Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juni 2014

Michel Foucault: Quicklebendiges Denken, auch weiterhin!

Philosophenfeier und -gedenktage.

Gerade noch gratulierte ich Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag, da jährt sich der dreißigste Todestag Michel Foucaults.

Es ist so viel schwieriger, ihn zu würdigen, vermutlich, weil die Fragen seines Werkes so viel tiefer gruben. Eine Gesamtschau ist nicht möglich in einem Blog-Eintrag, nur eine Skizze dessen, was ich ihm verdanke, was mein Leben, meine Sicht der Gesellschaft, mein Denken und Schreiben so ungeheuer nachhaltig wandelte wie sonst nur die Lektüren des frühen Sartre.

Nicht zufällig bezeichnete Michel Foucault sein fiebriges Wühlen, das in der europäischen Geistesgeschichte kaum einen Stein auf dem anderen ließ, in einer Werkphase als „Archäologie“: Das Freilegen der Tiefenschichten der Geschichte des europäischen Denkens war sein Vorhaben. Mal nannte er diese Möglichkeitsbedingungen der Wissensproduktion „historisches a priori“, mal „Dispositiv“: Strukturen, die das hervor bringen, was wir als Sinn im Sinne der Bedeutung verstehen (kleiner Frege-Witz), waren Zentrum seines Werkes. Historische Variablen entdeckte er, nicht Konstanten, deshalb: Post-Strukturalismus, suchte der Strukturalismus doch noch Überhistorisches wie „Das Rohe und das Gekochte“.

Sein Augenmerk galt dem fatalen Wirken der Humanwissenschaften –

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Superhelden! Der FC St. Pauli und seine Trikots – DC-Comics, Raj und die Geschichte der Subversion

Hummelflug

Nachdem die Qualitätsblogger sich ja schon allesamt zur Frage „Neues Trikot des FC St. Pauli“ ausführlich geäußert haben, will ich mit meinem schmierigen Soccer-Fetish-Blog natürlich nicht schweigen.

Mein heimliches Vorbild beim Bloggen sind ja Groschenromane, Geschichten voller richtiger Schurken, gebrochener Helden, dramatischer, mitreißender, leidenschaftlicher und pathetischer Liebesgeschichten, proppevoll mit quietschbunten Adjektiven und Adverbien.

So stand auch ich im Ballsaal, fantasierte ganz Lore-like Christopher Nöthe in diesem Sinne in die verborgenen, nach Veilchen und Kamelien duftenden  Regionen meiner blumigen Fantasie hinein (ja, Florian Bruns, Du hast mich ja verlassen), Bonnie Tylers „Holding out for a Hero“ auf den Lippen, Enrique Iglesias‘ „Hero“ nicht minder mit Inbrunst summend und froh darüber, nicht in einer Zeit geboren zu sein, wo Menschen für Klaus Biederstedt schwärmen mussten. Und das auch noch, während er einen Arzt spielte.

Wobei das unvergessene „Geheimnis einer Nachtigall“ Victoria Holts noch immer zu den wirklich einschneidenden Lektüren in meinem Leben zählt. Angelehnt ist der, ja, Schinken im besten Sinne an das Leben Florence Nightingales. Nur dass in dieser Adaption des Stoffes die Heldin rachsüchtig jenen dunklen, ist klar, Verführer ihrer Schwester besessen sucht: Einen Herrn Doktor, der die Schwester mittels Drogenkonsum in den Abgrund stieß. Um final, da sie ihn endlich nach Jahren der Entsagung und Ausbildung zur Krankenschwester findet, ihm und seiner Leidenschaft wie auch dem Eros selbst zu erliegen,

Helden! Das ist ja sozusagen der „Gag“ am neuen Drag unserer Spieler. Jason Lee, Lead Teamsport Designer von hummel international, äußerte sich im Vorfeld in der Pressemappe wie auch gestern auf der Bühne:

„Die Entwicklung des Trikots wurde getragen durch unsere gemeinsame Denkweise und Werte. Inspiration für die Trikots war das Thema „Kiezhelden“. Die soziale Komponente ist essentiell für beide Marken. Es war uns sofort klar, dass das Trikot mehr als nur eine Ausrüstung sein sollte. Es sollte das Lebensgefühl eines Kiezhelden widerspiegeln – eines „hidden heroes“, der anpackt, ohne viel Wind darum zu machen.“

Und, so der Text weiter, es wurde auch demonstriert: „Das Design des Trikots visualisiert dieses Lebensgefühl, aber durch die versteckten Details erst auf den zweiten Blick“.

Klappt man den Kragen des Heimtrikots hoch, so wird ein von Sternen umgebener Totenkopf in Phosporgrün auf schwarz sichtbar. Echt campy, so gar nicht passende Muster und Farben zusammen zu nähen! Und: Auch das Wappen des Pokaltrikots leuchtet im Dunklen! Flutlicht aus, Spot an, sozusagen.

Ich gebe ja zu, dass, als eine halbe Stunde lang ungefähr so humorig anmoderiert wurde, wie ich es bei der Eröffnung der Filiale einer Möbelkette erwarten würde, zu Glück durchbrachen subersiv Kinder diese Haltung im Interview und verkündeten ganz richtig, der FC ST. Pauli sei halt kein Verein, den man nur mögen, sondern den man lieben würde, immer wieder betont wurde, dass nun „Kiezhelden“ das Trikot inspiriert habe, ich schon auf ein Regenbogentrikot hoffte, eines mit Zeilen der „Internationalen“ auf Stoff oder dem Konterfei von Angela Davis.

Ich trauerte kurz,

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Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag: Ein langes Dankeschön!

Das Jahr 2014 bewegt sich weiter in Richtung eines nächsten, und gestern feierte Jürgen Habermas seinen 85. Geburtstag.

 

Sitze in meiner winzigen Küche, sehe den Flur entlang ins Wohnzimmer: Direkter Blick auf die Balkontür. Die Wohnung ist lang und schmal. Viel Trödel, was eben so auf Fluren landet, verteilt sich elegant im Blick, und dahinter steht prachtvoll: James, mein Bariton-Saxophon. Eine fantastische Silhouette verspricht tollen Klang.

 

Habermas, ja, bei aller Würdigung vorab: Er ist halt doch der philosophisch Unmusische. Ein Mann der Aussage, nicht des Songs oder der Arie. Einer des wirklich etwas SAGENS und es MEINENS im Zwiegespräch, der weiß, dass man etwas tut, wenn man spricht. Paradebeispiel der Sprachpragmatiker, die „How to do things with words“ (Austin) erfragen, ist der Befehl: Gibt ihn einer, dem (administrative) Macht verliehen wurde, dann bewirkt das Handlungen, und jedes Zuwider initiiert Sanktionen. Searle, Austin, Apel waren seine seine Vorreiter; auch Judith Butler diskutierte intensiv mit ihm in „Hass spricht“, kritisiert ihn auch, da sie beschreibt, wie „Hate Speech“ körperlich wirkt, quält und zermürbt.

 

Es waren große Momente in meinem Leben, hier in dieser Küche einst zu sitzen zu Studentenzeiten mich durch die Texte Habermas’ zu, ja, was, graben?, nee – das Wort zu finden ist schwierig. Michel Foucault lesen, Mehr von diesem Beitrag lesen

Innenstädte verschlanden: 45.000 machen auf dem Heiligengeistfeld mobil (und Publikative betreibt Klassenkampf mit den Onkelz und Frei.Wild … )

Der Hund zittert.

Könnte er sich festklammern, so würde er es tun: Er kriecht auf meinen Schoß und drückt sich an mich, Panik in den Augen.

Vom Heiligengeistfeld weht das Johlen der zum „Sieg!“-Gebrülle bereiten Masse Mensch. Das Dauerrauschen, phonstark, ängstigt das Tier.

Wage mich vor dem Anpfiff gar nicht mehr auf die Straße. Nach Spielbeginn, auf dem Weg zum Supermarkt: Der von mir als „deutschtürkisch“ gelesene Kioskverkäufer sitzt mit schwarz-rot-goldenem Cowboyhut vor dem Laden mit Freunden, die fortwährend, vermutlich, damit konfontiert werden, über einen „Migrationshintergrund“ zu verfügen, und guckt das Spiel. Später spielen sie auf der Straße Fussball. Finde ich gut.

Das 1:0 fällt, Schreie aus diversen Wohnungen. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ zische ich.

Wie üblich ist Deutschland damit beschäftigt zu diskutieren, was und wer so alles nicht rechts sei. Politisch gesehen.

Rechte Bewegungen wie der Nationalismus werden zu „Patriotismus“, Die Böhsen Onkelz und Frei.Wild zu Klassenkämpfern

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Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die „Black Satin“-Westerngitarre, ich nenne sie „Angel“: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein „Es nicht lassen können“, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

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Musik, die Bilder bricht … und „My own private Idaho“

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Es ist heiß draußen. Ich habe mir eine Gitarre gekauft.

Zu den verspäteten Hippie-Träumen meiner frühen Jugend gehörte das dazu, mir vorzustellen, wie den Sommer hindurch sich Menschen auf Wiesen fläzen, zu Bongos und Akustik-Gitarren greifen und beseelt gemeinsam vor sich hin singen. Zeit und Raum vergessend. Im Klang seiend. Sehe ich in den Wallanlagen nie.

Diese Flower-Power-Visionen traten mit dem aufkommenden Einfluss des Punk in den Hintergrund; Leben und Erleben verschob sich in die Nacht, und Madness brachten mich mit „One Step Beyond“ zum Saxophon. Welches auch in Soul, Funk und Jazzrock zu hören war, Stile, zu denen ich schulterlanges Haar in Kiffer-Discos auf dem Lande schüttelte und für einen mit dem Spitznamen „Pogo“ schwärmte, so mit 15, 16. Gesprochen habe ich mit ihm nie.

Die nächste Zäsur, eine Dekade später: House, Techno, Grunge. Ein wenig wiederholte sich bei vielen das, was bereits in der in den USA und in Deutschland so verbreiteten Entgegensetzung von Punk und Disco fatale Spuren hinterließ. In Großbritannien war das anders. New Pop, New Wave, New Romantic stießen nicht alles ästhetisch Schwarze und Schwule ab, sondern ließen sich darauf ein. Die Talking Heads ja auch, aber anders.

Trotzdem habe ich mir eine Gitarre gekauft.

Zunächst, um ein Akkord-Instrument ein wenig nur spielen zu lernen. Zum Improvisieren mit dem Saxophon muss man die Akkorde fühlen (und eigentlich auch die Skalen auswendig wissen, die dazu passen), haptisch, körperlich fühlen können. Dann braucht man nicht zu zählen oder abgelenkt zu lauschen, sondern ist „drin“. Das gelingt mir nicht mit den Keyboards, die an Computer anzuschließen sind, dieses Einfuhlen. Die haben nicht diese Körperlichkeit. Und ein Klavier passt nicht in meine Wohnung.

Aber auch, weil mir so eine seltsame Insel in der Popkulturgeschichte begegnet ist und mich gar nicht mehr los lässt.

Zu Beginn der 90er, als die Welt erst zu Snaps „I’ve got the power“, unerreicht, tanzte, um dann zu Nirvanas „Smells like teen spirit“ zu headbangen, drehte Gus van Sant den Film Mehr von diesem Beitrag lesen

Momo on the Radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, die Dritte

Beinahe hätte ich es ja verpasst, die Sendung fristgemäß zu produzieren, weil ich nicht geschnallt hatte, dass ich JEDEN ZWEITEN MONTAG IM MONAT UM 14 h dran bin, sondern diffus „Montag Mitte des Monats“ dachte.

Nun habe ich es doch noch geschafft.

Heute um 14 h geht es musikalisch über 3 Kontinente, Thema ist das Wetter, Brasilien (incl. Reiseerinnerungen), die WM, die Reaktionen auf die Demonstration der Refugees vor dem Rathaus, Viva con Agua und die Millerntor-Gallery und kurz noch mal um Conchita Wurst. Da ich die meisten Titel nicht ansage, bin ja kein Ansager, hier die Playlist zur Sendung:

Donna Summer – On the Radio (die Erkennungsmelodie)

Gil Scott Heron & Jamie XX – Ur Soul is mine

Dr. John – Gris-Gris Gumbo Ya Ya
Gato Babieri – Niños
Lucas Santtana – Cira, Regina e Nana
Inti Illimani – A Luis Recabarren (ich glaube, ich sage aus Versehen „Inti IllimaTi“ 😀 – kein Wunder, wenn allseits Verschwörungstheorien kursieren. Aber keine Sorge, ich sehe die Fnords.)
Lidia Borda – Manzi, caminos de barro y pampa
Joan Baez – Gracias a la vida
Calexico – Victor Jara’s Hands
Michael Jackson – They don’t really care about us
Según Damisa & The Afro Beat Crusaders – Suffer Dey
Femi Kuti – What will tomorrow bring (dieses Mal sind die Söhne von Fela Kuti dran, mehr Afrobeat!)
Seun Kuti – Slave Masters
Dr. Lonnie Smith – Dancin‘ in an easy Groove
Thrid World – Now that we found Love (Found in the Closet-Remix)
Frankie Knuckles – Waiting on my Angel (der ist, wie gesagt, jetzt immer mit dabei)
Grace Jones – This is Dub
Shirley Bassey – The Performance of my Life
Pet Shop Boys – We all feel better in the Dark
Zu hören ist das Ganze beim FSK Hamburg!
PS: Liebe Mrs. Mop, 1000 Dank noch einmal für den Girogio Moroder-Tipp! Habe es wegen Verpeiltheit nicht geschafft, ihn einzubauen – beim nächsten Mal!!!!

Millerntor-Gallery #4: Nachbetrachtung

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Ich habe vermutlich einfach nur das Beste verpasst. Beim Pre-Opening mit Grönemeyer, V.I.P.-Raum und von und zu Wittgenstein-Auktion war ich nicht. Das „Schwule Mädchen“-Sound-Syndikat habe ich auch nicht gehört.

Am Donnerstagabend bin ich vor heterosexueller Dominanz nach einem einzigen Bier und Entsetzen über das Animationsprogramm eines Schweizer Rap-Duos geflüchtet; eines, das ein wenig an gescheiterte Entertainer in mediteranen Clubanlagen erinnerte und offenkundig mit „Viva con Aqua Schweiz“ Menschen in Uganda belästigt hatte (falls sie da auch rappten).

Ich liebe Cypress Hills‘ „Insane in the Brain“, vom DJ gespielt; wenn nur aneinander geklammerte Heten dazu rum hängen, bekommt die Veranstaltung dennoch eine andere Färbung als in den letzten Jahren, da coole House DJs wenigstens den Sounds queere Färbungen verliehen.

Durch die Ausstellung bin ich eher gehuscht. Habe bestimmt das Wichtigste verpasst. Bei 90% der gesichteten Exponate fehlte mir weniger der Viertelbezug als der Versuch, darüber, nun irgendwie Fussball und Wasser thematisch auf dem gleichen Bild unterzubekommen, auch mal hinaus zu gehen und weiße Institutionen wie „Kunst“ oder „Entwicklungshilfe“ kritisch zu befragen.

Ich meine tatsächlich die bürgerliche Institution Kunst im Besonderen, nicht Kunst im Allgemeinen, die ausgrenzende, wie sie sich im 19. Jahrhundert rund um Sammlungen, Museen, Salons, Galerien und Ausbildungsorte etablierte. Mag auch die Avantgarde der Moderne, Cézanne, Van Gogh, außerhalb dieser Institution agiert haben: Da, wo Kunst auch in Aktionen verkauft, also Ware mit bestimmten Charakterista ge- und behandelt wird, geht es zumindest auch um den institutionellen Zusammenhang.

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