalen das Spiel gegen uns als „Auf einen flotten Dreier“ ankündigt, stöhnen st. paulianische Vorort-Familienväter prompt auf und finden das total doof. „Öh, die schrillen Paulis, kennen wir ja“. Ich habe mir derweil dazu mal zwei Spieler der Aalener ausgesucht, die 13 und die 18, vielleicht wird es ja was. Die Plädoyers gegen den Stangentanz nahmen Antisexismus oft gar nicht ernst, sondern hatten eher den Tenor „MEINE FRAU zieht sich was an.“

Korrespondierend damit ist übrigens interessant, dass die Diskussionsrunde auf der Gegengeraden beim „Fussball und Liebe“-Festival von 1910 sich zwei Drittel der Zeit darum drehte, u.a. mit Sookees Hilfe und der von Nicole Selmer, mal ein wenig Sinn und Verstand in die Sexismus-Debatte zu bringen. Es wurde hinterher durchgehend nur über das zweite Thema berichtet, Homophobie. Was auch wieder nur zeigt, wem da warum zugehört wird.

Dabei ginge das alles doch auch anders!

Wenn man zum Beispiel bei der Mädchenmannschaft liest! Dort wird Sexarbeit als feministischer Dauerbrenner ausgewiesen, vermutlich taucht das deshalb in Diskussionen der „Fanszene“ so wenig auf. Die Autorinnen der Mädchenmannschaft sind in der Lage, schon in einem Text mehr Differenzierungen unterzubringen als „die Fanszene“ in der ganzen Stangentanz-Debatte (Ausnahme: Jeky!):

„Sexarbeit ist kein machtfreier Raum, denn weder Sex noch Arbeit stehen außerhalb von Machtstrukturen. Weswegen es aus feministischer Perspektive nicht allzu weit führt, die eigene Position zum Thema ausschließlich am Narrativ der Freiwilligkeit auszurichten.  Was natürlich im Umkehrschluss nicht dazu führen darf, über die Köpfe von Betroffenen hinweg unmittelbaren Zwang, Gewalt und Abhängigkeit zu bagatellisieren.

Ein besonders heikler Punkt bei Versuchen der Solidarisierung mit Sexworker_innen: Manchmal macht es stutzig, wie an Orten, wo normalerweise  Kritiken an patriarchalen Verhältnissen und hegemonialen Männlichkeiten auf einem relativ fortgeschrittenen Level betrieben werden, in Debatten um Sexarbeit auf einmal von “natürlichen Bedürfnissen”, “ihnen geben was sie brauchen”, “total normalen und netten Menschen, die Frauen überhaupt nicht unterdrücken wollen” die Rede ist, wenn es um Kunden sexueller Dienstleistungen geht.  Und wenn die Frage beleuchtet wird, warum der Markt erotischer Services sich ganz überwiegend an heteromännlichen Bedürfnissen ausrichtet, wird vielfach biologistisch argumentiert.

Die Bauchschmerzen, die sich in solchen Momenten einstellen, werden umso stärker, wenn man sich in dem Bestreben nach Solidarität mit Sexarbeiter_innen plötzlich Seite an Seite sieht mit mehr oder weniger offenen Ich-bin-Freier-und-das-ist-auch-gut-so-Dudes, die sich in erster Linie für ihr bedarfsorientiertes  Entitlement stark machen. Besonders gruselig in dem Zusammenhang: das Argument,  Prostitution verhindere/reduziere Vergewaltigungen.“

Weiter und den ganzen Text lesen. Sich einfach mal informieren.

Nicht immer so tun, als sei ein Häufchen von Papa bezahlter Studenten mit Heimatschutzbund-Attitude nun die Realität „des Viertels“. Der Respekt vor Sex-ArbeiterInnen gehört da ebenso mit zu wie die Problematisierung der Schattenseiten dieses Phänomens. Vorbild: Mädchenmannschaft!

Ist vielleicht ein Thema für Folge-Ausstellungen … wie es gelingt, das Rotlicht nicht einfach auszuknipsen.

 

 

 

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12 Antworten zu “„Fuck you, Freudenhaus“?

  1. monodromie Juli 20, 2014 um 2:09 pm

    wobei ich noch einmal bemerken moechte, dass dieses “(..)Weswegen es aus feministischer Perspektive nicht allzu weit führt, die eigene Position zum Thema ausschließlich am Narrativ der Freiwilligkeit auszurichten“ damals ein ziemlich deutlicher Seitenhieb auf damalige Diskurse bzw. Verteidigungsstrategien von SexarbeiterInneverbaenden war, die im Zuge der EMMA-Propaganda versuchten, ihre Sichtweise, ihren Diskurs zu verfechten. Mir gefaellt dieser ‚theoretische‘ Duenkel darin nicht, gefiel mir schon damals nicht und gefaelt mir heute nicht. Von ’normalen‘ im Beruf stehenden Frauen wird im allgemeinen auch nicht erwartet, die Tatsache ihrer blossen Existenz, i.e. in durch Maenner/maennliche Machtdiskurse dominierten Szenen (etwa unter Ingenieuren oder Physikern) mit Narrativen ueber die Zweifelhaftigkeit der gesamten Branche schlechthin aus der Perspektive der kritischen Theorie etwa, anzureichern, so nach dem Motto: wie kann man so einen Schrott unkommentiert oder oeffentlich un’hinterfragt‘ mittragen. Es entsteht auch der Eindruck, als sei dieses ‚Freiwilligkeitsargument‘ das einzige Argument der SexarbeiterInnenvertreterinnen gewesen, obwohl es in Wirklichkeit vielleicht einfach nur der Simplifizierung öffentlicher Erklaerungen geschuldet war. Allgemein wuerde ich mir in solchen Faellen wuenschen, denn Deutungshoheitsanspruch, wenn auch kritischer, aber letztlich doch auch irgendwie buergerlich-akademischer mainstream-Diskurse irgendwie etwas niedriger anzusetzen. Im uebrigen, dieser Satz:
    „Was natürlich im Umkehrschluss nicht dazu führen darf, über die Köpfe von Betroffenen hinweg unmittelbaren Zwang, Gewalt und Abhängigkeit zu bagatellisieren.“
    scheint die obige Stossrichtung eher zu vertiefen, suggeriert aber irgendeinen ‚Umkehrschluss‘. Was genau ist ein ‚Umkehrschluss eigentlich? Wenn A -> B im Sinne einer Implikation, ist dann ‚der Umkehrschluss‘ B-> A oder aber einfach die aequivalente Transposition, also NICHT B -> NICHT A?

  2. momorulez Juli 20, 2014 um 2:27 pm

    Ich weiß gar nicht, ob das nun in diesem Sinne der Aussagenlogik formalisierbar ist 🙂 – der Mädchenmannschaft ist unter den mir bekannten der differenzierteste und ja ganz ausdrücklich gegen die EMMA-Aktion gerichtet. Ich finde den gut, weil er sich Richtung von Sprüchen, wie sie auch von unserem Präsidium kamen, ebenfalls sehr deutlich positioniert. Ich tendiere meinerseits auch in Richtung Deiner Einwände; das ist aber nun auch so eine Sache, wenn nun ausgerechnet ich zu irgendwas tendiere. Weil Pornographie/Prostitution in schwulen Zusammenhängen je unterschiedlich noch mal anders diskutiert werden muss.

    Mein Appell besteht darin, ausgehend von der Mädchenmannschaft sich da mal schlau zu machen. Und Betroffene haben wir nun noch eine ganze Menge rund ums Stadion. Es gab auch Persönlichkeiten wie Domenica, die von manch einem bei uns so abgecancelt werden, dass es mich irrsinnig wütend macht. Es gab auch immer die Frage, wo es vielleicht fließende Übergänge zwischen Ehe und Prostitution geben könnte, etwas, was nun exklusiv Schwulen reingedrückt wird, wenn es darum geht, mit Nicht-EU-Bürgern zusammen leben zu wollen. Finde ich beim allseitigen Familienkult auch nicht unwichtig.

    Entscheidend ist bei den Mädchenmannschaft-Sätzen für mich „nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg“ bei gleichzeitiger Thematisierung dessen, dass „Zwangslage“ nicht nur im Fall der Zwangsprostitution eine Relevanz haben muss. Und dass Vorsicht geboten ist, mit wem man in solch einer Frage bündelt.

    Ich freue mich aber aufrichtig über die Einwände und den Kommentar, weil ich ja will, dass man dem Thema nicht ausweicht.

  3. Fulsar Juli 20, 2014 um 2:53 pm

    Nur zum Verständnis: Bezüglich Aalen beziehst du dich auf dieses Foto hier und findest das Frauenbild, welches damit suggeriert wird in Ordnung?
    http://www.vfr-aalen.de/aktuelles/news/news-details/artikel/flotter-dreier-verguenstigte-stehplatzkarten-sichern/

  4. momorulez Juli 20, 2014 um 3:52 pm

    Das ist Scheiße, da bin ich ganz bei Dir. Das Bild, das ich sah, da waren 3 Spieler drauf.

  5. MartinM Juli 21, 2014 um 8:56 am

    Nur am Rande vermerkt: von einer Freundin, die früher mal Sexworker war, weiß ich, dass „Hure“ unter Umständen geht, unter *bestimmten* Umständen – es ist als Selbstbezeichnung ein „Geusenwort“, und nicht jedeR sollte es in beliebigem Kontext in den Mund nehmen. Was gar nicht geht und schwer beleidigend ist, ist auch in diesem Fall ein „N-Wort“: „Nutte“.

  6. momorulez Juli 21, 2014 um 9:23 am

    Das habe ich ja auch konsequent vermieden 😉 – und ich dachte immer, die Selbstorganisation hieße Hurenverband, deshalb wagte ich die Verwendung.

    Im „Museum der Arbeit“ gab es übrigens mal eine Ausstellung zur Sexarbeit.

  7. MartinM Juli 21, 2014 um 10:49 am

    Ja, die Selbstorganisation heißt „Hurenverband“, im Sinne des „Geusenwortes“ Hure. In Aufsätzen wie diesen ist „Hure“ sicherlich in Ordnung, im „Gesellschaftlichem Umgang“ oder seitens Behörden mit Sicherheit nicht.

  8. ziggev Juli 21, 2014 um 4:05 pm

    zum Ventilator : ich nehme eine Sprühwasserpistolenflasche hinzu.

  9. momorulez Juli 21, 2014 um 4:11 pm

    😀 – bei mir reicht aktuell zum Glück der Ventilator.

  10. ziggev Juli 21, 2014 um 5:46 pm

    ach, und dann wäre da noch die weiße Emaille-Schüssel mit dem kalten Wasser, in der ich stündlich meine Füße bade (…)

  11. monodromie Juli 22, 2014 um 7:19 pm

    vielleicht noch einmal etwas praeziser gefragt: das ‚Narrativ der Freiwiligkeit‘ bagtellisiert ‚ueber die Koepfe von Betroffenen hinweg‘ ‚unmittelbaren Zwang, Gewalt und Abhängigkeit‘? ‚Umkehrschluss‘ waere in dieser Interpretation tatsaechlich Transposition, also Feminismus -> kein Narrativ der Freiwilligkeit aequiv. zu Narrativ der Freiwilligkeit -> kein Feminismus. Ich finde das nur deshalb bemerkenswert weil die logisch stringente Analyse solcher Texte ziemlich fragwuerdige Aussagen zutage foerdert. Dieses ‚ueber die Koepfe der Betroffenen hinweg‘ ist insbesondere deshalb besonders fies, weil man damit den SexarbeiterInnenverbaenden (die man hier klarerweise implizit meint) abspricht, ‚fuer alle Betroffenen‘ zu sprechen und aehnelt zweifellos sehr dem Argument von Schwarzer. Ich halte es in diesem Zusammenhang deshalb fuer eher fragwuerdig ‚von der Maedchenmannschaft‘ *auszugehen* und wuerde noch immer dafuer plaedieren, zuallererst die ‚Betroffenen‘ anzuhoeren. Ich weiss auch nicht, ob internetblogs und Akdemikersphaeren in ihrer Einkommensblase die Interessen der hier angeblich von SexarbeiterInnenverbaenden exkludierten, also etwa der erwaehnten nicht-EU-Buerger, besser vertreten als letztere.

  12. momorulez Juli 22, 2014 um 7:59 pm

    Ich lese den Passus ehrlich gegenteilig – dass eine Freiwilligkeit einfach so voraus gesetzt wird, ohne mit Betroffenen mal darüber zu reden, wo sie Zwang, Gewalt und Abhängigkeit ausgesetzt sind. Und bei dem Thema besteht halt das Problem des Freiers aus allgemeiner Perspektive, der aus Perspektive der Berufsgruppe Kunde ist. Anders formuliert: Männliche Blick, Reduktion von Frauen aufs zu penetrierende Objekt mitsamt fetischisierter Körperteile, Verniedlichung all dessen sind eben das, womit man u.U. schlicht Geld verdient, ebenso mit dem Rückstellen eigener Bedürfnisse. Das gibt es alles auch in anderen gesellschaftliche Bereichen und ist, falls ich das richtig verstehe, allgemein im Feminismus als Problem erkannt. Das kann man weder Prostituierten noch Stangentänzerinnen anlasten, aber der mangelnden Selbstkritik von Männern. So lange die Frauen von ihrem Beruf aber finanziell abhängig sind, widerspricht es einfach deren Interesse, das anzugreifen. Genau das kam dann ja auch, als Susis Tänzerinnen Boulevard gegen die prüden Fans wetterten, und die völlig verständnislosen Reaktionen von Orth und Co, was denn nun das Problem sei, wenn sie die angezogen Glotzenden sind und eine fast nackte Frau tanzt vor ihrem männlichen Blick herum.

    Ich bin aber ja im Grunde genommen ganz bei Dir und fand die Entgegnungen der Tänzerinnen viel wichtiger als die Slogan irgendwelcher Macker auf der Süd. Ich sehe aber diese Anwürfe gegen die angebliche akademische Entmündigung durch Akademikerinnen nicht. De facto entmündigt in der Regel eher irgendeine Herrenclique Akademikerinnen, und das alles zu irgendeinem Machtverhältnis zwischen Frauen hin zu debattieren, die es an Achsen wie weiß/PoC, an Klassengrenzen usw. ja gibt, steht mir nicht zu. Die Mädchenmannschaft ist einfach das avancierteste mir bekannte, feministische Blog.

    Ich finde es aber auch prima, bei den. Betroffenenverbänden zuerst sich informieren oder auch irgendwo anders; das Problem ist ja, dass, wie es sich mir zumindest darstellt, dass in der Fanszene zu dem Thema im Allgemeinen nicht allzu intensiv gegoogelt oder gar Kommunikation gesucht wird. Da scheint mir eher der Abgrenzungsbedarf gegen „Schmuddel“ da zu sein, was ich Betroffenen gegenüber als abwertend und respektlos empfinde. Da freue ich mich sehr, wie Du Dich auf die Diskussion einläßt!

    Final hat auch jeder ein Recht auf die Verfolgung eigener Interessen. Das noch zum eingangs Geschrieben. Nicht, dass das falsch verstanden wird. Und sowieso alles unter Vorbehalt, weil ich als weißer, schwuler Mann zwar solche Themen anstoßen kann, aber Andere dazu Wichtigeres zu sagen haben.

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