Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Ob es so oder so oder anders kommt …!“ – FC St. Pauli – FCK 2:3 (und Momo on the radio)

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„Zusammenfassend bleibt in meiner Erinnerung ein Niederlagenrausch zurück. Geile Atmosphäre, geile Leute, Scheißergebnis. Scheiß aufs Ergebnis! Geiler Abend! Das ist Fußball? Quatsch, das ist Sankt Pauli! So richtig schade war eigentlich nur, dass Boller sein Comeback nicht in dieser geilen Atmosphäre erleben durfte. Ich hätte es ihm gegönnt.“

Womit JaWasDenn das Entscheidende bereits auf den Punkt gebracht hätte. Das folgende ist die Fussnote dazu.

Als ich da stand nach dem Spiel auf der Haupttribüne, jenem Ort, da man Autohöfe gerne ignoriert, die glauben, verordnen zu können, wann man sabbeln, wann man singen sollte und um mich herum Menschen aufgelöst in Standing Ovations ihren Trance auskosteten trotz der Niederlage – ich wusste die Wunder des hypnotischen Sogs, zu dem Mannschaften des FC St. Pauli fähig sind, durch und durch zu schätzen. Zu genießen. Zu inhalieren als pralle Lebenslust.

Es war natürlich schon traurig, hinterher zu lesen, dass die Mannschaft den Last Minute-Treffer, klar auch, als Genickschlag empfand, nachdem sie mit dem 2:2 noch mal so eindrucksvoll zurück gekommen war. Und doof, dass Tschauner sich eine Verletzung zuzog – gute Besserung! Doch wie ihr trotz nun echt bravourös druckvoller Regionisten immer wieder euch aufbäumtet, domiertet, sie fast auf ihre Torlinie drücktet, da war mir auch schnurz, dass denen das umgekehrt auch gelang. Das war Big Entertainment, packend, spannend, großes Gefühlskino, Dramatik, toll!

„Aber schön war es doch, schön war es doch, und ich möcht es noch einmal erleben“, um einmal mehr mit Hildegard Knef zu sprechen, nur das nächste Mal halt mit anderem Ergebnis. Ich fand es umwerfend sexy, wie sich die Boys in Brown von der 90. bis zu 97. Minute aber noch mal so was von hinein warfen, und no risk, no fun ist immer (!!!) das bessere Motto als „Cleverness“. Smartness war ja genug vorhanden. P.A. neben mir war zwar auch irgendwie bedöppelt, aber hey, es mag zwar nichts erfolgreicher sein sein als der Erfolg, doch: Es geht um’s Tun und nicht um’s Siegen.

Fällt mir jetzt noch eine Floskel oder irgendein Zitat ein? Noch’n Songtext? „Ob es so oder so oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es recht, es kommt sowieso nie so, wie man es gerne möcht‘!“ (Lena Valaitis) „So ist nun mal das Leben, es kommt so, wie es kommt, den einen trifft es eben, der andere bleibt verschont.“ (Marianne Rosenberg) „Nur wenn ich lache, tut’s noch weh“ (Daliah Lavi) – nee, der passt ja nun gerade nicht. Dann schon eher Weckers „Wer nicht genießt, ist ungenießbar!“ „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel violett, weiß ich, dass das meine Zeit ist weil die Welt dann wieder breit ist, satt und ungeheuer fett!“ Auch Konstantin Wecker.

Und das nehmen sich die Spieler auch zu Herzen, spielen weiter mit praller Lust und breiter Brust, und weil uns das allen zusammen so einen Spaß macht, gewinnen wir sozusagen als Nebeneffekt die restlichen Spiele.

Wo ich schon beim Sampeln bin: „Move your Body“ von Frankie Knuckles, R.i.P.!, wurde in der Halbzeitpause auch angespielt, was mich sehr, sehr freute! Danke! Gerne mehr davon!

Und der FC St. Pauli ist immerhin auch der Verein, da man hinterher schwer angeknallt, aber hallo!, vor Kneipen steht und tatsächlich über Platons „Politeia“, die Fortentwicklung seiner „eingeborenen Ideen“ in Kants transzendentalem Programm und ob der „Seelenwagen“ denn nun was mit Freud zu tun habe diskutiert. Echt jetzt. Schön!

Morgen geht es ohne Kant und Platon, aber mit Foucault und jenem Topos der Kritischen Theorie, der die „verwaltete Welt“ beklagt, mit Momos „Tales of St. Pauli“ beim FSK weiter. Dieses Blog hat jetzt ja einen akustischen Ableger. Um 14 h ist es so weit, es wird Musik zu hören sein u.a. von Frankie Knuckles, Fela Kuti, Noiseaux, Donna Summer, Georgette Dee, Divine, Carmen McRae, Heather Small, S O H N, Nate57 und Joshua Redman – es lebe der Eklektizismus! Zwischendurch ereifere ich mich über Bürgermeisterreden, begeistere mich für John Waters und ersehne die Utopie. Und erinnere mich an das After Shave verflossener Liebhaber. Wer Lust hat, kann ja mal rein schnuppern.

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12 Antworten zu “„Ob es so oder so oder anders kommt …!“ – FC St. Pauli – FCK 2:3 (und Momo on the radio)

  1. Mrs. Mop April 14, 2014 um 1:07 pm

    Ist ja der Hammer – Du spielst ‚Move Your Body‘ gleich zu Anfang! Oh God. I love it so much. Und höre gespannt weiter.

  2. Mrs. Mop April 14, 2014 um 2:50 pm

    Sehr exquisite Musikauswahl aus weltumspannendem Groove, ist mir ein Hochgenuss von Anfang bis (jetzt fast) Ende, und superspannungsvoll abgemischt. War das gegen Ende „Anything Goes“, in ganz abgedrehter Variation? Phantastisch. Woah, eben läuft „Fried Neckbones“, wie geschaffen für unter die Haut. Eine sehr angenehme Radiostimme hast Du, mit einer entspannt-bedächtigen Phrasierung, die zum animinerten Zuhören einlädt. Toller Wurf, die Sendung.
    Bin ab sofort Fan. Danke!

  3. momorulez April 14, 2014 um 3:08 pm

    Oh, Dankeschön für das Feedback! Und die Komplimente!

    Für mich ist das ja ein sehr seltsames Medium, weil ich bisher nur wahlweise nur Text oder aber mit auch Bewegtbildern zu Musik und Text in der Mache hatte; wie ich nun die Informationsrelationen abstimme bei nur Akustik, da übe ich noch. Für mich ist das schwierig abzuschätzen, ob ich nun noch mehr erzählen muss, wer Fela Kuti, Divine oder John Waters waren und sind und was Scholz nun genau gesagt hat – oder ob ich eben in der „Moderation“ gewissermaßen eine Rampe und ein Deutungs/Färbungsangebot für die soziale Dimension der Musik danach schaffe, wie ich es versucht habe, so dass sich über die Sendung aus beidem etwas zusammen setzt, wo das Gesagt gar nicht mehr die Führung übernimmt, sondern eine Art nur teilweise erzählter Geschichte sich formt. Weil ich eigentlich gar kein journalistisches, sondern eher ein kommentierend-assoziatives, auch zitierendes, Genres und musikalische Grenzen nicht so ernst nehmendes Format machen möchte, wie halt auch das Blog hier ist, wo eher was aus dem Puzzle (vielleicht) hörend gemacht werden kann, was ich u.U, gar nicht wollte 😀 …

    Und mit der eigenen Stimme hadert man eh zunächst 😉 … habe mich nun beim 4. Versuch aber etwas daran gewöhnt.

    Die beiden Songs, die Du erwähnst, habe ich gar nicht gespielt 😦 – bei mir hörte das auf mit erst Joshua Redman, „My one and only love“, und dann Heather Small „Proud“ (und halt dazwischen Apple-Loop-Atmosphären und unter den Mods was selbst Gebasteltes). Weil „Proud“ auch das Ende von der US-Queer as Folk-Version ist, und ich mit Brian Kinney/Gale Harold irgendwie gerade nicht ganz fertig werde. Da haben die echt einen Brocken in die Welt gesetzt, der ganz schwer zu verdauen ist, fast wie bei einem Roman, der irgendwas Unauflösliches am Ende hat. Zudem es auch eine der typischen „Pride“-Hymnen ist. Und ich es sehr liebe und Heather Small eine derart gigantische Stimme ist 😉 … na, und unserem Frankie habe ich hoffentlich auch angemessen gehuldigt!

  4. Mrs. Mop April 14, 2014 um 5:04 pm

    Nur ganz kurz erst mal:

    Nee, die von mir erwähnten Songs hattest Du tatsächlich nicht gespielt – aus mir unerfindlichen Gründen (Mysterien der Technik!) war der Radio-Livestream (den ich über iTunes gehört hatte) in den letzten zehn Minuten der Sendung in meine eigene Musiksammlung gewechselt und hat sich – von mir unbemerkt – dort ein paar Songs abgegriffen. Wie sowas passiert, ist mir ein Rätsel. Jedenfalls dachte ich beim Hören, boah, erstaunlich große gemeinsame musikalische Schnittmenge zwischen momorulez und mir 🙂 – kein Wunder, waren das ja „meine“ eigenen Stücke gewesen. Verrückt. Egal, die Schnittmenge ist trotzdem groß. Fela Kuti war für mich das Stärkste, dicht gefolgt von Carmen McRae.

    (Auf Deine weiteren Anmerkungen komm ich später nochmal zurück.)

  5. momorulez April 14, 2014 um 5:16 pm

    🙂

    Für die, die es nicht hören konnten – Fela Kuti:

    http://m.youtube.com/watch?v=6GiL7a1RS5Q

    und Carmen McRae

    http://m.youtube.com/watch?v=4as30GSYIxo

  6. Mrs. Mop April 14, 2014 um 6:48 pm

    Mein Feedback zu Deiner stimmlich-sprachlichen Phrasierung war so gemeint: Dein Modus des Sprechens (d.h. entspannt-bedächtig) hat auf mich professionell gewirkt, ohne dass Du dabei in jenen stereotypen, mich tendentiell nervenden, gewollt wirkenden stakkatohaften Rundfunksprech verfallen bist. Das hat dem Ganzen etwas Intimes und Persönliches gegeben. Und genau das entwickelt eine Sogwirkung auf den Hörer.

    Mir als Hörerin wäre es lieb, wenn Du Dich an keinem der gegebenen radiojournalistischen Formate orientieren würdest – weil, letztere kriegen leicht etwas Schablonenhaftes, selbst wenn ein Haufen Information rumkommt. Das „kommentierend-assoziative“ Moment ist jedenfalls genau meine Welle, eben weil es so anders und damit erfrischend (ausgetretene Pfade verlassend) ist. Ich muss nicht dauernd „Wissen“ über diesen oder jenen Musiker vom Radiosprecher vermittelt bekommen; mir macht es Spass, selbst assoziativ Bausteine zusammenzuklauben, die mir angeboten werden. Wobei ein paar mehr Texteinsprengsel etwa zu Fela Kuti oder John Waters durchaus ihren Reiz hätten, aber – aus meiner Sicht – eher „wie zufällig“ generiert, oder aus welchem Grund Du grade einen Musiker wie Fela Kuti im Kontext marginalisierter Musikkulturen ausgewählt hast, d.h. wiederum: was genau DICH an diesen Musikern fasziniert. Aber mehr so als beiläufiges Apercu, als Gedanken, den Du mit Hörern teilen möchtest, ohne diesen ganzen musikjournalistischen Impact.

    Verstehst?

    Noch was:
    Gibt es die Sendungen auch als Podcast?
    und:
    Könntest Du bitte für die letzten Stücke der Sendung – die ich aus erwähnten Gründen verpasst habe 🙂 – auch ein paar Links rüberschieben?

  7. momorulez April 14, 2014 um 7:07 pm

    Joshua Redman:

    http://m.youtube.com/watch?v=6_VYB0J4QuA

    Ich weiß jetzt nicht, ob das genau die Version war, die ich als MP4 habe, aber es war auch live. Weil meine Pointe der Sendung war, dass, ganz im Gegensatz zu dem, was Diederichsen in „Über Pop-Musik“ über „das Jazz-Subjekt“ schreibt, ich beim Redman-Konzert erst wirklich geschnallt habe, dass trotz großer Solisten Jazz im besten Fall Kommunikation und schöpferische Interaktion, improvisierend, ist, und er insofern das Gegenmodell zu der verwalteten Welt, die ausgrenzt, marginalisiert und abschiebt, darstellt in seiner musikalischen Praxis.

    Heather Small:

    http://m.youtube.com/watch?v=SCLtU2FaOyU

    Und 1000 Dank für Deine Anmerkungen, hinsichtlich des Musikjournalistischen war ich unsicher, empfand im Nachhinein aber Vokabeln wie „bahnbrechend“ selber so, ach, irgendwie ist das auch Supremacy, so ein Urteil. Das ist so „Rolling Stone“, als hätte man nun irgendeine Legitimation aus objektiver Geltung zur Absicherung heran zu ziehen. Da muss ich echt noch mehr üben, mehr und persönlichere Bilder zu finden oder andere Gedanken zu spinnen.

    Danke, das hilft mir wirklich sehr!

  8. momorulez April 14, 2014 um 8:54 pm

    Ach so, Podcast: Gent nicht wegen der GEMA-pflichtigen Musik ….

  9. Mrs. Mop April 14, 2014 um 9:14 pm

    Vielen Dank für die Links! Jetzt bedauere ich echt, dass ich den Schluss der Sendung und damit Deine „Pointe“ zu Joshua Redman verpasst habe. Jazz als „Gegenmodell zur verwalteten Welt, die ausgrenzt, marginalisiert und abschiebt“, das ist ein gutes Bild. Jazz integriert. Nicht nur nach außen. Jazz vermag die innere Zerrissenheit einer Persönlichkeit zu integrieren, insofern er diese Zerrissenheit erst einmal zulässt und sie dadurch zu überwinden hilft.

    Abschließend möchte ich mich mit einem kleinen ‚Abbinder‘ revanchieren:„Fried Neckbones and Some Home Fries“ (das Stück, was ich heute irrtümlich aus Deiner Sendung herauszuhören meinte). Afro-cuban Jazz des puertoricanischen Percussionisten Willie Bobo. Wenn ich noch Wünsche offen hätte an Deine wundervolle Global Groove Session: Add a little Latin flavour, please 😉

    Enjoy.

  10. momorulez April 14, 2014 um 9:26 pm

    ,Vor allem ist Jazz eine Praxis, wo Zusammenspiel, Improvisation und Individualität zusammen funktionieren können, ohne dass man sich darauf einigen müsste, auf was man nun gerne instrumentell einwirken möchte – macht man ja noch nicht mal wirklich mit den Instrumenten, die sind ja eher Medien für die Musik als solche.

    Was ziemlich Grandioses aus der kubanischen Phase Dizzy Gillespies hatte ich sogar in der „Vorgeschichte des Hipsters“-Sendung. Hast aber recht, ich habe ja auch einen chilenischen Saxophon-Lehrer, der sich über diese US-Fixiertheit immer ärgert und nicht nur auf lateinamerikanische, sondern auch viel auf indische und westafrikanische Musik verweist. Fela Kuti war ja schon mal ein Anfang – mein Dank geht an die Lampedusa-Gruppe! Und an Dich für den Link 🙂 …

  11. Realitätbrennt April 17, 2014 um 12:08 pm

    Kleiner Musiktipp für die nächste Sendung:

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