Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Mehr Musik im FC St. Pauli!

Wurde ja auch Zeit. Dieses verstaubte Rock’n’Roll-Missverständnis, das ganz hetero selbst „Bad Taste“ missversteht und den Camp-Gehalt von Superheldentrikots oft nicht adäquat zu lesen vermag, bot ja auch keine Zukunft mehr im Millerntor-Stadion.

Wobei zunächst wirklich Stefan Orth und denen um ihn herum großer Dank auszusprechen ist!!!

Ich habe sie nicht gewählt, war zu Zeiten der „Sozialromantiker“-Aktionen dafür, sie flugs aber so was von aus dem Amt zu jagen – und mich machten all jene sehr zornig, die sich an einer Persönlichkeit wie Corny Littmann abarbeiteten, als seien sie auf religiösen Missionen der Teufelsaustreibung unterwegs, die in Relation dazu mit Orth aber weniger Probleme hatten. Vermutlich, weil er sie so schön an den Papa zu Hause erinnerte, irgendwie knuffig, manchmal ein wenig hilflos, gelegentlich ganz wie der Erzeuger auch jemand, bei dem man daran gewöhnt ist, dass er einem und einer auch mal peinlich ist. Aber ungefährlich und ganz nett. Und einer, der mit Team trotzdem zu konsolidieren und fort zu treiben vermag, was Corny initiierte.

„Nichts hassen sie mehr als eine erfolgreiche Tunte!“, diese Worte Brian Kinneys in „Queer as Folk“ schienen sich in der Orth/Littmann-Relation dennoch zu bestätigen – wenn einer, der als „Familienvater“ auftritt, auftritt, arrangiert sich der gemeine Heterosexuelle wohl lieber damit.

ABER: Was mich beim nun scheidenden Präsidium tatsächlich ungemein beeindruckt hat wie auch bei der Geschäftsstelle unter Michael Meeske, das ist die ungeheure Lernbereitschaft. Auch wenn diese nur darin bestehen sollte, dem zu vertrauen, der die hervorragenden Pressemeldungen verfasst – ein Turnaround war nach dem „Jolly Rouge“ ja spürbar. Das Thema „Goliathswache“ und „Museum“ haben sie zwar zunächst verschlafen, aber dann, per JHV sanft gezwungen, reagiert. Insgesamt setzten sie eigene Impulse zwar weniger, aber doch war eine stete Bereitschaft spürbar, einzusammeln, was in der Fanszene sich regt. Beim Thema „Kampf der Homophobie“ hat Tjark Woydt auch dezidiert eigene Akzente gesetzt. Das hat mich sehr gefreut, und seit geraumer Zeit gab es gar nichts mehr zu meckern.

Insofern echt von ganzem Herzen Dankeschön und Respekt für die Fähigkeit der Wandlung.

Zuletzt habe ich „die Fanszene“ weit kritischer gesehen als das Präsidium.

Der Aufsichtsrat sah das offenkundig anders und hat nun gehandelt. Er wird seine Gründe haben, das Geraune hinter den Kulissen konnte ja kaum überhört werden.

Ich kenne den neuen Kandidaten Oke Göttlich nur flüchtig von einer „Weinbar-Tour“ nach Mainz, eine unvergessen tolle Auswärtsfahrt, von der ich lange zehren konnte.

Bei Facebook konnte ich verfolgen, dass Oke über ein sehr weit gespanntes Verständnis von Popkultur verfügt und auch um die Relevanz weiß, hebt man beispielsweise die Notwendigkeit der Präsenz queerer Acts hervor oder wettert gegen die Appropriation, somit die Annektion der Stilmittel und Traditionen von PoC-Kulturen durch Weiße, auf dass diese letztlich verdrängt werden.

Im Freundes- und Bekanntenkreis lauschte ich dem Raunen, dass er in der Tat ein sehr, sehr fähiger Netzwerker sei. Das ist bei einem Verein, bei dem stets dem „Respekt für Gremien“ derart ungeheure Bedeutung zugesprochen wird, dass man völlig vergisst, vor was konkret man den nun eigentlich haben solle, ungeheuer wichtig, all die Egos zu bauchpinseln.

FALLS das Abendblatt recht hat und von der DFL nun Druck ausgeübt werden könnte, Profiabteilungen auszugliedern, und FALLS die wirtschaftliche Notwendigkeit bestehen sollte, sich enger an finanzstarke Partner zu binden, wird Oke sehr, sehr viel kommunikatives Geschick benötigen und sich zugleich widerständig und kompromissbereit zeigen müssen.

All die Leute, die ganztägig ihr Geld in irgendwelchen Schweineläden verdienen, um am Feierabend lautstark in Markenklamotten Kommerzkritik zu üben, sind ja zu kuriosem Aktionismus fähig. Während sie gleichzeitig Ehrenamtlichen-Strukturen stützen, die dafür sorgen, dass in das Gute mit Sicherheit auch in Zukunft nur punktuell, nicht strukturell Geld fließen wird.

Kann alles ganz schön haarig werden.

Oke kommt aus dem Indie-Musik-Business, da ist ihm von ganzem Herzen zu wünschen , dass er die richtigen Rhythmen, die angemessenen Harmonien und auch Dissonanzen finden wird, um eine Zukunft des FC St. Pauli zu moderieren. Eine, die jenseits von mummifizierter Punkrock-Folklore und den neuen Sport- und Ergebniszentrierten, Unpolitischen sich auf der Höhe der Zeit auch ästhetisch zu bewegen vermag.

Wenn er denn gewählt wird – ich glaube, er ist eine gute Wahl.

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2 Antworten zu “Mehr Musik im FC St. Pauli!

  1. ring2 Juli 2, 2014 um 11:51 am

    „Endlich mal einer, der was von Musik versteht“, war auch mein erster Gedanke 😉

  2. momorulez Juli 2, 2014 um 11:54 am

    Doof, dass man hier gar nicht „Gefällt mir“ klicken kann 🙂 – bei Kommentaren, meine ich.

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