Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Fast eine Lebensbeichte: Über die Unerträglichkeit der Hass-Ausbrüche in Essen

„1) Entscheide Dich für ein Lager: Da sowieso grad Fußball-WM ist, ist das eine ganz einfache Kiste, und die Auswahl der Mannschaft sollte für Dich kein Problem sein. Lass Dich auf keinen Fall davon verwirren, dass von Menschen und Medien gerne mal zwei monolithische Blöcke konstruiert werden. Das ist Part of the Game und sollte Dich auf keinen Fall verwundern!

2) Verwende in Deinen Postings möglichst schwammige Begriffe, die klar machen, dass Du zwar irgendwie ganz viel Herzblut für das Thema hast, aber auch irgendwie nur so mittelviel Ahnung. Verwende gezielt Schlagworte als Synonyme um falsche Sachverhalte zu konstruieren, wie zum Beispiel: Hamas = Palästinenser_innen, Jüdische Menschen = Israelis, Gaza = Westbank und Gaza zusammen bzw. Palästinenserstaat bzw. bekanntes und großzügiges Urlaubsressort am Mittelmeer. Usw. usf. Sollte Dir diese Taktik schwer fallen, lasse Dich einfach von deinen Facebook-Freund_innen inspirieren!“

 

***

Es war zu Beginn der 80er Jahre. Einen ernsthafteren Anschluss an linke, politische Gruppen hatte ich zumeist vermieden: Im Rahmen der Friedensbewegung, den größten Demonstrationen der Nachkriegsgeschichte, war ich engagiert demonstrierender Teilnehmer und verlas gar Gedichte mit Friedenslyrik im Keller des Jugend- und Freizeitheimes und schäme mich da bis heute nicht dafür.

Ich schreibe das nicht, weil meine Biographie nun so umwerfend wichtig wäre, dass ich sie bei tagesschau.de ausbreiten würde, schrübe ich dort; in mancherlei Hinsicht ist sie wohl symptomatisch; .

Sondern, weil so ein Blog ja vielleicht dazu da ist, das Persönliche auszubreiten, um da, wo man in Massenmedien Jobs erfüllt, sich auch klarer zu werden, welche Erfahrungen wie intervenieren in das, was man berichtet. Das dient dazu, sich denen anderer Menschen (hoffentlich) besser öffnen zu können. Versuchen zumindest kann man das ja.

Und schon in den frühen 80ern traf ich bei jedem Versuch, mich mal zu organisieren, auf irgendwelche geschulten Polit-Profis, zumeist weiß, hetero und männlich, die schnell manipulative Maschen entfalteten und alle Runden dominierten. Ich blieb draußen.

Als Ausweg erschien mir Literatur; Erweckungserlebnis war ein Buch über „Die verbrannten Dichter“, eben jene, die kaum noch wer kannte und kennt, weil sie von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben wurden

und man lieber Ernst Jünger kanonisierte als Erich Mühsam, Ernst Toller, Carl von Ossietzky oder Else Lasker-Schüler. Kurt Tucholsky immerhin hatte damals eine hohe Präsenz in allen Diskussionen, selbst Helmut Kohl zitierte ihn,  zumeist freilich waren es Texte wie „Was darf Satire?“ oder „Wie kommen die Löcher in den Käse?“, die allseits gelesen wurden.Ich vertiefte mich in die Werke der Genannten, ergänzend in das von Erich Kästner, das Gedicht „Ragout fin du siécle“ fand ich schon damals empörend und mein Deutschlehrer das ahistorisch. Ich ging in die Niedersächsische Landesbibliothek, um mir Bände der „Weltbühne“ auszuleihen. Ich empörte mich darüber, dass Ossietzky schon vor der so genannten „Machtergreifung“, die de facto eine Machtübergabe war, verurteilt wurde, weil er die geheimen Aufrüstungspläne der Wehrmacht in seiner Zeitung publik gemacht hatte. Else Lasker-Schüler lehrte mir die Poesie, die auch vor dem, was männliche Heten oft als Kitsch denunzieren, nicht zurückschreckt – Mühsams „Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt“ hing an meiner Schülerzimmerwand.

Auf den ganzen Veranstaltungen rund die Friedensbewegung traten Fasia Jansen und Esther Bejarano Seite an Seite auf, und bei meinem ersten Millerntor-Besuch, „Künstler für den Frieden“, sang tatsächlich Joan Baez „We shall overcome“. Immerhin die Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, über die sich schon damals durch Punk Belehrte ätzend erhoben.

Die Quellen des eigenen, pazifistischen Engagements waren neben der Schriften der Weimarer Republik, so auch die Weltkriegs-Vision in Kästners „Fabian“, stark auch Einflüsse aus der us-amerikanischen Anti-Vietnamkriegs-Bewegung. Ja, wir hörten auch „Amerika“ von Fee. Es gab diesen deutschen Dünkel gegen US-Massenkultur, der sich mit Konstantin Wecker auf Goethe und den Interims-Nazi Gottfried Benn berief. Es gab diese Versuche, die durchaus nationalistische Untertöne hatten, nun „das andere Deutschland“ sein zu wollen unter Berufung auf jene Quellen, die nicht durch die Nazis kontaminiert waren. Moritz Reichelt als Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle formulierte es noch anders: „Wir hatten ja nichts anderes als Kinderlieder, an das man anknüpfen konnte“. Doch, hattet ihr, die Residents 😉 … mittlerweile halte ich die Fragestellung für unsinnig, das war 1999 bei mir noch anders.

Es gab die Sehnsucht nach politischer Neutralität, tatsächlich, Ausstieg aus der NATO, und es wurde kritisiert, dass die BRD gar kein souveräner Staat sei, ja, das auch, und so nicht selbst entscheiden könne, ob sie nun Atomraketen stationierte oder auch nicht. Allen Unkenrufen zum Trotz gab es auch Proteste gegen die SS 20 und Solidarisierungen mit dem „Schwerter zu Pflugscharen“ der DDR-Friedensbewegung ebenso wie mit der Solidarnosc in Polen. Ich skizziere das nur ohne Bezug zu dem, was ich heute denke, weil all diese Topoi ja aktuell sind.

Henryk M. Broder hat später brilliant im Nachwort zu einer Neuauflage von Hannah Arendts Besuch in Deutschland unmittelbar nach dem Krieg sich über Dorothee Sölle und solche sich lustig gemacht, einen Treffer nach dem anderen gelandet gegen Leute wie mich damals gerade an dem Punkt, da der Pazifismus sich als Vermeidung weiterer Völkermorde verstand und in seinen Augen die Shoah lediglich instrumentalisierte und sie unzulässig annektierte. Ich wurde knallrot, als ich das später las, fühlte mich fortwährend ertappt und musste wirklich laut über mich lachen.

Umgekehrt kam der Antiamerikanismus- und Appeasement-Vorwurf durchgängig von der politischen Rechten, von Leuten wie Franz-Josef Strauss und Heiner Geißler, der noch keineswegs so viel Kreide gefressen hatte wie heute. Selbst wenn man jedem Punkt in Broders Schrift zustimmen würde, ich denke, man muss es, Leute, die „lieber ein Kalter Krieger als ein warmer Bruder“ äußerten, waren auch keine mögliche Orientierung. Oder die einen Nazi-Richter wie Filbinger stützten,  der die Kritische Theorie für den Terrorismus verantwortlich machte. Die kein Problem mit mörderischen, südamerikanischen Militärdiktaturen hatten, die mit US-Hilfe installiert waren, um dem Vormarsch des Sozialismus zu stoppen. Und wir protestierten sehr wohl auch gegen „die Russen“ in Afghanistan, da Teile der Exekutive der USA dort derweil die Taliban heran zogen.

Und wenn wir zu „Kristallnaach““ von BAP tanzten, auch nicht wirklich angemessen bei dem Thema, ja, selbst zu den Bots des unsäglichen und unerträglichen Herr Dehm (Grönemeyer sagte mal in einem Interview zu mir, bei dem habe er doch immer schon gewusst, dass der Stasi war), der damals sich noch „Lerryn“ nannte, tönte kurz danach „Hava Nagilah“ oder „Hevenu Shalom Alechem“. „Donna, Donna, Donna“, von Joan Baez populär gemacht, avancierte fast schon zum Hit der Bewegung. Der Kibbuz galt uns noch als politische Utopie. Und der Pazifismus, wie ich ihn erlebte, nahm das Thema Antisemitismus sehr ernst und adaptierte die Tradition jüdischer Denker und Literaten intensiv, hoffentlich ohne Appropriation. Zumindest unter den Feld- Wald- und Wiesenlinken, die aus dem Desaster der RAF vor allem einen Abschied vom Doktrinären und eine Absage an Gewalt geschlossen hatten, einen Abschied von der marxistischen Geschichtsphilosophie, von der Kader-Denke, zugunsten dessen, was in der Alternativbewegung als undogmatisch galt, kann ich mich an nichts anderes erinnern.

Als ich das neulich beim FSK jemanden erzählte, der fortwährend körperlichen Attacken von Seiten der so genannten „Antiimps“ ausgesetzt ist, wollte der mir das alles nicht glauben.

 

***

 

Ja, doch: Daran erinnere ich mich schon, wie mir angesichts des Nicht-Eingreifens des israelischen Militär zu Zeiten des Wütens christlicher Milizen im Süd-Libanon ein einziges Mal (!!!) der Satz entwich, die Israelis würde ja mit „den Palästinensern“ da gleiche machen wie einst die Deutschen mit den Juden, womit ich freilich diesen Topos, Juden seien generell keine Deutschen, implizit von den Nazis übernahm. Ich weiß gar nicht mehr, was mein Vater angesichts dessen sagte: Nur, dass es derart massiv war, dass es mich bis heute beeindruckt. Ganz entgegen seiner Art pfiff er mich derart zusammen, wie bei allen anderen politische Differenzen dies nie der Fall gewesen war. Ich habe diesen Gedanken danach nie wieder auch nur gedacht.

Er war selbst noch Pimpf, Flakhelfer, im „Volkssturm“ und verlor dabei ein Bein. Bei einem Jugoslawien-Urlaub Mitte der 70er Jahre saßen wir mit einer Familie namens Freitag aus Amsterdam an einem Tisch. Mein Vater war völlig verblüfft, dass sie überhaupt mit ihm redeten. Und das auch noch so freundlich und offen. Es waren Juden, die überlebt hatten. Damals erfuhr ich erstmals in noch einstelligem Alter vom Holocaust. In Vodice, dem Ort, wo wir waren, gab es ein Denkmal für die Opfer eines Massakers, das die Nazis angerichtet hatten. Was ich von meinem Vater damals lernte, war, dass es um Offenheit geht den Nachfahren und Überlebenden gegenüber, um Lernenwollen, und er in Sachen Weltendeuterei dann schlicht die Schnauze hielt, er, der als Flakhelfer unweit von Celle stationiert noch Bergen-Belsen, von außen, gesehen hatte. Trotz Entsetzens wollte er mit „Kameraden“ noch eine Stadt in Westfalen verteidigen, wie im Film die Brücke. Er hat zumindest versucht, daraus zu lernen, sein politisches Leben lang.

 

***

Anfang der 90er. Ich studierte „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ im „Pferdestall“ der Universität Hamburg. Die für mich wichtigste Lehrerin und später auch Prüferin: Prof. Dr. Ina Lorenz vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Ein Seminar über jüdische Biographien der Einstieg; ich verfasste die erste ernstzunehmende Arbeit meines Studentenlebens über Hannah Arendt. Über deren rassistische Ausfälle ist später viel geschrieben worden, die begegneten mir damals nicht. Ich weiß auch nicht, warum.

Ich las sie als geistig faszinierend unabhängige Frau, die sich mit Rahel Varnhagen und jüdischen Salons auseinander setzte, in akademischen Zusammenhängen, wo Frauen noch lange nicht etabliert waren. Sie wollte 1933 in den Widerstand, wurde verhaftet, entkam knapp – und stützte ihren Freund Walter Benjamin, während das „Institut für Sozialforschung“ seine Spielchen mit ihm trieb.

Die Arbeit nannte ich „Die Urteilskraft des Pariah“, zwei ihrer Schriften fusionierend, und das wurde mir, durch Foucault bereits geschult, zum Mantra. Es ist einfach so, dass marginalisierte Perspektiven, die der „Outlaws“, hellsichtiger sind und sehen, was anderen verborgen bleibt. Ich schrieb damals bei Frau Lorenz auch eine Arbeit zur Geschichte des Antisemitismus, eine, die diesen, im Rahmen der Moderne-Konzeption von Jürgen Habermas gedacht, als Antimodernismus behandelte. Würde ich heute differenzierter sehen, weil die Orientalisierungen und das Festhalten an der Religion vieler Juden diesen oft gerade als „antimodern“ unter die Nase gerieben wurden.  Es war die Zeit von Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Hoyerswerda. Für andere Seminare verfasste ich Thesenpapiere, inwiefern Analogien zu konstatieren wären.

Im Zuge dieser Seminare bei Frau Lorenz sowie der Beschäftigung mit dem Antisemitismus insbesondere im Kaiserreich begegnete ich auch erstmals der zionistischen Idee zu Zeiten, da sie entstand – eben noch nicht auf den Holocaust bezogen, sondern auf Antisemitismus in ganz Europa. In Frankreich erregte die „Dreyfuss-Affäre“ die Nation, in Russland wüteten Pogrome, in Deutschland taten sich führende Akademiker hervor, „die Juden sind unser Unglück“ zu schreien mit immenser Wirkung. Wenn ich nicht fehlinformiert bin, erfand der zaristische Geheimdienst die „Protokolle der Weisen von Zion“ zu eben jener Zeit.

Der herrschenden Klasse kam es gelegen, den Antisemitismus anzuheizen im Rahmen nationalistischer Ideologien, um der Arbeiterbewegung das Wasser abzugraben. Der Kommunismus galt als „verjudet“, der linke „jüdische Kaffehausliterat“ wurde zum Inbegriff des „Zersetzenden“. Die Einwanderungsbewegung in damals – man korrigiere mich, wenn ich da was Falsches schreibe – zunächst Ausläufer des Osmanischen Reiches, dann in ein britisches Protektorat, reagierte auf krasse Verfolgungs- und Ausgrenzungserfahrungen. Später schruben mir Leute hier in die Kommentarsektion, dass doch schon Karl Kraus gegen die Zionisten gewettert habe – eine ja durchaus hellsichtige Bewegung, das habe ich schon damals nicht verstanden, wieso der Hass noch in die Zwanziger Jahre zurück projiziert wurde. Da flüchteten Menschen vor politischen Bewegungen, die ihr Leben kosten könnten und später auch unvergleichlich kosteten.

Die „arabischen“ Pogrome gegen Juden in späteren Israel z.B in den 30er Jahren, als sich bereits abzeichnete, was in Deutschland abging, habe ich als Attacken auf Flüchtlinge gelesen, als eine Variante des „Ausländer raus“. Mir ist ist bis heute nicht begreiflich zu machen, wie man das im Paradigma des Antikolonialismus diskutieren kann. Selbst nach 1967 ist das so einfach nicht, bei allem, was kritisierbar ist und wohl auch furchtbar war, auch von Seiten der Politiken von Gruppierungen in Israel.

Umgekehrt bin ich bis heute perplex, mich an die damalige Arbeit erinnernd, was für einen Scheißdreck sich manche der so genannten „Antideutschen“ ahistorisch zusammen gebastelt haben, während sie einfach positive Vorzeichen vor lediglich eine Auswahl antisemitischer Stereotype schruben und ansonsten brav das kolportierten, was die Altnazis und Andere bei Springer & Co sich zuvor ersannen, als sie nun Israel als Projektionsfläche und publizistischem Akteur erdachten, ihre nazistischen Gelüste journalistisch auszuleben, auch, weil sie merkten, dass man damit die Linken jagen kann (was ja nun auch Teil des Desasters ist, um dass es geht, dass das geht).

Verschärft wurde das Ganze noch, als irgendwelche Think Thanks den „Clash of Civilizations“ erdachten, um möglichst viele Muslime umbringen zu können und nach der Implosion des „Ostblocks“ ein neues Feindbild her musste. Was man einfach nicht Israel ankreiden kann. Danach wanderte das Ganze in rechtsliberale Fehlinterpretationen „des Westens“, und was heute mit Isis so los ist, ist ja unter anderem Effekt dessen. Wie immer schon von Antisemiten werden „die Juden“ als monolithischer Block missbraucht und gedeutet, um ganz anderes zu erreichen.

Blicke ich zurück in die Zeit, als ich bei Frau Lorenz studierte, so war dieses auch jene, da die Ausläufer der Postmoderne-Debatte das Studium prägten. Heute finden sich ja in manch Text plötzlich seltsame Sottisen von Menschen, die sich mit dem Thema offenkundig nie beschäftigt haben. Habermas schlug Derrida bruchlos der jüdischen Tradition zu, während wir Studenten eher nach Analogien zwischen Adorno und Derrida suchten. Herbert Schnädelbach als mein wichtigster Lehrer ging an die Decke, als er bei Derrida eine Kritik des „Logozentrismus“ fand, ein Begriff, den auch Ludwig Klages, ein lebensphilosophisch inspirierter Vordenker der Nazis, verwendete – es war unter anderem eine für Deutschland (und somit auch mich) so typische Schlacht, wer denn nun der Nazi sei und wer nicht, die anhand von Bataille, Nietzsche und anderen geschlagen wurde. Nun waren es vorsichtshalber „die Franzosen“ im Geiste, „die Deutschen“ hingegen klar geläutert und rein gewaschen dank Westbindung, Liberalismus und Kriegserfahrung.

Was uns aber nicht davon abhielt, Spuren des Denkens jüdischer Traditionen in „die Postmoderne“ zu entdecken, und zwar genau jene, die zu Beginn des Jahrhunderts als „zersetzend“ denunziert worden waren und nun als „Relativismus“ gescholten wurden. Ob wir das nur hinein lasen, was wir als „Spuren des Denkens jüdischer Tradtionen“ verstanden: Keine Ahnung.

Dennoch: „Die großen Erzählungen“ Lyotards zerdepperten gleichzeitig jene der marxistischen Geschichtsphilosophie wie auch jene „des Westens“ wie auch jene „der Volksgemeinschaft“. Die Kritik der Zentrismen – Eurozentrismus, Ethnonozentrismus, Androzentrismus – ist aktueller denn je, übrigens auch hinsichtlich der „großen Erzählung“ nicht „des Islam“, aber des Islamismus und des Christianismus oder wie immer man das nennen will. Gerade, um diese Konstruktion „monolithischer Blöcke“, die Shehadistan diagnostiziert, aufzubrechen.

Was man von den „Postmodernen“ und „Poststrukturalisten“ lernen konnte, war, die Diskussion eine Ebene tiefer zu legen und den hochglänzenden Begriffsscharnieren und geschichtlichen Totalisierungen, die zu Propagandazwecken kursieren und bei „pro-westlich“ und „antiwestlich“ gleichermaßen zu finden sind,  zu misstrauen.

Trotzdem ist es auch kein Zufall, dass Habermas und Derrida sich bei dem Thema „Menschenrechte“ letztlich einigen konnten. Neulich stand in einem feministischen Text, wer sich auf diese berufe, sei nur zu faul zu googeln. Manchmal ist es aber auch so, dass man das intensiv diskutiert hat und zu dem Schluss kam, dass die schon Sinn machen. Freilich nicht, um sie zu instrumentalisieren, um viele Menschen umzubringen und ganz andere Interessen durchzusetzen.

***

Dieser ganze Text dient dem „Rausschreiben“ dessen, was in mir herum schwirrt, und belegt hoffentlich, wie massiv all das, was ich in Bereichen des Wissens in Jahrzehnten mir aneignete, auf das bezogen bleibt, dass auch ich Nachfahre der Nazis bin, in Deutschland lebe (in Hamburg sehr gerne) und ich das auch aus nix raus halten kann, was ich hier schreibe. Wie auch?

Was mich schon mal disqualifiziert, nun den „Nahost-Experten“ in aktuellen Fragen zu spielen.

Damals, zu Zeiten meines Studiums der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, gab es im „Museum für Hamburgische Geschichte“ eine Ausstellung zur Historie jüdischen Lebens in Hamburg, Ich lernte, dass in den Straßen, in denen ich mich täglich bewege, der Ursprung dessen lag. Das Millerntor war das einzige, durch das Juden in die Stadt durften. Die Neustadt war das Armenviertel, die ersten Synagogen bauten jene, die dort ihre Religion ausübten, zur Sicherheit versteckt in Hinterhöfen (da, wo heute das „Deutscher Ring“-Hochhaus steht). Protestantische Pfarrer nutzten allerlei Gelegenheient, sie aus der Stadt zu treiben; sie flüchteten ins freiere Altona. Nebenan der Gebäude, da bis vor kurzem die Schüler der „Stage School“ tanzten, wurde ein Reformtempel gegründet, die Überreste davon kann man in einem Hinterhof betrachten. Ein wenig weiter, neben der nunmehr geschlossenen, ersten Stadtbibliothek an den Kohlhöfen, stand vor den letzten von den Nazi eliminierten Gängevierteln ebenfalls eine Synagoge. Beim Großneumarkt befand sich ein später verlegter jüdischer Friedhof. An der heutigen Neanderstraße, damals Elbstraße, handelten Juden u.a. mit Lumpen. Später verlagerte sich das jüdische Leben an den Grindel. Mit Ernst Cassirer wurde erstmals in den zwanziger Jahren ein Jude Rektor einer deutschen Universität.

Ich trauerte, als ich all das erfuhr. Darüber, wie nachhaltig die Vernichtung durch die Nazis gewirkt hatte, all diese Spuren auszuradieren, ein paar Gedenktafeln zum Trotze. Wie ich auch die Fassung verliere, wenn jüdische Einrichtungen in Berlin unter Polizeischutz stehen müssen.

Denn so vollkommen richtig Shehadistan mit ihrem Text liegt: Zu dem, was hierzulande passiert, traue ich mir schon zu, mich zu äußern.

Und die Sprechchöre nun in Essen, dass Synagogen geschützt werden müssen, dass der nackte Hass auf die Opfer der Nazis einmal mehr entbrennt: Ich finde das sehr schwer nur auszuhalten, und das MUSS einfach wieder verschwinden. Das ist ja das, was der von Broder immer wieder zitierte Satz zum Ausdruck bringt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“. Diese gemeingefährlichen Antriebe halt, Nazi-Opfer zu den wahren Nazis erklären zu wollen (wenn man nicht gleich leugnet, dass sie es waren). Weil man die eigene Geschichte nicht aushält und dafür noch Leichenfotos, entwürdigenden „War-Porn“, aus Gaza missbraucht, über deren Ursprungsgehalt ich im Falle „beider Lager“ mir kein Urteil zutraue, ansonsten verweise ich dazu auf den Text bei Shehadistan.

Zu deutlich die Gehässigkeit, es nun denen, von deren „Auschwitzkeule“ man sich ach so unterjocht fühlt, die „Rassismus-Keule“ ist nur eine  Variante dessen, so richtig zu zeigen, dass ja auch sie nur schlechte Menschen seien und man selbst nun gut.

Diese vermaledeite „Antiimp“- und „Antideutsch“-Entgegensetzung hat zudem dafür gesorgt, dass außer vermeintlich „linkem“ (ich bitte da doch, zwischen Personengruppen und der Definition desssen, was heißen kann, zu unterscheiden) Antisemitismus der der Rechten annähernd aus der Diskussion verschwindet und andere Formen der, ich nenn das mal rechtsliberalen, Rechten wie immer schon fein aus dem Schneider sind: Die Linie von Franz-Josef Strauss bis zu PI. Die sich genüßlich im Paradigma „des Westens“ eingerichtet haben, um ihren mal eben so global erweiterten Kulturnationalismus menschenverachtend auszuleben und hinter deren „Pro-Israel“-Agitation sich oft auch nur allerlei strukturelle Antisemitismen verbergen, während sie, tradierte Motive von Treitschke und Co adaptierend, das, was sie als „Islam“ und „Muslim“ erfunden haben, zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit nutzen und sich wieder als Über- und Herrenmenschen gerieren.

Nee, etwas mehr Demut, bitte. Allseits. Und nie wieder das, was in Essen von Demonstranten initiiert wurde.

 

 

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5 Antworten zu “Fast eine Lebensbeichte: Über die Unerträglichkeit der Hass-Ausbrüche in Essen

  1. MartinM Juli 20, 2014 um 12:27 pm

    Danke für diese ausführliche Darstellung! Vieles kommt mir, von meinem eigenen Lebensweg her, sehr bekannt vor – meistens leider unangenehm bekannt. Anderes ist mir völlig fremd. Was immerhin neue Blickwinkel öffnet.
    Auch ich traf schon in den frühen 80ern bei jedem Versuch, mal einer Organisation beizutreten auf irgendwelche geschulten Polit-Profis. Selbst etwas zu organisieren traute ich mir nicht zu, wahrscheinlich zurecht, denn ich war ziemlich „nerdig“ und konnte gar nicht mit Menschen umgehen. Manchmal beneidete ich diese Profis um ihr manipulatives Geschick; überraschend oft gelang es ihnen, mich zwar nicht von ihren politischen Positionen zu überzeugen, aber mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich wäre besser draußen geblieben. Ach ja, selbstverständlich waren die meisten weiße Männer, Ob Schwule dabei waren, hätte ich nicht gemerkt. Ich merkte so einiges nicht. Auffällig nur, dass weibliche Polit-Profis (eindeutig eine Minderheit) bei mir am meisten Erfolg hatten – darin, in mir Selbstzweifel zu wecken.
    Nostalgisch verklären will ich meine Aktivitäten damals – eher war es ein „auch dabei sein“ – nicht. Ich stand am Rande und beobachtete, und begriff nicht viel.
    Was mich damals störte, und auch nachhaltig prägte, war die Begegnung mit stark moralisierenden, regelmäßig aus aufs „Grundsätzliche“ verweisendende und meistens stark christlich geprägte Mitglieder der „Lila-Halstuch-Fraktion“. Radikalpazifisten, die seltsamenweise bei den „großen“ Themen wie Abrüstung, sozialer Gerechtigkeit, Umweltschutz usw. gerne kniffen, aber ganz groß darin waren, auch an Ecken eine „umfassende Militärisierung der Gesellschaft“ zu sehen, und vor allem eine gezielte Planung zu postulieren, wo beim besten Willen nicht zu sehen war, jedenfalls keine „umfassende Miltarisierung“. Alles Absicht: der Boom der Fantasy-Rollenspiele, die Science-Fiction-Welle, der Geländewagen-Boom („damir die immer genügend viele militärisch verwendbare Fahrzeuge haben), die aufkommenden Heimcomputer …. Hinter jedem Gullideckel oder auffälligem Flicken im Straßenpflaster verbarg sich ein Sprengschacht und überall wurde der 3. Weltkrieg vorbereitet. Keine „ins Weltbild“ passende Verschwörungstheorie war ihnen zu albern. Irgendwie sind die Parallelen zu den „Mahnwachtlern“ um „Ken FM“ und Elsässer unübersehbar, und die Gleichsetzungen von Israel, Zionisten und Nazis gab es auch schon. Allerdings war das Ganze sehr bemüht „christlich-moralisch“ verkleidet, das war ein wesendlicher Unterschied. Ich vermute, dass war so, weil die Kirchen als (halbwegs) moralisch intergere Institutionen galten; es hatte sicher auch mit der vorrangangenen „Jesus“-Welle, „New-Age“-Esoterik und der angenehmen Stimmung auf Kirchentagen zu tun.
    Heute kann ich es mir kaum noch vorstellen, dass buchstäblich hunderttausende Demonstranten z. B. bei den Ostermärschen mitmachen. Damals war es Realität. Ich nehme an, dass das, außer mit den realen Gefahren (wie gefährlich es war, erfuhren wir erst später, aber wir ahnten zumindestens sehr viel), auch mit dem vergleichsweise übersichtlichen „Freund-Freind“-Weltbild zusammenhing. Wer „die Bösen“ waren, war klar – eben jene, die der Friedensbewegung Antiamerikanismus- und Appeasement-Vorwürfe machten. Die „politische Rechte“ eben. Dass auch die UdSSR heftig kritisiert wurde, wurde von diesen „Feinden“ unterschlagen. Bei den „Freunden“ galt, meiner Ansicht nach, allzu oft das Prinzip „der Feind meines Feides ist mein Freund“ – was für mehr oder weniger nationalistisch, mehr oder weniger antisemitisch, denkende „Freundchen“ genau so galt, wie für in der Tat moskautreue DKPler.
    Eines der irritierensten Erlebnisse hatte ich am Rande einer der zahlreichen Friedens-Demos an einem Info-Stand, wenn ich mich recht erinnere, einer christlich-pazifistischen Splittergruppe. Die den Stand betreuende Frau zeigte sich ausgesprochen erfreut über das CHALLENGER-Unglück einige Tage zuvor, weil damit die Weltraum-Kriegspläne der Amis wenigstens etwas verzögert würden. Meinen Einwand, er gäbe doch auch eine zivile Raumfahrt, wischte sie als „hoffnungslos naiv“ vom Tisch: das sein alles Augenwischerei und Propaganda, so etwas wie nichtkriegerische Raumfahrt gäbe es nicht, selbst die von mir vorsichtig erwähnten Wettersatelliten dienten fast ausschließlich der Kriegvorbereitung, dafür hätte sie Beweise! Was mich im Nachhinein am meisten stört: Dass bei dem Unglück auch Menschen starben, dass die meisten Astronauten im verunglückten Space-Shuttle Zivilisten waren, schien diese christliche Pazifistin nicht im Geringsten zu stören. Irgendwo an diesem Stand hing ein Plakat, auf dem stand: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“. In diesem Kontext hatte das Bibelzitat etwas Beklemmendes – und Selbstgerechtes.
    (Vielleicht war das einer der Gründe, wieso ich mich, trotz einiger Sympathien, nich in Richtung „christlicher Spiritualität“ entwickelte.)
    Die späten 80er waren keine schöne Zeit für mich; troztdem muss ich mir im Nachhinein eine ordendlich Portion Selbstmitleid vorwerfen lassen. Es war nichts mit dem erfolgreichen Studium, nichts mit der schönen Wohnung, der harmonischen Partnerschaft … aber solche Frustrationen erlebten viele, ich würde sagen, bis auf eine handvoll Glückspilze fast alle 😉 – und die meisten meiner „Leidensgenossen“ kamen damit besser klar als ich.
    Ich wollte nur nicht auffallen, nur nicht anecken. Tatsächlich habe ich damals gern nach außen hin den braven, wenn auch etwas „nerdigen“ jungen Mann dargestellt. Hauptbedürfnis: Lasst mich gefälligst in Ruhe! Wie es drinnen bei mir aussieht, das hat niemanden etwas zu interessieren. Hilfe annehmen? Wozu!
    Und es ging weiter bergab. Mit meinen Nerven, meinem Studium, meinen Beziehungen. Na, ja …
    Ich zählte mich den 80ern zu den „Grün-Alternativen“. Mehr „alternativ“ als „grün“ im damaligen Verständnis übrigens. Das Klischee des in ungefärbte Wolle gekleideten Birkenstock-Trägers, das damals wirklich auf einige „Grüne“ zutraf, erfüllte ich übrigens nie, auch wenn ich, in Anspielung auf der Humoristen Dieter Krebs, der in einem Lied einen Klischee-„Öko“ namens „Martin“ darstellte, mit „du bist der Martin, ne?“ oder „Martin, my love“ (Zeile aus dem Lied) aufgezogen wurde.
    Ich war ein ausgesprochener Computer-Fan mit positivem Verhältnis zur beinahe (!) aller High-Tech – weshalb ich nach (gescheitertem) Studium auch „IT-ler“ wurde. Der Begriff kam damals auf, viele verstanden „ET-ler“, wie in „ET – Der Außerirdische“, denn weltfremden Exentrikern gab es damals, in den Pioniertagen der PC-Welt, in der Zeit vor dem WWW, unter den „Computer-Freaks“ mehr als genug. Mit dem Ausbau der Informatil-Studiengänge professionalisierte sich das schnell – leider (oder glücklicherweise) schreckte ich vor einem „neuen Studium“ zurück. Ich begriff, anders als die „gefühlte Mehrheit“ der alternativ-grünen, technischen Wandel als Chance. Vielleicht kann ich behaupten: ich begriff überhaupt Wandel als Chance, was eine stetige Quelle für Meinungsverschiedenheiten mit konservativen Zeitgenossen war. Auch damals schon waren die „Grünen“ viel konservativer, viel wenige „links“, als es ihr „alternatives“ Image nahe legte. Na, ja …

    Eher ich mich völlig in Erinnerung a la „Alte Männer erzählen von früher“ verliere. greife ich einen für mich wichtigen Punkt aus neuerer Zeit auf. Den “Clash of Civilizations”.
    Ob Samuel Huntigton – der auf anderen Gebieten ja seine Verdienste hatte – den wirklich erdachte, um möglichst viele Muslime umbringen zu können, wage ich zwar zu bezweifeln, jedenfalls, was den Kreis um Huntington selbst angehtt. aber mit Feindbildkonstruktion hat das schon viel zu tun. Der „Westen“, wie er in Huntingtons „Clash of Civilisations“ definiert wird, entspricht dem traditionellen „Christlichen Abendland“, mit der möglichen Ausnahme Lateinamerikas. Damit bekommt diese Idee praktisch automatisch einen anti-islamischen Dreh (einen Anti-Chinesischen und Anti-Russischen nebenbei auch). Eigentlich alles „unsere“ Gegner – bis auf „den Westen“ – „The West vw. The Rest“. Auch für neokoloniastische Bestrebungen durchaus brauchbar. (Was ich nicht alles Hungtington selbst anlaste, der versuchte ja noch, zu differenzieren – aber auf Boulevard-Medien-Niveau heruntergebrochen, wird tatsächlich ein „brauchbarer“ Ersatz für verlorene Feindbilder daraus.)
    Die von Dir erwähnte rechtsliberale Fehlinterpretationen “des Westens” steht damit völlig im Einklang.
    Es wird wieder heiß, und auch im Freien und im Schatten fällt es mir schwer, dass in mein Notebook zu tippseln. Ich mache besser für heute Schluss, bevor ich noch irgendwelchen Unsinn schreibe 😉
    MartinM

  2. momorulez Juli 20, 2014 um 12:52 pm

    Danke für den ausführlichen und sehr persönlichen Kommentar! Die Lila Tücher der christlichen Friedensbewegung und eben diese sind tatsächlich noch mal ein eigenes Thema und Zielscheibe von Broders sehr bissigem Spott. Ich hatte auch ein lila Tuch 😉 – schwenkte aber sehr bald zum Post-Punk über.

    Was mich dabei aber doch immer wieder wundert, wie es nun seit gefühlt 4-5 Jahrzehnten gelingt, immer wieder „der Linken“, die es so nie gab, nun noch die letzte Scheißverfehlung unter die Nase zu reiben, die allerdings politisch eine Wirkung hatte, die gen Null tendierte, und die ganzen ja nun wirklich „Bösen“ damals völlig aus der Diskussion zu halten. Noch nicht mal das, was rund um das Oktoberfest-Attentat hoch spülte, hat zu einer breiten Debatte geführt. So richtig zum metaphorisch gesprochen Morden, was das juristisch war, kann ich nicht beurteilen, kamen Ex-Linke im Westen erst ab 1998 – mal ab von der RAF, die ich immer schon Scheiße fand -, als Fischer mit allem brach, was noch in den frühen 80ern Thema war. Es wird durchgängig so gestritten, als hätten „Linke“ nun 40 Jahre lang die Regierung gestellt – zugunsten des Verschwindens all der Schweinereien der anderen. Z.B., dass die „Festung Europa“ weit mehr Tote auf ihrer Rechnung hat als die Berliner Mauer.

    Noch nicht mal, dass der Irak-Krieg in den Nuller-Jahren von Leuten wie Josef Joffe mit dem Schutz Israels begründet wurde, was mich durchaus sehr beeindruckte, nun aber exakt dort Isis sich formiert, wird im Zusammenhang diskutiert.

    Und ich denke schon, dass der „Clash of Civilizations“ dazu diente, um muslimische Menschen nicht trauern zu müssen, die im Zuge der Kriegshandlungen umgebracht werden. Vielleicht nicht von Huntington, aber von den Strategen in den Think Thanks, die es wohl wirklich gab.

    Das war eine Entmenschlichungsstrategie. Da wurde eine hasserfüllte Masse konstruiert, die ggf. auszuradieren wären. Was nun keineswegs das „Wirken“ von Islamisten beschönigen soll. Was sich sich bis zu den irrwitzig vielen Todesurteilen gegen die „Muslimbrüder“ in Ägypten zieht. Die mir politisch nun alles andere als gefielen, aber das ist schon krass, was da getötet wurde (per noch wird? Sind die schon vollstreckt?).

    Ich erwähne jene Philosophin nicht namentlich, bei deren letzten Werk selbst der sonst wohl gesonnene Micha Brumlik nur noch die Hände über dem Kopf zusammen schlagen konnte – mit dem Gedanken, dass ziemlich große Menschengruppen schlicht aus der kollektiven Trauer „des Westens“ ausgeschlossen werden, hatte sie einfach recht. Was sie auch an den AIDS-Toten fest machte.

    Und das betrifft natürlich auch jene in Gaza, wobei ich da allen Nachrichten misstraue und alle Kommentare, ob da nun die Hamas oder die israelische Regierung Schuld ist, löschen werde.

  3. goodsoul Juli 20, 2014 um 1:32 pm

    War lange nicht mehr auf dieser Seite. Life’s a bitch!
    Aber es ist schoen, dass es lower saxon brothers aus Hamburg gibt die einem weissen Hetero aus Deutschland immer wieder den Spiegel vor die Nase halten.

    Love you Bro! Keep the faith!

    PS: Celle rocks! 😉

  4. MartinM Juli 21, 2014 um 8:49 am

    Mir kommt es so vor, als gäbe es eine „selbsternannte Elite“ in Deutschland (nicht nur in Deutschland, aber anderswo sieht sie anders aus), deren Angehörige und Anhänger ganz selbstverständlich annehmen, dass die politische und ökonomische Macht und, vor allem, die Herrschaft über die Diskurse „von Natur aus“ ihnen zuständen. Als „christlicher Abendländer“ und als „Angehöriger der gebildeten Stände“ hat man eben „von Natur aus“ recht, (fast wie ein religiöser Fundamentalist, weil es „so in der Bibel steht“), und alles andere ist eben „widernatürlich“. Toleranz ist in so einem Denksystem allenfalls als „gnädige und jederzeit widerrufbare“ Duldung möglich, Respekt gilt nur denen, die „so ähnlich sind wie wir“ – und die dabei „nützlich“ sind.
    Dabe ist es egal, wie die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung auch sind, und wenn die ökonomischen Verhältnisse sich ändern, nun, dann sorgt sich die „gefühlte Elite“ darum, dass diese Änderungen nicht zu ihren Lasten ausfallen. Beispiel: Energieversorgung – die für diese Kreise überraschend erfolgreiche „Energiewende“ „darf“ einfach nicht die bestehenden Strukturen (zentrale Energieversorgung, enges Oligopol der Energieversorger, Vorrangstellung der energieintensiven Industrie usw.) ändern! Fast würde ich von einem „neuen Adel“ reden, wenn die Klassengrenzen etwas deutlicher zutäge träten. Die Merkmale, wer dazu gehört, sind interessanterweise fast die selben wie seit Kaisers Tagen: Gesellschaftlich konservativ, „christlich“ im Sinne von „großkirchennah“, pro-kapitalistisch, nationalistisch (was „europäisches“ und „transatlantisches“ Denken nicht ausschließt) – und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, „abstammungsdeutsch“ (und „natürlich“ „weiß“), heterosexuell, patriarchialisch (was einzelne „Karrierefrauen“ nicht ausschließt, die sich aber gefälligst anzupassen haben) usw. . Kurz: die einflussreichere, „obere“ Teilmenge der „gefühlten Mitte“.

    Wenn durchgängig so gestritten wird, dass “Linke” (seitens der „selbsternannten Elite“ oft „68er“ genannt) 40 Jahre lang die Regierung gestellt hätten, dann liegt es daran, dass etwa 40 Jahre lang (von der ersten „großen Koaltion“ bis zur „zweiten“) die „natürliche Vorherrschaft“ jener, „die dazu gehören“, in der alten BRD und z. T auch später im vereinten Deutschland nicht ganz so unumschränkt war, wie „es sich gehört“. Ganz üble Zeit, aus dieser Sicht: die bösen 70er Jahre. Deren, aus heutiger Sicht, „schrägen“ und „wilden“ Aspekte nur als Dekoelemente für einen Schlagermuff, oder wie das heißt, taugen. Aber spätenstens mit AIDS und allerspätenstens seitdem die Pädophilen bei den „Grünen“ aufflogen (was sich im Nachhinein im medialen Mainstream so liest, als wären die „Grünen“ vor ca. 1985 von „Kinderficker“ unterwandert gewesen), kehrten ja wieder „züchtigere“ Zeiten ein!

    (Sorry, wenn das für Dich, momorulez, nach „Captain Obvious“ klingt – es IST offensichtlich selbst in „linken“ Kreisen eben nicht „offensichtlich“, und die Illusion, „man“ würde „irgendwie“ zu dieser „selbsternannten Elite“ gehören, weil man selbst „weiß, abstammungsdeutsch, heterosexuell, sittenchristlich“ sei und das Abi gemacht hätte, und man seine Kinder nicht Kevin oder Chantalle nennt, auch wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse etwas ganz anderes sagen, ist verdammt weit verbreitet.)

    Zu Huntington: Ich habe so den Eindruck, dass er und seinesgleichen als „wissenschaftliche Rechtfertigung“ der Feindbildkonstruktion herhalten. So wie Sarrazin usw. gern mit wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Fakten und Behauptungen argumentieren. Ob das im Sinne der jeweiligen Wissenschatler und Pseudowissenschaftler ist, ist dabei völlig nachrangig.

  5. momorulez Juli 21, 2014 um 9:07 am

    @Goodsoul:

    Danke! Aber „bitch“ ist auch irgendwie nicht okay, und Celle rockte damals so gar nicht 😦 …

    @Martin:

    Kann Deiner Diagnose weitestgehend folgen! Auch und insbesondere hinsichtlich der 70er. Nicht zufällig war ja die Bildungsreform neben der Ostpolitik einer der Hauptstreitpunkte, und da ging es schlicht an Privilegien. Man darf bei all dem auch nicht die Kontinuität nach ’45 vergessen, das waren ja zu großen Teilen schlicht und ergreifend die gleichen, die da ihre Villen bewohnten, siehe „Das Schweigen der Quandts“. Karrieren wie jene des Otto-Clans, der meines Wissens erst in den 50ern los legte, waren ja eher selten.

    Zu der Pädophile-Debatte ist freilich zu sagen, und an Pädophile gibt es weiß Gott rein gar nichts zu beschönigen, ist noch anzumerken, dass das deshalb da ein Einfallstor fand, weil einflussreiche Autoren wie der in Eppendorf über den Haufen gefahrene Günther Amendt sich Gedanken darüber machten, wie man mal raus aus diesem verklemmten, selbstdestruktiven Verständnis von Sexualität kommen kann und dass da eben in der Kindheit entsteht. Und da kamen dann Gedanken bei raus, die ein Einfallstor für Pädophile bildeten.

    Ich habe mich ja jüngst mal mehr mit River Phoenix beschäftigt, der nunmehr im US-Kontext in einer christlichen (!!!) Hippie-Kommune aufwuchs, in der Pädophile offen propagiert wurde einigen Autoren zufolge. Was wohl hypothetisch zu seinem späteren, exzessiven Drogenmissbrauch beitrug. Da ging im Zuge der „sexuellen Revolution“ nun tatsächlich Frauen und Kindern gegenüber eine ganze Menge drastisch schief.

    Umgekehrt lenkt ja auch diese durchaus notwendige Diskussion völlig davon ab, dass eben der üblichste Ort für sexuellen Missbrauch die klassische, bürgerliche Familie ist, was nun aber niemanden, kurioserweise, dazu bringt, das mal zu problematisieren, dass das auch was mit der Institution als solcher zu tun haben könnte. Selbst bei den Bildungsplangegnern in Ba-Wü hatte ich ja zeitweise den Eindruck, dass da manche einfach in aller Ruhe, ohne dass Lehrer das merken, ihre Kids befingern wollen und da, wo es an Töchter geht, dem noch den Ruch des Normalen anzuheften. Das zu den „züchtigen Zeiten“, die dann wieder in aller Ruhe es den Bürgerlichen ermöglichten, ihre Schweinereien im Verborgenen auszuleben.

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