Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Millerntor-Gallery #4 vom 29. bis zum 31. Mai 2014

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Das Stadion mutiert zum Raum für Kunst und Partying jenseits der sonst üblichen Punkrock-Folklore und Thees-Ullmann-Bierseligkeit: Ich mag das ja.

Und zudem wurden dieses Mal auch „wir Blogger“ mit vorbildlicher Social Media-Arbeit bedacht, zu Info-Veranstaltung geladen und per Mail versorgt. Freut und passt zum Anliegen: Ein Verständnis von „sozial“, wie es die Veranstalter formulieren, zu etablieren, das in einer Mischung aus Aktion, Kommunikation und wechselseitiger Unterstützung eine Art Labor erzeugt ist Ziel, Sinn und Zweck der Veranstaltung. Und Geld sammeln auch: 70% der Verkaufserlöse gehen an Viva con Agua. Ein Labor wo das, was gemeinhin unter „sozialem Engagement“ verstanden wird, an ungewöhnlichem Ort mit „Kunst“ zusammen findet. Kunst sei wie Fussball eine Art Universalsprache, die verbinden könne. Zumindest dann, wenn nicht gerade die „deutsche Nationalmannschaft“ ihrem Motto „Kein Fussball!“ folgend gegen Italien verliert und der Mob Pizzerien stürmen will.

Bei aller Sympathie kann freilich gerade Viva con Agua als Veranstalter der Millerntor Gallery auch Gegenstand harscher Kritik sein. International renommierte Antirassismus-ExpertInnen in meinem Freundeskreis nehmen das VcA -Wasser nicht mehr an, wird es ihnen angeboten. Hier würde lediglich das, was an dem paternalistischem Gedanken der „Entwicklungshilfe“ immer schon schlecht war, für Hipster aufgehübscht. Und anstatt als weißer Retter zur Reise aufzubrechen und in schwarzen Lebenswelten afrikanischer Regionen publikumswirksam sich in Heldenpose ablichten zu lassen, um nach dem „Abenteuer“ ins gemütliche Europa zurück zu kehren, wo Menschenrechte nur für Europäer gelten – wenn überhaupt, zumeist ja nur, wenn diese weiß gelesen werden – , könne man das Geld auch einfach überweisen als Vorhut längst fälliger Reparationzahlungen und Eigenregie stärken. Und absurd ist ja schon, wenn 1000 NGOs sich in Äthiopien tummeln, allesamt aus Ländern, deren Wohlstand auch im Kolonialismus gründet.

Die Darstellung des Dorfes in Uganda (?)

bei der letzten Gallery sei schlicht die Reproduktion des kolonialen Blicks. So was gäbe es in der Form auch nur in Deutschland, das mache man schlicht nicht, Leute dergestalt vorzuführen und zu exotisieren. In anderen Ländern sei das auch längst bekannt, nur in Deutschland würde dergleichen unter Ignoranz der eigenen Kolonialgeschichte noch nicht mal wahr genommen als problematisch.

Keine Ahnung, ob hier nun empörte Kommentare folgen; entfalte ich diese Argumentation in Kneipengesprächen St. Paulianern gegenüber, rasten manche dieser geradezu aus angesichts der „Schändlichkeit“ dieser Kritik. Und wie immer, wenn die Abwehr am stärksten ist, ist davon auszugehen, dass hier der Sauhund begraben liegt und allesamt sich exakt dem stellen sollten.

Ich merke selbst auch immer wieder, aktuell im Falle einer Ausarbeitung zur Kolonialgeschichte Deutschlands, wie krass tief die eigenen Rassismen sitzen, also die meinen, begebe ich mich in all die Bilderwelten, bei Youtube und anderswo, zu Togo, Kamerun, Namibia. Muss da regelmäßig pausieren, um eine Ahnung davon zu erhalten, was jenseits dieser vorgeprägten Wahrnehmungen wahr sein könnte. „Critical Whiteness“ bedeutet ja nicht, in Scham und Schande zu vergehen, sondern wenigstens eine Ahnung von der mit Rassismen durchsetzten eigenen Sozialisation, auch und gerade der bildungsbürgerlichen, zu gewinnen. Um zu wissen, wann es besser ist, die Klappe zu halten oder auch mal in den Spiegel zu schauen.

Klar, bei „Uganda“ zucke ich eh zusammen, denke an verbrannte Schwule auf den Straßen – nur dass tunlichst auch da Quellen heran gezogen werden sollten, in die nicht wieder nur White Supremacy sich einschleicht. Zudem diese Hetze klar in post- und aktuellen kolonialen Konstellationen zu verorten ist.

Erst kommen die Missionare, dann die Händler, dann versklaven sie, rauben Land und Rohstoffe, es folgen die Soldaten; so verlief die Kolonisation und findet sie heute noch statt. Stellvertretend kann ein jeder die Woermann-Linie googeln. Den Schwulen- und Lesbenhass brachten die Missionare. Und die „Entwicklungshilfe“ erfanden sie auch. Das macht es so schwer, da auch nur gedanklich zu intervenieren – doch schon bei Twitter findet man genug PoC-Aktivisten aus den Ländern selbst, die zu unterstützen wären und denen man folgen kann.

Wie absurd all diese Zerrbilder fortwirken, wie wenig sie reflektiert werden, als prototypisch mag da einmal die ach so präsidiale Rede von Olaf Scholz zur „kosmopolitischen Stadt“ gelten: Zwar hatten seine Redenschreiber ein wenig zum Handel mit „Hühnerersatzteilen“ (in Europa unverkäufliche Fleischabfälle, die, auf „afrikanische“ Märkte geschwemmt und dortige Kleinviehzüchter in den Ruin treiben) und Überfischung recherchiert. Ansonsten war sein Bild von Menschen „in Afrika“ geprägt von der Vorstellung „Unterqualifizierter“, die hier allenfalls zur Putz- oder Küchenhilfe taugten. Dieser verschobene „Primitivismus“ ist den gesamten ideologischen Grundlagen, die im 18. und 19. Jahrhundert nicht zuletzt auch den Kolonialismus rechtfertigten und auch die Kunstgeschichte prägten, tief eingeschrieben und eine der Grundlagen des Selbstverständnisses dessen, was man heute „den Westen“ nennt. Wenn von „Aufklärung“ die Rede es, dann schwingt das mit.

Man muss so weit ausholen. Viel, viel weiter noch. Denn bis zu einem gewissen Punkt, wenn auch nicht so weit reichend wie nötig, wurde das ja auch von vielen begriffen. Nur dass allzu häufig bei einer Form „reproduzierender Entlarvung“ auch ästhetisch stehen geblieben wird.

Bei der letzten Millerntor-Gallery gab es den Fall eines Künstlers, der rassistische Stereotype derart krass überzeichnete, wohl in kritischer Absicht, dass mir die Spucke weg blieb. Nix war aufgelöst, die Kritik wurde selbst niederschmetternd rassistisch. Eines seiner „Werke“ war bei Facebook zur Vorankündigung hoch geladen, ich protestierte, und dann passierte Erstaunliches: Mir wurde nicht etwa mit Abwehr begegnet. Sondern mit Offenheit, Selbstkritikfähigkeit. Der Künstler änderte anschließend tatsächlich sein ausgestelltes Werk.

Und das ist der Grund, warum ich die Veranstaltung liebend gerne trotz allem (und neben persönlichen Vorlieben) promote: In der diesjährigen Konzeption ist durchgängig das Anliegen spürbar, über die „Entwicklungshilfe“ hinaus auch das zu reflektieren, was ich hier schreibe und was die Akteure ja nun weiß Gott nicht nur von mir zu hören bekommen. Es sind so z.B. auch brasilianische und kenianische Künstler dabei. Ob nur als Feigenblatt, das wird sich zeigen. Es findet ein Symposion statt am Samstag, bei dem nicht nur HfbK-Professoren mit Adrienne Göhler schnacken, sondern auch PoC mitdiskutieren. Die Zusammenfassung auf englisch:

„WORKSHOPS, TALKS, FILMS, PRESENTATIONS, PERFORMANCES & SYMPOSIUM will take place throughout the event, allowing an interactive dialogue between participants, artists and visitors. The symposium will bring together a panel of speakers considering the following question: How can creative commitment improve our world? Panelists include: Adrienne Goehler (publisher and curator), Friedrich von Borries (architect and curator), Onejiru (musician), Aino Laberenz (stage and costume designer) moderated by Daniel Gad (cultural scientist).“

Auch hier wird sich zeigen, ob das nun eher Kunst am Bau ( 😀 ) ist oder substantiell zur Sache agiert wird.

Konzeptionell verstehen die Veranstalter Kunst wie erwähnt als Universalsprache; schon da ist zu intervenieren, da die europäische Institution „Kunst“ sich von Performance-Praktiken (zum Beispiel) anderswo, in Spiritualität eingewobene Ornamente und Mosaike (die u.a. Matisse inspiriertten) und Tabla-Traditionen noch einmal deutlichst unterscheidet. Schon den Beginn „der Moderne“ mit einem Autonomwerden der Kunst begreifen zu wollen schleppt als Hypothek mit, dass die europäischen Rationalitäten und korrespondierende Institutionen nicht die einzig möglichen und historisch Gewordenen sind. Und auch nicht die besten sind.

Aber zumindest wird ein Raum geschaffen, in dem zeitgleich unter Teilnahme der Lampedusa-Gruppe ein Antira-Turnier statt findet und der sich von der „Galerie der Gegenwart“ deutlich unterscheidet.

Mit anderen Worten: Ein Zusammenhang, in dem häufig eher ein etwas unterreflektierter Antirassismus manche Strukturen gut gemeint noch stützt, anstatt sie zu ändern, erfährt Fragestellungen, die hoffentlich auch Brüche ermöglichen.

Konzeptionell treten Stichworte wie Urbanität, interkultureller Dialog, kreatives Engagement in den Mittelpunkt.

Auf die Beine stellt das ein Heer aus vor allem Ehrenamtlichen; auch das verweist freilich auf das Strukturproblem, dass für alle Institutionen dieser Art sowieso nie ernsthaft Geld da ist, dass dann eher auf kolonialgeschichtlich relevanten Bauten wie dem Kaispeicher als Elbphilharmonie sich ballt. Während der Bürgermeister indirekt von der „Einwanderung in die Sozialsysteme“ schwafelt ganz wie die AfD.

Ein Geschmäckle hat noch ein wenig, wenn Frau Katharina von Sayn-Wittgenstein eine Kunstauktion durchführt: Die Absurdität von „Charity“ zeigt sich recht ungeschminkt, wenn Akteure, die sich in Kreisen bewegen, in denen auch STRUKTURELLER Wandel initiierbar wäre, beim Ablasshandel mitspielen. Das ist weniger den Millerntor Gallery-Machern vorzuwerfen als der Sozialstruktur als solcher; sie arbeiten halt mit dieser und nicht gegen sie.

Last but not least und ganz in diesem Sinne sei noch erwähnt, dass auch ein „Schwule Mädchen „-Soundkolleltiv auflegen wird (am Freitag). Das besteht nicht aus tatsächlich Schwulen und Mädchen, sondern aus Fettes Brot. Deren Engagement ich wirklich schätze; dass im Rahmen des Millerntores eines Tages tatsächlich queere Szenen, PoC und Frauen an maßgeblichen und machtvollen, auch ökonomisch machtvoller Stelle in leitender Position dominieren, das bleibt wohl noch Utopie.

Und dennoch scheint mir, dass die Ansätze und Möglichkeiten am ehesten noch von der Millerntor Gallery ausgehend anzuvisieren wären. Wie ich die Akteure kennen gelernt habe, sind sie dazu bereit.

Das Programm kann man sich hier anschauen.

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16 Antworten zu “Millerntor-Gallery #4 vom 29. bis zum 31. Mai 2014

  1. mail@henningheide.com Mai 27, 2014 um 7:27 pm

    Da muss ich Dir dann doch deutlich wiedersprechen, Erik- wenn auch wegen Zeitdruck nur ganz kurz. Viva con Agua ist für mich der vor-der-Haustür-Beweis, dass es eben doch mit einfach Mitteln geht, direkte und praktische Hilfe zu machen. Wieso wird denn da mit Kolonialismus argumentiert? An den Fehlern unserer Großeltern oder Urgroßeltern kann man ja nur lernen, aber es macht doch sicher keinen Sinn einfach den Kopf in den Sand zu stecken. Das ist meine große Kritik an einem nicht geringen Teil der Linken: Meckern über diejenigen, die versuchen, anstatt selber etwas zu bewegen. VCa hat sich als Ziel gesetzt, die Trinkwasserversorgung in vielen Ländern zu verändern, in denen es dringend notwendig ist. Und dies gelingt ihnen- meiner Meinung nach- auf beeindruckende Weise. Ich konnte mir selber vor Ort in Äthiopien ein Bild von den Etappenzielen machen und war sehr beidruckt von den verbesserten Lebensbedingungen. So wie alle anderen der „1000 NGOs“ von VCA, habe auch ich meine Reisekosten selbst getragen und den Output der Reise durch Fotos sogar verkauft (mein Anteil der vorletzten MG waren neun verkaufte Bilder à 270 Euro, wenn ich es richtig erinnere).
    Der Fotograf welcher das ugandische Dorf ausstellte (Paul Ripke) ist selbst dort vor Ort gewesen, hat die Reise als Multiplikator für Viva con Agua dokumentiert und seit dem DIVERSE Projekte und Verkäufe für BLU UGA getätigt. Deine Freunde welche kein Viva con Agua Wasser mehr trinken, weil wir ja doch alle nur kolonialisierende Hipster sind, haben wahrscheinlich nichts gemacht, um in Afrika oder irgendwo anders als in der Schanze die Lebenssituationen der Menschen zu verbessern.
    Je länger ich über Deinen Artikel nachdenke, umso trauriger macht er mich, aber vielleicht besprechen wir das lieber persönlich.

  2. momorulez Mai 27, 2014 um 7:45 pm

    Der Text ist nicht von Erik, sondern von mir. Und meine Freunde, die das nicht mehr trinken, sind selbst von Rassismus Betroffene und brauchen von Dir keine Belehrungen in diesem Stil, sondern Du solltest Dir angewöhnen, ihnen zuzuhören, anstatt nun selbstreferentiell irgendwelche innerlinken Debatten als maßgeblichen Diskussionszusammenhang auszuweisen.

    Dein Kommentar zeigt doch, worauf es hinaus läuft: Vergessen wir den Kolonialismus, Schnee von gestern, WIR sind nötig, damit die was zu saufen haben, selbst können die ja gar nicht. Aber warum denn nicht? Und was macht man, dass sie selbst es können?

    Da wird es doch erst interessant. Und wieso kannst Du Dir die Reise nach Äthiopien leisten und umgekehrt nicht? Dass der Fotograf vor Ort war bestreitet doch gar keiner, waren Humboldt und die anderen ja auch.

    Wichtig ist doch die Art, wie man sich als „Helfender“ dokumentiert und was das ggf. auch verschleiert. Mir ist ja auch lieber, möglichst viele Menschen haben Zugang zu Trinkwasser, aber wen man da wie inszeniert ist doch die Frage und im Rahmen welcher ökonomischen Strukturen das geschieht und welche Geschichte das hat und wer als Akteur gezeichnet wird und wer nicht und auch, wie das hier wirkt in der Wahrnehmung schwarzer Deutscher. Die ja verschiedenste Perspektiven zu dem Thema haben.

    Zum Teil dokumentiert das VcA ja auch.

    Mich macht das auch traurig. Und ich vermute mal, dass Du Deine Mail-Adresse nicht veröffentlichen wolltest, soll ich das was ändern? Treffe mich gerne mit netten Menschen auf einen Wein.

  3. Oke Mai 28, 2014 um 7:01 am

    Danke für diesen nachdenklichen Text! Ich finde, er arbeitet deutlich alle Seiten auf und stellt eine nicht besonders beliebte, populäre, gängige und vielen Leuten bekannte Sichtweise dar. Danke!

    Auch ich zähle zu den Hipster-Aktivisten und stehe ebenfalls wie der Vorkommentator dazu auch solch kritisch hinterfragbare Aktion weiterhin zu unterstützen.

    Danke für das Lob an der MG (damit habe ich im Übrigen nichts zu tun), denn wie Du finde ich hier nicht alle aber die meisten Ansätze toll und richtig. Und das ist für Deine Verhältnisse ja bereits unanständige (:)) Jubelpose.
    Mich jedenfalls hat der Text am Ende positiv gestimmt (was nicht wichtig ist) aber deswegen auch den entscheide nen Kick gegeben, nicht nur etwas (leider sonst häufig im FCSP-Umfeld) destruktives zu lesen!

  4. momorulez Mai 28, 2014 um 8:56 am

    Danke, auch für das Verständnis des Anliegens des Textes! Wenn ich mir das aktuelle Setting der nächsten MG angucke, dann ist das ja auch genau der Versuch, das, was mit guten Gründen kritisierbar ist, z.B. im Rahmen des Symposions auch zur Diskussion zu stellen. Ich habe ja noch nicht mal an deren Anliegen vorbei geschrieben. Ist ja nicht so, dass ich da nicht auch den einen oder anderen ein wenig kennen und schätzen würde, und was echt deutlich ist, ist, dass sie im Gegensatz zu anderen in der Fanszene echt eine enorme Denkoffenheit und Zuhörbereitschaft mitbringen. Wie ich ja auch nichts anderes machen kann, als ExpertInnen in meinem Freundeskreis zuzuhören und hier und da als Multiplikator zu wirken, wenn ich was vernommen habe. Das Setting der MG ist wie dafür gemacht, da der Ansatz, mit Kunst zu arbeiten, auch Slogans überwinden und mal hinter so ein simples Pro & Contra kommen kann. Das muss dann auch ausgehalten werden. Ich saß da auch erst etwas verblüfft, als erzählt wurde,wie VcA-Wasser zurück gewiesen wurde, und habe dann versucht, zu verstehen warum. Wenn man das alles ernst meint, dann muss man das einfach. Und im Gegensatz zu manchem Unterstützer machen das die Aktiven ja auch. Deshalb freu ich mich auch auf die Gallery!

  5. Pingback: Pickepackevolles Wochenende – Millerntor Gallery und AntiRa-Turnier – nicht zufällig fallen diese beiden Veranstaltungen auf St. Pauli zusammen! – St. Pauli NU*de

  6. Realitätbrennt Juni 2, 2014 um 11:43 pm

    Bei Charity bekomme ich Schnappatmung, und was mich an Viva con Agua stört, das ist so eine Art Charity für Hipster, die ich damit verbinde. Ich bin da hin und her gerissen, und denke manchmal, dass ich mit dieser Denke einfach nur gute Absichten nieder mache. Ich weiß es nicht, aber wenn das bei Viva con Agua so ähnlich läuft wie bei den vielen „fair“ gehandelten Produkten, dann klebt da dann doch der Mief des Kolonialismus dran. Wie viel Prozent des Umsatzes gehen denn in die guten Zwecke? Ist es nicht besser, beim Aldi das billigste Wasser zu kaufen, und dann lumpige 20 Euro im Jahr zu spenden?

    Ich kann es nicht gut begründen, aber jedes Mal, wenn ich eine Viva con Agua-Flasche in den Händen halte, fühle ich mich beschmutzt. Das ist in etwa das gleiche Gefühl, dass die in hohen Wohlstand Geborenen mit ihren Charity-Veranstaltungen geschlossener Reiche-Leute-Clubs hinterlassen. Eine Verlogenheit gemessen daran, dass die prozentuale (genauer gesagt promilluale) Hilfsbereitschaft der obersten Zehntausend faktisch deutlich niedriger liegt als bei allen anderen Bevölkerungsschichten.

    Und doch spüre ich, sowohl bei den Käufern, als auch bei den Machern von Viva con Agua echte Hilfsbereitschaft, echtes Mitgefühl und echte Solidarität. Darum will ich nicht zu schlecht davon denken. Mir ist das jedenfalls lieber als Volvic etc. Da geht es nämlich nur noch darum, sich schick zu fühlen, sportlich und vital, ohne Rücksichten auf andere.

    Was ganz anderes: Vielleicht gefällt dir das hier (für mich eine fremde Welt, aber auch faszinierend):

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/1952814/Metal-Evolution-%2811%29:-Progressive-Metal

  7. Momo Rulez Juni 3, 2014 um 8:13 am

    Ich bin da ja auch völlig hin- und her gerissen, wobei ich mich schon ärgere, oben „Hipster“ geschrieben zu haben 🙂 – diese seit 1981 konservierte Antifa-Folkore wie beim Antira-Turnier parallel, wo dann „Hipster und Yuppies draußen bleiben“ als Schild dran steht, diese Heimatschutzbund-Nummer,die finde ich ja noch schlimmer. Dazu sind auch alle Gay-Movements viel zu sehr an ähnliche Logiken gekoppelt wie zumindest Teile des historischen Hipstertums, also popkulturelle „Avantgarde“-Bewegungen. Und wenn ich auf Black Community-Empowerment-Veranstaltungen wie „Homestory Deutschland“ war, dann lief da auch keiner in Antifa-Uniform rum. Und das hat ja Gründe. Da kann man sich auch als Schwuler nicht wohl fühlen bei diesen „Hipster müssen draußen bleiben“-Nummern. Guck Dir mal die Bilder von Altamont an – der Schwarze, der von dem Hell’s Angel erstochen wird, ist der einzige im Anzug inmitten von Hippies, was übrigens nicht zufällig eine Verballhornung von „Hipster“ ist.

    Was an diesem Antirassismus-Turnier ist eigentlich antirassistisch? Klar, der FC Lampedusa war dabei. Die Lampedusa-Gruppe war aber auch bei der MG als Volunteers und Künstler dabei.

    Durch die Millerntor-Gallery bin ich ja auch mit wachsendem Entsetzen spaziert, aber da sind wenigstens noch Ansätze zu sehen, die ich bei irgendwelchen „Wir sind die geilsten“-Pyro-Märschen nicht mehr sehe. Dazu muss ich auch mal mehr schreiben. Dieses Symposion zum „Kreativen Engagement“ war ja auch größtenteils diese entsetzliche Selbstbezüglichkeit derer in den Institutionen, von Onejiru und der Schlingensief-Erbin mal abgesehen. Da ist nur ganz schön komplex, dazu müsste man eigentlich promovieren. Nur dass die MG so was auch auf die Gefahr hin veranstaltet, dass da ihr eigenes Tun komplett in Frage gestellt wird. Da ist wenigstens Potenzial, das ich bei „Läufen gegen rechts“ nicht sehe. Bei Lampedusa-Demos schon.

    Dein Unbehagen ist aber völlig richtig. Das teile ich ja auch. An dem Donnerstag Abend bin ich nach einem Bier geradezu geflüchtet. Da wurde nur krass Heteronormativität abgefeiert, und irgendwelche Schweizer Rapper, die wohl mit VcA Schweiz Menschen in Uganda belästigt haben, haben ein derart unterirdisches Animationsprogramm aufgeführt, dass es echt nach Ballermann roch. Das kombiniert mit diesen Anti-Hipster-Schildern beim „Antira“-Turnier hat mich erstmals seit 14 Jahren daran zweifeln lassen, mir wieder eine Dauerkarte zu kaufen.

  8. Realitätbrennt Juni 3, 2014 um 8:48 am

    Danke für deine Hinweise auf das Problematische im Begriff „Hippster“. Ist wirklich ein sehr merkwürdiger und auf Abwertung zielender Begriff, zumal ich persönlich absolut niemanden kenne, der sich selbst für einen hält. Andererseits: Wie nennt man Menschen, die mitten im Zeitgeist stehen, sich für sehr modisch halten und sich ein entsprechend „modisches Bewusstsein“, eine angeblich kritische und auf Emanzipation der Unterdrückten zielende Haltung, auf eine fahrlässig oberflächliche Weise (Wasser trinken…) verschaffen?

    Was mir noch einfällt: Es gibt ja nicht nur zwei Farben, sondern immer auch Mischwerte. Überhaupt, das ganze Leben ist doch gemischt. Meines ist es jedenfalls. Wenn jemand Schritte in die richtige Richtung geht (und das sehe ich bei Viva con Agua), dann sollte das auch einen Wert haben. Oder?

  9. Momo Rulez Juni 3, 2014 um 9:03 am

    Ja. Ich finde das ja auch vom Ansatz her wegweisender als Antifa-Folklore. Und das mit der Mode und dem Zeitgeist: Das hat halt zumeist auch schwule Subkulturen zumindest teilweise angetrieben. Ich glaube, weil das „antiauthentisch“ und „antinatürlich“ angelegt ist und man da was hinter sich lassen kann.

    Diese „Charity“-Nummer ist ja eher ein bürgerliches als ein Hipster-Phänomen, und da ist das Problem, dass VcA das verbunden und dann noch mit Missionarstraditionen verknüpft hat. Wo ja auch Weiße Schwarzen die „Infrastruktur“ geschaffen haben und noch ZDF-Dokus dann abfeiern „WIR haben DENEN aber die Eisenbahnen gebaut“. Aber warum wohl? Gerade angesichts von Coca Cola als Sponsor ist das einfach eine Vertuschungspraxis.

    Geradezu prototypisch dieser Henning Heide da oben. Bei Facebook posiert er tatsächlich in wilhelminischen Säulenhallen im Anzug, ausgerechnet, in anderen Ländern heißt das zum Teil auch „Kolonialstil“, mit Fotoapparat umgehängt, und verteidigt dann vehement Fotos „afrikanischer“ Dörfer, die sich wirklich nicht groß vom „ethnographischen Blick“ unterscheiden. Auch ’ne Form von „White Supremacy“, die an „White Pride“ grenzt.

    Umgekehrt waren dieses Mal auch ein paar Bilder dabei, die an die frühe Moderne in der bildenden Kunst anknüpften. Da wird es interessant, weil die Aneignungen durch Picasso und andere koloniale Strukturen sehr gut offenbaren. Das ging aber völlig unter.

  10. Realitätbrennt Juni 3, 2014 um 9:38 am

    Wobei sich dein Kommentar so liest, als ob du die nichtfolkloristischen Teile der AntiFa unterschlägst. Ich persönlich hasse Militanz und ich finde die Militanzkultur in der AntiFa etwas widerlich, zumal in der Verbindung mit aggressiven Männlichkeitsidealen. Andererseits möchte ich auch nicht, dass den Faschos niemand entgegen tritt. In den Großstädten (das wäre vielleicht noch eine analytische Betrachtung wert) gelingt es dieser AntiFa, mit ihren kleinen Verlogenheiten, ihrem pauschalen Hass auf alle Polizisten und Staatsorgane, mit ihrem Männlichkeitskult immerhin ganz gut, die Faschos nieder zu halten.

    Wovon ich persönlich ja auch profitiere.

  11. momorulez Juni 3, 2014 um 10:05 am

    Ja, wobei die Frage ist, ob Faschos sich in pluralistischen, urbanen Räumen heute auch sonst überhaupt noch entfalten können. Sie versuchen es gerade in Friedrichshain, ja. Das war in den späten 80ern und frühen 90ern fraglos der Fall, was Du schreibst, aber ist das noch so, wo ein Michael Neumann stramm rechte Politik macht und dabei prima von Flora und Co profitiert? Zudem die aktuelle, bürgerliche Neue Rechte mit den Alt-Nazis gar nicht mehr viel zu tun hat und das gerade der Viertel -Provinzialismus das gar nicht reflektiert, meines Er achtens. Ich glaube ja, dass es den Matusseks, Sarrazins USW. ganz gut in den Kram passt, dass sie alle lieber mit Nazi-Aufmärschen beschäftigen als mit dem, was qualitativ neu an ihnen ist. Ich glaube auch, dass diese Antifa-Anachronismen sich kaum für PoC oder LGBTQ und deren Geschichte interessieren, sondern mehr für Nazis.

  12. Flo Juni 3, 2014 um 10:24 am

    Ich würde gern kurz was zu dem VcA-Wasser sagen: Von dem Wasser profitiert niemand, kein Geschäftsführer etc. 60% fließen an den Verein Viva con Agua und in die Viva con Agua Stiftung (und somit auch in die Wasserprojekte).

    Man sollte sich evtl. auch mal überlegen, wie sollte Entwicklungszusammenarbeit denn aussehen? Hier wird das kritisiert, was VcA macht, was für mich aber genau das ist, was der richtige Weg ist: ZUSAMMEN zu arbeiten. Das heißt auch, zusammen an einem Projekt zu arbeiten, zusammen zu tanzen, zusammen Fußball zu spielen. ich war auch auf Projektreise, allerdings in Nepal, aber egal, und ich versteh nicht, warum man sich rechtfertigen sollte, dass man sich „das leisten“ kann. Man sollte nicht anfangen zu überlegen, unseren Standard runterzuschrauben um auf das gleiche Level zu kommen, sondern wie man den Standard der Leute dort heben kann.

    Wenn man die Projekte mal verfolgt sieht man, wie Dorfgemeinschaften Geld verdienen können durch bessere Anbaumethoden (Vca und die Welthungerhilfe geben hier die Hilfe) und durch Kleinstabgaben für Wasser.

    So können die Gemeinschaften ohne Hilfe von außen Gelder generieren und ihre Zukunft formen (z.B. das erwirtschaftete Geld in eine Schule investieren).

    Ich bin klar bei dir, dass man die Kolonisation nicht vergessen darf, aber es sollte kein Grund sein, dass wir aufhören zu versuchen, Grenzen zu überwinden und gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen.

  13. Flo Juni 3, 2014 um 10:26 am

    Ergänzung: die restlichen 40% des Verkaufs des Wassers geht an die Investoren (FC St. Pauli, etc.)

  14. momorulez Juni 3, 2014 um 10:39 am

    Ja, man sollte überlegen, was das mit. „Entwicklungshilfe“ auf sich hat und sich zudem fragen, was in einer weiterhin sozial hierarchischen Konstellation „zusammen“ heißen kann. Auch, wie man sich inszeniert, während man als weißer Europäer helfen will und wieso man nicht einfach die Kohle überweist und dann hier die feiert, die daraus vor Ort was gemacht haben. Auch ist zu fragen, wo in bildlichen Darstellungen einfach nur der traditionelle ethnographische Blick wiederholt wird und ob in dem „zusammen“ nicht steckt “ ohne Weiße können die ja gar nichts“, und falls das ökonomisch weiterhin so ist, wieso man das dann nicht auf der Ebene aggressiver angeht. Ich bin da aber auch gar kein guter Ansprechpartner, es gibt da genug kompetente Experten, so was unter PoC -Anleitung und auch Führung anzugehen. Dass Frau Goehler hier über keine Expertise verfügt , das wurde am Samstag auch deutlich. VcA braucht da andere Berater und hat da auch schon ignorant welche vergrault, die aber auch anständig bezahlt gehörten.

  15. Realitätbrennt Juni 3, 2014 um 2:56 pm

    Zudem die aktuelle, bürgerliche Neue Rechte mit den Alt-Nazis gar nicht mehr viel zu tun hat und das gerade der Viertel -Provinzialismus das gar nicht reflektiert, meines Er achtens. Ich glaube ja, dass es den Matusseks, Sarrazins USW. ganz gut in den Kram passt, dass sie alle lieber mit Nazi-Aufmärschen beschäftigen als mit dem, was qualitativ neu an ihnen ist.

    Das.

    Genau das. Ich weiß, dass das intern viel diskutiert wird, aber überzeugende Antworten darauf wurden noch nicht gefunden. Mit den klassischen AntiFa-Methoden lässt sich der Faschismus aus der Mitte der Gesellschaft, so ein Dreck wie Sarrazin, nicht bekämpfen. Der Faschismus ist in die Mitte der Gesellschaft eingesickert. Sarrazin hat sich nach meiner Überzeugung direkt aus nazistischen Werken bedient. Zugleich ist die Gesellschaft Zug für Zug insgesamt etwaas bunter und nichtweißer geworden. Armut, brennende Armut, Menschen in Arbeit in übelster Ausbeutung prägt heute rund ein Viertel der Gesellschaft. Der verbreitete latente Rassismus ist immer noch da. Es fällt mir schwer, die ganzen Entwicklungen auf einen Nenner zu bringen.

    Was die AntiFan in den Großstädten betrifft, da bin ich mir sicher, dass sie immer noch bitter notwendig ist. Dortmund und die dortige Faschoszene zeigen, wie wichtig auch die klassische AntiFa-Arbeit ist. Immer noch. Wie gerne würde ich denken, dass das nicht mehr der Fall ist.

    Ich habe Angst vor Entwicklungen wie in Frankreich. Da weiß ich lieber die AntiFa an meiner Seite, auch wenn mir in dem Haufen so einiges nicht gefällt.

  16. Momo Rulez Juni 3, 2014 um 3:24 pm

    Gerade Frankreich ist ja das Paradebeispiel für den „Extremismus der Mitte“, die „Neue Rechte“ oder wie immer man das nennen will. Frau LePen hat sich schick gemacht, an „Manif pour tous“ oder wie heißen gekoppelt und so für die sich bedroht sehenden bürgerlichen Schichten sich attraktiv gemacht. Das hast Du in BaWü bei den Petitionen gegen den Bildungsplan ähnlich gehabt.

    Du hast nur solche Denkmuster mittlerweile mitten in „der Linken“. Das sind ja größtenteils US-Importe, was auch hier kaum wer auf dem Zettel hat, dieses Rechtslibertäre, das den Henkel z.B. antreibt.

    Ansonsten sind sowohl SPD als auch CDU gar nicht weit weg von LePen, nur dass die pro-europäische Rhetorik pflegen, um nationalistische Politik zu betreiben. Das wird in dem Interview sehr deutlich:

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2004%2F12%2F11%2Fa0322

    Was Neumann da redet, sind alles Muster, die von Wilders und Co genau so bedient werden. Deshalb kann die AfD hier gar nicht so erfolgreich werden, weil große Teile derer Politikentwürfe längst befolgt werden. Und hier in HH ist man dann so doof, Esso-Häuser, Flora und Lampedusa zu verknüpfen, weil man wie auf dem Dorf die Hipster aussperren will.

    Da ist höhere politische Blödheit, da feixen sich rechte Politiker wie Neumann einen. Die erzeugen dann einfach die Gewalt, die sie zu bekämpfen vorgeben, wie am 21. 12. geschehen, und auf einmal fordern Leute, die man morgens beim Spaziergang mit dem Hund trifft, Arbeitslager für gewalttätige Demonstranten.

    Da ist die sehr weit begriffene Antifa einfach Teil des Problems, weil die ja ständig die Vorlagen liefern und nun wirklich seit 1989 auch NICHTS mehr erreicht haben. Und wohl auch nicht wollten. Wer immer nur gegen etwas ist, bleibt darauf angewiesen.

    Was auch daran liegt, dass ja gar keine Vorstellungen anderen Lebens außer Interimsrevoluzzertum zwjschen 16 und 25 mehr existieren, bevor man dann als 5. Kolonne Putins Familien gründet :D, der musste jetzt sein, und sich um die tatsächlich Abgehängten ein Scheißdreck gekümmert wird, wenn die nicht zufällig in Sichtweite der Studenten-WG im „Szeneviertel“ leben.

    Bei uns im Stadion taucht z.B. NIE das Thema auf, dass der Wandel auf St. Pauli auch wegen teils Absterben, teils Verdrängung der SexarbeiterInnen statt findet. Fragen nach der Struktur und Funktion des Drogenhandels und der Drogengesetzgebung werden nicht gestellt. Der interveniert aber bei der Arbeit von VcA teils vor Ort.

    Die Alltagsgefahr ist in Dortmund z.B. wirklich groß, und da hilft dann auch organisierte Selbstverteidigung. Aber SS-Siggi ist nicht die große, politische Gefahr. Das sind Orban, LePen, Merkel, die teils ganz ähnliche Positionen vertritt. Und klar reiben sich alle an Neumann, aber der lacht sich doch tot, wenn am „Tag X“ lediglich der Verkehr lahm gelegt gelegt wird.

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