Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Innenstädte verschlanden: 45.000 machen auf dem Heiligengeistfeld mobil (und Publikative betreibt Klassenkampf mit den Onkelz und Frei.Wild … )

Der Hund zittert.

Könnte er sich festklammern, so würde er es tun: Er kriecht auf meinen Schoß und drückt sich an mich, Panik in den Augen.

Vom Heiligengeistfeld weht das Johlen der zum „Sieg!“-Gebrülle bereiten Masse Mensch. Das Dauerrauschen, phonstark, ängstigt das Tier.

Wage mich vor dem Anpfiff gar nicht mehr auf die Straße. Nach Spielbeginn, auf dem Weg zum Supermarkt: Der von mir als „deutschtürkisch“ gelesene Kioskverkäufer sitzt mit schwarz-rot-goldenem Cowboyhut vor dem Laden mit Freunden, die fortwährend, vermutlich, damit konfontiert werden, über einen „Migrationshintergrund“ zu verfügen, und guckt das Spiel. Später spielen sie auf der Straße Fussball. Finde ich gut.

Das 1:0 fällt, Schreie aus diversen Wohnungen. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ zische ich.

Wie üblich ist Deutschland damit beschäftigt zu diskutieren, was und wer so alles nicht rechts sei. Politisch gesehen.

Rechte Bewegungen wie der Nationalismus werden zu „Patriotismus“, Die Böhsen Onkelz und Frei.Wild zu Klassenkämpfern

gegen ein vermeintlich dominantes Bildungsbürgertum hochgeschrieben.

Hey, Regenbogenflaggen sind doch aber auch Flaggen! Du läufst doch auch mit St. Pauli-Klamotten rum!

Sind freilich keine, die wie auch immer „Volk“ denken. Sondern das, was an moderner Moral gut sein kann, artikukieren.

(EDITH: Hier war zuvor ein Passus, der so tatsächlich nicht ging, auch wenn er mir zu Unrecht beim Schreiben plausibel erschien; habe ich ersatzlos gestrichen und Danke dass mich niemand darauf hin gewiesen hat. Inwiefern ich glaube, dass in die „Hipster-Kritik sich manchmal ein Zungenschlag einschleicht, der mich sehr beunruihigt, dazu schreibe ich ein anderes Mal noch korrekter.)

 

Ich habe sehr angenehme persönliche Kontakte mit Publikative-Autoren, mag sie und finde vieles gut, was sie schreiben.

In letzter Zeit freilich tauchte eine Gleichung fortwährend auf: Jene, dass Antiamerikanismus und Antisemitismus strukturell gleich seien. Schnell wird dann auch „antideutscher“ Antisemitismus ausgepackt, indem Juden und Banker miteinander identifiziert werden. Da gleicht dann das Geschreibe der Querfrontkritiker der Querfront selbst. Kann ja jeder selbst googeln, was die Commerzbank vor ’33 trieb.

Und ignoriert werden Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Walter Mehring, Erich Mühsam und die anderen. Gerade der Weltbühnen-Herausgeber Carl von Ossietzky kam vor 1933 in den Knast, weil er über die geheimen Aufrüstungspläne der Reichswehr berichtete – und das sei doch geheim gewesen. Für all die Kriegsschreier bis hin zu Gauck war er damit wohl zentrale Vorhut des Faschismus. Noch als er nach Folter aus dem KZ frei kam, wegen des Friedensnobelpreises 1936.

Das hat mit dem Thema zu tun. Was bei Publikative und anderswo auffällt, ist, dass zwar vehement für Minderheiten eingetreten wird. Dass aber – von André Reijsin abgesehen – keinerlei Gespür dafür vorliegt, was es heißt, zu einer zu gehören.

So können dort auch Texte zu den proletarischen Klassenkämpfern Böhse Onkelz erscheinen im pauschalen Sich-Erheben über’s Bildungsbürgertum, die zudem noch Unsinn behaupten und unzulässig vermengen.

Die „Pop-Kritik “ hielte pauschal die „Unterschicht“ für rassistisch, prollig und daneben.

Vertritt das noch wer?

Es sind gerade Bildungsbürger wie Sarrazin, Matussek, Gauck, Scheuerle, von Storch, Lucke oder wie der heißt, die fortwährend zündeln und dabei vorpolitische „Normalität“ für sich in Anspruch nehmen. Die selbstverständlich nicht rechts sei. Wie die Schland-Flagge. Und die Böhsen. Onkelz.

Dieses Ordnungssystem freilich ist falsch. Es ist noch fälscher, betrachtet man die Gleichung von Kulturindustrie-Kritik und Antisemitismus, die bei Publikative als „Antiamerikanismuskritik“ auftritt.

Diese hat ihre Wurzeln zwar durchaus auch in Spengler, in Ortega y Gasset, aber auch in Lukasc “ Geschichte und Klassenbewusstsein“, und gipfelt gewissermaßen prototypisch im „Kulturindustrie“-Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“.

Dass Adorno und Horkheimer diese den „Elementen des Antisemitismus“, fragmentarisch geblieben, vorschalteten, hatte ja Gründe. Dazu braucht man sich nur mal die berühmten „Drei kleinen Schweinchen“, die mit dem bösen Wolf als Zeichentrickfilm, oscarprämiert, anzusehen: Die antisemitischen Stereotype springen einen geradezu an, schaut man sie. Inmitten der Disney-Welt. Auch Robert Wilson berichtet ausgiebig, wie in seiner katholischen Jugend er mit Feindschaft, ja, Dämonisierung von Juden konfrontiert wurde.

Das ist die Welt, in der Horkheimer und Adorno im Exil landeten: Da Pogrome in Deutschland wüteten und „Jud Süß“ und andere Goebbelesken sich bei Hollywood bedienten. Die Massenkultur-Kritik von Greenberg bis Adorno gewann ihrer Erkenntnisse aus der Analyse der Wirkung faschistischer und stalinistischer Propaganda. Das heißt nicht, dass alle Massenkultur stalinistisch oder faschistisch ist – aber warum beides so gut sich verbinden ließ, das bedarf weiter der Analyse und Kritik. Wenn auch nicht im Stile jener, die in Hollywood satanistische Illuminati wähnen.

Auch die Arendtsche Diagnose des „Bündnisses zwischen Mob und Elite“ ist nicht selbst einfach nur Elitärem geschuldet, sondern – ich weiß um Arendts Rassismus, und klar gehört auch der in das Thema mit rein – eben auch einer Sichtweise, die der Urteilskraft des Pariah sich verdankt, zwei zentrale Begriffe in Arendts Werk. Dem eben oft nichts anderes bleibt als der Weg ins Bildungsbürgertum, da, wo es ihm nicht aufgrund Nicht-Weiß-Seins verstellt wird.

Was im besten Falle Diagnostiken des falschen Ganzen bereit stellt bei jenen, die man mitspielen lässt – im schlechten Falle mutiert es zu Matussek.

Aufgrund des Bewusstseins des fortwährenden Gefährdetseins wählen und wählten viele diesen Weg, wenn es ihnen möglich war.

Juden, PoC in Minderheitenposition und Frauen im Allgemeinen wissen da einfach drum – ob auf dem Heiligengeistfeld oder im Böhse-Onkelz-Konzert.

Es IST gefährlich ganz in dem Sinne, wie es Horkheimer und Adorno in dem Aufbrechen der Gewalt angesichts von Minderheiten in den „Elementen des Antisemitismus“ beschreiben, Gewalt gegen jene, die als schwächer wahrgenommen werden. Das kann der Lynchmob in den USA und in Dessau, wenn ein schwarzer Mann eine weiße Frau ansieht, ebenso sein wie die männliche Horde, die nach Frauen pfeifft oder jene, die am Rande von Pride-Paraden Opfer suchen. All das geschieht.

Das ist eben der einfach nicht tilgbare Unterschied zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus: Eine Weltmacht ist keine gesellschaftliche Minderheit.

Und bestimmte Formen dessen betreffend, was als „Bildungsbürgertum“ noch in der Kritik der Praxis der Critical Whiteness fehl gedeutet wird, weil angeblich „In-Groups“ sich bilden würden, um „Distinktionsgewinn“ durch Abgrenzung zu gewinnen, die strukturelle Analogie zum Text zu den Onkelz bei Publikative sollte offenkundig sein: Sie erfinden ganz wie in den „Protokollen der Weisen von Zion“ irgendwelche meinungsführenden, nach Geschmackshoheit gierenden Minderheiten, die den aufrechten Spaß der frei.wilden oder verschlandeten Masse gemein unterjochen wollten.

Will man Dünkel attackieren, so greife man jedoch lieber White Supremacy an. Mit den Onkelz oder Frei.Wild geht das nicht.

Denn es böte sich doch ganz Anderes, wollte man schon Bildungsbürgertum kritisieren: Schon den laut Publikative vermeintlich tristen 80ern tanzten ALLE zu Michael Jackson und Prince. Zu Whitney Houston, Ofra Haza, Boy George, Grace Jones und Bronski Beat. Ja, auch zu Modern Talking.

Bemerkenswert ist doch, dass das Bedürfnis der Rehabilitierung nun gerade im Falle der Böhsen Onkelz und Frei.Wild als vermeintlichem Klassenkampf sich die Bahn bricht, während die ganz Welt fernab aller Nationflaggen zu Pharrel Williams‘ „Happy!“ tanzt. Darüber habe ich noch nirgends was gelesen. Dabei ist das prima.

Da wird die vermeintliche Attacke gegen „Bildungsbürgertum“ einfach zur anderen Seite dessen, was tatsächlich als deutscher Pop-Sonderweg existiert: Eine voll und ganz schräge, nationale Kanonisierung. Es wird ja nicht Scooter hoch geschrieben, die sehr genau hin lauschten, welche Sounds international anschlussfähig waren, sondern irgendwelche Gitarrenheinis, die durch und durch männlichen (!!!) Rockismus betreiben.

Will man wirklich die Klassenfrage stellen, ist Nationalismus als vorpolitisch bestimmt der falsche Weg. Und sei es schlechter Irgendwiepostpunkroch wie bei den Onkelz, das ist ja sehr deutsch.

Schon gar, wenn er feministische Perspektiven offenkundig gar nicht kennt.

Da hilft im Gegenzug der UNIVERSALE und INTERNATIONALE Spirit der Musik: Hip Hop war und ist international anschlussfähig, und hört man Nate57 „Im Kreis“, braucht man auch weder Schland-Flaggen noch die Onkelz und kann trotzdem kontrovers über Sexismus diskutieren.

Und vielleicht einfach mal den Frauen lauschen. Auch Tracy Chapman und Salt’n‘ Pepa in den vermeintlich tristen Eighties, zuvor Joan Amatrading, waren hit-fähig.

Wer stattdessen nationale Restauration braucht, der wählt den Weg wohl kaum aus Klassenbewußtsein. Race, Class und Gender gehören zusammen. Davon hat der Autor bei Publikative offenkundjg noch nie was gehört – oder er bündelt insgeheim mit der AfD.

Jenes Bildungsbürgertum der marginalisierten Perspektiven, Adorno zum Beispiel, bel hooks, Foucaults „die Macht kommt von unten“, sollte dabei freilich nicht auf der Strecke bleiben.

Es ist das des Sichgefährdetwissens.

Und dieses denkend und musizierend überwinden weist den Weg.

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6 Antworten zu “Innenstädte verschlanden: 45.000 machen auf dem Heiligengeistfeld mobil (und Publikative betreibt Klassenkampf mit den Onkelz und Frei.Wild … )

  1. Hannes Juni 17, 2014 um 2:04 pm

    Buff. In meinen Achtzigern, die ich als die hedonistischste Zeit bezeichnen würde die zu erleben mir vergönnt war tanzten wir zu Guns and Roses, Kreator, Clash, Talking Heads und Red Hot Chilly Peppers, auch zu Prince. Grace Jones und Whitney Houston verehrten wir, aber die hörten wir wie andere Leute das mit den drei Tenören machen, wir hätten dazu nicht getanzt. Michael Jackson und Boy George wurden eher belächelt. Die hier gezogenen Maßstäbe kenne ich nicht und finde ich befremdlich.

    BtW und Klassenkampf bzw. selbstbewusstes Prolltum artikuliert sich musikalisch auch anders als über Onkelz und Freiwild. Kenne genug politisch aktives IGM-Volk. Das bewegt sich musikalisch (ich weiß, hört sich jetzt komisch an) zwischen Klezmer und Helene Fischer, Andrea Berg und Türkdisco. Stellt sich ja die Frage, ob das eine Gegenfront zum weißen bildungsfernen Männlichkeitsbild ist.

  2. momorulez Juni 17, 2014 um 6:59 pm

    Vielleicht ja auch zum weißen, hegerosexuellen Männerbild im Allgemeinsn. Und Michael Jackson und Boy George mit Kreator zu belächeln ist ja gerade das Problem.,Musikalisch hatten die einfach mehr zu sagen als Frei.Wild oder die Onkelz oder die Hosen, nur dass dass weiße, männliche Bildungsbürger, die Poptraktate schruben, das oft ebenso nicht merkten. Was ich interessanter finde, als nun die Genannten zu Klassenkämpfern zu stilisieren.

  3. Realitätbrennt Juni 22, 2014 um 9:00 pm

    Sorry, wenn ich relativ weit weg von deinem Text hier meine Assoziationen reinstelle. Vielleicht kannst du damit trotzdem was anfangen. Zunächst versuchte ich mir typisch männlich konnotierten Rockismus in Gestalt von Frauen oder Schwarzen vorzustellen. Wie unangenehm: Es sind vermutlich nicht meine Vorurteile über den Mainstream, wenn ich diesem hier unterstelle, dass er geneigt wäre, entsprechende Frauen als „Furien“ und Schwarze als „den bösen schwarzen Mann“ stereotypisieren würde, und schlimmer noch, wohl kaum andere Muster zur Verfügung hätte.

    So, und plötzlich assoziiert sich eine BBC-Sendung, die ich vor drei Wochen angeschaut habe sich in mein Gehirn, nämlich eine Sendung über Prog Metal, eine Musikrichtung, von der ich vorher kaum wusste, dass es sie gibt. Das fand ich spannend auch deshalb, weil durch den Musikalitätsanspruch der Musiker im Prog Metal sich zumeist die ganze Männlichkeitsinszenierung zugleich erledigte bzw. zusätzlich etwas sehr Buntes, Schillerndes erhielt.

    Wie gesagt, die ganze Musikrichtung war und ist mir neu, und vielleicht war dadurch schon für mich interessant, während du das alles vielleicht noch als typischen Rockismus betrachten würdest. Aber falls mein Eindruck zutrifft, dann ist doch fast erstaunlich, womit die aggressive Männlichkeit im Metal gebrochen wird. Schaut mensch sich wiederum die Rockfestivals an, vom Verhalten der meisten Fans her, dann sehe ich da weniger Rockismus und Männlichkeitsinszenierung und vielmehr pure Lebensfreude, und verblüffend oft auch die Auflösung der männlichen Horde. Kann aber sein, dass ich hier ein schlechter und voreingenommener Beobachter bin.

    Was die Sache mit dem Distinktionsgewinn betrifft, da bin ich etwas anderer Meinung als du. Ich glaube, dass das in fast allen, auch in linken und progressiven politischen Gruppierungen ein großer Faktor ist. Die Abgrenzung gegen Andere oder, oft als noch schlimmer wahr genommen, gegen „Normale“ ist dann Teil eines Spiels, das teils aus Selbstschutz erfolgt und auch erfolgen muss, aber eben teils auch mit dem Nachteil verbunden ist, nicht mehr mit denen zu sprechen, sich abzuschotten, gegen jene, welche politisch anders denken.

    Ich bin an diesem Punkt hoffnungslos altmodisch, idealistisch, denke ich und denke einfach, dass es sehr wichtig ist, sich die Fähigkeit für Dialog nach Möglichkeit zu bewahren, über Grenzen und politische Denkweisen hinweg. Ich weiß aber auch, wie schwierig das sein kann, wenn in einer offenen „sozialen“ Welt haufenweise Scheiße auf einen zuschwappt. Da dann diejenigen rauszufiltern, mit denen mensch noch reden könnte, kann aus Gründen des Selbstschutzes auch eine schlechte Idee sein.

    Trotzdem, die Hoffnung darauf, die hege ich halt.

    Nochmal ein ganz anderer Gedanke: Dieses Ganze Schlandgetue, das ist doch eigentlich Eskapismus, oder? Ein Eskapismus, der wegen der Zumutungen des Kapitalismus, wie ihn viele aushalten müssen, nahe liegt. Eine durch und durch kapitalistisch organisierte Veranstaltung, die den Wettbewerbsgedanken wie kaum etwas anderes verkörpert, dient dann, wenn mensch es so sieht, vielen als temporärer Ausweg aus der Dauerveranstaltung namens Kapitalismus, Verwertungsdruck, Leistungsdruck, beschädigtes Leben und so weiter.

    In dieser Perspektive ist auch Rockismus für viele ein Ventil. Bei Heavy Metal habe ich den Eindruck, ein Ventil oft gerade von Heten-Jungmännern, die sich in ihrer Männlichkeit noch nirgends beweisen konnten. Klingt doof, bestimmt, ist aber genau mein Eindruck.

    Deinem Hund das Beste! Ist ja bald vorbei.

  4. Momo Rulez Juni 22, 2014 um 10:16 pm

    Jede Assoziation ist jederzeit willkommen 🙂 – und ich finde es ja, verzeih mir, immer ganz lustig, dass dieses Rockism-Thema so wurmt. Da ist ja zunächst die These, dass weiße, männliche Musiker sich alles Mögliche aus dem R&B zusammen geklaut haben, dass dann rhythmisch begradigten, die Musik drei Klassen schlechter machten und die nun ausgerechnet als Urquell der Popkultur behandelt wurden. Das macht sogar Diedrichsen – oder gerade der – in seinem „Über Pop-Musik“. Ich persönlich würde Elvis da ausnehmen, und schwieriger wird es beim Folk, aber spätestens, als Dylan zur E-Gutare griff und als großer Dichterfürst gefeiert wurde, ballte sich da. White Supremacy im Rock-Paradigma – trotzdem ja z.B die Stones ihre Blues-Helden öffentlich verehrten und Eric Burdon mit „War“ derart weit vorne war, dass man den da auch raus nehmen muss. Das ist zunächst mal ein historisches Argument. Janis Joplin war auch derat nah an ihren Idolen, da brach dann aber dieses seltsame Kompliment, bei Joe Cocker auch,min die Geschichte ein, dass bejubelt wurde, „wer wie ein Schwarzer singt“, und für die Originale und deren Geschichte interessierte sich kein Schwein mehr. Während Motown angesichts dieser angeblichen weißmännlichen „Künstlersubjekte“ als „Fließbandmusik“ abgetan wurde wie später Disco auch. Diese ganze Whitewashing-Story ist einfach eine der Verdrängung mit harschen, ökonomischen Konsequenzen, und wenn jetzt Pharel Wiliams mit Stevie Wonder und Nile Rogers auf die Bühne geht, dann spürst Du echt Genugtuung.

    Dylan ist übrigens insofern noch mal ein Sonderthema, weil in der Beat Generation wie auch im Jazz die Rolle der jüdischen Tradition eine große ist. Das Thema habe ich mir bisher einfach nicht zugetraut, hat aber ja mit obigem Thema was zu tun. Ginsbergh z.B. in „Howl“, das ist auch eine Aneignung in dem Kontext.

    Davon mal ab, was allerdings wichtig ist, hast Du halt einen solchen Boden, auf dem sich dann große Teile vermeintlicher weißer „Gegenkultur“ ansiedelten, was im musikalischen Material wie auch als soziohistorisches Phänomen echt hochproblematisch ist (und gerade am Millerntor nachhaltig wirkt). Mir haben dann auch schon angesehene Indie-Produzenten sauwütend entgegnet, das „schade der Musik“, so zu argumentieren – hört man sich mal an, was verdrängt wurde, ist das einfach ein Witz. So was wie die frühen Tocotronic, vorher “ Der Plan“ und so hätten sich Schwarze gar nicht erlauben können, ohne grob infantislisiert zu werden.Und Rock wurde weiß. Ich weiß noch, als allesamt fürchterlich bemerkenswert fanden, dass Boc Party einen schwarzen Sänger hatten. Das ist multipel grotesk, zudem, wenn man sich die Struktur der britischen Bevölkerung anguckt,

    Ich kenne nun nur Prog-Rock, kein Prog-Heavy Metal, aber Heavy Metal ist, was das Tilgen schwarzer Wurzeln betrifft, am krassesten. Das sind auch süße, liebe Jungs oft, aber als die dann – Skid Row und so – auch noch in der schwulen Sub klauten, nee. Ich weiß, dass der Judas Priest-Sänger schwul ist.

    Und an den Eskapismus glaube jch nicht mehr. Das sind politische Demonstrationen, proppevoll mit satten Mittelstandskids, die die Sau raus lassen wollen und sich irgendwas „nicht verbieten lassen wollen“. Nationalismus hatte zwar immer schon die Funktion, dem Sozialismus das Wasser abzugraben und den Arbeitenden die eigene Interessenlage zu verschleiern, aber was hier so durch die Innenstadt läuft, das ist nicht das klassische Proletariat. Das sind die, die ansonsten ganz bürgerlich in der Bank oder Versicherung arbeiten und endlich mal ihren Hass auf das, was sie als illegitimen „Abschaum“ sehen, in den Augen leichten haben. Die sind viel gefährlicher. Vor denen hatte ich schon immer mehr Schiss als vor richtigen Prolls, weil die so eine aggressive Selbstgerechtigkeit haben.

  5. Hannes Juni 23, 2014 um 2:46 pm

    „Musikalisch hatten die einfach mehr zu sagen als Frei.Wild oder die Onkelz oder die Hosen, nur dass dass weiße, männliche Bildungsbürger, die Poptraktate schruben, das oft ebenso nicht merkten.“ Musikalisch hatten die alle mehr zu sagen, von Kreator bis hin zu Jackson und Culture Club, die ganze Popkultur hatte damals mehr Aussage (na ja, jetzt nicht Opus). Habe allerdings nie „Poptraktate“ gelesen, sondern Musik immer nur gehört. Dass sich da jemand theoretisch mit
    auseinandergesetzt hätte wäre mir jetzt neu. Ich habe allerdings auch nie eine Musikzeitschrift von innen gesehen, nicht mal Bravo.

  6. momorulez Juni 23, 2014 um 2:51 pm

    Na, gibt ja nun schon noch einiges, was auch noch Aussage hat – aber die. Leute werden zielsicher Kraftclub wählen, nicht Hercules & The Love Affaire, obgleich sich die die letzteren in den Restschrumpfbeständen des Musikjournalismus durchaus wieder finden.

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