Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tears: Rest in Peace, Frankie Knuckles

Gerade Freitag, als ich das Stadion betrat und dort das ja auch bahnbrechende „Now I wanna be your Dog“ lief, als dann die Fürther Hymne in seltsam fränkisch-männlichem Mundartpop erklang, da sehnte ich mich danach, nur einmal vor dem Spiel eine der großen House-Hymnen zu hören.

Die Musikästhetik rund um den FC St. Pauli ist ja protoptypisch für die ungebrochene Dominanz des Rockism in weißen Gegenkulturen: Weiße, heterosexuelle Männer definieren zu Gitarren die Welt, und hätte der Hip Hop seine Bezüge zur House-Music noch ernster genommen, hätte ihm das gut getan. Warren G. und andere haben das ja auch.

So jubeln alle gerade diesem Markus Wiebusch oder wie der Kettcar-Sänger heißt zu, dass er Schwule erst „othert“, um sodann zu hoffen, dass das, was schwule Erfahrung tatsächlich anders macht, doch bitte egal sein möge – und haben vermutlich kaum mal eine queere KünstlerIn im iPod oder wo auch immer sie ihre Musik stapeln oder spreichern. Hört doch mal LGBTQ-People zu und all ihren Künsten und nicht nur denen, die sich löblich für sie einsetzen. Ja, ist ja auch schon geschehen, bei „Fussball & Liebe“ zum Beispiel.

Zum Glück gibt es ja auch viele Andere im Stadion, den Oke, den Willy zum Beispiel, über die ich heute bei Facebook erfuhr, dass ein wahrer Revolutionär verstorben ist: Frankie Knuckles.

Ich musste schon ganz schön schluchzen. Selbst als ich auch
noch im Indie-Gitarren-Sumpf dümpelte, war mir dessen Bedeutung sehr wohl bekannt.

Im heterosexistischen, weißen Feuilleton und seinen Ablegern wird das, wozu er so nachhaltig beitrug, ansonsten wenig bemerkt oder kanonisiert. Zu wenig Dylan, zu wenig Lennon.

Zwar hat auch Frankie Knuckles die Produktionsverhältnisse nicht ändern können, seinen nachhaltigen und unhintergehbaren Beitrag zur musikalischen Produktivkraftentwicklung hat er freilich geleistet:

„One of the leading DJs at that time was New York born Frankie Knuckles, also called the Godfather of House. Indeed, he was more than a DJ; he was an architect of sound, who experimented with sounds and thus added a new dimension to the art of mixing. In fact, he took the raw material of the disco he spun and added pre-programmed drum tracks to create a constant 4/4 tempo. He played eight to ten hours a night, and the dancers came home exhausted. Thanks to him The Warehouse was regarded as the most atmospheric place in Chicago. The uniqueness of this club lay in a simple mixing of old Philly classics by Harold Melvin, Billy Paul and The O’Jays with disco hits like Martin Circus’ „Disco Circus“ and imported European pop music by synthesiser groups like Kraftwerk and Telex.“

Der Übergang vom Sound der Marginalisierten, Disco eben, die nach der (im Detail in den USA ziemlich kompliziert verlaufenen) Legalisierung dessen, was die Psychiater des 19. Jahrhunderts „Homosexualität“ tauften, wie auch der Segregation, zur House-Music, der wurde von ihm unvergleichlich wirksam entfaltet. Der Name „House“ entstammt der Legende nach der Disco, in der er aufkegte, dem „Warehouse“. Er kreierte neue Soundflächen für die Erlebniswelten, die Clubs, für LGBTQ-People und PoC. Das Fortwirken des rechtlich Abgeschafften im Alltag als Homo- und Transphobie wie auch Rassismus konnte im Tanz und der Hingabe an den Beat ein wenig erträglicher gestaltet werden.

Die dieses Lebensgefühl artikulierenden Technologien, Remix- und irgendwann auch Sampling-Techniken stachelten allen voran Frankie Knuckles und Larry Levan an und bereiteten sie vor.

Drum-Computer und Sequenzer bezogen die DJs in Live-Sets ein, es wurde gecuttet, geloopt, verlängert, gekürzt, zunächst mit Hilfe von Tonbändern – vereint, getrennt, mit dem Material gespielt, immer so, dass die Crowd in Ekstase geriet.

Sie schufen damit ein Fundament für das, was mit Technotronic, Yazz und anderen in den Mainstream schwappen sollte, Massive Attack, Daft Punk und unendlich viele andere mehr ermöglichte und von Anbeginn an eine Priorität der Tanzenden vor dem „Künstler“, eine Priorität des Tanzes vor dem Wort und ein konsequentes Durcheinanderbringen der Gesetze der (männlichen) Urheberschaft und Schöpfung zugunsten einer aktiven Aneignung des geteilten kulturellen Materials mit Mitteln der Körperlichkeit und des Rausches etablierte. Irgendwann hörten es dann alle auch wie Dylan oder Lennon zu Hause.

Das rüttelt dennoch an diversen Grundfesten des Kunstverständnisses und legt reale Prozesse, die dem „Werk“ sowieso immer vorgängig sind, offen. Nun auch in der Musik.

Man munkelt, das könne einer der Gründe sein, dass Diedrich Diederichsen Tanz nicht als allzu zentral begreift in seinem aktuell allseits besprochenen Werk „Über Popmusik“ (das ich erst noch lesen muss, so stand es aber irgendwo). Weiße Männer headbangen und posen halt, mit dem Arsch wackeln ist wohl zu „weibisch“. Das Spiel mit dem Zitat analysiert er wohl trefflich; und letztlich hat ja auch Nic Pizzolatto gerade für „True Detective“ Nietzsche und Schopenhauer gesamplet und Kant Descartes und Platon. Mal ganz zu schweigen von Goethes „Faust“-Remix. War ja auch nicht neu, der Stoff.

Das legendäre Warehouse beschrieb Knuckles folgendermaßen:

„Es war eine hauptsächlich schwarze, hauptsächlich schwule Szene, sehr soulig, sehr spirituell. Für die meisten Leute, die da hin gingen, war das wie eine Kirche. Das gab es nur an einem Tag in der Woche: Samstag nacht, Sonntag morgen, Sonntag mittag. In der Anfangszeit, zwischen ’77 und ’81, waren die Parties unheimlich intensiv.“

Frankie Knuckles, zitiert nach: Christiana Brainl, Free Tekno, S.26

Die Hingabe an den Rhythmus, die Musik selbst als etwas, das größer ist als man selbst – eine Form der Spiritualität, die Tanzschuldressur und Pogo gleichermaßen fremd bleibt und doch noch bei jedem aktuellen Jazz-Musiker maßgeblich wirkt und gelebt wird im Spiel mit der Improvisation.

Da wirkt der Gospel fort, der das, was Evangelikale verhunzend treiben, schon in seiner musikalischen Form transzendiert und aufhebt und bannt und der Lüge straft.

House historisch höre ich somit immer auch als den Soundtrack des Lebens zu Zeiten der in den frühen 80ern aufkeimenden und ausufernden AIDS-Epidemie, als kompensierende Gegenwehr einer Subkultur, deren Tote öffentlich nicht betrauert wurden, denen keine Emphatie galt, die eher noch beschimpft, kriminalisiert wurden (und werden), Politiker nach Internierungslagern riefen ließen und geifernde „Nächstenliebende“ zu Predigten von der „Strafe Gottes“ animierten.

House setzte trotzig ein Fanal dagegen und zündete wahre Spiritualität – Erlösungshoffnung. Immer auch irdische. Die Verjenseitigung ist ja Vermachtungseffekt zu Zeiten der Kanonisierung der biblischen Schriften.

Frankie Knuckles war Überlebender jener Jahre, was keineswegs zu groß gesprochen ist, betrachtet man z.B. den Abspann einer Kino-Dokumentation über „West End Records“, einem der führenden Disco-Label jener Tage und all die Namen derer, um die dort getrauert wird. Auf der letzten Oscar-Verleihung fanden sie auch ja auch mal Erwähnung; den Trans-Menschen durfte trotzdem kein wirklicher Transvestit/Transsexueller spielen im ausgezeichneten Film.

Tracks wie „Your Love“ (zusammen mit Jamie Principle) und „Tears„, die Frankie Knuckles hinterließ, atmen die Trauer und doch auch die Sehnsucht nach dem „Promised Land“ und machen zudem so überdeutlich, was nicht nur der ungebrochenen Brutalität manch nach Junggesellenabschied schreienden Teutonen-Technos völlig abgeht wie auch all die Zerrbilder von PoC-Maskulininät, die rund um den Hip Hop kursieren, Lügen straft: Zu was für einer Sensibilität, Sanftmut, zu wie viel emphatischem Schmeicheln und Locken und Wünschen, somit unter „feminin“ Verbuchten, die kulturellen Traditionen der Black Music doch fähig sind.

Die Musik, die virtuose Mix-Technik, die „Bricolage“ wie auch die Tracks des Frankie Knuckles atmeten Soul-Music und schrieben sie unvergleichlich fort.

Nun ist er in den House-Himmel eingegangen und zeigt all den versammelten Cock-Rockern dort erstmal, was sie vermutlich noch nicht einmal dort verstanden und gefühlt haben – Rest in Peace, Frankie Knuckles. And Happiness.

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4 Antworten zu “Tears: Rest in Peace, Frankie Knuckles

  1. Realitätbrennt April 2, 2014 um 12:08 am

    Mit 59 an Diabetesfolgen nach Jahren des Siechtums elendig verreckt. Hat mich geschockt. Klingt bestimmt doof, aber ich habe mir heute einen Diätchart zum Abnehmen an die Badezimmertür gepinnt. Außerdem habe ich meine Joggingschuhe entstaubt. Ist vielleicht nicht das klassische Andenken an Frankie Knuckles.

    Außerdem habe ich mir auf Youtube ein paar Demos vom neuen Roland Aira TR-8 reingezogen und dazu noch ein paar Acid House Tracks. Was ich an Frankie Knuckes immer so großartig fand, das war die Bandbreite seiner musikalischen Interessen, und die besondere Art, diese miteinander zu verbinden. Er riss Grenzen ein und „Mischen“ war bei ihm mehr als ein Beruf. Es war seine Berufung, auch später, als er als Produzent aktiv wurde. Ob nun für Diana Ross oder Depesche Mode, ob Einflüsse aus Soul und RnB oder der europäische Synthpop von Kraftwerk.

    Er mischte. Das war nicht zuletzt auch ein Statement.

  2. Mrs. Mop April 2, 2014 um 8:02 am

    Noch ein Frankie-Knuckles-Fan! Wie geil. Es ist verrückt: Als ich gestern von seinem Tod las, pulsierten mir schlagartig diese abgefahrenen Klavierläufe durch die Eingeweide. Dieses harte, metallische, unbarmherzige, treibende, mich zum Wahnsinn treibende Klavier – ich fange heute noch an, unwillkürlich zu zucken, wenn ich an Stücke wie „Move Your Body“ nur denke. Diese mörderischen reduzierten Breaks, die den Tänzer lustvoll aushungerten, bevor das Piano oder das scharfe Gestichel und Gezischel der Hi-Hats ihn schließlich erlösten und gnadenlos vor sich her trieben, ihn bewegten bis zum Morgengrauen, move your body eben.

    Danke für den großartigen Artikel und für die Gelegenheit, intensive Erinnerungen zu teilen.
    Rest in Peace, Godfather.

  3. Pingback: Nervenaufreibend | Blutgrätsche Deluxe

  4. momorulez April 2, 2014 um 8:23 am

    Danke für eure Kommentare! Ich habe eben zwar Schokolade, ein wenig, beim Schreiben der „Morgenseiten“ zu mir genommen, aber diese Hommagen hat der Mann ja so was von verdient!!! Der war ja echt an der Schnittstelle einer popkulturellen Revolution aktiv, wie auch Africa Bambaata, Nile Rogers, Donna Summer, Grace Jones – und dann guckt man sich diese ganzen Top 100-Alben-Listen an und wundert sich, dass viele noch nicht mal peilten, dass auch die Maxi-Single echt ein Riesenschritt war. Und was Knuckles und Levan dann draus machten war schon echt toll und gaaanz groß.

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