Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Völkische „Kulturnation“ versus demokratische Partizipationsgemeinschaft

Fast bin ja geneigt, „nun müssen schon wieder die Alliierten ran“ zu schreiben angesichts des Spiels von heute Abend.

Doch nein, es geht nicht um die Befreiung von Nazi-Deutschland, ja, das wäre verharmlosend, sondern lediglich darum, diesem verschlandeten, vermeintlichen „Party-Patriotismus“ ein Ende zu bereiten.

In einem Land, in dem die Große Koalition die WM nutzt,

Verschärfungen des Asylrechts mit massiv antiziganistischen Stoßrichtungen und traditionell „antislavisch“ konnotiert zudem durchzupeitschen.

In einem Land, in dem der strukturelle und institutionalisierte Rassismus nicht nur in den aus Öffentlichkeiten nicht mehr zu verdrängenden akuten Brennpunkten rund um das Flüchtlings-Überleben überdeutlich wird.

Da man zu recht der Mauertoten bis heute gedenkt, um zugleich das mörderische Regime der „Festung Europa“ völkisch zu zementieren.

Wie annähernd alles, was seit der „Wieder“vereinigung an politischer Innovation die Zeit zurück drehte, der Entrechtung und funktionalistischen Kontrolle von Menschen diente. Das soll man feiern? Fahnen schwenkend?

Gerade vor einem Spiel wie jenem gegen Frankreich kann drum ein wenig über „Nation“ philosophiert werden.

Die Differenz zwischen zumindest einst in Frankreich (vor Le Pen) vertretenen Vorstellungen und jenen, die der „deutschen Einheit“ von oben autoritär diktiert wurden im 19. Jahrhundert, um den liberalen Ideen von 1848 und der aufkeimenden Arbeiterbewegung das Wasser abzugraben, sind nämlich erheblich.

Die in Frankreich maßgebliche Tradition ist die der bürgerlich demokratischen Partizipationsgemeinschaft: Nation konstituiert sich erst im Zuge der Etablierung des bürgerlichen Parlamemtarismus. Vorher ist da nix außer Geschichte. Idealtypisch gesprochen, es gibt keine Gründe, Kolonialismus, Rassismus dort, Patriachat und Co zu verharmlosen. Die marxistische Staatskritik sowie die Entgegensetzung von Bourgeois und Citoyen, die ich für richtig halte, lasse ich auch außen vor.

In deutschen Kleinstaaten und zwei bis drei größeren hingegen wurde vor der „Reichsgründung“ fast ein Jahrhundert gerungen, was „deutsch“ denn nun überhaupt sei.

Es gab keine Identität von Sprach- und Landesgrenzen oder sonstwie eine noch allzu wirksame politisch-einheitliche Geschichte, nur den Mythos des „römischen Reiches deutscher Nation“. Der „Deutsche Bund“ war eher eine Wirtschaftszweckgemeinschaft zu Zeiten beginnender Industrialisierung zur Optimierung des Handels.

Kontrovers diskutierte man, ob Österreich denn nun mit hinzu gehöre. Städte wie Hamburg waren lange Zeit wirklich frei; das „Königreich Hannover“ beispielsweise eher nach England orientiert.

Letztlich wurde eine „Lösung“ unter preußischer Hegemonie gefunden und mittels Kriegsführung (!!!) ein eher aufgepfropftes „Nationalbewusstsein“ durchgesetzt. Die so genannten „Reichgründungskriege“ gegen Dänemark, Österreich und Frankreich etablierten ein expansives, sich über äußere Feinde definierendes Bild des „Eigenen“, das kaum Verwurzelung in Historie fand und auch funktional dazu diente, eine „innere Einheit“ überhaupt erst herzustellen.

Auch das Christentum fungierte keineswegs als „Kitt“, schon wegen zweier Konfessionen. Dieser evangelisch-katholisch-Gegensatz prägte noch die Politik der 50er Jahre des letzten Jahrunderts. Und Bismarck leistete sich zu Beginn seiner Regentschaft erst einmal einen scharf geführten Kulturkampf mit der Katholischen Kirche und setzte das Militär als säkular-autoritäre Religion ein.

Konsequent wurde der deutsche Kaiser als Akt der Demütigung in Versailles gekrönt. Sozialistengesetze erließ die Regierung und erfand zur Kompensation Sozialversicherungssysteme, und an die Stelle der liberal-demokratischen Partizipationsgemeinschaft trat das gefährliche Geschwätz von der „Kulturnation“.

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts etablierte sich in diversen gesellschaftlichen Organisationen ein „rassisch“ fundierter, völkischer Begriff dieser „Kulturnation“; nicht fort zu denken aus der realhistorischen Entwicklung ist der damit einher gehende Antisemitismus, der sich bereits im Kaiserreich gerade in den „Eliten“ massiv ausbreitete.

„Deutsch“ begriffen die Propagandisten als über Abstammung definiert und mit „kulturellen Eigenschaften“ versehen, ja, das führte zu den Nürnberger „Rasse“-Gesetzen später, während in Nationen, die sich als Partizipationsgemeinschaft verstanden, der Ort der Geburt maßgeblich war.

Komponisten wie Richard Wagner, durch und durch Antisemit, er verfasste entsprechende Schriften, und sein Schwiegersohn Chamberlain kann als einer der Gründerväter des modernen Rassismus deutscher Prägung verstanden werden (andere hatten Vorarbeit geleistet), und andere neudeutschtümelnde Germanendarsteller rangen um das Erfinden (!!!) nationaler Mythen, griffen dabei auf Brüder Grimm, Humboldt, Herder und andere zurück.

Die Gesellschaft militarisierte sich unter preußischer Vorherrschaft, und nicht zufällig wollte das nun Säbel rasselnde, mit Pickelhaube gekrönte, obrigkeitsstaatliche und sich gewaltig und endlich auch so gewichtig wie Frankreich und England fühlende Deutschland seinen „Platz an der Sonne“. Kolonien halt, haben, die Händler und Plantagen“besitzer“ bereits teilannektiert und herbei gelogen (mittels „Schutzbriefen“) hatten.

Die Debatte, ob nun jeder, der die Flagge von 1848 schwenkt in einem Sinne, den Bismarck und das Kaiserreich sich als Gegenreaktion ausdachten, nun alle Nazis seien, geht fehl.

Weil die Ideologie der „völkischen Kulturnation“, die sich über Abstammung definiert, nie aus den Köpfen der Nationalisten verschwunden ist und vorher schon etabliert war. Und weil deren Vertreter sich zudem mit erstaunlicher Konstanz noch fortwährend von ihren Opfern unterjocht wähnen: Den Linken, den Juden, den Frauen, von PoC und Lesben und Schwulen. Und manchmal sogar von Liberalen.

Als „geteilte Erfahrung“ ziehen all die Steinbachs und wie sie alle heißen dann Kriege und Flucht aus den „Ostgebieten“ heran, weil solche es nicht ertragen, dass zunächst Kommunisten und auch Sozialdemokraten in den frühen KZs saßen, dann „Asoziale“, Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, psychisch Kranke, Disabled People und auch Schwarze in den Vernichtungs- und Arbeitslagern landeten. An denen muss man sich wohl irgendwie rächen für die Realhistorie.

Würde man Nation als demokratische Partizipationsgemeinschaft ernst nehmen, würde all das eben auch Teil einer kollektiven, historischen Erfahrung sein.

Ist es aber nicht: Das sind „die Anderen“. Die man zum Teil noch nicht mal entschädigt hat. Würde man das mit mit der demokratischen Partizipationsgemeinschaft ernst nehmen, hätte auch jeder hier lebende Flüchtling sofort Wahlrecht.

Stattdessen werden die immer gleichen Exklusions- und Rausschmissmuster des Kaiserreiches reproduziert und die zuvor Exkludierten Fahnen schwenkend misstrauisch auf Assimilation an den „deutschen Volkskörper“ beäugt – deutschjüdische Soldaten im 1. Weltkrieg konnten ein Lied davon singen -, internationalistische Perspektiven ergänzend als Denken „vaterlandsloser Gesellen“ diskreditiert.

Da die kollektiv geteilte Geschichte von Anfang an mythisch verbrämt und zu Abwehrzwecken über äußere und innere Feinde erzählt als „deutsch“ erst erfunden wurden musste, wirkt das auch fort.

Was dann kam, war Weltkrieg, Weimar, Nationalsozialismus, Weltkrieg, Teliung, „Wieder“vereingung und somit Remythisierung. Kein Mensch, der da Fahnen schwenkt, hat je vom „Verfassungspatriotismus“ gehört, den Habermas erfand, um den Nationalisten das Wasser mittels universaler Moral abzugraben. Dieses „andere Deutschland „, das liberale, an Verfassungsgrundsätzen orientierte, internationalistische, das das Leben für Privilegierte angenehm macht, gab und gibt es ja auch. Es stirbt nur leider dahin seit der „Wieder“vereinigung,

Klar, selbst die Adenauersche Westbindungspolitik und die von Helmut Kohl forcierte europäische Integration WUSSTE ALL DAS, und so wenig man sie politisch mögen muss, so schändlich der von Kohl voran getriebene, völkische „Asylkompromiss“ war, da waren die beiden schlauer und historisch belehrter als später Schröder und Merkel.

Bei denen immer das Spezifische der „verspäteten Nationen“ durchschimnert: Eben Nationalismus als gigantische INSZENIERUNG, als großkotziges Theater, bei gleichzeitigem Expansions- und Dominanzstreben, das oft nur in Komplexen gründet.

Eben DAS ALLES schimmert durch bei den Schlandianern: Gefährlich, exkludierend, aggressiv und verlogen. Und ahistorisch zudem.

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