Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die vorkritischen Gegner der Gender-Theorien: Alexander Kissler glaubt das alles nicht …

Eine so ganz und gar nicht neue Form vermeintlicher Kritik an etwas ist, es als Religion behaupten.

Oft machen das sogar jene, die in den Fällen, da Religionen offen diffamieren, dieses unter dem Banner der „Religionsfreiheit“ für schützenwert erachten. Walter Benjamin hat den Kapitalismus als Religion eher kryptisch beschrieben; zum mit Neocon-Think-Thank- Munition bewaffneten Arsenal ehemaliger Pro-Bush-Blogger gehörte es, wahlweise den Sozialstaat, den Klimawandel, die Kritik an Konzernpolitiken und realwirtschaftlichen Prozessen, somit alles, wo Gegenargumente fehlten, zur „Religion“ zu verklären.

In Deutschland vernichtet man ja gerne bürokratisch, so ist es hier anders als ich Frankreich bisher noch nicht angesagt, wie die Bilderstürmer einst Bibliotheken zu attackieren, in denen Werke der Gender-Theorie ausliegen. Aus diesem Geiste des Nichtwissenwollens freilich nährt manch Publizist sich ebenso. Ermordet hat man hier auch noch niemanden, der für die Homo-Ehe eintrat; homophobe Gewalt und massenmediales Mobbing Heranwachsender wird dennoch eifrig betrieben.

Ganz und gar faszinierend plump und weltabgewandt geschieht die Fortsetzung dessen – nun wieder mit Bezug auf die Gender-Theorien –  im Cicero. Unter Berufung auf „unser aller Steuergelder“ begibt Alexander Kissler sich tief ins Reich des vorkritischen Katholizismus, um gewitzt ausgerechnet die Erben Kants der Religiosität zu bezichtigen. Nun hat auch dieser die Vernunft beschränken wollen, um dem Glauben Raum zu schaffen, aber Herr Kissler hat sich offenkundig gar nicht mit ihm beschäftigt, um ihn als Chiffre dennoch zu beschwören und Lügen, äh, Vorurteile schlecht recherchiert zu verbreiten:

„Die Gender-Religion befindet sich im vorkritischen Zustand. Sie hat keinen Spinoza, keinen Kant, keinen Schleiermacher erlebt. Sie ist wieder das, was einmal der Fall war: ein hermetisches Lehrgebäude aus kanonisierten Dogmen.“

Schein-Journalist, der er mutmaßlich dem Text zufolge ist, zeigt Kissler sich zumindest als unwillig, diese „Dogmen“ mal ausführen im Sinne ernstzunehmender Belege. Er thematisiert stattdessen gesellschaftliche Wirkungen wie den „Queer History Month“ und ein Interview. Ich vermute, er verwechselt die Systematik der Gender-Theorien und die der Neoklassik entstammenden Volkswirtschaftslehren, die tatsächlich mit einer solchen Axiomatik arbeiten und oft wie eine mathematisierte Kosmologie wirken.

Inwiefern eine Verflüssigung der Grenzen zwischen Homo und Hetero als normativ, also menschlich-gesellschaftlich wirksame Konzepte nun ein „Dogma“ darstellen, das erläutert er nicht. Ist es nicht eher das Gegenteil?

Stattdessen attackiert er die Erben Kants mit dem Argument vermeintlicher „Ineffizienz“. Als wäre nicht nach Kant gerade nicht-instrumentelles Denken jenes, das intersubjektive Freiheit ermögliche – ja, eben jene Formulierung des Kategorischen Imperativs, die den Mensch nicht als Mittel, sondern als Zweck an sich selbst behandelt. Aber Freiheit ist Herrn Kissler vermutlich nur dann wichtig, wenn es darum geht, Diffamierungen als „Meinung“ zu verteidigen.

Nun geht es es, so ganz deutlich wird das nicht im Text, aber vermutlich auch um so etwas wie „Wahrheit“, nicht Moral oder Freiheit. Was ihm dabei entgeht, dass im Gegensatz zu ihm die Gender-Theorien in ihrer Vielfalt sich ganz und gar im kantisch-kritischen, erkenntnistheoretischen Paradigma bewegen, obgleich sie nicht mentalistisch vorgehen.  Sie soziologisieren und historisieren u.a. auf Michel Foucault aufbauend eben das, was „Erkenntnis“ GESELLSCHAFTLICH erst ermöglicht, was dabei angerichtet wird – und nehmen die Unterscheidung zwischen Ding an sich und Erscheinung ernster als all die denkfeindlichen Katholizisten, Naturalisten und Biologisten, die die Publizistik gerade zukleistern.

Die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis ist institutionell manifestiert im Falle der Wissenschaftsgeschichte und gesellschaftlich wirksam z.B. in den Geschlechterverhältnissen – wie, das untersuchen dann die Gender-Theorien. Und die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung ist zugleich die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände von Erfahrung. Diese Bedingungen sind gesellschaftlich-historisch Gewordene. Die Gender-Theorien fragen nach eben diesen Bedingungen in jenen Bereichen, da sie aufzuspüren sind – z.B. in Texten –  und hinterfragen so Methodiken und unhinterfragte Vorraussetzungen traditioneller Forschung, ganz im Sinne Kants. Um diese aus ihrem dogmatischen Schlummer zu erwecken.

Anders als Kant mühen sie sich freilich nicht um ein transzendentales Programm, sondern arbeiten  z.B. im linguistischen Paradigma. Oder analysieren das Performative. So what? Eine Dogmatik kann ich da nicht erkennen.

Dogmatisch sind Konzepte wie Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität als Naturzweck usw.. Und das ja nun nicht im wissenschaftlichen Sinne – weil es Organe gibt, die der Fortpflanzung dienen können, heißt das ja noch lange nicht, dass all die anderen „Naturzwecke“ wie Spaß, Liebe, Schönheit irgendwie sekundär wären. Die sind auf Ebene der Motivation, der Handlungsgründe, auch maßgeblich.

Das ist ja die andere Pointe im Werke Kants, der Unterschied zwischen theoretischer und praktischer Vernunft: Sich selbst die Gründe für Handlungen geben zu können, ohne von den Sinnen affiziert zu sein, ist Freiheit. Da das Reich des Intelligiblen dennoch auf die Sinnenwelt gerichtet ist, ohne die es auch nichts zu erkennen vermöge, kann es auch immer wieder gute Gründe für Lust geben, die niemandem schadet. Und die biologische Ausstattung zu so genannten „homosexuellen Praktiken“ haben übrigens auch alle Menschen. Probiert mal! Nur dass man nur einmal in die Quantenphysik gucken könnte, um einen naiven Biologismus schon wieder aufzulösen.

Herr Kissler findet das alles im Gegensatz zu seinen eingestreuten Namens-Chiffren nicht relevant, obgleich er das spaßorientierte Ausgeben von Steuergeldern für Feuerwerke an der Alster, die ja nun auch keine Effizienz für sich beanspruchen können, nicht kritisiert. Womit ich nun meinerseits keineswegs die Gender-Theorien mit Feuerwerken vergleichen will, sie sind aber umfassender wissenschaftlich, als eine Verengung auf Nützlichkeit dieses je sein könnte.

Alleine schon die Prämisse der vermeintlichen „Evaluation“, die er verlinkt, ist ja falsch – „Forschung von Frauen über Frauen“. Dieses ist ein Hinweis auf den monströsen Mist, den die Realgeschichte der Wissenschaft als männliche, verfügenwollende verbrochen hat: Nämlich das Männliche, Weiße, Heterosexuelle als das Allgemeine auszugeben und den Anderen den Raum des Spezifischen zuzuweisen. Das ist aber wissenschaftlich falsch, weil es auf Ausgrenzung von Sphären des Sozialen als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis beruht und somit nur Teile dessen, was relevant ist, in den Blick geraten. Den Gender-Theorien geht es zudem schon auch darum, wie Vorstellungen von Männlichkeit sozial wirksam werden. Da können „Evaluationen“ noch so lustig polemisieren.

Aber diese Attacken auf das Fortsetzen des Kritischen Geschäfts eines Immanuel Kant sind letztlich ja selbst im Vorkritischen verortet und im Religiösen erst recht: Das sind die impliziten Rekurse auf Naturrechtslehre, einem höchst dogmatischen, vatikanisch verordneten Weltbild, dass der Ex-Papst dreist allen Religionen verordnen wollte.

Dieses ist nun gerade das, wogegen ein Kant sich wandte, weil er eine naive Vorstellung von Natur als unmittelbar zugänglicher nun gerade attackierte und die Naturgesetzlichkeit als Regel der Vernunft selbst begriff – im Rahmen einer sich selbst kritisierenden Vernunft, nicht des vermeintlich Offenkundigen. Da kommt dann auch nix Effizientes bei raus außer, eher, so Popper, dass man allenfalls falsifizieren könne. Wiederum eine Figur, die die Gender-Theorien methodisch vielfältig aufgreifen, ihm auch dahingehend folgend, dass Weiteres zur Natur Kant sich für die „Kritik der Urteilskraft“ aufsparte, eben seiner Begründung der Ästhetik, nicht der Wissenschaft im naturwissenschaftlichen Sinne. „Interesseloses Wohlgefallen“. Rums! Ist ja gar nicht effizient oder nützlich. Was dann häufig Thema ist in den Gender-Theorien; Judith Butler kommt nicht zufällig aus der Literaturwissenschaft.

Insofern mag man Kisslers in den 50ern bereits verreckten, ästhetischen Naivität vielleicht noch so etwas wie Meinungskraft zugestehen – mit kritischer Wissenschaft hat sein Text nix zu tun.  Und was anderes als „Ich glaub nicht an die Gender-Theorie“ schreibt er ja auch gar nicht, er, der Religiöse.

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5 Antworten zu “Die vorkritischen Gegner der Gender-Theorien: Alexander Kissler glaubt das alles nicht …

  1. El_Mocho März 19, 2014 um 1:47 pm

    Wie erklären Sozialkonstruktivisten eigentlich die Existenz von Menschen?

  2. momorulez März 19, 2014 um 1:58 pm

    Was für „Sozialkonstruktivisten“ denn? Und wie „erklärst“ Du sie Dir denn? Gott? Evolution? Du wirst keinen erkenntnistheoretisch reflektierten Raum finden, in dem Dir das unmittelbar zugänglich wäre. Und die naturalistisch-biologistischen Sozialdarwinisten mit ihrem Traum von der Ontologie halten halt Sex für so was wie Scheißen oder verschleimte Lungen wegen zu viel Rauchen. Etwas armselig angesichts der menschlichen Möglichkeiten, findest Du nicht?

  3. Realitätbrennt März 20, 2014 um 12:20 am

    Das Existierende ist im Wesentlichen durch seine Existenz zu erklären.

    Das gilt für den Menschen an sich, genauso aber auch für die unterschiedlichsten Schattierungen menschlichen Daseins. Für einen neoliberalen Sozialkonstruktivisten ist all dieses jedoch nur durch das Nadelöhr der Idee eines Homo Oeconomicus wahrnehmbar, welche für die menschliche Existenz als einziges Ziel und einzige Bestimmung eigentlich nur Geldstreben anerkennt, erwartet und erhofft. Ein schlimm reduziertes und realitätsfernes Zerrbild. Ähnliches gilt für andere Sozialkonstruktivisten analog. Also zum Beispiel auch für jene, welche einzig und allein eine 100-prozentige, traditionell ausgerichteten Variante von Heterosexualtität für legitim und „natürlich“ halten.

    Frage beantwortet?

  4. momorulez März 20, 2014 um 9:37 am

    Zudem: Wie erklärt man sich denn dann die Existenz von Geld? Oder Hochzeiten?

  5. Realitätbrennt März 20, 2014 um 1:36 pm

    Geld erkläre ich mir durch seine Nichtexistenz. 😀

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