Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Superhelden! Der FC St. Pauli und seine Trikots – DC-Comics, Raj und die Geschichte der Subversion

Hummelflug

Nachdem die Qualitätsblogger sich ja schon allesamt zur Frage „Neues Trikot des FC St. Pauli“ ausführlich geäußert haben, will ich mit meinem schmierigen Soccer-Fetish-Blog natürlich nicht schweigen.

Mein heimliches Vorbild beim Bloggen sind ja Groschenromane, Geschichten voller richtiger Schurken, gebrochener Helden, dramatischer, mitreißender, leidenschaftlicher und pathetischer Liebesgeschichten, proppevoll mit quietschbunten Adjektiven und Adverbien.

So stand auch ich im Ballsaal, fantasierte ganz Lore-like Christopher Nöthe in diesem Sinne in die verborgenen, nach Veilchen und Kamelien duftenden  Regionen meiner blumigen Fantasie hinein (ja, Florian Bruns, Du hast mich ja verlassen), Bonnie Tylers „Holding out for a Hero“ auf den Lippen, Enrique Iglesias‘ „Hero“ nicht minder mit Inbrunst summend und froh darüber, nicht in einer Zeit geboren zu sein, wo Menschen für Klaus Biederstedt schwärmen mussten. Und das auch noch, während er einen Arzt spielte.

Wobei das unvergessene „Geheimnis einer Nachtigall“ Victoria Holts noch immer zu den wirklich einschneidenden Lektüren in meinem Leben zählt. Angelehnt ist der, ja, Schinken im besten Sinne an das Leben Florence Nightingales. Nur dass in dieser Adaption des Stoffes die Heldin rachsüchtig jenen dunklen, ist klar, Verführer ihrer Schwester besessen sucht: Einen Herrn Doktor, der die Schwester mittels Drogenkonsum in den Abgrund stieß. Um final, da sie ihn endlich nach Jahren der Entsagung und Ausbildung zur Krankenschwester findet, ihm und seiner Leidenschaft wie auch dem Eros selbst zu erliegen,

Helden! Das ist ja sozusagen der „Gag“ am neuen Drag unserer Spieler. Jason Lee, Lead Teamsport Designer von hummel international, äußerte sich im Vorfeld in der Pressemappe wie auch gestern auf der Bühne:

„Die Entwicklung des Trikots wurde getragen durch unsere gemeinsame Denkweise und Werte. Inspiration für die Trikots war das Thema „Kiezhelden“. Die soziale Komponente ist essentiell für beide Marken. Es war uns sofort klar, dass das Trikot mehr als nur eine Ausrüstung sein sollte. Es sollte das Lebensgefühl eines Kiezhelden widerspiegeln – eines „hidden heroes“, der anpackt, ohne viel Wind darum zu machen.“

Und, so der Text weiter, es wurde auch demonstriert: „Das Design des Trikots visualisiert dieses Lebensgefühl, aber durch die versteckten Details erst auf den zweiten Blick“.

Klappt man den Kragen des Heimtrikots hoch, so wird ein von Sternen umgebener Totenkopf in Phosporgrün auf schwarz sichtbar. Echt campy, so gar nicht passende Muster und Farben zusammen zu nähen! Und: Auch das Wappen des Pokaltrikots leuchtet im Dunklen! Flutlicht aus, Spot an, sozusagen.

Ich gebe ja zu, dass, als eine halbe Stunde lang ungefähr so humorig anmoderiert wurde, wie ich es bei der Eröffnung der Filiale einer Möbelkette erwarten würde, zu Glück durchbrachen subersiv Kinder diese Haltung im Interview und verkündeten ganz richtig, der FC ST. Pauli sei halt kein Verein, den man nur mögen, sondern den man lieben würde, immer wieder betont wurde, dass nun „Kiezhelden“ das Trikot inspiriert habe, ich schon auf ein Regenbogentrikot hoffte, eines mit Zeilen der „Internationalen“ auf Stoff oder dem Konterfei von Angela Davis.

Ich trauerte kurz,

als ich sah, dass ganz so heldenhaft doch nicht designt wurde …

Das ist trotzdem das, was wir immer alle forderten, dass doch bitte in der Präsentation des Vereins nicht nur das Business-Getue zentral sein solle, sondern das, was den FC St. Pauli ausmache, nämlich das ganze gesellschaftspolitisch inspirierende Drumherum.

Das ist meiner Ansicht nach auch ein bißchen wenig, das nun als „netter Versuch“ abzuwatschen, nur weil man ausnahmsweise mal nicht selbst „Nazis raus!“ rief.

Ich finde das im Grunde genommen sehr löblich, ebenso, wie Blogger ganz wie die Weltpresse zu akkreditieren, auch wenn dann flugs das Blog zu einer Art Marketing-Tool für hummel mutiert. Aber man muss schon durch den Begriff hindurch gehen, um ihn aufzulösen.

Doch nun „Kiezhelden“ soooo wörtlich zu nehmen, dass Aquaman und Hulk als Vorbild der Torwart-Trikots dienen? Frei von Ironie ist das ja nun nicht.

Nicht, dass es Philipp Heerwagen so ergeht wie Raj in der „Big Bang Theory“:

„In der Fernsehserie The Big Bang Theory taucht Raj in der Folge Der peinliche Kuss (Originaltitel The Justice League Recombination) der 4. Staffel in einem Aquaman-Kostüm auf, wobei dieses Kostüm noch ein rosa Seepferdchen beinhaltet. In der ganzen Folge beklagt er, dass er Aquaman spielen muss, da er diese Figur hasst und bringt zum Ausdruck, dass er sich viel lieber als Wonder Woman verkleidet hätte.“

Da mag jetzt der gemeine Schlandianer los gröhlen; ich fand das in dieser Folge der BBT (Danke, Ralle!!!!) durchaus anrührend, und ja, so was gibt es! Und das ist auch gut so!

Das subversive Potenzial des Comics zeigt sich ja nicht nur in der Big Bang Theorey, wundervoll, der Comic-Buchladen und Sheldon Cooper im Dress des „Roten Blitzes“, wie auch im Werk Stephens Kings, der die DC-Comics immer als große Inspirationsquelle nannte. Es nährt auch Michael Chabons „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay„.  Ähnlich wie die Models von Bob Mizers „Athletic Model Guilde“ boten Comics eben neben vielem, was auch Scheiße war, freie Bahn für homoerotische Fantasien, als die CDU so was noch kriminalisieren ließ und Elektroschocktherapien und andere Menschenversuche Gang und Gäbe waren.

Auch ein Blick in die Geschichte des Genres enthüllt verborgene Widerständigkeit:

„Als nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika zunehmend Comics erschienen, die für erwachsene Leser konzipiert waren und teilweise auch Themen wie Sex, Gewalt und Straftaten behandelten, wurde der öffentliche Widerstand gegen die „verderblichen“ Comics entfacht. Elternverbände, Lehrer und Politiker protestierten auf Kundgebungen gegen Comics. Sie sahen in ihnen den Auslöser für die Abgestumpftheit der Jugend, moralischen Verfall und Sittenlosigkeit.

Die Comicgegner wandten sich vor allem gegen Horror-Comics, sogenannte Crime-Comics und die Darstellung von Sex und sahen die Heranwachsenden als einzige Zielgruppe für Comics. Bestärkt wurden sie durch Radio- und Fernsehsendungen, in denen die Argumente aufgegriffen wurden und wissenschaftlich belegt werden sollten. Die erste solcher Sendungen war im März 1948 eine Ausstrahlung der ABC mit dem Titel What’s wrong with the comics?. Ein Symposium unter dem Vorsitz von Fredric Wertham, dem Leiter einer psychiatrischen Klinik, postulierte aufgrund der Befragung einer Gruppe von jugendlichen Straftätern einen direkten Zusammenhang zwischen Comics und Jugendkriminalität. Hierbei wurde allerdings nicht berücksichtigt, dass nahezu jeder Jugendliche auch Comicleser war und die tatsächliche Anzahl der Straftaten von Jugendlichen im Beobachtungszeitraum gesunken war. Wertham griff das Thema später in seinem Buch Seduction of the Innocent (Verführung der Unschuldigen) wieder auf, in dem er Comicverleger als „Verbündete des Teufels“ bezeichnete. Das Buch entwickelte sich zu einem Bestseller, wurde in der Öffentlichkeit stark diskutiert und galt als „Pflichtlektüre“ konservativer Politiker.“

Da müssen wir wohl aufpassen, dass Neumann und die Anderen in der Vorbereitung ihres Ronald Schill (was ein Schurke!!!!!) kopierenden Wahlkampfes nicht noch zum Verbot des Torwart-Trikots aufrufen und die Umkleide zum Gefahrengebiet erklären.

Ich habe ja eher, gar nicht an Aquaman denkend, mein Held war immer eher Batman (Vorsicht übrigens vor Verschwörungstheoretikern! Aquaman herrscht über Atlantis, das in der „Illuminati“-Trilogie von Sheares und Wilson, ja, das passt hier gerade super hin 😀 , eine durchaus gewichtige Rolle spielt, nicht dass auf einmal Hagbard Celine mit goldenem U-Boot aus dem Mittelkreis des Millerntor-Rasens bricht und alle die Fnords sehen!), bei den Torwart-Trikots Assoziationen zu dieser wundervollen Ästhetik der späten 80er entwickelt.

Damals als Dance, Hip Hop und House noch nicht streng geschieden waren und diese Post-Grafitti-Ästhetik ihren Weg an Kneipenwände und in Videoclips fand. Manch USP-Mitglied mag zwar glauben, Street Art sei von ihnen erfunden worden und Tagging, wie es aktuell zu sehen ist, eine Form derselben, aber von Jean-Michel Basquiat haben die geschichtslos (vermutlich nur) auch noch nix gehört – als der SAMO an New Yorker Wände kritzelte, war das noch anders konnotiert. Oder von Keith Haring, der in U-Bahnen los legte und die Ästhetik der Subkulturen der 80er wohl nachhaltiger prägte als irgendwer sonst.

Die beiden zusammen, sie waren befreundet, sind auch so ein Duo, der eine schwarz, der andere schwul, das zu meinen Superhelden zählt.

Ich opponiere somit gegen heterosexuelle Aufschreie angesichts der Torwarttrikots und finde zudem, dass es zu dem neuen Hummel-Fummel erstaunlich viel zu schreiben gibt 😀 …

 

 

 

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12 Antworten zu “Superhelden! Der FC St. Pauli und seine Trikots – DC-Comics, Raj und die Geschichte der Subversion

  1. Lars Juni 25, 2014 um 4:33 pm

    Und ich gehe mit dem Gedanken schwanger, aus dem Umkleidenprojekt eine graphic novel zu machen. Es fehlen nur die Finanzierung und die zeichnerische Kompetenz….

  2. Momo Rulez Juni 25, 2014 um 5:44 pm

    Superspannend! Comics Zeichnen kann ich allerdings auch nicht, und Geld habe ich auch nicht – irgendwer der Mitlesenden vielleicht?

  3. lalberth Juni 26, 2014 um 9:52 am

    Das mit dem Geld ist tatsächlich das kleinere Problem, man kann ja bei Stiftungen Anträge einreichen. Aber eine/n ordentliche/n Zeichner/in, der/die Lust hat und mit Räumlichkeit arbeiten kann ohne dabei der Karikatur zu verfallen, ist das größere Hürde. Ich bin kein großer Kenner des Comic- und Graphic Novel-Genres, aber spontan fiel mir „Der Geschmack von Chlor“ ein (ich vergesse den Namen des Autors immer).

  4. momorulez Juni 26, 2014 um 10:10 am

    Ich bin da leider auch weder fit noch firm. Aber da finden sich bestimmt Sparringspartner bei Kunsthandwerks-Fachhochschulen oder Kunsthochschulen!

  5. lalberth Juni 26, 2014 um 10:22 am

    Ja, ich muss mal während meines USA-Aufenthalts mal umschauen. Da gibt es bestimmt noch mal weiteres Material.

  6. momorulez Juni 26, 2014 um 10:57 am

    Da ist das auch eine viel etabliertere Kultur als hier im Dünkel-Land. Und zugleich ist das Jock/Nerd-Thema verbreiteter. Deshalb wurde ja die Big Bang Theory Welterfolg 🙂 …

  7. lalberth Juni 26, 2014 um 2:44 pm

    Jock/Nerd: Ja, als Sozialfiguren sind die da wahnsinnig wichtig. Ich war ja richtig schockiert, als die Sportstudenten hier plötzlich anfingen, in Trainingsanzügen zu den Seminaren zu erscheinen.

  8. lalberth Juni 26, 2014 um 3:32 pm

    Und dann doch die irgendwie charmante Tatsache, dass sich der „jock“ von der gleichlautenden Sportlerunterhose ableiten lässt. 🙂

  9. momorulez Juni 26, 2014 um 3:43 pm

    Bist Du schon in. USA?

  10. lalberth Juni 26, 2014 um 4:08 pm

    Nope, noch 2 Wochen hier.

  11. momorulez Juni 26, 2014 um 4:12 pm

    Aufregend, das alles 🙂 ….

  12. lalberth Juni 27, 2014 um 1:31 pm

    Und wie…

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