Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Freundschaft, Emphatie, Solidarität: Der Tag danach beim FC St. Pauli

„Dabei sei es auch gut gewesen, sich auch um allgemeine Dinge zu unterhalten. „Es war gut, sich gegenseitig auszutauschen – auch was die Wahrnehmung des Vereins angeht. Dabei ging es auch darum, dass der FC St. Pauli nicht wie jeder Fußballclub zu sehen ist, sportliche Gründe nicht immer die oberste Priorität haben sollten und Fingerspitzengefühl sowie das Zwischenmenschliche wichtig ist“, erklärte Boll. Dieser ärgerte sich, dass die Unterredung erst jetzt, kurz vor dem Saisonende, stattgefunden hatte: „Wir hätten uns viel früher schon unterhalten müssen. Den Schuh ziehe ich mir auch an.“

Das ist ja mein Lieblingspassus aus dem heutigen, echt formidabel, das meine ich völlig ernst, gehandhabten Krisenmanagement des FC St. Pauli nach dem elefantösen Durchmarsch Vrabec‘ durch unser aller Porzellanladen (schreibe ich nochmal, diese Formulierung, weil sie @curious bei Twitter gefiel, also nur für ihn 🙂 …).

Es wurde mit Bravour darauf geachtet, dem Kapitän zu huldigen und doch den Gesichtsverlust für Vrabec in Grenzen zu halten, indem man in eigener Stellungnahme ihn die sportlichen Gründe noch einmal betonen und ihm zugleich den Raum für Erklärung und Entschuldigung ließ.

Nun bin ich kein Trainer und sehe auch nicht, was da läuft im Vorfeld beim Üben auf dem Rasen – ich bin, glaube ich, trotzdem nicht der einzige, der davon ausgeht, dass ein Boll noch auf Krücken mitreißender wirken kann als manch zauberhafter Jungspieler, der seine Mitte erst noch finden muss. Wofür er ja nix kann. Er gibt ja auch alles und lernt ständig dazu. Um in zwölf Jahren bei den letzten Spielen auch im Kader sein zu wollen …

Als Boll bezeichnet zu werden bei der Durchsage der Mannschaftsaufstellung ist dennoch für jeden ein Riesenkompliment 😉 … für die, die es vielleicht dennoch als sie negjerend empfanden: Nee, echt nicht. Dem Boll zu huldjgen schmälert kein „You’ll never walk alone“ noch Niederlagenräusche. Keine Anerkennung. Nein. Für jemanden rufen ist kein gegen Andere sein.

Ich finde die Akzente, die in den Presseverlautbarungen gesetzt werden, prima – angesichts dessen, dass man von wenigen wohl mehr über den Spirit des FC St. Pauli lernen kann als von Fabian Boll. Und es ist nicht frei von Komik angesichts wirtschaftlicher Gepflogenheiten, aber im Grunde genommen der völlig richtige Weg, dass nunmehr der Angestellte seinem Vorgesetzten nach immerhin einem Jahr Agieren des erst Co-, dann Trainers beim FC St. Pauli mal erzählt, worum es bei diesem Verein geht: Eben auch um verdammt viel Gefühl und Menschen, mit denen zusammen man in all den Jahren eine ganze Menge Zeit verbracht und gemeinsam viel erlebt hat, denen Bewunderung zuteil wird und die nicht auf die Funktionen im effizienten Getriebe reduzierbar sind.

Was immer auch Vrabec zuzugestehen ist. Klar ist der auch angefressen und soll das auch sein, wenn es auf dem Platz nicht funktioniert, wie er es sich vorgestellt hat.

Ob es Sinn macht, die, die jene wählen, die seinen Chef einstellen und feuern können, des Schwachsinns zu bezichtigen, können ja auch machtbetonte Menschen sich auch selber fragen.

In all der Aufregung ist nämlich auch was sehr Schönes passiert: Die emotionale Bindung, ja, Leidenschaft, die der Kosmos des FC St. Pauli entfachen kann und die auch nicht bei jedem mal so eben schwindet, hat sich auf ja höchst solidarische Art die Bahn gebrochen und durchgesetzt. Initiiert wurde das Ganze durch Statements eines formal Ehemaligen, tatsächlich aber ewigen St. Paulianers, der nun in keiner Form von irgendwelchen Aufstellungen profitieren könnte, verbreitet durch ein Traditionsfanzine.

Es gibt ja sogar Zeitungen, die „Freunde“ im Titel führen, und Fussball-Binsenweisheiten diesbezüglich sind bekannt – aber wann ist bei all den Debatten rund um Beziehungsformen eigentlich noch von Freundschaft die Rede? Michel Foucault hat nicht zufällig in seinem Spätwerk den Akzent darauf gesetzt; man redet von „Homies“, „Bezugsgruppen“, „Seilschaften“ und allzu oft dringt gerade unter Männern die auch noch zwecks Effizienz angeblich zu forcierende Rivalisierei, übrigens auch in schwulen Beziehungen, sich dazwischen in Gesellschaften, da Männer ganz auf Status und Konkurrenz gedrillt werden – und guckt man sich gerade Jungensgruppen an, wirkt es manchmal so, als würde der Akzent nun darauf liegen, sich wechselseitig zu demonstrieren, wie zu Frauen Mann sich verhält. Oft auf deren Kosten.

Ich bin selbst gerade etwas erstaunt, in welche Richtung dieser Text sich entwickelt 😀 – aber vielleicht trifft es ja einen wichtigen Punkt: Freundschaft ist halt Solidarität im Kleinen und vielleicht gar nicht unwichtiger als diese „Keimzelle Familie“, von der immer alle reden?

Wenn dann in Facebook-Diskussionen ein Fussballprofi, ja, ausruft „Wir sind doch keine Roboter!“, trifft Emphatie auf Solidarität.

Wenn es das nun wäre, was zumindest irgendwie den „Spirit“ des FC St. Pauli ausmachte und Bindungskräfte noch in Folgeengagements hinein zu schaffen vermag, also, ich kann da sehr gut mit leben – es HAT eine politische Dimension sogar. Und entzieht sich glatt jeder Effizienz- und Verwertungslogik. Mann kann Freund sogar ohne „Feind“ denken, auch wenn der Politik das schwer fällt. „Freunde sind auf dieser Welt das einz’ge, was man selber wählt“ hat Georgette Dee einst gesungen.

Was also passierte heute hinter den Kulissen, so weit sich das anhand der Verlautbarungen überhaupt beurteilen kann? Es wurde nach schwer erträglichen Ausfällen einer Führungskraft exakt das zumindest signalisiert: Wir mühen uns, uns in alle hinein zu versetzten, suchen soldarische Gespräche und gucken, was den „Spirit“ ausmacht, den wir zusammen leben wollen.

Ich finde das schon dolle. Also, für ein Gefüge, dass den realkapitalistischen Regelwerken folgen muss.

Ich musste bei Lektüre der PK-Statements des Trainers gestern auch an eine legendäre Pressekonferenz denken, da ein Präsidiumsmitglied den „Jolly Rouge“ mit Blut und Gewalt assoziieren wollte. Also den Weg wählte, im Ego-Hick-Hack den Empörungsdruck gewissermaßen umzukehren wie in einem US-Gerichtsthriller. Hat so gar nicht funktioniert; ich habe freilich einen Heidenrespekt davor, dass dergleichen seit Spiess‘ unterhaltsamer JHV-Rede nicht mehr versucht wurde, sondern stattdessen ganz andere Wege gewählt wurden. Das ist im Grunde genommen auch der weniger anstrengende. Sondern dass stattdessen prompt moderiert, der Ausgleich gesucht und doch die Richtung klar formuliert wird: Boll führt als Kapitän die Mannschaft gegen Aue auf’s Feld.

Ich vermute mal als außenstehend Anmaßender, dass der Trainer alleine aus dieser Praxis, dass Moderieren, Interessenausgleich, wechselseitige Anerkennung, Agieren jenseits von Effizienz, autoritärem Gehabe und Durchsetzungswille möglich ist, etwas für seinen Weg, Konflikte zu leben, lernen wird. Ob nun für die Arbeit bei uns oder anderswo.

5 Antworten zu “Freundschaft, Emphatie, Solidarität: Der Tag danach beim FC St. Pauli

  1. Pingback: Ein unsichtbarer Boll überall und die selbstgestellte Trainerfrage beim #fcsp Heimspiel gegen VfR Aalen | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. lenny April 28, 2014 um 9:20 pm

    Schön fände ich wenn es für Roland Vrabec auch ein wenig Empathie gäbe. Wenn es ein Verzeihen gäbe. Wenn er hier etwas Menschlichkeit erfahren würde von den ganzen selbsternannten Menschenfreunden. Die ja so anders ticken am Millerntor – aber das muss der RV erst noch lernen, wie lieb wir hier alle sind. Notfalls auf die harte Tour.
    Menschlichkeit obwohl – oder gerade weil – er auch mal ein ganz klein wenig wie ein ganz normaler Mensch reagiert hat und emotional aus sich raus gegangen ist, weil er genervt war. Nicht professionell, nicht zielführend und nicht sehr fair war er da.
    Nun ja, auch kein Grund mir mehr als ein Schulterzucken abzuringen. Nichtsdestotrotz wird es ihm den Job kosten. Nächste Woche, nächsten Monat, nächste Saison.

    Schön zu sehen, dass Boller so viele Freunde hat und ich gönne sie ihm von Herzen – genauso wie noch möglichst viele Spielminuten am Millerntor. Aber man sieht eben auch wer hier keine Freunde hat.
    Die Empathie für den Einen ist die Ausgrenzung des Anderen. Wie auf dem Spielplatz vor meinem Fenster: Alle tätscheln sie dem kleinen Fabi den Kopf, während sie diesem Rüpel, der ihm einfach eine verpasst hat – dem es vielleicht mittlerweile auch leid tut und der einsieht einen Fehler gemacht zu haben – die kalte Schulter zeigen.
    Deshalb geh ich nicht auf Spielplätze weil ich weder die Kinder noch die selbsternannten Erwachsenen dort ausstehen kann. Zu St. Pauli geh ich trotzdem.

  3. momorulez April 28, 2014 um 9:33 pm

    Na ja, hättest Du alles gelesen, dann wäre Dir der eine oder andere Passus auch im Bezug auf Vrabec aufgefallen. Zudem es trotz Genörgel im Forum bisher nun auch kein permanentes Abwatschen von Fanseite gab in seine Richtung, so gar nicht. Wenn Du Dir mal anguckst, wie die Heimspiele liefen, wäre in anderen Stadien aber ganz anderes los gewesen. Bei uns nicht, finde ich gut.

    Ich habe nun selbst lange genug Chefs gehabt und war selbst 14 Jahre einer und habe dem jungen Mann da einen gewissen Erfahrungsvorsprung gegenüber – freilich nicht auf so großer Bühne und in anderem Metier. Und wünsche ihm wirklich, dass er da lernt, was es zu lernen gilt.

    Und in diesem Fall gilt halt schon noch als tatsächlich ursächlich eine Entscheidung des Trainers, auf die es entsprechende Reaktionen gab – übrigens pro Boll, gar nicht explizit contra Vrabec. Dann legt er auf einer Pressekonferenz noch nach und vergreift sich völlig im Ton. Das fordert nun auch keine Freundschaftsbekundungen heraus.

    Ja, er hat sich entschuldigt, akzeptiert, und nun warten wir mal ab. Auch in Freundschaften muss man sich ja erst mal kennen lernen. Aber daraus jetzt die Ausgrenzungs- und Opfernummer zu basteln, das finde ich etwas billig.

  4. smasheduplenny April 28, 2014 um 10:07 pm

    Sorry, war garnicht so sehr auf deinen Text bezogen sondern auf die allgemeine Stimmung. Aber die lediglich als Nörgelei abzutun empfinde ich schon als recht euphemistisch. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass der Kerl hier noch ne Chance hat?

    Naja, solange es woanders noch schlimmer wär…

  5. momorulez April 28, 2014 um 10:35 pm

    Jetzt wird es schwer für ihn, vorher hatte er sie definitiv. Im Forum wurde noch über jeden Trainer genörgelt, es haben ihn aber auch viele gestützt. Klar hat er jetzt erst mal mehr oder minder fast alle gegen sich aufgebracht, aber das nun auch wirklich ohne jede Not. Selten hat wohl ein Trainer ein einigermaßen intaktes Team auf einem solchen Tabellenplatz eines solchen Vereins serviert bekommen und war dabei so wenig Druck ausgesetzt, den Aufstieg hat keiner gefordert, er hat ständige öffentliche Rückendeckung von Azzouzi bekommen, er hat da echt ’nen guten Kader, ein mal (!!!) gab es Pfiffe nach einem Spiel und er rastete prompt aus und trotzdem hat sich der Großteil der Fans über die Pfiffe und nicht über ihn beschwert – und er macht ’nen entscheidenden Fehler gegenüber einer echten Vereinsikone und kollabiert dann verbal völlig in totaler Verständnislosigkeit.

    Und selbst da stärkt ihm die Breitseite noch vollumfänglich den Rücken, der Übersteiger meint, er hätte durchaus noch die Möglichkeit, wie Meeske zu lernen – ich denke, wenn er will, kann er durchaus noch was draus machen. Und beschweren kann er sich echt nicht, meines Erachtens. Also, das hat er sich nun echt selbst eingebrockt, und noch immer diskutieren fast alle halbwegs sachlich tatsächliche Fehler. Er hat jetzt zumindest noch zwei Spiele, wo er zeigen kann, was auch anders geht.

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