Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wenn Fussballdeuter Mythen nähren …

„Doch so funktioniert Fußball natürlich nicht. Große Turniere haben immer ein identitätsstiftendes Moment. Es ist wie nach einem berührenden Kinofilm. Wenn man aus dem Halbdunkel des Filmsaals ins Licht des Alltags tritt, ist man immer noch derselbe Mensch wie vorher. Trotzdem fühlt es sich anders an. Was wir sahen, hält uns fest und manchmal wirkt es fort. So war es 1954, als die Deutschen auch mithilfe des identitätsstiftenden Fußballsiegs den Weg zurück in die Staatengemeinschaft fanden. So war es, als sie 2006 lernten, dass Fahnenschwenken nichts Nationalistisches an sich haben muss.“

Danach habe ich nicht mehr weiter lesen wollen.

Genau das ist ja die Katastrophe: Dieses Hinfort-Gelüge auf der Ebene geteilten Selbstverständnisses, von Weltendeutern angeheizt.

Genau DAS macht jede Antidiskriminierungsarbeit nahezu unmöglich, genau das zementiert Rassismus, Sexismus und Hass auf LGBT-People gleich mit und verkleistert die fatale Rolle deutscher Wirtschaftspolitik im europäischen Kontext, angekurbelt durch die Deklassierung breiter Bevölkerungsschichten hierzulande: Dieses oberflächliche Gesabbel in rein symbolischen Interpretationswelten. Genau DIESER Schleim sorgt dafür, dass rein gar nicht sich ändert,

weil Egos und Selbstverständnisse sich selbstreferentiell dazwischen schieben. Typisch deutsch.

1954: Die Mörder waren unter uns. Sogar im Kanzleramt. Globcke. Kurz zuvor noch echauffierte sich „die Nation“, dass Juden überhaupt entschädigt werden sollten für KZ-„Aufenthalte“. Mir fehlen da die Worte. Jene Politiker, die sich der unmöglichen „Wiedergutmachung“ trotzdem annahmen, mussten vorsichtshalber „den Vertriebenen“ genau so viel Kohle rüber schieben, um den Volkszorn zu bändigen. Schwule beließ man gleich im Knast, der 175 blieb unangetastet, und ein militanter Antikommunismus vergiftete das politische Klima. Frauen, die, als ihre Männer noch an der Front waren, Autonomie erfahren hatten, wurden nun wieder in Ehen eingekerkert, in denen Vergewaltigung nicht strafbar und nicht selten war und Abtreibung verboten. Selbstmorde unehelich Schwangerer waren schlicht üblich. Der Bundestag debattierte, wie man die „Brown Babies“ schnell wieder los würde, die Kinder schwarzer G.I.s – während man die Schwarzen, die in KZs einsaßen als Nachkommen u.a. der französischen Besatzungsoldaten im Rheinland, dem Vergessen überantwortete.

„Weg zurück in die Staatengemeinschaft“?

1974: Willy Brandt resignierte, hat wegen einem (!!!) Spion das Amt nieder gelegt, nachdem zumindest im Scheidungsrecht und der Bildungspolitik ein wenig Bewegung ins Land gekommen war und Ausbeutung von Arbeitnehmern Thema werden konnte. Als Schatten prägte der „Radikalenerlass“, den er später als seinen größten politischen Fehler bezeichnete, die Diskussion im Lande – und Wolfgang Kraushaar weist gelegentlich darauf hin, dass nicht ganz klar ist, ob nicht auch im Terrorismus der RAF die Geheimdienste ihre Finger spielen ließen. Zentral freilich für das Thema „Nation“: Der so genannte Anwerbestopp der sozialliberalen Koalition. Nach den Anwerbeabkommen mit Mittelmeer-Staaten fürchtete sich die sozialdemokratische Regierung vor „Überfremdung“ und machte die Schotten dicht. Helmut Schmidt lästert zu dem Thema bis heute über „Ausländer“ vor sich hin.

1990: Die „Ostdeutschen“ erhalten Begrüßungsgeld, die „Migranten“, die ihnen schuftend den Tisch gedeckt hatten, erfahren Feindseligkeit. May Ayim hat in ihrem berühmten Gedicht „Blues in schwarz/weiß“ eindrucksvolle Worte gefunden für diese „Wiedervereinigung“ ohne jüdische, erneut zu „Ausländern“ erklärte und schwarze Menschen. Nach dem Finalsieg war Hamburg voll von Reichskriegsflaggen, linke Kneipen wurden gestürmt. Der „Weltmeister“-Titel bereitete Hoyerswerda und Lichtenhagen, Mölln und Solingen atmosphärisch vor.

Zwischendurch schien sich mir sogar irgendetwas zu beruhigen. Das kann eine Fehlwahrnehmung sein. Ich kann mich an allzu krasses, nationales Getöse zur EM 1996 zumindest nicht erinnern und hatte 2002 auch wenig Probleme, den Spielen der Nationalmannschaft zu folgen. Es gab noch nicht diese unsäglichen Public Viewings, irre ich?, ich habe mit guten Freunden das Finale in einer Kneipe geguckt, ohne das irgendwelche Selbstverständnisdebatten nötig gewesen wären. War halt Rudi Völlers Team und irgendwie sympathisch.

Zunächst schien mir, vermutlich irrtümlich, auch 2006 noch eher wie ein internationales Fest, da das Heiligengeistfeld Ghana ebenso feierte wie das DFB-Team und es schön war, viele Menschen aus Ecuador durch die Stadt laufen zu sehen.

Doch bei den Spielen gegen Polen, klar, Harald Schmidt hatte vorbereitet, und Argentinien kippte irgendetwas.

Hinter dem Slogan vom „Sommermärchen“ brach immer mehr Hass auf. Das penetrante Flaggenschwenken, zum Party-Patriotismus verklärt, gewann aus Trotz gegen die Miesmacher und Spaßverderber eine unangenehme Militanz, die zum Schweigen verdonnern sollte.

Eine hochaggressive Haltung breitete sich aus, eben jene auch der berühmt-berüchtigten Rede Martin Walsers zur „Auschwitz-Keule“, die hinter einem frei erfundenen, identitären Gewäsch einfach die Immunisierung gegen Kritik der herrschenden und dominanten Verhältnisse versteckt und sich fortwährend wehrhaft gegen vermeintliche „Erpressung“ zeigt.

Das bereitete Sarrazin, Matussek, diese unsägliche Petition in Baden-Würtemberg vor, Merkels öffentliche Herabwürdigungen von LGBT-People, das nährte sich aus dem Geist von „Politically Incorrect“.

Die Selbstgerechtigkeit des „Sichnichtverbietenlassens“, was eh keiner könnte, die Machtverhältnisse sind ja klar, so was wurde in Deutschland noch nie verboten, Schwule und Lesben schon, zauberte N-Wort-Affirmationen auf den Titel von DIE ZEIT und behauptete sich „locker“ und „humorvoll“. Das Bedürfnis des Verschmelzens mit einer fortwährend schön geredeten „Nation“ samt lauter ach so liebenswerten Eigenschaften ist vermutlich gerade wegen der Nazi-Vergangenheit so stark. Als ich gestern all die „nur zum Spaße“ Uniformierten sah, wirkte das trotzdem wie eine gespenstische Generalmobilmachung. Das Folgeproblem dieser Identitätssuche des „ist doch so lange her“ ist halt, dass jedes tatsächliche Opfer der Nazis durch seine schlichte Existenz eine narzißtische Kränkung darstellt. Mit allerlei Folgewirkungen … so z.B. dieser zwanghaft-gefährliche Tick, ständig die tatsächlichen Opfer der Nazi zu eben solchen umzudichten: „Feminazis“, „Pink Swastika“, Antifa als wahre Faschisten, „Deutschenfeindlichkeit“, und zum „Nahost-Konflikt“ wollte ich ja eigentlich nichts schreiben …

Insofern ist der 1954-Bezug schon ganz schön richtig …

Natürlich freut es mich, wenn das „Migazin“ die Einheit der Verschiedenen feiert. Wie es mich auch freute, als ein PoC-Freund fast los heulte, als Gerald Asamoah als einst schwarzer Nationalspieler vorm O-Feuer saß und er ihm leibhaftig begegnete. Es freut mich auch,, wenn die ISD Artikel über Boateng in der Süddeutschen bei Facebook hervor hebt.

Gestern waren auffällig viele Gays in meiner Timeline vollkommen Pro Nationalmannschaft. Illusion der Zugehörigkeit, die oft auch Rassismus hervor bringt, weil all dem Pink-Washing geglaubt wird. Die Lesben waren gestern schlauer … auch, weil die Weltmeistertitel der Frauennationalmannschaft eh keiner mit aufzählt. Vielleicht waren das ja immer Umschwünge zum Besseren.

Ich traue dem allem nicht.

Ich denke, wieder wird dieses Gesabbel wie jenes des großen Denkers in DIE ZEIT dazu genutzt, es vor den zutiefst unmenschlichen Umgang mit Refugees, Sinti und Roma zu schieben und noch Hass auf „Homo-Lobbies“ zu nähren, weil jeder Schritt in Richtung Symmetrie und Gerechtigkeit kontrafaktisch als „Kult“ oder gar „Privilegierung“ ausgelegt wird und gerade WEIL ja nun alles so free and easy sei, es zum Anlass zu nehmen, mal so richtig loszuholzen, wenn es um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geht.

Es wird wieder genutzt, Post-Rassismus, -Sexismus und Co zu behaupten und jeden, der wagt, dergleichen zu benennen, am liebsten auf der Stelle ausrotten zu wollen. Auf dass Alltagsrassismus und die Herabwürdigung von Frauen auch ja Realität bleiben.

Die Spieler des DFB-Teams können da nun auch nix für, die haben ja nur Fussball gespielt. Glückwunsch an euch! Echt jetzt!

Und Poldi und Schweini knutschend, das war schon schön. Sehr schön!

Nur dass selbst beim größten, deutschen Boulevatdblatt im Online-Auftritt diese Fotos vom Titel verschwanden und durch solche ersetzt wurden, da beide Rihanna Küsse auf die Wange schmatzen.

Schnell schoben alle Medien Familienbilder der Stars hinterher, damit die Welt von 1954 auch ja gewahrt bliebe …

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2 Antworten zu “Wenn Fussballdeuter Mythen nähren …

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Äußerungen zum Nahost-Konflikt ™ und Abschließendes zur Männer-Fußball-WM – Die Blogschau

  2. valaki Juli 22, 2014 um 12:46 am

    @2006: nein, es fing (zumindest in meiner bubble) erst zwei Jahre spaeter an, nationalistisch zu werden…. 2006 auf der Fanmeile in Berlin war multilinguales, internationales Geplapper, Gejubel, Geheule, je nachdem, wer grade spielte – es waren immer viele Fans einer der Mannschaften auf der Fanmeile, das Ganze war, in diesen Tagen, aehnlich entspannt und friedlich wie damals, 1995, waehrend der Reichstagsverhuellung der Christos.
    Aber schon 2008 schlug das um, da wurde ich bereits angepoebelt, weil ich nirgendwo schwarz-rot-gold trog – und 2010 wurde das noch schlimmer – da habe ich dann nur noch ein paar Spiele, und das im P’Berg, geschaut.
    Und daß Frauen auch Fußball spielen, das weiß in Berlin, außer dem Brauhaus Suedstern, kam jemand…

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