Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Millerntor-Gallery #4: Nachbetrachtung

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Ich habe vermutlich einfach nur das Beste verpasst. Beim Pre-Opening mit Grönemeyer, V.I.P.-Raum und von und zu Wittgenstein-Auktion war ich nicht. Das „Schwule Mädchen“-Sound-Syndikat habe ich auch nicht gehört.

Am Donnerstagabend bin ich vor heterosexueller Dominanz nach einem einzigen Bier und Entsetzen über das Animationsprogramm eines Schweizer Rap-Duos geflüchtet; eines, das ein wenig an gescheiterte Entertainer in mediteranen Clubanlagen erinnerte und offenkundig mit „Viva con Aqua Schweiz“ Menschen in Uganda belästigt hatte (falls sie da auch rappten).

Ich liebe Cypress Hills‘ „Insane in the Brain“, vom DJ gespielt; wenn nur aneinander geklammerte Heten dazu rum hängen, bekommt die Veranstaltung dennoch eine andere Färbung als in den letzten Jahren, da coole House DJs wenigstens den Sounds queere Färbungen verliehen.

Durch die Ausstellung bin ich eher gehuscht. Habe bestimmt das Wichtigste verpasst. Bei 90% der gesichteten Exponate fehlte mir weniger der Viertelbezug als der Versuch, darüber, nun irgendwie Fussball und Wasser thematisch auf dem gleichen Bild unterzubekommen, auch mal hinaus zu gehen und weiße Institutionen wie „Kunst“ oder „Entwicklungshilfe“ kritisch zu befragen.

Ich meine tatsächlich die bürgerliche Institution Kunst im Besonderen, nicht Kunst im Allgemeinen, die ausgrenzende, wie sie sich im 19. Jahrhundert rund um Sammlungen, Museen, Salons, Galerien und Ausbildungsorte etablierte. Mag auch die Avantgarde der Moderne, Cézanne, Van Gogh, außerhalb dieser Institution agiert haben: Da, wo Kunst auch in Aktionen verkauft, also Ware mit bestimmten Charakterista ge- und behandelt wird, geht es zumindest auch um den institutionellen Zusammenhang.

Am spannendsten
fand ich drum jene ausgestellten Werke, die auf diese frühe Moderne anspielten, die gab es auch – als jene Zeit, da von der Abstraktion Figuration übergegangen wurde, der Kubismus aus Cézannes Werken ein autonomes Formenspiel („Harmonie parallel zur Natur“) entwickelte und sich anschickte, das vermeintlich „Primitive“ zu absorbieren und ebenso vermeintlich zu „veredeln“, eben zur „Kunst“ zu machen, die im genannten institutionellen Rahmen funktioniert. Als also Franzosen sich „Les Fauves“ nannten, Picasso „afrikanische“ Masken kopierte, Matisse „orientale“ Ornamentik imitierte und van Gogh das Spiel mit dem Blick durch die Linse aufbrach. Anhand dieser Phase wird so vieles über koloniale und postkoloniale Zusammenhänge deutlich, dass all diese Abfotographierei in der Tradition des „ethnographischen Blicks“, die da auch rum hing, drastisch in Frage gestellt würde, wenn das denn jemand thematisieren würde.

Experten, die sich da viel besser auskennen als ich, würden zu vielem, was ausgestellt war, bessere und triftigere Worte finden, manches vielleicht auch weniger problematisch analysieren, anderes hingegen harsch kristisieren. Ich sehe da auch vieles nicht als weißer, bildungsbürgerlicher Mann. Ich befürchte, die Expertise würde teils drastisch ausfallen.

Aber es waren immerhin auch kenianische und brasilianische Künstler vertreten, die Lampedusa-Gruppe als Volunteers wie auch als Kunstschaffende vertreten, das war ja gut.

Nun hoffte ich, dass all das beim Symposion zum „Sozialen Engagement“ auf den Tisch käme. Ich finde das ja super, dass das veranstaltet wurde (!!!), und exakt darin unterscheidet sich die Millerntor-Gallery schon mal deutlich vom parallel statt findenden Antira-Turnier: Der Raum möglicher Kritik wird gleich mit geschaffen.

Nur dass das, was ich oben meine, eben diese Unverschämtheit weißbürgerlicher Europäer, ständig mit vermeintlich „Primitivem“, neuerdings „Street Credibility“, wahlweise zu kokettieren, um z.B. afrikanische Lebensräume (im Plural!) der geschichtslosen „Natur“ und dem „Archaischen“ kontrafaktisch zuschlagen zu können, oder es vermeintlich zu „veredeln“ (das ist dann auch ein Großteil der Popmusikgeschichte), gerade EIN EINZIGES MAL Thema bei der Podiumsdiskussion wurde.

Genauer: In einem Statement von Aiono Laberentz, welche das Schlingensiefsche Opernprojekt in Burkina Faso weiter treibt. Sie plädierte dafür, doch bitte als allererstes eigene Afrika-Bilder zu hinterfragen und auszudifferenzieren, den Blick zu öffnen. Dass sie in Burkina Faso vor allem auf eines getroffen sei: Einen immensen Reichtum kultureller Art, auch der Künste. Wir, also weiße Deutsche, WOLLTEN es unbedingt arm sehen, um eigene Selbstverständnisse aufrecht erhalten zu können. Ja!

Darauf ging aber niemand ein. Der Moderator leitete lieber schnell zu Frank-Walter Steinmeier über. Moderiert wurde das Symposion von irgendwem, der irgendetwas mit irgendeinem UNESCO-Lehrstuhl in Hildesheim zur Kulturpolitik zu tun hat, welcher von einem weißen Mann besetzt ist, sich aber schwerpunktmäßig „Afrika“ widmen solle (laut deren Homepage).

Auch vertreten war Onejiru, die, in Kenia geboren, in Wanne-Eickel aufwuchs. Sie hat u.a. mit Jan Delay Musik gemacht, vermutlich bessere als er. Der sollte ja eh zugunsten seiner „Backgroundsängerinnen“ lieber endlich mal abtreten.

Sie plädierte vor allem für Musik als Soundtracks des Lebens, als Verbindendes, um die Welt ein wenig besser zu machen und hob sich damit wohltuend vom mit institutionellem Wissen gesättigten, restlichen Podium ab, das zu den Themen, die sich bei Viva con Agua anbieten, erstaunlich wenig zu sagen hatte.

Als Onejiru z.B. berichtete, wie bei ihren Schulbesuchen in Kenia Kunstunterricht keine Rolle gespielt habe, weil man ja etwas lernen solle, womit man auch Geld verdienen könne, dass es freilich viel Kunsthandwerk dort gegeben habe, sie nannte es „reproduktive Kunst“, Figuren schnitzen zum Beispiel, nahm das niemand zum Anlass, vielleicht mal das Kunsthandwerk zu würdigen und sich zu fragen, wieso nun gerade diese Form gerade da zum Gelderwerb taugt – stattdessen dünkelten der Moderator, Adrienne Goehler und Herr von Borries, HfbK-Professor für Design, also Kunsthandwerk, ein wenig weiter rum. Und stellten schon auch zu Recht fest, dass das doch hier nicht anders sei, was nun aber auch wieder nur in Selbstreferentialität mündete.

Frau Goehler referierte die Diskussion von Josef Beuys über den Club of Rome, redete von Nachhaltigkeit und wie sie in einer Kunstausstellung in Adis Abeba glutenfreie Weizensaat ausgestellt habe (wieso eigentlich?) und zeigte allerlei Dias. U.a. weiße Figuren auf Betonbänken, die in der Sonne schmelzen.

Gut war sie, wenn sie Kunst als männliche Institution seit der Renaissance geißelte. Das vielleicht zu europäischen Vorstellungen von „Abenteurertum“ in Beziehung zu setzen und zu der Zeit, da Europäer angeblich andere Kontinente „entdeckten“, fiel ihr nicht ein. Und was sie in Adis Abeba wollte, wurde auch nicht klar. Auch Herr von Borries hatte allerlei zu funktionalen Nicht-Künsten zu sagen, allesamt kannten sich gut aus im europäischen Institutionen- und Projektgefüge und der Diskussion um die Funktionsbestimmung von Kunst. Dem Problem freilich, „Entwicklungshilfe“ und „Kunst“ unter postkolonialen Bedingungen zu problematisieren, zeigten sie sich nicht gewachsen.

Ich habe da wahnsinnig viel mit geschrieben und werde da einiges in der FSK-Sendung aufgreifen. Letztlich war ich danach aber so gefrustet, dass gerade die aus dem akademischen Kontext derart selbstreferentiell blieben, dass ich lieber wieder nach Hause ging … zum Glück hat aber abschließend Onejiru noch ein Lied gesungen, das sie von ihrer Oma geschenkt bekam. Das war sehr schön.

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2 Antworten zu “Millerntor-Gallery #4: Nachbetrachtung

  1. Mrs. Mop Juni 6, 2014 um 9:23 pm

    100 % OT, aber für Dich bzw. Deine Radiosendung vielleicht interessant zum Verwurschten:

    Es gibt einen aktuellen Summertrack von Giorgio Moroder, „Giorgo‘s Theme“, ein achtminütiger Disco-Instrumentalrausch for your mind, soul and body. Geht schwer ab, das Ding, hab deswegen grad in der Küche die Bratkartoffeln anbrennen lassen. Wollte es eben nochmal hören, aber jetzt haben sie den Track gesperrt, anscheinend wird man nach einmaligem Hören auf Entzug gesetzt – Sauerei, ich war voll angefixt 🙂 – , wohl weil „The track will be up for free download on Monday“. Also evtl. warten bis Pfingstmontag, heißt ja nicht umsonst das Fest der Erleuchtung oder so ähnlich.

    Auf der verlinkten Seite von stereogum gibt es noch ein schönes Interview mit Moroder, mit einer wunderbaren kleinen Hommage an Donna Summer.

    Genieß den Sommer, die Summer und den Summertrack. Er passt so herrlich zum Monsterwetter 😉

  2. momorulez Juni 6, 2014 um 9:31 pm

    Danke für den Tipp! Folge Herrn Moroder ja sogar bei Facebook, aber das ist mir glatt entgangen 🙂 …

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