Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ein Anti-Hornby-Appell nach einem 0:3 in Paderborn: Für Hedonismus!

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„Der natürliche Grundzustand des Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht.“

Nick Hornby

Ist bei uns ja gar nicht durch und durch so. Um so seltener, desto besser! Enttäuscht wird nur, wer sich täuscht. Realist ist, wer auf Lustmaximierung setzt. Nur möglichst nicht auf Kosten Anderer. Lust im aristotelischen Sinne.

Wobei das schon eine gute Frage ist, wie denn nun der Grundzustand des St. Paulianers beschaffen ist. Wahrscheinlich besteht er darin, dass das fortwährend diskutiert wird.

Ist ein pfeifender St. Paulianer ein richtiger St. Paulianer? Oder ist die Party-Fraktion unrichtig – weil unpolitisch und schlagermovisiert? Handelt es sich um eine vor allem friedliche Crowd aus verbürgerlicht-biederen Love & Peace-Hippies oder um fortwährend grundlos entfesselte Polizistenhasser in bestimmten Stadionregionen, denen autoritär der Marsch geblasen und der Arsch versohlt gehört? Oder schadet gar dem Vereinswohl, wer das Erlebnis und individuelle Unterhaltungsbedürfnisse in den Mittelpunkt seiner Forderungskataloge stellt, wie im Forum zu lesen war?

„Warum bist Du bei St. Pauli“ ist ja sozusagen die Dauerbrenner-Frage, wobei die meisten Pointen schon darin bestehen, dass es zumindest um mehr als nur Fussball geht. Was dann von wieder anderen bei Facebook in Kommentarsektionen wütend attackiert wird, die „nur Fussball“ im Stadion wünschen. Irgendwie geschichtslos.

Denn was vereint, das ist zumindest geteilte Historie, Erlebnisse inmitten der Menge. Dazu gehört auch die Freude über Regenbogenchoreos.

Und mir fiel auch gestern ein Spiel in Kaiserslautern auf dem Betzenberg in der Stani-Aufstiegssaison Richtung Liga 1 wieder ein, in der Rückrunde, wo nun ausgerechnet die auch von mir jüngst beschworene „Heldengeneration“ in Mutlosigkeit kaum über die Mittellinie kam, Ebbers nur zeterte und das plural ausdifferenzierte Wir der St. Paulianer sich in Fassungslosigkeit erging angesichts unerklärlicher Passivität der Mannschaft. Ich meine mich sogar an ein desaströses, traumatisches 0:5 in Fürth in der Aufstiegssaison unter Demuth zu erinnern, auch in der Rückrunde.

Im Gegensatz zu Marcel Rath einst haben wir nun viel attraktivere und spielstärkere Männer im Kader, und dessen Kampfschweintugenden haben in Liga 1 auch nicht weiter geholfen. Wo ich eh nicht hin will.

Stattdessen wünsche ich mir einfach mal, dass, statt nun in Verzweiflung angesichts der Niederlage in Paderborn zu versinken, die Mannschaft doch einfach erfreut zur Kenntnis nehmen sollte, dass Scheitern auch mal cool sein und Lernen Spaß machen kann. Wenn Paderborns Pressing so formidabel funktioniert und zu Fehlpässen zwingt, dann probiert das doch einfach auch mal wieder! Wenn Herr Vrabec versteht, dass ein Sich-Aufregen über Pfiffe nur unnötige Energien kostet und sich daran erinnert, dass die ersten Spiele unter ihm vor allem von der Spielfreude lebten, die Frontzecksche „Ordnung“ mal verlassen zu können, hat er doch den Umgang mit Potenzialen in der Hand.

Ich denke nämlich im Gegensatz zu allen Forums-Unken, die „Vereinswohl “ definieren, dass neben der für mich auch so wichtigen politischen Komponente das „Wir!“ des FC St. Pauli ein letztlich hedonistisches ist.

Ganz billig „zusammen Spaß haben!“. Nicht zusammen enttäuscht sein oder von einstigen Europacupsiegen träumen und unbedingt etwas darstellen wollen. Sondern einfach sein und genießen, was kommt. Unter St. Paulianern.

Das Publikum zusammen mit der Mannschaft, und wenn letztere das mal wieder ausstrahlte, dass sie untereinander und zusammen einfach mal wieder Spaß haben wollten, um lustvoll den Gegner zu überlaufen: Hey, das wäre ja wie vor dem Trainingslager!

Nicht in Erwartungen oder Vorstellungen sich verlieren, sondern ganz in Situation seiend freudvolle Intensität, durchsetzt mit Gelächter, leben – und das für möglichst ALLE im Stadion als Setting etablieren, was dann auch schon Grund genug für die Diskriminierungsverbote ist. Freudvolle Intensität in Situation erlebt man nicht, während man als „Schwuchtel“ beschimpft wird (von bestimmten Situationen und dem „dirty talk“ dabei mal abgesehen).

Insofern: Liebe Mannschaft des FC St. Pauli – erzwingen kann man all das eh nicht, und wenn es passiert, dann freuen wir uns! Macht euch locker und lasst es zu!

Ihr habt nichts zu verlieren, ihr lebt und spielt in einer wunderschönen Stadt in einem Stadion in Bestlage vor immer vollem Haus und ihr seid auf der Welt, um glücklich zu sein.

Macht was draus, und wenn es gegen Fürth wieder schief geht, war es, um mit Hildegard Knef zu sprechen, eben Erfahrung anstatt Offenbarung, was macht das schon!

Hauptsache, wir finden zusammen zur Genußfähigkeit zurück …

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6 Antworten zu “Ein Anti-Hornby-Appell nach einem 0:3 in Paderborn: Für Hedonismus!

  1. Pingback: Die Tabelle lügt doch. Oder: Sprachlosigkeit. #FCSP in Paderborn | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. Mo de Fan März 26, 2014 um 7:59 pm

    Manches im Artikel ist mir zu akademisch und abgehoben, aber den Grundtenor den ich in und zwischen den Zeilen gelesen habe, fasst meine ähnlichen Gedanken und Hoffnungen in Worte zusammen.

    FCSP – Du bist mein Verein und wirst es auch für immer bleiben!

    Mo de Fan (seit 1989)

  3. pauliane März 27, 2014 um 6:25 am

    so schön:“ Ihr habt nichts zu verlieren, … und ihr seid auf der Welt, um glücklich zu sein.“ „Hauptsache, wir finden zusammen zur Genußfähigkeit zurück “
    Ich hoffe, das viele diesen Text lesen, Spieler und Fans…
    Danke dafür.

  4. pauliane März 27, 2014 um 6:26 am

    und ich kaufe noch ein s 🙂

  5. momorulez März 27, 2014 um 9:05 am

    Ich musste den Text ja auch ein wenig für mich selbst schreiben 🙂 – falls es der eine oder andere Spieler es lesen sollte und der Trainer seine Verbissenheit etwas lockert, schadet es aber, glaube ich, wirklich nicht ….

  6. Pingback: Vorwärts immer, Rückwärts nimmer | Blutgrätsche Deluxe

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