Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Den Anteil der Anteilslosen einfordern: „Business Improvement District“ anders denken und gestalten!

Ich habe mich bisher nicht sonderlich um die Frage der ESSO-Häuser bloggend gesorgt. Das hat Gründe: Ich fand und finde die Verknüpfung von Refugees-Überleben, ESSO-Häusern und Flora falsch, weil die Phänomene jeweils eine völlig andere Reichweite haben und je gesondert thematisiert werden müssen. Insbesondere, um den Refugees und ihrer schier unglaublichen Leistung für die Hamburger Binnenpolitik gerecht zu werden. Scholz und Neumann sind dagegen politische Leichtgewichte.

Mir als Internet-Hupe, also ausdrücklich Nicht-Aktivist, erscheint es auch manchmal so, als würde jeweils nur irgendeine buchstäbliche Sau gesucht, der, durch’s Dorf getrieben, ein aktionistischer, an Symbolpolitik orientierter Demo-Reigen folgt, ohne irgendwelche ernstzunehmenden politischen Konsequenzen zu zeigen, im wesentlich zum Gutfühlen derer gedacht, die sowieso immer irgendwo unterkommen werden (solche wie ich).

Ohne dass jenseits von Heimatschutz, Bestandwahrungsverteidigung und einer Art anderen Ausgehvergnügens im Sinne ständigen Demonstrierens (ja, zur Bindung der Polizeikräfte zu Zeiten verstärkter Kontrollen war das gut) klar würde, was denn nun eigentlich für eine Vision eines anderen Lebens gewünscht ist.

Ich war auch nicht bei den „St. Pauli selber machen“-Veranstaltungen und habe lediglich die Protokolle gelesen. Nie fiel mir auf, dass sich vielleicht auch mal wer Gedanken über Mümmelmannsberg oder Neuwiedenthal gemacht hätte.

Stattdessen spaziert wiedergängerisch die „Subito-Generation“, der „Post-Punk-Underground“ der späten 80er, die „Hafenstraßler“, denen vom Alter her ich auch angehöre, medienwirksam vorneweg durch’s Viertel und äußert sinngemäß das gleiche wie 1987 schon.

Das muss nicht falsch sein; wenn Ted Gaier freilich süffisant fest stellt, dass es ihn wundere, dass sich „der Feminismus“ noch nicht des Themas Antifamackertum angenommen habe, was dieser seit 30 Jahren eifrig tut, ihm entging es, stimmt doch etwas nicht.

Während es schwulen Einst-Aktivisten wie Corny Littmann immerhin gelungen ist, aus einer mit „Ton Steine Scherben“ tourenden Formation über ein paar Zwischenstufen, aus einem echten Camp-Underground-Theater also, ein gefürchtetes Imperium zu gestalten und mit Axel Strehlitz auch interessante Gastronomie entstehen zu lassen. Die wird den meisten St. Paulianern „zu schwul“ sein, aber man hört ja Herrn Wiebusch 😀 …

Da ist vieles höchst ambivalent gerade in Cornys Agieren; dennoch stellen sie demnächst eine „Sommersalon“-Folgeveranstaltung in neuem Gebäude vor, während andere noch um längst geräumte Häuser fighten.

Ich stecke in den Debatten nicht en detail drin und würde nie die Leistungen der Initiative ESSO-Häuser schmälern wollen. Sie haben ja offenkundig Genossenschafts- und Nutzungspläne entwickelt, die die Politik aber nicht interessierten. Wird es sie auch in Zukunft nicht, wenn nicht von dem punktuellen Genossenschaftsmodell zu strukturellen Fragen übergegangen wird. Kann man an einem Beispiel ja mal durchspielen.

Soeben ging rum, dass nunmehr der „Business-Improvement-Destrict“-St. Pauli von Senatsseite verabschiedet worden sei. Das hört

sich schlimm an, als Schlagwort werde ich das auch schon verwendet haben – ohne dass ich nun wirklich gewusst hätte, was das heißt. Also, was für ein behördlich-gesetzlicher Rahmen da hinter steckt, innerhalb dessen agiert wird.

Nach kurzer Recherche und mich korrigieren lassend funktioniert die Konstruktion wie folgt: Gewerbetreibende, vor allem aber Grundeigentümer (!!!) können sich zusammen tun. Das waren die, die schon vom „Hamburger Brand“ im 19. Jahrhundert profitierten. Sie suchen sich einen gegenüber den Behörden Verantwortlichen – und lassen sich auf ein Abgabenmodell ein. Am Einheitswert der jeweiligen Immobilie/ des Grundstücks orientiert, das ist ein Wert, der z.B. auch der Grundsteuererhebung zugrunde liegt, sammeln sie Geld zur Sanierung bei den Grundeigentümern ein. Um so letztlich den Immobilienwert durch Umgestaltung des Umfeldes zu erhöhen – im Falle St. Paulis z.B. in Konkurrenz zur Hafencity.

Also eine Art gemeinschaftliches Investitionsvorhaben der Besitzenden – den konkreten Plan kann man hier einsehen.

Auffällig ist der Slogan „St. Pauli muss sauber werden!“, im buchstäblichen Sinne, also z.B. Müll und Pinkler meinend – zwischen den Zeilen wird auch deutlich, dass ein „Nach dem Rotlicht!“- „Kultur“- und Vergnügungsbezirk als Touristenmagnet anvisiert ist. Und die Verdrängung von Prostitution und Table-Dance müsste ja nun gerade jenen sympathisch sein, die „Susis Showbar“ nicht im Stadion haben wollten und denen der Transen-Strich an der Schmuckstraße immer schon am Arsch vorbei ging, Hauptsache, „so was“ wird nicht St. Pauli-Präsident.

Die Pointe, auf die ich hinaus will, ist eine ganz andere: Das Modell wirkt ja zunächst mal insofern ganz untechnokratisch jenseits der verwalteten Welt verortet, dass ein gesetzlicher Rahmen zur wirtschaftlichen Selbstorganisation geschaffen wurde.

Nur: Es ist in Hamburg (und anderswo) immer das gleiche – Voraussetzung, dass man etwas auf die Beine stellen kann, ist immer, dass man schon was, möglichst viel, hat.

Ich habe selbst ein Unternehmen hier gegründet, ohne Eigenkapital läuft nix. Das konnte ich als Richtersohn aufbringen; schon mein Kompagnon hätte ohne mich und den Dritten keine Chance gehabt. Trotzdem wir bereits Aufträge im höheren 6-stelligen Bereich hatten.

Und selbst die Gründerdarlehen, in Hamburg bekommt man die von Banken, klar, aber ansonsten von seltsamen Rechtskonstrukten wie „Bürgengemeinschaften“, Mischformen aus privatwirtschaftlicher und städtischer Trägerschaft, auch typisch, wie auch stille Beteiligungen, also erst mal Kohle, mit der man arbeiten kann, bis die Kunden zahlen, achten auf eben diese „Sicherheiten“ und sind zudem, was die Zinsen betrifft, erheblich teurer als Bankkredite.

Will man mehr machen als lediglich ein kleines Designbüro, ist es kaum möglich, im normalen Erwerbsleben solche Sicherheiten anzusparen, schon gar nicht bei seit Jahrzehnten stagnierenden Löhnen. Dann kann man sich entweder „Investoren“ ausliefern oder aber man hat geerbt oder reiche Verwandschaft. Die ganze Hamburger Wirtschaftsstruktur ist darauf ausgelegt, lediglich Besitzende als privatwirtschaftliche Akteure zuzulassen. Die „Gründerbüros“ sind ja zumeist eher voll mit Dienstleistern, die dann wieder von den Besitzenden abhängen. Allein das macht schon dieses „Integrations“geschwafel so unerträglich. Eigentlich müsste jeder Flüchtling erst mal ein zinsloses Gründerdarlehen erhalten. Meine ich ernst.

Ich finde es wichtig, das alles mal durchzudeklenieren. Ich fände „St. Pauli selber machen“ ja auch toll. Und noch toller wäre, wenn Gesetzgebungen wie jene, die den „Business Improvement District“ definieren, so gestaltet würden, dass nicht nur Grundeigentümer davon etwas haben und Möglichkeiten jenseits verlogener Ich AG-Modelle aus Hartz IV-Zeiten bestünden, dass angesammeltes Kapital unter anderer Ägide als ihren Besitzstand aufwerten wollender Immobilien- und Grundeigentümer investiert würde. Damit mal etwas wirklich Neues entsteht. Mit Kommerz-Kritik wird das nix.

Das sind auch keine neuen Gedanken. Gerade die Grundsteuer ist anerkanntes Vehikel, Besitz als solchen zu besteuern. Sie wurde meines Wissens vor nicht allzu langer Zeit in Hamburg erhöht, allerdings nicht zweckgebunden.

Eine Konstruktion wie jene des „Business Improvement Districts“ ist ja ohne weiteres auch möglich, dass Träger der Umgestaltung die Anwohner und die dort Arbeitenden sein könnten.

Übrigens ALLE: Somit z.B. auch die Lampedusa-Flüchtlinge.

Gerade jene, die auf St. Pauli arbeiten, sollten mitgestalten. Mein Haspa-Berater einst offenbarte mir, dass in der Gastronomie Arbeitende zwischen 18 und 35 die mit Abstand schlechtesten Chancen hätten, Kredite zu erhalten. Eine zukunftsweisende Politik bestünde darin, gerade jenen, die NICHT als kreditwürdig gelten und KEINE Sicherheiten haben, gesetzliche und verfassungsgemäße Geldzugänge zu schaffen. Die anderen kriegen das auch so hin.

Auch SexarbeiterInnen sollten ein Recht darauf haben, ihr Arbeitsumfeld mitzugestalten. Und da alle nach St. Pauli kommen, um sich zu vergnügen, ist auch unplausibel, dass nun nur die Grundeigentümer auf St. Pauli bluten sollen.

Warum nicht eine Vergnügungsabgabe für Hafenausflügler aus Havestehude, Nienstedten und Othmarschen erheben? Gerne an Grundeigentum gekoppelt? Die SAGA macht mit? Sie profitieren ja auch im Sinne ruhiger Viertel davon, dass „Events“ anderswo statt finden. Können also sie auch einsichtig ein bißchen dafür bezahlen.

Geld, das von den Küchenhilfen in den Hotels anschließend visionär in ihr Viertel investiert würde, statt dass immer nur weiße, heterosexuelle Studenten-Männer auf Kundgebungen Reden schwingen und ansonsten alles bleibt, wie es ist.

Das wäre Zukunft statt Stagnation!!!

Das ist ja das zudem Auffällige an der Interessengemeinschaft St. Pauli – wer ist das? Wie sind die mit Parteien, Immobilienfonds, wie auch mit Verlagen wie Springer vernetzt? Der alte Witz, dass die „Immobilienmafia“ zusammen mit dem BILD-Chef in Hamburg den Bürgermeister bestimme, ist einerseits aktueller denn je – umgekehrt zieht Springer sich aus Hamburg zurück, das könnte eine Chance in sich bergen.

Ist zwar alles ins Unreine gedacht, aber die an diesem „Business-Improvement District“ abzulesende Logik Hamburger Politik darf nicht so bleiben, will diese Stadt den Anschluss an kulturell relevante Metropolen weltweit nicht noch weiter verlieren.

Irgendwelche x-beliebigen Vergnügungsviertel gibt es überall. In das, was diese Interessengemeinschaft da formuliert, würde es die Beatles niemals ziehen. Das skizziert St. Pauli als Sargnagel für die Stadt.

So stirbt ein spannender Stadtteil verödet als disneylandhafte Kulisse für Junggesellenabschiede, und wir haben längst den FC St. Pauli II in Detroit eröffnet.

Investitionsmöglichkeiten für Besitzlose schaffen, den Anteil der Anteilslosen einzufordern kann doch nur maßgeblich sein – das hieße Zukunft denken, anstatt verlorene Schlachten immer neu zu schlagen und dem Senat den laaaaangsamen Totschlag dieser Stadt zu schenken. Der braucht mal ein paar Fantasie-Injektionen, so derart jenseits jeder Kreativität verortet, wie er ist, dass es nach totem Fisch stinkt. In sauberen Straßen.

14 Antworten zu “Den Anteil der Anteilslosen einfordern: „Business Improvement District“ anders denken und gestalten!

  1. Realitätbrennt Mai 1, 2014 um 11:48 am

    Ich fände ein Hamburger Mikrokreditprogramm toll, das jede Form von wirtschaftlicher Betätigung unterstützt und sich an diejenigen richtet, die von der Kreditvergabe ausgeschlossen sind, also Flüchtlinge, Migrantenmütter, die ihre Nähstube aufmachen wollen, aber auch Studis mit ihren Ideen.

    An Stelle teurer und oftmals reichlich unsinniger Wirtschaftsförderung. Da muss nur Geld umgeschichtet werden. Von den Privilegierten zu den weniger Privilegierten. Das gäbe nicht nur einen sozialen Effekt, ich bin mir sicher, dass sich das für die Gesellschaft auch wirtschaftlich rechnet.

    Dummerweise wird die Wirtschaftspolitik und vieles andere in der Stadt von den Interessen und Akteuren des Hamburger Großbürgertums bestimmt. Das sind die, die uns zum Beispiel die Elbphilharmonie und den dort verbauten Protz beschert haben. Tja. Eine einzelne Designleuchte in der Elbphilharmonie könnte einer Migrantenmutter die Nähstube finanzieren.

    Nur, leider, so denkt man nicht in Hamburg. Jedenfalls nicht auf Senatsebene. Immerhin bekommt Harvestehude, wo der Hamburger Geldadel wohnt, in den nächsten Jahren ein Flüchtlingsheim für rund 200 Geflüchtete. Dass der Senat sich das traut, finde ich bei aller Kritik, die Scholz und seine Senatoren verdient haben, auch mal richtig gut.

  2. Momo Rulez Mai 1, 2014 um 12:24 pm

    Ja, ich auch – und sozusagen ähnliche Töpfe generieren wie bei den „Business Improvement“-Destrikten, diese dann aber in solche Kleinkreditmodelle umzuwandeln, das ist im Grunde genommen ja sogar klassische, sozialdemokratische Umverteilungspolitik und gar nix Sozialistisches. Natürlich kommt dann irgendwann das Argument, dass Immobilienbesitz sich gar nicht mehr lohnen würde; stärkte man freilich die ansonsten Abgehängten, wer weiß, was dann im Gegenzug für Eigentumsformen entstehen würden.

    Das Problem bei der aktuellen, am Großbürgertum orientierten Form ist ja, dass es für die Stadt scheißeteuer ist, siehe HSH-Nordbank und Elbphilharmonie, aber auch die Kosten für die Verwaltung – Hartz IV-Verwaltung, Ausländerbehörde etc.. Für die SPD ist das ja bisher viel stärker deren Referenz, deshalb macht Neumann halt Politik für seine Mitarbeiter, die Polizisten, nicht für die Stadt. Würde man die Kohle mal sinnvoller nutzen und zudem die Handwerksordnungen abschaffen, könnten sich ganz andere Strukturen heraus bilden.

    Das ist alles jetzt kapitalismusimmanent gedacht, aber das hat Marx ja auch in den Zeiten, da er ein Gemeinschaftseigentum an Produktionsmittel forderte.

    Ich habe ja den Verdacht, dass z.B. der ESSO-Häuser-Protest, mal abgesehen von denen, die drin wohnten, gerade deshalb so mobilisiert, WEIL er nichts ändert. Der letzte, der tatsächlich was bewirkt hat, war der um die Hafenstraße, weil der tatsächlich eine andere Form der Hafenrandbebauung hervor brachte. Die Flora hat die „Yuppisierung“, wie das damals hieß, allenfalls entschleunigt. Und die hält sich jeder Senat allzu gerne, weil er mittels ihrer Repressionsapparate legitimieren kann und zudem alles, was ihm nicht in den Kram passt, „linksextremisieren“.

    Insofern läuft hier seit 25 Jahren das gleiche, systemstabilisierende Spiel: Zumeist studentisch und von Mittelschichten getragene Proteste derer, die IHR Molotov und IHRE Stammkneipe unweit IHRER WG in von großbürgerlicher Sehnsucht genährten Gründerzeitwohnungen gerne wahren möchten und sowas wie in der Kneipe arbeiten allenfalls als Phase zur Studiumsfinanzierung kennen lernen werden, ziehen dann später im Normcore-Sinne zur Familie geronnen wenn die Glück haben mittels Eltern-Kohle in den sanierten Altbau, wenn sie Pech haben nach Halstenbek oder in die Nordheide. Das ist ihnen aber alles lieber, als den staatlich subventionierten Job in der Antirassismusinitiative PoC zu überlassen.

    Deshalb tauchen aber chronisch die Interessen von Reinungspersonal, Tresenkräften, SexarbeiterInnen usw. im Protest gar nix explizit auf – weil die Trägerschichten des Protestes von den aktuellen Strukturen viel zu sehr profitieren. Und deshalb kann Neumann auch rum höhnen „Und was wird aus den Refugees, wenn sie nicht mehr im Container sohnen?“ und Scholz rum sabbeln „Wohin mit den gering qualifizierten „Afrikanern““ – und das sagt er Im Galle von Wissenschaftlern, Botschaftsangehörigen und solchen, die 10 Jahre in deutschen Firmen in Libyen arbeiteten – weil noch die Proteste darauf angelegt sind, dass sich nix ändert. Es glaubt KEIN MENSCH, der auf einer antikapitalistischen Mai-Demo mit läuft, dass der verschwindet. Und frag sie mal, wie sie das fänden, wenn der morgen weg wäre. Im Molotov abtanzen ist dann auch nicht.

    Und da muss man ran, denke ich.

  3. Realitätbrennt Mai 1, 2014 um 2:20 pm

    Es lässt sich vielleicht noch fieser formulieren.

    Die „revolutionär“ genannten Maikundgebungen sind im Kern Brauchtumspflege einer bestimmten Szene. Sie bieten der Jugend einer i.d.R. gut situierten Mittelklasse einen temporären Ausweg aus der Langeweile ihres Daseins und sie eröffnen überdies den Teilnehmern die Möglichkeit, ihre als mutig und männlich empfundenen Heldentaten in der darauf folgenden Nacht gebührend zu feiern. Gleichzeitig erhalten Polizeihundertschaften, die ja unter einer erheblichen Fluktuation leiden und sich darum in einem ständigen Ausbildungszwang befinden, umfangreiche Trainingsmöglichkeiten für verschiedene polizeitaktische Vorgehensweisen.

    Eine klassische Win-Win-Situation.

    Fair ist diese Sichtweise allerdings nicht, auch wenn sie sich manchmal aufdrängt. Nicht wenige der Teilnehmer sind tatsächlich Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten. Und auch, wenn sie kaum eine Idee haben, wie das von ihnen herbei gewünschte gesellschaftliche Ideal genau beschaffen und zu erschaffen ist, so sind schon sehr viele mit den Refugees solidarisch. Eher schon als die Einwohner von Harvestehude. Aus dieser Szene rekrutiert sich schon einige praktische Solidarität, auch wenn es hier keine Ideen zur Lebenssituation in Mümmelmannsberg gibt. Und auch, wenn sich fast alle Teilnehmer für eine Weltrevolution begeistern können, der Horizont ist eben nicht sehr weit.

    Aber wo ist er das schon?

  4. momorulez Mai 1, 2014 um 2:44 pm

    Das mit der Solidarität mit der Lampedusa-Gruppe wie auch deren Auftreten, was mich auch weiterhin beeindruckt, habe ich tatsächlich als etwas qualitativ völlig Neues wahr genommen. Das war und ist zum Teil dolle, um so ärgerlicher fand ich ja die Verknüpfung mit den „üblichen Themen“. Womit ich nun nicht die ESSO-Haus-Bewohner selbst meine.

    Aber dieses Sozialist und Anarchist-Sein – wer bricht denn da wirklich aus aus den „Normcore“-Strategien der Neuen Mitte? Meine Aktionen bezogen sich zwar vor allem auf das Forcieren von Betriebssratsgründungen, das (intensive) Mich-Einsetzen für andere Themen in Medien und zumindest einige Versuche, im Rahmen des Möglichen auch als Geschäftsführer anders zu agieren, z.B. was Einstellungskriterien betraf. Aber kurioserweise war das manchmal mit neoliberalen Arschlöchern einfacher als mit manch einem aus der Fanszene des FC St. Pauli zum Beispiel, wo alle immer tolle Absichten haben, aber wenn es daraus geht, in Verkrustungen auch mal praktische Konsequenzen zu ziehen, sind auf einmal Woydt oder Meeske besser erreichbar als manch Nochsolinker.

  5. Realitätbrennt Mai 1, 2014 um 2:56 pm

    Die Praxis ist immer ein ganz eigenes Problem, würde ich sagen.

    Vielleicht ist es ja auch deshalb nicht so einfach, sich vom Normcore-Design zu verabschieden. Das wirklich Neue, das, womit man keine Erfahrungen hat: Wer lässt sich gerne darauf ein? So viele sind das nicht. Mir persönlich genügt es, wenn sie anderen ihren Freiraum lassen, „anders“ zu sein und wenn sie das respektieren.

  6. momorulez Mai 1, 2014 um 3:02 pm

    Das hört halt auch oft da auf, wo es um Geld, Posten oder Status geht. Auch in den irgendwielinken Strukturen. Frag mal meine PoC-Freunde, was da plötzlich für eine Panik ausbricht 😉 – wo es ja auch nicht um Anderssein geht.

  7. Hannes Mai 1, 2014 um 4:53 pm

    @Würde man die Kohle mal sinnvoller nutzen und zudem die Handwerksordnungen abschaffen, könnten sich ganz andere Strukturen heraus bilden. —- Die Handwerksordnungen sind abgeschafft, jedenfalls in dem Sinne dass es keine Meisterpflicht mehr gibt und jeder Ungelernte einen Handwerksbetrieb eröffnen darf. Genau das führte in den letzten zwei Jahren zu unzähligen Verfahren wegen Pfusch am Bau.

  8. momorulez Mai 1, 2014 um 5:07 pm

    Danke für die Info! Du willst jetzt aber nicht behaupten, dass es vorher keinen Pfusch am Bau gegeben habe?

  9. Hannes Mai 1, 2014 um 5:34 pm

    Nö, nur noch viel mehr als vorher schon. Halte es für keine gute Lösung, nun durch die Freigabe von Jobs für Geringqualifizierte Leuten Chancen zu geben, die dann zu Lasten derer künftigen Kunden geben. Für Leute wie die Geflüchteten übrigens gibt es in anderen Bundesländern umfangreiche Jobbeschaffungsprogramme inklusive Gründerdarlehen und Komplettbezuschussung aus EU-Fonds, z.B. EQUAL-Mitteln. Da ist Hamburg halt die kalte Stadt der Pfeffersäcke und im Bundesvergleich Entwicklungsland.

  10. momorulez Mai 1, 2014 um 5:59 pm

    Das recherchiere ich gerne mal, Danke! Und diese Innungsordnungen sind für mich auch immer nur Abschottungsbeispiele, von denen es in Dt. unzählige gibt – ja gar nicht nur, um Refugees draußen zu halten. Und irgendwie habe ich denEindruck, dass man diese mal kräftig aufmischen muss.

  11. Realitätbrennt Mai 1, 2014 um 10:35 pm

    Der Pfusch am Bau, so weit es Hamburg betrifft, hat nach meinen Informationen eher einen anderen Hintergrund. Nämlich die Mafia (als Organisator von Billig-Baukolonnen), die in Hamburg auf dem Bau erstaunlich viel regelt, und das Sub-Unternehmertumswesen. Das ist schon etwas merkwürdig, bei der Auswahl der Baumaterialien und Innenausstattung zählen für die Hamburger Pfeffersäcke bzw. ihren Nachfahren nur die edelsten Materialien, aber bei den Löhnen für die Bauarbeiter, da arbeitet man bevorzugt weit unterhalb des Tariflohns, im Bündnis mit der Mafia, und vollständig illegal. Das sind dann auch zugleich die unübertroffenen Meister des Pfusches. Derartiges wirft übrigens ein sehr interessantes Licht auf das Großbürgertum in Hamburg.

    Wenn die Polizei in Hamburg an Stelle von „Gefahrengebieten“ (d.h. Schikane von St.Pauli-Bevölkerung) sich um solche Sachen ernsthaft kümmern würde. Aber ach, dann würden ja angeblich die Baukosten steigen, zuviel Rechtsstaat darf dann auch nicht sein, also wird die Polizei angewiesen, hier die Füße still zu halten. Die „Reformen“ unter Schill, quasi einem Direktkandidaten der OK, waren ja nicht zuletzt, die Bekämpfung der OK zu bekämpfen. Das wirkt bis heute fort.

    Glaubt man nicht, wenn man es nicht besser weiß. Das ist dann glatt so eine Stelle, wo als Gedanke kaum etwas anderes als „Scheißstaat!“ übrig bleibt. Der wie immer überforderte Neumann rafft garnichts. Und er macht auch nichts. Der sorgt sich allenfalls darum, gelegentlich in der Lokalpresse als eine Art „Mann der Ordnung“ inszeniert zu werden. Das werden die Stellungnahmen der nächsten Tage wieder einmal zeigen.

    Aber die wirklichen Probleme: Da traut er sich nicht ran. Unser Sprüche klopfender Nichtsraffer.

  12. momorulez Mai 1, 2014 um 10:53 pm

    Ich müsste jetzt vermutlich hier und da ein mutmaßlich einfügen, aber Du nennst ja keine Namen 😉 – mutmaßlich ist eh merkwürdig, dass beide Seiten der Reeperbahn „BID“ werden, und das, wo Corny noch vor gar nicht langer Zeit sagte, mit denen auf der anderen Seite würde er aus guten Gründen nicht reden. Ich habe mich bestimmt auch geirrt, als ich sah, wie Polizisten Marihuana-Handel auf der anderen Straßenseite vor der Flora beobachteten, um später dann großartig deshalb ein Gefahrengebiet einzurichten. Nachdem sie vorher nicht eingriffen und nur zusahen. Monatelang. Vielleicht um den großen Zugriff vorzubereiten. Sah aber nicht so aus.

    Ich denke mal, dass die Grauzonen zwischen „organisierter Kriminalität“, Behörden, Politik und Wirtschaft (und darüber hinaus) eh Bereiche sind, wo es gut für uns ist, dass wir nicht wissen, was da nun wirklich läuft, und in dem ganzen ökonomischen Sektor auch gar nicht mehr so ohne weiteres zwischen legal und illegal zu unterscheiden ist. Ganz deutlich wurde das bei dem Prozess zu dem Falk-Erben, wo selbst ich etwas mehr verstanden habe als die Richter nach 20 Jahren Realwirtschaft.

    Rund um Stuttgart gibt es da mehr Infos, es gab auch Untersuchungsausschüsse zu Mappus‘ Mafia-Kontakten, ein Wirt war es in dem Fall.

    Da wird es nirgends den „großen Plan“ geben, aber diverse Verstrickungen, die durch das Gelaber von Leuten wie Neumann, dieser ganze idealtypische Schmonz zur Rechtsstaatsbegründung, gerade verdeckt werden. Und bei manchen von denen habe ich manchmal auch das Gefühl, dass die echt Angst haben. Vor wem oder was auch immer. Der Fall Erdathy hat ja nicht nur mir zu denken gegeben.

    Das Schlimme ist, dass man zu alledem wirklich nur bei höchst halbseidenen Verschwörungstheoretikern was findet. Weil alle Vernünftigen sich lieber auf habermasianische Demokratiebegründungen beziehen.

    Während, ganz, wie Du schreibst, jeder Lohnabhängige eh verachtet wird und eh nix zu melden hat. Als ich damals zur Gründerberatung in der Handelskammer war, war das auch so ein „Willkommen im Club!“ Ich bin lieber wieder ausgetreten, zu bestimmtem Verhalten nötigt Dich die Struktur. Und das wollte ich nicht.

  13. Hannes Mai 4, 2014 um 10:41 pm

    Man kann aus der IHK austreten? Ich dachte, jeder Gewerbetreibende/Unternehmer ist da Zwangsmitglied?

  14. momorulez Mai 4, 2014 um 10:43 pm

    Ich bin kein Unternehmer mehr, nur ganz ordinär freiberuflich …

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