Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Musik, die Bilder bricht … und „My own private Idaho“

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Es ist heiß draußen. Ich habe mir eine Gitarre gekauft.

Zu den verspäteten Hippie-Träumen meiner frühen Jugend gehörte das dazu, mir vorzustellen, wie den Sommer hindurch sich Menschen auf Wiesen fläzen, zu Bongos und Akustik-Gitarren greifen und beseelt gemeinsam vor sich hin singen. Zeit und Raum vergessend. Im Klang seiend. Sehe ich in den Wallanlagen nie.

Diese Flower-Power-Visionen traten mit dem aufkommenden Einfluss des Punk in den Hintergrund; Leben und Erleben verschob sich in die Nacht, und Madness brachten mich mit „One Step Beyond“ zum Saxophon. Welches auch in Soul, Funk und Jazzrock zu hören war, Stile, zu denen ich schulterlanges Haar in Kiffer-Discos auf dem Lande schüttelte und für einen mit dem Spitznamen „Pogo“ schwärmte, so mit 15, 16. Gesprochen habe ich mit ihm nie.

Die nächste Zäsur, eine Dekade später: House, Techno, Grunge. Ein wenig wiederholte sich bei vielen das, was bereits in der in den USA und in Deutschland so verbreiteten Entgegensetzung von Punk und Disco fatale Spuren hinterließ. In Großbritannien war das anders. New Pop, New Wave, New Romantic stießen nicht alles ästhetisch Schwarze und Schwule ab, sondern ließen sich darauf ein. Die Talking Heads ja auch, aber anders.

Trotzdem habe ich mir eine Gitarre gekauft.

Zunächst, um ein Akkord-Instrument ein wenig nur spielen zu lernen. Zum Improvisieren mit dem Saxophon muss man die Akkorde fühlen (und eigentlich auch die Skalen auswendig wissen, die dazu passen), haptisch, körperlich fühlen können. Dann braucht man nicht zu zählen oder abgelenkt zu lauschen, sondern ist „drin“. Das gelingt mir nicht mit den Keyboards, die an Computer anzuschließen sind, dieses Einfuhlen. Die haben nicht diese Körperlichkeit. Und ein Klavier passt nicht in meine Wohnung.

Aber auch, weil mir so eine seltsame Insel in der Popkulturgeschichte begegnet ist und mich gar nicht mehr los lässt.

Zu Beginn der 90er, als die Welt erst zu Snaps „I’ve got the power“, unerreicht, tanzte, um dann zu Nirvanas „Smells like teen spirit“ zu headbangen, drehte Gus van Sant den Film
„My own private Idaho“.

Zu einer Zeit, da erst New Kids on the Block, dann Take That ein teils offensiv homoerotisches, freilich sehr idealisiertes Jungensbild in die BRAVO und darüber hinaus brachten. Da die Clip-Ästhetik ihren ersten Höhepunkt feierte, MTV und bald auch VIVA sie zelebrierten und jeder Nachmittags-Report der ARD mit den 4NonBlondes und anderem unterlegt wurde, setzte „My Private Idaho“ auf lange Landschaftseinstellungen, einen die Realität transzendierenden Realismus, mit klassisch-dokumentarischen Passagen trotz stilisiertem Inhalt und surrealistischen Einschüben und zeigte die Welt obdachloser Stricher in Portland, Oregan frei jeglicher Denunziation. Ließ sich ein auf deren Leben.

Unterlegt wurde der Film mit teils epischen Gitarrenklängen; im Visuellen auch postmodern gebrochen, wenn auf einmal die ewige Straße inmitten trister Landschaft zum „Fucking Face“ mutierte, da sie per Videotrick zum Smiley schrumpfte – mit Gebüschen als Augen.

Es ist eine der wohl eindrucksvollsten schauspielerischen Leistungen der Filmgeschichte, die River Phoenix in seiner Rolle als Mike Waters auf die Leinwand brachte.

Die Szene, in der er, der unter Narkolepsie leidet und in Streßsituationen oft in Ohnmacht fällt, umkippt, bewusstlos, er, der Stricher, der in Putzmädchenklamotten älteren Herren mit rauhen Bürstenklängen erst die Wohnung und anschließend sie selbst schrubbt, er, der auf der Straße lebt und davon träumt, seine verschwundene Mutter und somit ein zu Hause zu finden, er, dessen Bruder auch sein Vater ist, nachts am Lagerfeuer Keanu Reeves in der Rolle Scotts seine Liebe gesteht, „I wanna kiss you, man“, „ich könnte lieben, ohne dafür bezahlt zu werden“ – das ist nicht nur eine der ersten Szenen der Filmgeschichte, da eine derart hochkarätige Besetzung „gay themed“ spielte. Das Spiel River Phoenix‘ beschrieb eine US-Zeitung als die kaum erträgliche Verletzlichkeit einer Schildkröte ohne Panzer. Das trifft es.

River Phoenix hatte es gehasst, zuvor zu Zeiten, da er in Filmen wie „Stand by me“, später als juveniler „Indiana Jones“ spielte Zeitungen wie „Tiger Beat“, so was wie die BRAVO auf amerikanisch, zu zieren als Coverboy mit kaum bedeckter Brust. In „My own private Idaho“ dekonstruierte er dieses Bild gekonnt als stets ungewaschen und unfrisiert wirkender Prostituierter mit schlecht sitzenden Hochwasserhosen, der die Bedürfnisse seiner Freier erfühlt und die eigenen nicht leben darf.

Sein Freund Scott, Sohn des reichen Bürgermeisters, hat sich eher zu Selbsterfahrungszwecken in diese Welt der Straße begeben, leiert sich final mit einer hübschen Italienerin und kehrt zurück ins Bürgerliche, Mike verlassend und seine Freunde verleugnend.

Gus van Sant übernahm hier Motive aus Shakespeares „Heinrich IV.“; Mike verfügte über diese Möglichkeit der Rückkehr aus der Subkultur ins vermeintlich Heimelige des Spießertums nicht.

Der Film stellt so ins Zentrum eine der grundsätzlichen Paradoxien der weißen Gegenkulturen: Dass diese eben so oft als juvenile Lebensphase nur vollzogen werden, bevor alles doch so gelebt wird, wie schon die Eltern es taten. Eine Rückkehr, die LGBTQ-People nur um den Preis des Verbergens und selten wirklich akzeptiert, aber scheinassimiliert möglich ist und People of Colour im Kontext weißer Dominanzkulturen höchst selten nur zugestanden wird. Obgleich z.B. und u.a. die Rolle der Kirchen in Black Communities der USA davon zeugt, das hinter sich lassen zu wollen. Dass sie eben doch immer wieder unaufgefordert Platzzuweisungen erfahren. Ob mit Dreadlocks oder ohne.

Eher ungewöhnlich ist, dass ein führender Vertreter des Queer Cinema wie Gus van Sant sich so tief in die Grunge-Welten begeben hat. Todd Haynes setzte etwas später auf die Künstlichkeit des Glamrocks, des Styles, später auch einen sehr stilisierten Dylan.

Zwar war auch Kurt Cobain dafür bekannt, im Kleid in Gardroben zu lungern und alle Genderfragen radikal gestellt zu haben. Die Ästhetik des Grunge steht dennoch quer zu allem, was von den 70ern bis zu den 90ern queere Subkulturen ästhetisch prägte. Die sich freilich Themen wie der Obdachlosigkeit jener, die aufgrund „ihrer Homosexualität“ (das liest sich immer wie ein Besitzstand) im Teenie-Alter von den Eltern raus geworfen wurden, nur indirekt widmete und eher kompensatorisch sich gab, um nicht auch noch im Nightlife die Stigmatisierung spüren zu müssen. Das Thema „obdachloser Stricher“ taucht allerdings selbst in „Queer as Folk“, der US-Ausgabe, variiert wieder auf.

Van Sant hat später auch einen Film über die letzten Tage Cobains gedreht. In der Making of-Dokumentation zu dem Red Hot Chili Peppers-Album „Blood Sugar Sex Magik“ ist er als Fotograf zu sehen. Flea, Bassist der Band, spielte auch in „My own private Idaho“ mit. In seinem Roman „Pink“ versucht van Sant, sich Cobain und River Phoenix zu vergegenwärtigen – und landet dabei in anekdotischer Ratlosigkeit und sehr viel Gefühl. Phoenix starb Halloween 1993 an einer Überdosis Drogen vor Johnny Depps Club „Viper Room“ in L.A., umgeben von Freunden und Geschwistern.

Er war das Kind von Hippie-Eltern, die es von einem kruden, christlichen Kult getrieben bis nach Caracas, Venezuela, verschlug. Zurück in den USA baute ihn seine Mutter zum Kinder- und Jugendstar auf. Er wurde so Ernährer der ganzen Familie – dank großem Erfolg und wachsenden Gagen.

In einem Interview mit einem niederländischen Fernsehsender äußerte er 1991, Sonnenbrille im Gesicht und fortwährend mit einer Hand vor dem Mund spielend, er glaube an die Vorstellungen der Native Americans, dass Fotografien und andere Aufnahmen den Abgebildeten die Seele raubten. Kameras empfände er als furchterregend, er wolle deshalb nicht direkt in sie hinein schauen. „I handle with it somehow“.

Im „Making of“ zu „My own private Idaho“ sieht man ihn mit Flea, Red Hot Chili Peppers, Phoenix war mit denen befreundet, virtuos jammen und auf unzähligen Bildern auch sonst mit Gitarre posieren. Seine Band Aleka’s Attic war ihm wichtiger als der Film, in einem Zeitungs-Interview rappte er spontan als Antwort „Burn, Hollywood, burn, I smell a riot in the streets“.

Oft wird das Abtauchen in die Musikerszene als der Anfang vom Ende River Phoenix‘ gesehen. Beschäftigt man sich mit der Biographie von Anthony Kiedies oder schaut sich Interviews mit John Frusciante von 1994 an, da dieser, mit Phoenix befreundet, äußert, schlimm sei nicht, dass River gestorben sei, sondern dass er geboren wurde, weil er sein Leben doch nicht mochte, ist das wohl nicht falsch. Kurz darauf feiert Frusciante im selben Interview das Leben im Rausch, die Drogen. Ja, er hat das alles später überwunden, nachdem er selbst fast starb.

Umgekehrt bot Phoenix‘ das Gitarrenspiel, die Beschäftigung mit Musik, einen Ausweg aus einer durch und durch visuellen Welt, die Images, Stereotype Menschen aufprägt und sie so beherrschbar macht.

Freunde beschreiben, wie er oft so lange jammte, bis er über dem Gitarrenhals einschlief.

Zunächst war Kokain wohl „seine Droge“, eben eine für die 90er so typische, weil sie scheinbar fit, leistungsfähig und selbstbewusst macht. Freilich, um als Schatten immer tiefere Abstürze nach Ausklingen der Wirkung zu initieren. Zu Zeiten des Totalwerdens des Neoliberalismus passte das in die Zeit. Beides. Bewusstseinserweiterung mit LSD gab es auch noch auf Acid Parties, ansonsten war das out; als Koks light kursierte Ecstasy, um die Nächte gewissermaßen leistungsbewusst durchzustehen.

Aber da war die Gitarre, und da war Rivers Gesang. Und die Hippie-Träume von einer Welt, da Menschen keine Tiere töten, den Planeten unversehrt lassen und zusammen Musik machen. In der sie Welt mit Klängen, Akkorden, poetischen Lyrics erschließen im Zusammenspiel, nicht mit Fotografie, Bewegtbild und objektivierenden Referaten. Wo immer einer blickt und der Andere Objekt ist.

Da lacht das aufgeklärte Bewusstsein freilich mit dem geballten Zynismus des Realitätsprinzips ihn aus.

Ich nicht.

Mit der annähernd unerträglichen Verletzlichkeit einer Schildkröte ohne Panzer habe River Phoenix Mike Waters gespielt.

Bei Facebook wurden heute, die Kritiker von Freihandelsabkommen verlachend, Chlorhühnchen abgefeiert.

Bestimmt sehen die auch nicht ganz so unappetitlich aus wie die Ungewaschenen.

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2 Antworten zu “Musik, die Bilder bricht … und „My own private Idaho“

  1. Erik P. Hauth Juni 10, 2014 um 8:58 pm

    Ich hatte Dir ja schon mal gesagt, dass mich dieser Film damals sehr beeindruckt hat. – ausgehend von dem Lifestyle in Californien und dem „Californien für Arme“, weiter nördlich, wo Cobain aufgewachsen ist, waren Holzfällerhemden und Grunge echte Rebellion. So als trügen hier alle Guntas 😉

  2. momorulez Juni 10, 2014 um 9:19 pm

    Was sind denn Guntas? Habe ja mit Grunge eigentlich nie was anfangen können, bei Nirvana mochte ich immer nur „Come äs you are“ und die MTV-Unplugged- Nummer und fand Take That viel progressiver 😀 – wobei es denen dann ja auch ging wie River, halt irgendwie aus dem Teenie-Image raus wollen und nicht immer überall erkannt werden wollen. Und auch die Chili-Peppers, klar mag ich da viele Songs und fand das viel spätere „Stadium Arcadium“ auch großartig, aber da steckt auch irgendwas ganz Gruseliges drin. Dieses 94er-Interview mit Frusciante ist so krass, ich stand fast unter Schock, nachdem ich das gesehen habe.

    Dem war so ein River in seinem viel folkigerem Habitus auch gar nicht gewachsen, superdünnhäutig, wie der wohl auch wirklich war, während er erst in seine Rollen flüchtete und dann nicht mehr konnte.

    James Franco hat gerade im Vice -Magazine auch schon wieder einen Text zu dem Film geschrieben. Der lässt den auch gar nicht los. Aber der kennt ja auch das komplette Rohmaterial. Wieder so einer, den ich bei mitlesenden Feministinnen gar nicht verlinken kann, weil die die meisten Passagen, in denen es nicht um River geht, völlig zu recht total Scheiße fänden. Der schwankt immer zwischen schlecht getarnten, pubertären Witzchen und echtem Staunen.

    In „My own private Idaho“ und irgendwie sogar Rivers Biographie steckt irgendwas ganz Utopisches, noch im Scheitern. Das hat irgendwas mit Liebe jenseits der Hollywood-Klischees zu tun und auch, woran sie scheitert. Und das eben wirklich mit Musik versus Bild.

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