Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Der Trainer ist für den Kader und die Aufstellung verantwortlich“ – FC St. Pauli – Aalen 0:3

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Ist da schon eine Distanzierung Azzouzis durchzuhören?

Hoffentlich ja.

Vom Sportchef stammen obige Worte in der Überschrift – ob die Mopo nun richtig zitiert, was stpauli.nu zitiert, dass Herr Vrabec nach dem Spiel in Richtung des Publikums giftete, „die“ „sollten“ sich doch bitte um die auf dem Platz kümmern und nicht um die #17 für immer? Ist der jetzt auch noch für das zuständig, was wir „sollten“?

Wirkt ein bißchen wie ein kontrollwütiger Border-Collie, der versucht, auf Kreuzungen die Autos wie verirrte Schafe zusammen zu treiben … was auch als Metapher für manche Spiele unter Vrabec gar nicht schlecht passte.

Ich habe den noch vor dem Spiel neben den Totenkopf auf meiner T-Shirt-Brust per Goldacrylglitter gepinselt, diesen Slogan, „#17 für immer“. Als Parole von jemandem ausgegeben, der den FC St. Pauli offenkundig besser kennt, versteht, lebt und sich ihm noch immer wohl liebevoller widmet als der giftende Noch-Trainer. Liebevoller, das sagt was über die Haltung aus, nicht die Arbeitsintensität.

Hat ja jeder mit bekommen, dass mit Ralle Gunesch jemand, dessen Ohren im positivsten Sinne so weit auf gesperrt sind wie von sonst wenigen, die ich kenne, den Boll-Soli-Aufruf bei Facebook mit initiierte.

Boll fit und nicht im Kader? Unfassbar. Da muss es doch welche im Verein geben, die Vrabec vor der eigenen (mumaßlichen) Unzulänglichkeit in Teambuildingsfragen und im Bezug auf die St. Pauli-Historie schützen ….

Ralle verwies wohl kaum aus Geltungsdrang darauf, sondern weil er die Aufbauarbeit rund um diesen Verein mitvollzogen hat, mitbaute, von der Regionalliga bis hin zu Stadionneubau und Ausflügen in Liga 1. Übersteiger, stpauli.nu und viele andere mehr schlossen sich ihm zu recht an. Heute bei der Mannschaftsaufstellungsdurchsage erklang nur ein Name: Boll. Nicht, weil Schachten oder Halstenberg und die anderen nicht auch ungemein prima wären. Das ist unser Team! Und da werden einige ja auch noch an den Punkt kommen, dass sie zu schätzen wissen, wenn St. Pauli-Historie gewürdigt und gelebt wird. Oder sind da schon.

Boll steht für eine ganze Ära, ein Lebensgefühl, eine Spielweise, eine Haltung, auch Selbstironie, mit der wir alle sehr glücklich waren. Und gerne wieder wären.

Herr Vrabec findet diesen Teil des FC St. Pauli offenkundig sekundär. Geteilte Erinnerungen, Erfahrungen, Geleistetes, Gelebtes: Ab auf die Tribüne. Und so sah das Spiel ja auch aus.

Herr Vrabec lässt stattdessen lieber rotieren bis zum Drehwurm und giftet rum. Der rotiert wohl so lange alles um sich herum, bis keiner mehr weiß, worum es gerade geht, Hauptsache, er glaubt, er habe die Kontrolle. Dem Anschein nach.

Vor lauter Rotation Wirrwarr. Nix wirkt eingespielt, nix wie Team. Hauptsache, niemand außer ihm hält sich für wichtig? Der Effekt auf dem Feld lässt das vermuten. Animierte gar zu Witzen. PA: „Wer spielt jetzt eigentlich im Sturm?“ MR: „Das wissen die offenkundig selber nicht.“

Ich habe ja oft gegrübelt, wieso immer wieder der Eindruck entstand, dass nach der Winterpause, echt lang war sie, und einem Intensivtrainingslager das Gefüge auf dem Platz so ungleich instabiler, verwirrter und disharmonischer wirkte als zuvor. In den ersten Spielen nach Frontzeck schienen sie noch befreit von dessen Korsett; die alte Leier von der „Freiheit von“ und der „Freiheit zu“ wandelte sich jedoch zunehmend zugunsten ersterer.

Zunehmend entschieden Zufälle, die Vorstöße Einzelner und ansonsten Gewackel, Gebibber und punktuelles Aufkeimen echter Leidenschaft wie beim schönsten Unentschieden gegen Fürth oder auch dem Unbedingtnochsiegenwollen gegen die Region die Spiele. Bei letzterem ging es schief, so what. Niederlagen gibt es, Leben heißt verlieren lernen, komm, sorg‘ Dich nicht um mich …

Aber wenn um die siebzigste Minute ALLE um mich herum den Abpfiff ersehnen, um den Tag noch genießen zu können, die Süd aus Langeweile Gesänge gegen den HSV anstimmt und um mich nach dem nicht gegebenen 4:0 nur noch „Bitte kein Abseits!“ fatalistisch gerufen wird, weil alle wollen, dass das gefühlte Debakel auch dem Ergebnis nach eines ist und der Trainer geschwächt wird, wenn ich nur noch endlich vor die Domschänke möchte, um all die ans braun-weiße Herz Gewachsenen zu treffen; wenn der Eindruck nicht schwinden will, als ginge es der Mannschaft genau so, dann hat der Chef halt versagt und sollte nicht auch noch zur Publikumsbeschimpfung übergehen. Das konnte Handke besser.

Ich glaube ja an das Team. Das sind gute Jungs mit tollen Fähigkeiten.

Ich habe aber über die Jahre genug Leitende erlebt, um zu wissen, wie man solche Effekte erzielt, wie es Herr Vrabec gelingt. Wie man solche Verunsicherungen erzeugt, so eine Rat- und Powerlosigkeit, wie sie heute gegen Aalen zu sehen war.

Wenn das Ego in seiner Schwäche und seinem steten Kampf nur noch Macht und Position im Rudel sieht, indem es die Anliegen, Sichtweisen, Bedürfnisse und Fähigkeiten Anderer mutmaßlich negiert und sie vermutlich schon deshalb auf die Tribüne setzt, weil sie für genau das stehen, was das Ego nie erreichen wird, eben Souveränität, Klarheit, Orientierung bieten und selbst im entscheidenden Moment zurück treten, auf Andere schauen und rechtzeitig abspielen … dann täte eine Pause und eine Runde Meditation dem Ego gut. Das gilt generell für’s Ego. Man hüte sich vor ihm.

Nee, die #17 für immer nicht im Kader, das war mehr als ein Ausrutscher. Wirkte wie der Ausdruck einer Haltung von jemandem, der Leitung mit Machtkampf verwechselt und vor imaginierter „Führungsstärke“ den Faden längst verloren hat.

Mag Herr Vrabec nun auch noch wollen, dass das Publikum rotiere: Ich glaube nicht, dass er das schafft.

Die vom MagischenFC haben recht: Mit Boll wäre das nicht passiert … ein Traumtrainer für die Zukunft, eigentlich.

Schade, dass er Kommissar ist und nicht schon für den Trainerlehrgang angemeldet …

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Eine Antwort zu “„Der Trainer ist für den Kader und die Aufstellung verantwortlich“ – FC St. Pauli – Aalen 0:3

  1. Pingback: Ein unsichtbarer Boll überall und die selbstgestellte Trainerfrage beim #fcsp Heimspiel gegen VfR Aalen | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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