Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die „Black Satin“-Westerngitarre, ich nenne sie „Angel“: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein „Es nicht lassen können“, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

eine Konzertgitarre billig erwerben. Felipe. Steht drauf! Wegen der zu engen Saiten auf Angel brauchte ich nun auch noch Felipe.

Es ist ja eh schon spannend, bei einem Saxophonlehrer aus südamerikanischem Land zu lernen. Beginnt der glatt ein kleines Privatkonzert, um mir die richtige Haltung der Hände auf der Gitarre zu lehren. Mit Gesang.

Staunen: Mit dem Lagerfeuer-„Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ – hat das nichts mehr zu tun, was er da macht. Fast kitschig schön, voller Pathos, und doch vertrackt, nicht so geradeaus, zum Marschieren völlig ungeeignet.

Woher nehmen eigentlich ausgerechnet die Deutschen ihren Dünkel? Als wären sie allesamt in der Lage, mal eben die zweite Violine in Beethoven-Sinfonien zu spielen.

Meist gröhlen sie. Selbst die vermeintlich widerständigen Lieder, Egotronic, Deichkind hören sich immer so an, als wollten die Hörer samt Musikern sogleich in Polen einmarschieren.

Mein Sax-Lehrer kriegte sich gar nicht mehr ein vor Lachen, als ich „Lustig, lustig, ihr lieben Brüder, nun leget all eure Arbeit nieder“, so Sachen halt aus dem Liederbuch im Gemeindehaus zu Konfirmantenzeiten, anstimmte, deren Rhythmik karrikierend. Schmiss sich weg wie neulich dieser Trupp „asiatisch“ Gelesener, der aufgrund einer Durchsage im Nahverkehrszug in schallendes Gelächter ausbrach und sich „Deutschland!!!“ ausrufend zunickte.

Dabei waren Liederjan, „Lustig, lustig, ihr lieben Brüder“, zumindest ein Versuch, dem „Volkslied“ wieder Musik einzutreiben. Ohne Mittelaltersehnsucht geht das aber leider nicht in Deutschland.

In Chile hatten sie Victor Jara.

Okay, Hannes Wader war teilweise auch prima.

Ansonsten merkt man den Stand der Dinge immer, wenn Leute über Helene Fischer lästern. Verglichen mit Markus Wiebusch hat die wenigstens irgendwas Queeres.

Dann zupft mein Lehrer die Gitarrensaiten, verschiebt die Rhythmik ganz leicht, wechselt zwischen Akkorden und Fingerpicking, drechselt spanischen Gesang in Strukturen hinein, zu denen der schlichte Schlag in die Saiten gar nicht mehr passen könnte – und ich sehne mich mich nach …. na, jedenfalls nicht nach Thees Ullmann.

Statt Donnerstag WM-Eröffnung zu schauen, sah ich drum mir lieber eine Doku über Hubert Fichte an. Von 2005. Spannend.

Habe mir auch gerade dessen „St. Pauli-Geschichte“ zugelegt. Für die FSK-Sendung.

Anrührend, nichts anderes als zwei Männer, die sich Mitte der 50er Jahre auf St. Pauli in einer Kneipe namens „Loreley“ treffen und durch die Stadt streifen, um irgendwo einvernehmlich Sex miteinander zu haben. Zu Zeiten, da der Paragraph 175 noch gilt und sie sich so strafbar machen. Die Geschichte hätte da gar nicht veröffentlicht werden können. Überall wähnen die Protagonisten Spitzel. In einem Treppenhaus kurz vor dem Karl Muck-Platz, der heute Johannes Brahms-Platz heißt, klappt es. Sie genießen es.

Leider tauchen auch N- und M-Wort auf. Letzteres heißt ursprünglich „Maultier“. Ist ja nun nicht so, dass in von Spanien kolonisierten Ländern alles in Ordnung war, auch wenn mein Sax-Lehrer mir zeigte, dass die Möglichkeiten da gewesen wären. Aber sie wollten wohl nicht.

Hubert Fichte ist in Antira-Kreisen bekannt, weil er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Leonore Mau, einer Photografin, zumindest versuchte, unter anderem in Brasilien Erkundungen anzustellen, ohne in die objektivierende Ethnographie vom Typ der Forschungen eines Claude Lévi-Strauss zu verfallen. Diesen griff er heftig an.

Nach Fichtes Erachten müsse der Blick poetisch, nicht struktural versachlichend sein.

Weil er in Brasilien bei allerlei Ritualen zugegen war, die der deutsche Blick unter „Voodoo“ verbuchen würde, obgleich sie z.B. Macumba heißen, deren verschlungene Geschichte freilich so viel klar machen würde, dass sie eigene Einträge erforderte, bekamen der Doku zufolge Freunde von Fichte es mit der Angst zu tun. Er wurde ihnen unheimlich. Oje, Magie!

Eine solche Furcht bei Leuten, die Konfirmationen und Taufen gewöhnt sind und bei symbolisch-kannibalistischen Riten gar den Leib ihres Heilands verschlingen: Frei von Komik ist das nicht.

Fichtes Spätwerk , angelegt auf 19 Bände und Fragment geblieben, hieß „Geschichte der Empfindsamkeit“.

Also das, was man gerade in Deutschland Diskreditierten fortwährend austreiben will. Ellenlange Traktate zur „Filter-Bubble“ erscheinen und wie empörend es sei, dass sich Stigmatisierte nun nicht auch noch ständig freiwillig dem aussetzen wollen, womit man sie belegt. Humorlosigkeit wird attestiert, man möge doch bitte den Kakao auch trinken, durch den man gezogen wird, und das gesamte Aufgebot postpsychoanalytischer Pathologisierung fahren sie auf, um ihre Normalität, die sie für Individualität halten, abzusichern und den nicht-poetischen Blick brutal schweifen zu lassen.

Da all das zu Zeiten der WM endgültig krass in alle sozialen Medien stürmt, mühe ich mich nun um Facebook-Vermeidung.

Im Gitarrenspiel meines Sax-Lehrers lag etwas dessen, was Hubert Fichte nach Brasilien trieb.

Empfindsamkeit wohl.

4 Antworten zu “Facebook meiden zu Zeiten der WM

  1. zigan-zigan Juni 17, 2014 um 11:54 am

    “Lustig, lustig, ihr lieben Brüder” hieß eigentlich mal

    „auf die Gesundheit aller Brüder die da reißen alles nieder trinken wir ein gut Glas Wein. Schlagt die Fässer auf, lasst es laufen, solches Himmelreich ist nah. Schlagt die Meister, weg mit Adel, weg mit Pfaffen, Kaiser König solln sich raffen, weg wer kommandieren will.“

    Das hätte im Konfirmandenunterricht in der unzensierten Fassung nichts verloren gehabt-

  2. momorulez Juni 17, 2014 um 12:24 pm

    Das haben wir da aber gesungen …

  3. Anonym Juni 18, 2014 um 10:18 am

    Kannte Hubert Fichte bisher nicht, hab die Doku angeschaut, Brasilien kam nur ganz am Rande vor, und die Sequenz über Macumba erscheint mir als offener Hohn gegenüber Fichtes Anliegen, der Blick müsse „poetisch, nicht struktural versachlichend sein“: Bildsequenzen und Sound reproduzieren 1:1 die sensationslüstern andernde Ästhetik billiger Hollywood-Voodoo-B-Movie-Trailer, das hat aber die Doku-Regie zu verantworten. Dass sowas beleidigend und verletzend ist, kann man wissen. Leider ist aber auch Leonore Maus Anteil daran erkennbar, sie habe gefragt, ob sie das fotografieren dürfe, und eine Frau habe gesagt, „da sind zwei Leute aus Europa und die Frau, die will fotografieren, das können wir ruhig erlauben, weil die Götter wollen das gar nicht, da kommt nichts auf die Bilder drauf, und dann hat sie gesagt, jaja, können Sie, ich war natürlich glücklich darüber, und da war sehr viel drauf.“ Das ist das pure Gegenteil von Poesie, das ist die krude Ästhetik von Hergés „Tim im Kongo“: Der Ausdruck „Götter“ transportiert (poetisch gedacht absolut unmissverständlich und zwingend) die durch die Bilder unterlegte Aussage „primitiv, haben wir überlegenen Christen längst überwunden“ und ist keinerlei adäquate Übersetzung von „Òrìşà“ (de.Wikipedia ergänzt immerhin „sie sind personifizierte Naturgewalten“), und ich vermute, Fichte wurde seinen Freunden deshalb „unheimlich“, weil er genau das erkannt und gesehen hat, weil er wusste, was im (ansonsten von Macumba sehr verschiedenen) Haitianischen Vaudou mit „les Mystères et les Invisibles“ ausgedrückt wird, weil er die naive Gewissheit verlor, *wer* in einer Konstellation der White supremacy gesellschaftlich notwendigen Illusionen verhaftet bleiben muss…

  4. momorulez Juni 18, 2014 um 10:26 am

    Danke für den ausfuhrlichen und sehr klärenden Kommentar! Auch zum schwulen Thema war nur Raddatz dem gewachsen, kein Mensch würde sich so lang darüber auslassen, wenn Heteromänner über Frauenhintern reden . Das finden die ja normal.

    Fand auch weniger die Doku gut als die Versuche Fichtes. Dein Kommentar belegt für mich, dass sich die Auseinandersetzung lohnt.

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