Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Toll! Fatjazz, Dienstags im Golem – mit Gabriel Coburger, Klaus Heidenreich und Co

Es tropfte. Von meiner Mütze. Freundlicher Empfang, Smalltalk über’s feuchte Wetter. Wenn man so mit Hatteras (ist das eigentlich ein Plural?) auf dem Kopf im schwarzen Trenchcoat durch den Regen läuft, auf dem vernieselten Kopfsteinpflaster sich die Lichter der Leuchtreklame spiegeln so, dass es wie ein B-Movie aus den 60ern wirkt, in dem, pirscht sich der Detektiv durch ein verranztes Treppenhaus in finsteren Vierteln, mit Sicherheit ein einsames Saxophon aus dem Verborgenen sehnt und tönt, ist das ja eh schon jazzy. Auch, wenn im  Club, den man betritt, eine wirklich ungewöhnliche Mischung von Grau-und Weißhaarigen, neben denen selbst ich mich richtig jung fühle – einer teilte mit mir später die gesalzenen Mandeln, ich meine, er hätte einen französischen Akzent gehabt – und jüngeren Club-Gängern sich versammelt und Rotwein gleichberechtigt mit Bieren auf den Tischen verteilt steht, dann sucht das Besondere sich den Weg zum Gehör, ist als noch unerklungener Sound in Posaune, Trompete, Sax und Bajan schon längst da und wartet nur darauf, manifestiert zu werden.

Hochschul- und NDR-Big Band-Jazz im GOLEM, und ich muss den Machern dieses Clubs am Fischmarkt mal meine Verehrung bekunden. Das Programm, das die da bieten, ist ja so, als hätte ich es herbei gebloggt. Zwei Mal war ich nun bei der Sonntagsabendsveranstaltung, DIE UNTÜCHTIGEN – und war auch der Vortrag zu Homophobie und Fussball zwiespältig und das Interview mit Bruce LaBruce nur halbgar geführt, weil ohne Dramaturgie Recherche abhakend, das ist ja grandios, solche Themen in diesem Zwischenreich von linker Szene und Clubkultur zu bringen. Da wird wirklich liebevoll gesucht und ausgewählt, mit tollen und originellen Ankündigungstexten gearbeitet, Veranstaltungen zu Theorie und Praxis, zu jüdischem Humor, zu allerlei Grenzgängertum auf die kleine Bühne gebracht.

Und Dienstags ist in der FATJAZZ-Reihe der seit der Birdland-Schließung heimatlose Jazz zu hören. Jazz im verrauchten (!!!) Club am Hafen. Toll. Ich liebe Hamburg.

Gestern ging es hochkarätig, wenn auch recht akademisch zu; Klaus Heidenreich, Posaunist der NDR-Big-Band, trat ohne Sandra Tempel mit ziemlich coolem Gitarristen auf, stilecht trug er Karo-Hemd, Hipsterbrille und Wuschelfrisur. Posaune ist ja ein gar faszinierendes Instrument, wenn sie im Dunkeln raucht und hallt und dehnt, Flächen, fließende Übergänge  wie gebrochene Klänge schafft, durch die plötzlich das Grelle dringt, nicht so hoch und schrill wie das der Trompete, nicht so sanft wie das des Flügelhorns – mein Dritt-Favorit unter den Blasinstrumenten nach Saxophon und Bassklarinette. Heidenreich spielte Eigenkompositionen wie „b-minor-Blues“ und auch Material von Thelonius Monk und Wayne Shorter und bewegte sich auf diesem schmalen Grad, da der Versuch, nun auch ja jenseits des Eingängigen zu operieren und dem, was gemeinhin unter Musik verstanden wird, in’s fast Hurzige à la Kerkeling umschlagen kann, und dem Erzeugen wirklich toller Klangbilder und Atmosphären. Bestimmt war das harmonisch wie auch in der Phrasierung und, ja, Arhythmik-Rhythmik Feinkost; mir kam es seltsamerweise teilweise fast eher am gesprochenen Wort orientiert vor, was aus der Posaune kam, erzählte wohl unter anderem von den eigenen Fähigkeiten und geschultem Publikum von Virtuosität. Aber in manchen Passagen war das vermutlich auch zu ausgeklügelt, als dass ich es musikalisch noch verstehen würde.

Anschließend betrat das sechsköpfige Gabriel Coburger-Quartett die Bühne, und nun wurde ganz auf Dramatik gesetzt: Weit nach vorne gebeugt wühlte Coburger, der Saxoponist, in den Tiefen musikalischen Ausdrucks und richtete sich erst gaaaaaanz langsam auf. Neben dem namensgebenden Bandleader war Claus Stötter an der Trompete Solist, ebenfalls NDR-Big Band und Professor an der Hochschule für Musik und Theater – und was der seinem Instrument entlockte, war zwar auch seines Effektes und Publikumsreaktionen sich sicher, aber ungeheuer spannend und virtuos.Der rockte den Club derartig, dass es schon mutig von Gabriel Coburger war, mit ihm auf die Bühne zu gehen.

Völlig kurios der Kontrast zwischen Mimik und Spielweise des Trompeters: In Ausdruck wie Fingerfertigkeit ging er auf ganz die Zwölf, sein Minenspiel jedoch von kontrollierter Skepsis und Vorsicht geprägt mit einem Hauch der Verachtung, leidenschaftslos den Raum beäugend, dass kurz ich mich fragte, wen er des nachts wohl noch zerstückeln wolle.

Coburger gab alles, sich zu behaupten, mit einer Sax-Spielweise, die ja nun auch schon Tradition hat und im wesentlichen davon lebt, das Instrument so zu spielen, dass aller Schmelz, die dunkle Wärme, das Aufsteigen aus dem Bauch, das Vibrato, ja, das Schöne, zu dem das Tenorsaxophon fähig ist, zugunsten des Gequetschten, Geröchelten, Gequälten in schnellen Fingerläufen auf und ab ausgetrieben wird, um auch ja jedes Kitsch-Klischee, alles Poppige zu vermeiden und bloß nicht wie die Porno-Saxe der 80er zu klingen. Demonstrativ auf höchster Intensitätsstufe, sich verausgabend im Quälen und technisch wie auch harmonisch bestimmt dolle. Ich finde das immer etwas schade, aber im Gesamtbild passte das schon, diese wirklich bis an die Schmerzgrenze grelle, virtuose Trompete und das irgendwie im Gebremsten, Abgewürgten, Angestrengten seinen Ausdruck findende Saxophon – zudem mit dem Bajan, einer osteuropäischen Knopfakkordeon-Variante, ein auch die Grenzen zum Geräusch aufhebendes, dann aber wieder in die Randbereiche des Folkorischen vordringende Atmosphäre wie ein locker gewebter Vorhang im Hintergrund anhebend und absteigend, sich ausbreitend und verschwindend einen recht faszinierenden Gesamtsound ermöglichte. Die langen Locken des Pianisten zeigten ans Vibraphon vorgerückt auch noch mal, was sie draufhaben – ein soundtrackartiger Klang ohne Bilder mit Blick auf den Fischmarkt und auch eine Rhythmik und Melodik mit Lust an der Dissonanz entfaltete sich und sog hypnotisch ein; wenn Trompete und Saxophon die rhythmisch komplexe, Modern Jazz-traditionalistische Komposition im Satz gemeinsam spielten, der ich folgen konnte, das gab schon ein Klangraumerlebnis, in das ich richtig hinein gehen konnte. Dramaturgisch war das alles spitze gebaut und hatte tatsächlich einen Hauch des Musiktheaters mit Ahnungen Wagnerischer Tiefen in einem musikalisch gänzlich anders situierten Kontext. Das gefiel mir. An der Querflöte brillierte Coburger auch noch; in ein leise beginnendes, vieltönig filigranes, flächiges Intro hinein verschluckte ich mich schrecklich und übertönte aus Versehen hustend. ‚tschuldigung.

Auffällig fand ich wieder die arg reduzierte Kommunikation zwischen den Musikern – die US-Jazzer reagieren viel offener auf des Spiel ihrer Mitmusikanten, freudvoller, lustbetonter, während die Hiesigen ein wenig wie in Prüfungssituationen zeigten, was sie können, fast stoisch ihr Instrument buchstäblich beherrschend. Lediglich Gabriel Coburger zeigte sich charmant errötend emotional angesichts des mal eben Weggeblasenwerdens durch Herrn Stötter, lebte im Durchschnaufen der „Geschafft! Bestanden!“-Erleichterung nach seinen Soli auf und brachte so jene Mitmenschlichkeit im Hier und Jetzt, die den Jazz im besten Falle auszeichnet, in Deutschland aber oft zugunsten des Akademischen verschwindet, doch noch mit auf die Bühne.

Ich schreibe deshalb so ausführlich, weil es so klasse ist, dass das Golem solche Abende veranstaltet, dieser Nischenkultur Raum verschafft und so ja tolle Erlebnisse ermöglicht.  „Im „Golem“ erst ganz geilen Jazzern lauschen und danach am Hafenpanorama lang zu schlendern, das ist ja schon echt ein Luxusleben – schön!!!“ twitterte ich nach dem Nachhausekommen. Ja, so war es! Mehr davon!

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