Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

No Spirit? FC St. Pauli – Ingolstadt 0:0

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Erhasche einen Florian-Bruns-Becher beim Bierholen! Wahrlich ein gutes Omen. Steige die Treppen hinauf zu H8, Reihe 13, atme die Millerntor-Luft genüßlich ein – ach, das Leben ist doch schön, Dienstags Jazz, Samstags Fussball. Es gibt ja Menschen, die leben in Wanne-Eickel oder Helmstedt und finden bestimmt auch ihre Wege des Glücks. Rund um St. Pauli wird es einem leichter gemacht.

Dachte ich so. Vor dem Spiel.

Einem Spiel mit dem Charme der Fussgängerzone niedersächsischer Mittel- und Kleinstädte, Lehrte vielleicht. Seid ihr je in Lehrte aus einem miefigen Nahverkehrszug gestiegen und die Unterführung in Richtung Fussgängerzone griesgrämig entlang gestolpert?

Ein Ralph Gunesch! Erster Applaus und „Ralle!“-Rufe auf der Haupttribüne, frenetischer Beifall auf der Gegengerade, zu recht! Bei der Durchsage der Spieler Ingolstadts wird jeder Nachname durch „Gunesch!“ lautstark ersetzt. Zu recht. Er spielte dann zwar gar nicht, aber hey, es gibt schon verdammt gute Gründe, ihn aktuell schmerzlichst zu vermissen!!!

Es ist fies und fettig, dem aktuellen Kader die Helden von einst, St. Paulianer bleiben sie eh durch und durch, unter die Nase zu reiben. Ja.

Nur: Was entsteht da nun eigentlich gerade?

Es bleibt alles so – schwammig. Diffus. Uneindeutig. Verhaspelt. Konturlos. Lehrte.

Zu Schubertschem Buchhalterfussball will ich ebenso wenig zurück wie zu Frontzecks zur Statik neigendem Korsett. Ich glaub auch fest an Vrabec. Der hat schon irgendeine richtig gute Idee im Kopf, und ihm sei alle Zeit der Welt gegönnt. Wir gewinnen ständig auswärts, sind Tabellenvierter, aufsteigen will ich gar nicht, eine Relegation gegen die Vorstadt wäre trotzdem prima.

WARUM ZUM TEUFEL WAR DAS NUN TROTZDEM SO ENTSETZLICH QUÄLEND UND ÖDE?

Das Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus bekundete ganz im Gegensatz dazu per Vidiwall Solidarität mit dem von Neonazis fast gelynchten Antiheterosexismus-Aktivisten:

„Kämpa Showan!
Solidaritet med kamraterna i Malmö.“

Sehr gut. „Der Verein“ schloss sich per Stadionsprecher dem an. Aufkleber werden beim nächsten Heimspiel verteilt. Super! Noch superer wäre es freilich, würden nicht Normalisierungskolonnen allerorten auf alles Antifaschistische, Feministische, Queere, auf PoC eindreschen.

Und auf dem Platz? Die ersten Minuten enorme Pass-Sicherheit der Boys in Brown. Vielleicht 5 Minuten lang, wenn überhaupt.

Danach Gegurke und eine Schiedsrichterin, die den gelegentlich sich frühlingshaft zeigenden Keim des Besseren ignorant zertrampelte.

Gregoritsch auf links ein Totalausfall, alles läuft über rechts und sich fest. So ein Youngster kann ruhig mal total ausfallen, so what. Abwertende Handbewegungen in Richtung der Gegengerade, ich habe sie nicht gesehen, es wurde jedoch glaubwürdig berichtet, kann er sich trotzdem sparen.

Als er raus ist und stattdessen Buchtmann kommt, wird es für wieder nur ein paar Minuten besser. Ingolstadt macht das Spiel. Bartels – gute Besserung! – wirkt wie ein Solitär ohne jede Bindung, Kringe kommt und tankt sich bis über die Grundlinie hinaus durch, aber in Tornähe gelangt auch er nicht. Halstenberg zieht lieber ab, als die Nr. 14 rechts von ihm, besser positioniert, anzuspielen.

Denke sehnsüchtig an Felgenralles Solo-Lauf zum Tor gegen Hoffenheim einst zurück, da versucht Nöthe, immerhin!, prompt auch dergleichen – und verreckt an der Strafraumkante. Auf dem Clo fassungslose Ausrufe fremder Männer: „Ich versteh das nicht! Ingolstadt spielt wie ein Team, und wir haben da gar keine Mannschaft!“

Da ist ja was dran. Klar, der Kader damals gegen Hoffenheim hatte sich auch schon durch die Geisterbahn der Regionalliga tapfer gemeinsam gekämpft , war so zusammen gewachsen, und ich könnte mich jetzt in Plattitüden wie „Die Hierarchie in der Mannschaft stimmt nicht“ hinein schreiben.

So wirkt es aber. Kann mich ja irren. Als wären da ganz schön viele eher damit beschäftigt, wie sie gerade wirken, und wenn es nicht läuft, dann finden sie Unsichtbarkeit vorübergehend auch nicht schlecht. Werden mutlos.

Aufstiegsangst? Lernbedarf beim Trainer, was Teambuilding betrifft? Die psychologische Seite, meine ich? Zu viel junges Gemüse im Kader? Keine Ahnung, vielleicht liege ja völlig falsch und bin fies und ungerecht und habe zu hohe Erwartungen …

Aber, oje, ich meine, trotz allem, trotz Kommerz, Entpolitisierung von Teilen des Publikums, trotz mancher Sloganhaftigkeit usw.: Ich spüre da nicht aktuell nicht in der Spielweise, wofür trotz allem St. Pauli doch noch steht, verglichen mit anderen. Es gehen immer noch Zehntausende für Refugees auf die Straße nach Spielen.

Einige sind wohl auch noch viel zu neu und grün, um das schon wissen zu können. Trotzdem sie ja auch schon dieses „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben! “ ins Stadion trugen.

Wir sind auch schon lange kein Underdog mehr.

Aber so ein wenig Wucht und Wums, Witz (!!!) und Wut gehört doch bei uns schon noch dazu. Da sind doch Reste des Nonkonformen, der Hochachtung vorm Individuellen, eine Solidarität, die sich aus Differenzerfahrungen speist am Millerntor noch maßgeblich. Sei es nun Rock’n’Roll, der Trance der House-Party, das Rotzige des Punk oder bei diesem Kader, der ja irgendwie was Queeres im Habitus zeigt, vielleicht Soul, Disco, auch das stolze Sich-Aufbäumen der für deviant Erklärten: Trotz Wollmützen und Vollbärten überall auf den Rängen ist das doch in guten Phasen auch in die Spielweise eingeflossen.

Die „Heldengeneration“, Ralle, Eger, Lechner, Ebbers, Bruns
hat das doch ausgezeichnet, sich damit auseinandergesetzt und es mitten im Viertel auch gelebt zu haben – um aus dem Stolz darauf die Lust zu entwickeln, jene hypnotische, magische Kraft zu entfalten, die zusammen mit denen auf den Rängen Widerständigkeit entwickeln kann, Audi in die eigene Hälfte zu drücken.

Vielleicht schüchtert die Historie ja auch ein und führt zum Heimkomplex?

Dieser Spirit fehlt jedoch derzeit.

Ich will das auch keinem schmollmundjgen Jungstar vorwerfen. Die lernen das ja gerade erst.

Es wäre nur so wundervoll, wenn sie sich stärker darauf fokussieren würden als darauf, ob Ingolstadt nun Schwächen bei der Spieleröffnung hat oder auch nicht.

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2 Antworten zu “No Spirit? FC St. Pauli – Ingolstadt 0:0

  1. Pingback: Was war denn das? #FCSP und der grausige Heimkick gegen Ingolstadt | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. Pingback: FCSP 0-0 Ingolstadt; 22.03.2014 Ein Fehlpass kommt selten allein « Sankt Pauli Province Fanatics

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