Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag: Ein langes Dankeschön!

Das Jahr 2014 bewegt sich weiter in Richtung eines nächsten, und gestern feierte Jürgen Habermas seinen 85. Geburtstag.

 

Sitze in meiner winzigen Küche, sehe den Flur entlang ins Wohnzimmer: Direkter Blick auf die Balkontür. Die Wohnung ist lang und schmal. Viel Trödel, was eben so auf Fluren landet, verteilt sich elegant im Blick, und dahinter steht prachtvoll: James, mein Bariton-Saxophon. Eine fantastische Silhouette verspricht tollen Klang.

 

Habermas, ja, bei aller Würdigung vorab: Er ist halt doch der philosophisch Unmusische. Ein Mann der Aussage, nicht des Songs oder der Arie. Einer des wirklich etwas SAGENS und es MEINENS im Zwiegespräch, der weiß, dass man etwas tut, wenn man spricht. Paradebeispiel der Sprachpragmatiker, die „How to do things with words“ (Austin) erfragen, ist der Befehl: Gibt ihn einer, dem (administrative) Macht verliehen wurde, dann bewirkt das Handlungen, und jedes Zuwider initiiert Sanktionen. Searle, Austin, Apel waren seine seine Vorreiter; auch Judith Butler diskutierte intensiv mit ihm in „Hass spricht“, kritisiert ihn auch, da sie beschreibt, wie „Hate Speech“ körperlich wirkt, quält und zermürbt.

 

Es waren große Momente in meinem Leben, hier in dieser Küche einst zu sitzen zu Studentenzeiten mich durch die Texte Habermas’ zu, ja, was, graben?, nee – das Wort zu finden ist schwierig. Michel Foucault lesen, das war abenteuerlich, euphorisierend, aber auch gefährlich, verwirrend, radikal: Nichts blieb, wie es war nach den Lektüren, schon gar nicht „Ich“. Die Süddeutsche schrub jüngst anläßlich einer ARTE-Doku, ins Vokabular derer verfallend, die Jazz für „entartet“ befanden und das Saxophon in die Finger rassistischer Karrikaturen zeichneten, Foucault habe „zersetzend“ gedacht. Wie Salzsäure. Das Subjekt in seinem Werke: Nur Unterworfensein. Der Mensch als Gegenstand des Wissens: Er würde verschwinden wie ein in den Strand gemaltes Gesicht in den Wogen des Meeres. Sexualität: Nicht unterdrückt, vielmehr würde fortwährend von ihr gesprochen, sie produziert, und Intimstes noch nach Perversionen abgeklopft, diese erforscht, seziert, analysiert. All jene würden in Wissens- und Forschungsapparaten erst erzeugt, die dem wahren und guten Fortpflanzungssex des Bürgertums sich verweigerten, so der Korrektur zuführbar. Normalisierung.

 

Habermas hingegen – selbst, wo ich ihm nicht zustimmen mochte, entfaltete den Sog des so Durchdachten, des Gründlichen, des Überprüften, nicht des Umwerfens oder Bejubelns. Und doch waren es keine Buchhaltertexte, keine, die um nur zu unterjochen Raster schufen, sondern solche, die der wohligen Mühe des Gedankens Raum schufen und sich in auch polemischen Bahnen durch Texte bewegten.

 

Foucault wühlte bei der Quellensuche noch in Denunziationsbriefen, die Menschen über ihre Nachbarn an die Staatsgewalt geschrieben hatten, und in finsteren Plädoyers von Staatsanwälten gegen Schwule nach der Legalisierung – Habermas zeigte sich ungemein belesen, ackerte sich stattdessen durch die Wissenschaftsgeschichte, um in der Rekonstruktion dessen, was in ihr und seinen Augen Bestand hatte, die Vernunft am Wirken zu sehen. Eine, die nicht auf Unterdrückung, sondern auf Verständigung aus sei als Einheit in der Vielfalt ihrer Stimmen. Diese wohne der Sprache als Telos inne.

 

Der schwule Foucault wusste um all die Gemeinheiten, das Fiese, das Zerstörenende, das gerade im kühlen Blick des Wissenschaftlers chromglänzend die Richtigkeit der Zwangskastration und Elektroschocktherapie für „richtig!“ befindet.

 

Habermas, dessen Hasenscharte ihm in jungen Jahren das Sprechen erschwerte, schrieb darüber, dass diese Schwierigkeit des Sich-Verständlich-Machens ihn biographisch und sein Werk geprägt habe, und bei allen innerakademischen Gefechten und allem seltsamen Wandel, dem sein Werk unterlag von der Kritik des Strukturwandels der Öffentlichkeit über Legitimationsprobleme im Spätkapitalimus bis hin zu seiner Begründung von Demokratie und Rechtsstaat, die exakt das Gegenteil dessen besagt, was Innensenatorendarsteller wie Michael Neumann in Claims und ewigen Wiederholungen der Empirieverweigerung aus stoßen als ewige Wiederkehr des Gleichen, ist doch immer so etwas wie Energie der Lauterkeit, des Gerechtwerdenwollens und des Durchdringens spürbar. Eben das Beglückende, so pathetisch sich das liest, das erscheint, gelingt es, sich verständlich zu machen und versteht man.

Diese durchaus elegante Energie erstrahlt noch bei völlig verunglückten Kritikversuchen wie im „Philosophischen Diskurs der Moderne“, da er sich müht, Nietzsche, der Postmoderne und Luhmanns Systemtheorie wie auch der „Subjektphilosophie“ im Allgemeinen den Garaus zu machen wie auch dem Werk der Kritiker derselben zugunsten des Paradigmas der Intersubjektivität.

Dass Niklas Luhmann, selbst ganze Passagen Matturana paraphrasierend in seinem Hauptwerk „Soziale Systeme“, Habermas vorwarf, er würde Komplexitätsreduktion durch das Kompilieren von allerlei Verstaubtem betreiben: Das ist Hohn, dem man nicht folgen braucht. Vielmehr versuchte Habermas, statt sich als Genie zu inszienieren, der internationalen Diskussionslage gewachsen zu bleiben, so intensiv, dass manche schon unkten, er ließe lesen, ein Mensch alleine könne all die Quellen gar nicht verarbeiten. Halbe Bücher sind damit gefüllt, akribisch auf Kritik und Kritiker zu antworten.

 

Hier in der Küche sitzend war Habermas wirklich LEHRER. Wo Foucault schillerte und sich entzog, traf Habermas Unterscheidungen. Schuf Orientierung im Berg des Wissens. Ließ einen nicht in Derrida und Lyotard absaufen, sondern entwickelte für mich Raster: Vom pragmatischen, ethischen und moralischen Gebrauch der praktischen Vernunft. Von Person, Kultur und Gesellschaft (und was das meinen kann, statt nur zu suggerieren). Von der so immens wichtigen Unterscheidung zwischen dem Normativen und dem Deskriptiven, die kaum wer versteht, der politisch agitiert, am wenigsten noch jene, die ständig gegen „Moralisierung“ geifern.

 

Man kann ihm so unendlich viel vorwerfen, der Grund ist schlicht: Er hat so unglaublich viel versucht. Man kann ihm ankreiden, dass er die Arbeit zugunsten der Sprache aus dem westlichen Marxismus warf, zu Zeiten, da viele sich noch trauten, mit Marx zu denken. Dass er im Übergang zur Diskursethik jede ernstzunehmende gesellschaftliche Analyse zugunsten fortwährender Begründungen des Normativen hinter sich ließ und so legitimierte, was längst Ideologie geworden oder dieses immer schon war.

 

Seine Analyse der Verfassungsgrundsätze scherte sich nicht mehr um die schillschen Gemeinheiten vor dem Amtsgericht, verzichtet auf den Blick in die Realwirtschaft (das änderte sich später wieder) – und war eben DOCH in der Lage, zivilen Ungehorsam zu fordern. Damit können noch die Lampedusa-Flüchtlinge begründen, dass sie in der Bannmeile des Rathauses auf ihr Nöte aufmerksam machen.

Auch den so oft zitierten „Verfassungspatriotismus“ warf er in die Diskussion, als ein neuer, völkischer Nationalismus sich breit machte und er stattdessen auf das Konzept der Grundrechte eben nicht nur für Europäer verweisen wollte, da diese im Universellen der Menchenrechte gründeten.

Er brachte Sammelbände mit dem verunglückten Titel „Die Einbeziehung des Anderen“ heraus unter dem Druck der poststrukturalistischen Kritik des Eurozentrismus und rekonstruierte die feministische Gleichstellungspolitik, als er noch nicht mal zu Unrecht im Zuge der Kohlberg/Gilligan-Debatte gleich mit zum Prügelknaben avancierte.

Kohlberg hatte ein Stufenmodell moralischer Entwicklung formuliert von der schlichten Präferenzgeneralisierung über autoritäre und konventionelle Modelle bis hin zur reflexiven Prinzipienmoral Kantischen Typs; Carol Gilligan konterte, dass alles, was als weiblich konntiert in Private verbannt und für das im Deutschen nur das ungelenke Wort „Fürsorge“ gefunden wurde, aus den Vorstellungen abstrakter Prinzipien hinaus geworfen würde, dabei seien sie es doch, die das Miteinander erträglich machten. Sheyla Benhabib verband beides im Konzept des „Konkreten Anderen“.

 

Auch nicht zu unterschätzen ist die Wucht, mit der Jürgen Habermas sich in den Historikerstreit der 80er Jahre warf, als die Singularität des Holocaust in Frage gestellt wurde und mit Herrn Nolte an der Spitze ein Legitimationsmodus des Nationalsozialismus wieder populär gemacht wurde, der noch heute manchmal wie die Folie staatlichen Handelns wirkt: Um die stete Gefahr von links zu bekämpfen, müsse man halt rechte Politik machen. Je größer die Gefahr behauptet wird, desto rechter. Das „3. Reich“ sei aus dieser Perspektive nötig gewesen, um den Kommunismus abzuwehren. Habermas zog in die Schlacht gegen diese Theoreme und hat sie mit Mitstreitern klar gewonnen.  Langfristig gewirkt hat das nicht.

 

Er war auch der erste, der skandalisierte, dass Martin Heidegger unbeeindruckt Schriften aus Tagen, da er mit NSDAP, SA und SS kumpelte, nach dem Krieg unkommentiert wieder auflegen ließ. Der universalistisch-liberale Stachel in dem Werk von Habermas ist dezidiert antinazistisch; er hatte in jungen Jahren noch erleben müssen, wie aus Lebensphilosophie, proklamiertem Irrationalismus (z.B. bei Gottfried Benn) und politischem Existentialismus s (z.B, bei Carl Schmitt, der Vater der „Gefahrengebiete“ und einem, der an den „Nürnberger Rassengesetzen“ mit wirkte, Herbert Marcuse analysierte ihn treffend) der Massenmord wurde.

 

Im Grunde genommen würde ich aus meiner kleinen Küchentischperspektive große Teile des Werkes als gelingendes Scheitern betrachten.

Habermas wollte definitiv das Richtige und glaubte irgendwann, seine philosophischen Begründungen tatsächlich in der Wirklichkeit vermuten zu können.

 

Die größten Anläufe, meines Erachtens die System-Lebenswelt-Differenz im zweiten Teil der „Theorie des Kommunikativen Handelns“, die Brücken zu Luhmann und Foucault hätte schlagen können, blieben liegen und wurden nicht weiter entwickelt. Und Phrasen von den „Systemparteien“ und der „Kolonisierung“ Deutschlands, bei Habermas ist es noch die der Lebenswelt,  haben Neonazis übernommen, als wollten sie seine Theorien karrikieren, die sie vermutlich noch nicht mal kennen. Dagegen muss man anschreiben, anschreien, ihn retten. Dazu hatte er zu viel zu sagen, als dass man ihn alternden Feuilletonisten überlassen könnte, um sich ansonsten an kleineren Geistern zu laben.

 

Denn natürlich ist dieses imposante, ausufernde, vielfältige Werk auch ein gelingendes: Weil es so lehrreich ist. Weil es so viel vorbereitet hat, dass gerade aufgrund der ungemeinen Dominanz Habermas’ bei einer ganzen Generationen liberaler und teils linker Akademiker, die bereits in den frühen 90ern in sich zusammen brach, nicht mehr wirklich fort gesetzt wurde.

 

Hauptgrund dürfte sein, dass Habermas sich nie dem dem Eigenwillen des Ästhetischen öffnete und somit viel zu viele verprellte, ganze Bereiche gesellschaftlichen Lebens nicht zu erfassen vermochte und deshalb trotz aller Attacken gegen die Ästhetisierer neben Lyotard, Derrida, später Zizek oder Agamben schlicht uncool wirkte.

 

Genau das freilich ist der große Trumpf des großen Lehrers: Er hat das zeitbezogene Werden der Theoriebildung als Entfaltung der Vernunft verstanden und so Entwicklungslinien verknüpft, die wie lose Enden aufgrund umfassender Neoliberalisierung noch unentdeckt da liegen und ihre Faszination gerade aus dem Mangel an Hipness ziehen. Weil da nichts schillert. Sondern VERSTÄNDLICHKEIT als stetes Mühen eben ein Miteinander ermöglicht, statt nur in Posen zu erstarren. Das macht ihn überzeitlich aufgrund des Mangels am Modischen.

 

Zentrum seines Werkes ist der Begriff „Intersubjektivität“. Ein zwar in Film und Musik allerorten aufzufindendes Thema, doch dieses Zwischenmenschliche, das taucht erstaunlich wenig auf in all den Schriften und Diskursen rund um Wirtschaft, Geschichte, Gesellschaft und Politik, geschweige denn in der Philosophie. Die beeindruckendsten, aktuellen Werke, so z.B „Die Künste des Kinos“ Martin Seels, setzen sich vor die Leinwand und bleiben unpolitisch.

 

Die Symmetrie zu denken in Beziehungen, machtfreie Räume zu erhoffen in der Vernunft, vielleicht ist die Größe dieses Erbes deshalb noch nicht verstanden trotz aller Huldigungen, weil so viele glauben, dieser Geist der Emanzipation sei wahlweise schon verwirklicht oder unerreichbar.

Ist er nicht.

Und warum, das kann man auch mit Habermas denken. Selbst wenn er das, was ein Gary Mulligan aus einem Bari-Sax wie James zauberte, philosophisch nicht durchdrang: Ich bin ihm ganz persönlich hier in meiner Küche ungemein dankbar für die Lektüren!!!! Danke!

Und wünsche Ihnen, Jürgen Habermas, zum 85. Geburtstag alles Gute.

Denn, will man das Emanzipatorische denken: Nur mit Habermas geht das nicht. Aber ohne ihn? Es fällt zumindest sehr viel schwerer.

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3 Antworten zu “Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag: Ein langes Dankeschön!

  1. Christiane Schneider Juni 19, 2014 um 5:24 pm

    Danke, vielen Dank für diese Würdigung. Meine Kenntnisse von Habermas sind viel bescheidener, aber in einer Phase, in der es für mich sehr darauf ankam, den durch Dogmatismus verengten Blick auf die Welt zu weiten und auch, den (in weiten Teilen der Linken unreflektiert wirkenden) Schmittschen „Begriff des Politischen“ zu überwinden, hat die Lektüre von Habermas sehr geholfen. Sehr schade in der Tat, dass Habermas die Brücke zu Luhmann (und Foucault) nicht hat schlagen können.

  2. momorulez Juni 19, 2014 um 6:18 pm

    Ich danke zurück 🙂 – und rückblickend ist es ja auch dramatisch, wie genau zu dem Zeitpunkt, da die „Bürgerrechtsidee“ die Mauer zum Einsturz brachte, er zu den wenigen gehörte, die die damit verknüpfte Menschenrechtsidee nicht denunzierten. Das hat zwar sogar schon Marx gemacht, aber der derbe Schindluder, der mit ihr vom Kosovo bis zum Irak getrieben wurde, zunächst mit befeuert von Joschka Fischer, diese ganzen Neoconlügen, während zugleich eine völkische „Wiedervereinigung“, ein völkischer Asylkompromiss und später mit Hartz IV und Sicherheitsgesetzen Wege zur Komplettentrechtung und eine völlige Verantwortungslosigkeit hinsichtlich der Folgen eigener Politik, siehe Libyen, total wurde – wäre Habermas da wenigstens realpolitisch auch von ein paar anderen als außenpolitisch verdreht und entstellt von den Grünen-Realos ernster genommen worden, who knows? Also zumindest das Werk bis „Faktizität und Geltung“? Und noch viel mehr das vor ’85? So haben sich selbst die Liberalen durch Verzicht auf Bürgerrechts- und Menschenrechtsideen selbst abgeschafft, und Ihre Partei und ein wenig die Piraten sind die letzten, die sie noch vertreten, während Gauck weiter verlogen dampfplaudert … schlimm.

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