Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Zukunft statt Häme: Der Möglichkeitsraum hinter dem x

Aktuell weht in Orkanstärke ein Shitstorm durch’s Netz; eine dieser Abwehrschlachten gegen das Infragestellen repressiver symbolischer und institutioneller Ordnungen und korrespondierender Geistesgeschichtsschreibungen. Räume der Kritik werden autoritär und gehässig mit Häme zugestellt.

Vermeintlich Liberale vergleichen bei Twitter studentische Interventionen an Universitäten gegen verschnarchte und denkfaule Klassiker-Lektüren mit dem Agieren der SED; ehemalige Bürgerrechtler gar, die wohl vergessen haben, wie eine unkritische Lesart des historisch-dialektischen Materialismus jedes Denken in öffentlichen Räumen einst in der DDR erstickte. Man kann freilich auch Rousseau so lesen, wie die FDJ Marx las: Im Sinne der Herrschenden.

Viel gelesene Blogger, die sich über Verschwörungstheorien, zugesandt, freuen

und schon Nebensätzen ihre Denkverweigerung hinsichtlich Critical Whiteness stumpf abfeiern, amüsieren sich, des Mario Barth-artigen Beifalls sicher, über x und sitzen/stehen/liegen. Ich will diesen Fefe-Mist hier nicht verlinken.

Noch woanders liest man auf der Vermeindlichlinken Paraphrasen, die analog zur NPD den „Schwulenkult“ geißeln und sich entsetzt zeigen, dass nun angeblich noch nicht mal mehr Rousseau gelehrt werden könne.

Ach Gottchen. Borniertes Zementieren allerorten.

Und wahrscheinlich schließen sie sich bald allesamt diesem US-Marsch weißer Männer an und pöbeln, siegesgewiss und die Macht eh auf ihrer Seite habend, herum und Christina Schröders „Deutschenfeindlichkeit“ paraphrasierend, dass Antirassismus ja nur ein Synonym für „Gegen Weiße!“ sei. Wie ja auch der Feminismus nur männerfeindlich sei. Womit sie aus Versehen gleich mit heraus posaunten, wie sich Weißsein als soziale Kategorie konstituiert und dass eigene Denk- und Handlungsräume für Frauen von vielen Männern als bedrohlich empfunden werden.

Das Verblüffende ist ja die Reflexhaftigkeit der „Er hat Jehova gesagt!“-Lesart da, wo es um komplexe institutionelle Ordnungen und Praktiken geht. Deren Thematisierung allein schon durch penetrantes Gewitzel verhindert werden soll. Bei abgestandenen Monty Python-Adaptionen bleibt dieses Denken zumeist auch stehen. Mehr Humor ist da auch selten zu finden.

Es geht bei Rousseau, Kant, Hegel, Hannah Arendt, Platon und den anderen ebenso wenig um ein einzelnes Wort noch ausschließlich um diskriminierende Sprache – sondern um manifeste Hierarchien etablierende soziale Ordnungen und deren Legitimation.

Vermutlich hätte es den Kolonialismus, Sklavenhandel, Frauenverachtung und Zwangsheterosexualität auch ohne diese und andere Denker schlicht aufgrund ökonomischer Interessenlagen gegeben. Aber sie fungieren wie Kunst am Bau, sich das alles auch noch buchstäblich schön zu reden. Wenn man sie nicht kritisch liest. Auch gegen sich selbst.

Man kann die Arendtschen Texte zur Urteilskraft auch als Kritik der krassen Rassismen in anderen Werken lesen. Genau so ist es möglich, neben Rousseau-Lektüren die von W.E.B. Du Bois und Stuart Hall und Bel Hooks in Pädagogik-Vorlesungen zu lehren.

Als ich Ende der 80er, Anfang der 90er ganz und gar privilegiert studierte, da tobten diese Debatten ja auch – da wurden sie aber geführt und nicht autoritär weg gewitzelt. In Abwehr von Postmoderne und Poststrukturalismus mit Jürgen Habermas als Wortführer ging es in tatsächlich in die Vollen, wenn Ethno- und Eurozentrismus verteidigt wurden. Aber es wurde sich noch auseinandergesetzt, Platzhirsche zeigten sich verunsichert, und selbst Axel Honneth hat was draus gelernt, wie sich in „Kampf um Anerkennung“ zeigte. Dieses bornierte Indigniertsein, das in ätzendes Gewitzel übergeht, habe ich so zumindest nicht in Erinnerung. Das sich nun auch nicht groß von denen unterscheidet, die in Frankreich Bibliotheken stürmen wollen, in denen Bücher zur Gender-Theorie stehen.

Ich bin mir aber auch gar nicht mehr sicher und war es mir auch nie so ganz, ob nun Theorie und das Akademische die Mittel sind, diesen neokonservativen Backlash zu kontern. Das Schlimme ist, dass die Uni-Abschlüsse Eintrittskarten in Welten sind, in denen Macht über Marginalisierte ausgeübt wird. Wie halt von diesem Pädagogikprofessor.

Der ja wie all diese Fefe-Schwätzer offenkundig keinen einzigen Gedanken daran verliert, was die Protestierenden zum x veranlasst. Ob da nicht sehr gute Gründe enthalten sind, die Anlaß geben, produktiv, inspiriert und kritisch ans Werk zu gehen.

Vermutlich eher in Formen, die außerhalb dieser verfügenden, universitären Rationalität angesiedelt sind.

Martin Seel hat die ästhetische Dimension des guten Lebens sinngemäß als Weltoffenheit bestimmt, ja, gar ein „sich bestimmen lassen“ im Sinne des „Sich-Einlassens auf“ als Möglichkeitsraum eingefordert. Wie bei einem Konzert von Joshua Redman, da man ganz aufgeht in dem, was man hört, davon bestimmt wird und es genießt.

Liest man das x im studentischen Pamphlet als Leerstelle, wo Denken, Literatur, bildende Kunst, Performance, Musik und Erzählen, Zuhören, aber halt nicht immer den gleichen, einsetzen könnte, was eine fantastische Chance sich da bietet!

In Deutschland ist im Gegensatz dazu derart üblich, sich gegen „Politisierung“ und „Moralisierung“ zu ereifern, dass vor lauter „Tatort“ völlig entgangen ist, was „House of Cards“, „The Wire“ usw. da gerade treiben bzw. getrieben haben. Wo sich eine solche Frage völlig anders stellt. Und die Werthaltungen der Figuren wie auch eine Kategorie wie „Gesellschaft“ ernst genommen werden.

Vor lauter Faszination, sich einem vermeintlichen „Diktat“ der Politcal Correctness nicht zu beugen, gehen im Gegensatz dazu vermeintliche „Tabubrecher“ in ihrem Ausleben des deutschen Mainstreams einfach den simpelsten, ödesten und faulsten Weg. Sie verharren im Spiel mit Stereotypen und stereotypisieren sich dabei auch noch selbst. Billigere Klischees als Martenstein oder Sarrazin kann man sich ja kaum vorstellen.

Während andere gar nichts mehr wagen.

War es es Hitchcock, der sagte, anfangen beim Klischee könne gar nicht schaden, man solle nur nicht da aufhören?

Dabei ist doch dieses ganze Feld des Denkens, das sich auftut, lässt man die allgegenwärtigen Hierarchiebildungen, Klischees, Herabwürdigungen, die nicht nur ggf. tödlich, sondern im Raum des Denkens und der ästhetischen Produktion auch so frustrierend naheliegend sind, einfach mal hinter sich, geradezu faszinierend abenteuerlich.

Statt das mal zu probieren, lebt in Deutschland noch Kritik von der Reproduktion des Diffamierenden. Vorträge über Homophobie sind zusammengesetzt aus fein recherchiert niederschmetternden Zitaten in kritischer Absicht und wirken doch so, als hätten sie im Grunde genommen Angst davor, LGBTQ-Hass hinter sich zu lassen.

Gale Harold, Schauspieler des Brian Kinney, sagte zu jenen guten Szenen in „Queer as Folk“, die sich inmitten eines teils auch schwer scheiternden Stereotypenreigens finden, sie seien deshalb so stark, weil sie die Figuren ihrer Verletzlichkeit aussetzten. Also das, was man im wahren Leben nun nicht unbedingt erleben will, was im ästhetischen Erzählraum packt, weil es über die Figur wie auch die Gesellschaft etwas erkennen und empfinden lässt.

Dann passiert etwas mit den Figuren, das sie widerstehen lässt und einen Weg sucht, der empowert. Der Utopie in sich birgt. In Andeutungen. Aber immerhin.

Was im realen Leben in Deutschland allerdings nur Häme auslöst – von Fefe bis zu den Ruhrbaronen …

24 Antworten zu “Zukunft statt Häme: Der Möglichkeitsraum hinter dem x

  1. stefanolix März 16, 2014 um 8:02 pm

    Wenn es im öffentlichen Diskurs Leerstellen und Stereotype gibt, dann muss man diese in verständlicher Sprache benennen. Nicht verschlüsseln und nicht hinter Sprachbarrieren verstecken.

    Ich habe Berichte mehrerer Seiten über die Vorfälle in der Vorlesung gelesen. Es ist offensichtlich, dass die Vorgehensweise der Protestierenden mit akademischen Diskussionen nichts gemein hat. Es ist keine Diskussion möglich, wenn eine Spirale des gegenseitigen Niederbrüllens in Gang gesetzt wird.

    Wenn ich dort, wie Du schreibst, »produktiv, inspiriert und kritisch« und unparteiisch ans Werk gehen wollte, müsste ich die Einwände der Protestierenden erst mal ins Deutsche übersetzen.

    Ich habe nicht nur den überall wiedergegebenen Text, sondern das ganze Handbuch des sogenannten »feministischen Sprachhandelns« gelesen. Tut mir leid: So können Menschen nicht miteinander kommunizieren. Was da geschaffen wurde, ist nichts anderes als eine Elitensprache, eine Abgrenzung der »Erleuchteten« vom Rest der Welt.

    Wenn sich angehende Pädagogen mit dieser Haltung und mit dieser Sprache vor eine Hauptschulklasse in einem sozialen Brennpunkt stellen, werden sie von Lachstürmen hinweggefegt. Und das ist noch das Beste, was ihnen dort passieren kann.

  2. momorulez März 16, 2014 um 8:19 pm

    Das Problem ist doch, dass a.) das Ganze in einer hochgradig asymetrischen Situation statt findet: Hier der Herr Professor, da die Studierenden. Da muss Frau sich in Gegenwehr erst mal Raum verschaffen, um nicht mal eben so weg geätzt zu werden, zudem der Herr Macht über die berufkiche Zukunft der Studierenden hat. DER ist auf der SED-Seite, das ist völlig absurd, das umzukehren. b.) dass dieser ganze Akademikersprech oft auch nur eine Form männlicher Dominanz zum Ausdruck bringt, ich kann den ja und weiß, wie das geht c.) das Spracherverhältnisse eben auch gesellschaftiche Machtverhältnisse zum Ausdruck bringen, was Du ja gerade eindrucksvoll bestätigst: Du kannst es Dir schlicht erlauben, Dich hinzustellen und ein „Verständlichmachen“ einzufordern. Ich weiß nun auch nicht, ob der gewählte Sprachweg der Protestierenden der optimale ist, das ist aber auch völlig egal: Erwiedere ich da jetzt „Komm, spiel gefälligst nach meinen und somit den patriachal-herrschenden Regeln“, ist das auch keine auf Verständigung abzielende Entgegnung. Und würdest Du Deinen eigenen Rationalitätsanforderungen gerecht werden wollen, würdest Du Dich ja fragen, wieso die so einen Aufwand betreiben müssen: Weil eben die Wissenschafts- wie auch die Alltagssprache durch und durch rassistisch, sexistisch und auch homophob geprägt sind. Dem etwas entgegen zu setzen ist schlicht Aufklärung, Fortschritt und Recht der Marginalisierten. Ich plädiere ja auch dafür, nicht beim x stehen zu bleiben. Mach doch mit!

    Du hast aber bei Twitter ja noch eins drauf gesetzt – das mit der „eingebildeten Diskriminierung“. Wie kommst Du denn auf solche Diagnosen? Wer auch nur ein ganz klein wenig die Ohren auf macht und sich dazu herab lässt, mal in Texten von PoC oder feministischen Blogs zu lesen, der käme nicht im Traum drauf, solche Entwertungen von Erfahrungen und somit Menschen mal eben so zu behaupten. Das ist Empirie-Verweigerung.

  3. stefanolix März 16, 2014 um 8:48 pm

    Kaum ein Professor, kaum eine Professorin können es sich heute noch leisten, einer Diskussion auszuweichen. Aber sie muss natürlich in gegenseitigem Respekt stattfinden.

    Es wird z. B. kritisiert, dass in den Vorlesungen noch »Schwarzafrika« gesagt wird. Das ist eine sachliche Kritik und die kann man natürlich über die entsprechenden Gremien an Lehrkräfte herantragen. Die »Intervention«, wie Du es bezeichnest, ist der falsche Weg – weil damit an einer Spirale der Eskalation gedreht wird. Es ist einfach Irrsinn, dass die Polizei in eine Vorlesung an einer altehrwürdigen Universität kommen muss.

    Zur eingebildeten oder tatsächlichen Diskriminierung: Wir sind uns einig, dass kriminelle Übergriffe gegen Schwächere rechtsstaatlich geahndet werden müssen; auch Beleidigungen und Obszönitäten – dann allerdings ohne Ansehen der Person. Also auch Beleidigungen gegen marginalisierte weiße Männer, gegen überzeugte Christen oder gegen Kinderreiche …

    Einige Gruppen setzen die Schwelle aber so tief an, dass schon jeder Blick oder jede Geste der Höflichkeit zum Übergriff und zur Diskriminierung wird. Das bezeichne ich als eingebildet. Denn man kann das Zusammenleben nicht nach den Maßstäben der Empfindlichsten ausrichten. Ich will Dir das an einem Beispiel erklären:

    Ich wohne in einem Stadtgebiet, in dem momentan viel gebaut wird: Straßensanierung, Lückenbebauung, Bau schnellerer Netze, Sanierung alter Häuser etc. – und ich erfahre subjektiv mehr Lärm, als ich bei meiner Arbeit aushalten möchte. Ich kann natürlich bei geschlossenem Fenster programmieren, Fachtexte schreiben oder Korrektur lesen – es nervt trotzdem beträchtlich und das seit zwei Jahren.

    Ich kann nun meinen Anspruch an Ruhe oder meinen Maßstab für den maximalen Lärmpegel nicht zum Maßstab des öffentlichen Handelns machen. Die Arbeiten (teilweise öffentlich, teilweise privat) müssen weitergehen. Es ist also eine pragmatische Entscheidung, keine Klagen oder Beschwerden einzureichen, obwohl sogar objektiv Grenzen überschritten werden.

    Was Du als Empirie (der gefühlten Diskriminierung) bezeichnest, kann nicht zum alleinigen Maßstab des Zusammenlebens werden. Ich erinnere an den Shitstorm über die Anspielung auf Travestie-Kunst im Werbespot eines Brause-Herstellers. Dieser kurze und triviale Spot über das Abschminken soll auf das Übelste sexistisch und menschenverachtend gewesen sein. Da hat übrigens keine(r) der Protestierenden in seiner Wortwahl Rücksicht auf die »Gegenseite« genommen.

    Wäre man der Intention der Protestierenden gefolgt, hätte man Travestie ganz verbieten müssen, denn eine Trans-Person kann durch diese Kunst immer einen Auslöser für Schmerz erfahren, wie man mit etwas Empathie leicht herausfinden kann. Diese Verbot zugunsten einiger weniger Empfindlicher und zu Lasten der Künstler ist aber (zum Glück) in einem Land mit Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit nicht möglich.

  4. Quod März 16, 2014 um 8:51 pm

    „Weg gewitzelt“ werden diese Debatten nur, weil das Niveau nichts anderes mehr zulässt. Man kann sich gar nicht so tief bücken, um auf die Diskursebene dieser HU-Studis zu kommen. Es lässt sich keine Diskussion mit jemandem führen, der glaubt, dass das Lesen eines Autoren, der an anderer Stelle etwas verwerfliches geschrieben hat, die Studis zu Rassisten macht und deshalb unterbunden werden muss. Bei einer solchen Logik kann man nicht mehr argumentieren.

  5. momorulez März 16, 2014 um 9:20 pm

    Na ja, an der Spirale der Eskalation drehen schon die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Dass z.B. PoC sowieso ständig mit Polizei im Zuge des Racial Profiling konfrontiert sind, macht die Diskussion ja nicht entspannter. Ich habe ja neulich auch mal selbst bei einer wissenschaftlichen Tagung referiert und war derart perplex angesichts der Borniertheit und Ignoranz weisser, heterosexueller Männer, dass es mir echt schwer fiel, mich zu beherrschen. Und ich glaube auch nicht, dass es seit Bologna und Bonus- und Maluspunkten so easy abläuft, wie Du das schilderst. Schon gar nicht, wenn Du Dich da als Frau behaupten musst, und ganz und gar nicht als PoC-Frau.

    Du kannst strukturell bedingte Diskriminierung auch nicht mit Lärmbelästigung vergleichen. Das ist eher wie lebenslanges Mobbing, und dieser Verweis auf „Empfindlichkeiten“ ist Teil der diskriminierenden Struktur. Christen werden in diesem Zusammenhang übrigens dafür angegangen, dass sie selbst ja nicht etwa „nur“ diskriminieren, schlimm genug, sondern z.B. im Falle der Katholischen Kirche Teil eines sehr mächtigen Weltkonzerns sind, der in manchen Ländern für die Todesstrafe von meinesgleichen eintritt. Diese Gleichmacherei funzt da nicht. Zudem es meiner spirituellen Orientierung nun auch komplett widerspricht, was die da glauben. Gilt meine Glaubensfreiheit da nicht?

    Manche der feinen Christen haben in Ba-Wü gerade echt für massenhaft Traumata bei heranwachsenden LGBTQ gesorgt. Gibt da auch andere, ja. Aber wenn die in aller Ruhe bei ihrem Jesus, Abendmahl und Taufe blieben, gäbe es doch gar keine Konflikte. Die sind aber scheißemächtig, auch und gerade im caritativen Bereich.

    Weiße Männer werden vielleicht dann diskriminiert, wenn sie Hartz IV kriegen oder obdachlos sind oder aus Bulgarien, aber das ist doch die Pointe: Die Frage nach der Sprache ist Symptom, das äußerst gewaltförmig sein kann. Symptom dessen, wer in Universitäten, Konzernen, Theatern, Versicherungen usw. die Macht hat.

    Diesen Transenspot müsste ich sehen. Diskriminierung keine „Meinung“, sondern eine Handlungen asymmetrischen Konstellationen. Ob da nun so was vorliegt, das kann man nur im Einzelfall sehen.

    Ich bin ja für den Diskriminierungsschutz aufgrund sexueller Orientierung im Grundgesetz, halte es mit Judith Butler aber für echt schwierig, nun ausgerechnet diesem Staat die Definitionsmacht darüber zugestehen, darüber zu entscheiden, was denn nun diskriminierend sei und was nicht. Der immunisiert sich eh nur, wo er kann.

  6. momorulez März 16, 2014 um 9:31 pm

    @quod:

    Normalerweise würde ich so einen Kommentar gar nicht frei schalten; hier passt er mir gerade ganz gut. Hättest Du das Agieren der Studenten, statt es abzuwerten, zum Anlass genommen, Dich mal mit der Materie zu beschäftigen, würdest Du den Kommentar so gar nicht schreiben. Es gibt diverse SYSTEMATISCHE Aspekte gerade in Teilen der Aufklärungsphilosophie wie auch der des 19. Jahrhunderts, die in den Kontext kolonialen Denkens gehören bzw. diesen begründen halfen. Das sind nicht irgendwelche Randstellen.

    Rassismus sitzt derart tief mittendrin in der Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte und aller deutschen Institutionen, da wirst Du lange suchen müssen, bevor Du in Deutschland jemanden findest, der nicht derart davon geprägt ist, dass er nicht eben auch in der Hinsicht durch Rassismen geprägt ist, dass er ein außerhalb dessen behaupten könnte. Und wieso nun Rousseau statt Du Bois lesen?

    Popper hat übrigens Platon zum Urvater des Totalitarismus erklärt und vor dessen Lektüre gewarnt 🙂 – und für Marx- und Bakunin-Lektüren würdest Du ja vermutlich auch nicht eintreten. Rosseau ist aber kein Deut „wissenschaftlicher“.

  7. stefanolix März 16, 2014 um 9:46 pm

    Die Pointe ist doch: Du zeigst (nicht zu Unrecht) mit dem erhobenen Finger auf den bornierten Christen, der schwule Männer »umerziehen« will, was unverschämt und diskriminierend ist. Der weist mit seinem Finger aus seiner Sicht (vielleicht auch nicht zu Unrecht) auf besonders schrille LSGBTQ*-Personen zurück, die ihm bei den bekannten Paraden bestimmte Lebensweisen aufdrängen oder deren Lobby mehr Beachtung fordert.

    Es bleibt immer nur ein gegenseitiges Fingerzeigen und ich (in der aufgeklärten bürgerlichen Mitte) bekomme im Zweifel von beiden Seiten Prügel 😉

    Zur Travestie. Man muss vielleicht den konkreten Werbespot nicht kennen, um zu erkennen, dass Travestie und Transgender ab einem bestimmten Level der Empfindlichkeit nicht in Einklang zu bringen sein können. Der Travestiekünstler /spielt/ – Trandgender-Menschen /sind/ existentiell daran gebunden. Das geht nicht ohne seelische Berührung, also können Betroffene nicht der alleinige Maßstab für die Zulässigkeit dieser Kunst sein. Ich weiß nicht, wie hier mit Links verfahren wird – der Shitstorm über den Werbespot wurde jedenfalls bei der »Mädchenmannschaft« ausgelöst. Such dort einfach mal nach »Bionade« und »künstliche Zusätze«. Ich denke, um es in einen abschließenden Satz zu packen, dass Transgender-Personen genau wie alle anderen Menschen mit einer Fernbedienung umgehen können und wegschalten, wenn ihnen etwas nicht passt …

    Auch bei der Diskussion um den Bildungsplan in Baden-Württemberg wäre ich für Interessenausgleich – aber dieses Fass will ich hier nicht aufmachen. Eines ist mir aber wichtig: Schulen sollen Wissenschaft vermitteln und nicht Einstellungen. Für den respektvollen Umgang der Schülerinnen und Schüler untereinander gibt es Schulordnungen und Beschlüsse der Schulkonferenzen. Da muss nicht in jedes Fach eine besondere Berücksichtigung jeder einzelnen sexuellen Orientierung eingebaut werden.

  8. stefanolix März 16, 2014 um 9:55 pm

    Selbstverständlich ist Platon mit manchen seiner Aussagen ein geistiger Vater des Totalitarismus – aber um das zeigen zu können, muss man ihn in der Vorlesung doch erst einmal zitieren dürfen. Wenn eine Lehrkraft nach dem Paradigma des Ko-Konstruktivismus unterrichtet, muss sie die Thesen im Seminar sogar in den Raum stellen, um die Studierenden selbst zu Schlüssen kommen zu lassen. Akademische Lehre bedeutet doch nicht, den Studenten oder die Studentin wie einen Eimer zu füllen, sondern mit den Studierenden gemeinsam etwas aufzubauen …

  9. momorulez März 16, 2014 um 9:58 pm

    Stefanolix, es gibt aber schon noch so was wie ein Wahrheitskriterium – eine allmächtige Homo-Lobby existiert ebenso wenig wie die jüdische Weltverschwörung, und auf CSD-Paraden drängt man niemandem etwas auf. Aufgedrängt wird mit jeder Pilcher-Verfilmung, den meisten Werbespots immer und überall Heteronormativität, informell und teils formal auch im Arbeitsleben usw. Da gibt es nicht dieses „einerseits, andererseits“, wo dann von irgendeiner imaginierten Mitte ein Ausgleich zu treffen wäre.

    Kein Homo fordert, dass doch bitte in Schulen die Katholische Kirche nicht erwähnt werden solle, um den Atheismus nicht infrage zu stellen. Ich bin auch gar kein Atheist, God loves Fags 🙂 . Oder dass irgendein Hetero-Kitsch aus dem Kino verschwinden möge, um die Schwulen nicht zu verwirren. Solche freheitsfeindlichen Manöver gehen tatsächlich immer von denen aus.

    Bei der Mädchenmannschaft lese ich gerne noch mal nach. Meistens liegen die richtig.

  10. momorulez März 16, 2014 um 10:09 pm

    Und, zu Platon: Ich plädiere hier ja auch sowohl für eine kritische Hinterfragung als auch für eine Erweiterung des Kanons. Aber z.B. Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ zur Sprache, die kannste ohne Triggerwarnung PoC-Studenten einfach nicht zumuten. Warum sollen die das lesen, wenn man sich stattdessen auch Frau Spivak widmen könnte? Welche Relevanz hat das? Und das sind Fragen, die sich auch Rousseau gefallen lassen muss. Welche Relevanz hat der? Und wenn er Urvater der Erziehungswissenschaften ist, spricht das für diese Wissenschaft? Die Beispiele, die sie anführen, die sind ja schaurig. Ich kenne mich bei Rousseau nicht so aus, aber alles, was auf eine bestimmte Weise mit der „Natur/Kultur“-Opposition in jener Epoche operiert hat, sollte schon genau gelesen und hinterfragt werden. Was die Studierenden stattdessen als Antwort erhalten haben, ist ein Verweis auf Foucaults „In Verteidigung der Gesellschaft“, was, wenn ich mich recht entsinne, gerade hinsichtlich des Themas Rassismus äußerst dubios ist (Sarrazin zitiert übrigens im Moment auch ständig Foucault, das beunruhigt mich). Was ist denn das für eine Lehre? Ich habe mich da schon auch gefragt, was diesen Professor qualifiziert, Rousseau zu lehren.

  11. momorulez März 16, 2014 um 10:13 pm

    Ach, und der noch: Was für ein Kriterium hast Du denn für Diskriminierung wenn nicht die Wirkung auf Betroffene? Ùnd wer soll das „objektivieren“? Objektivieren kannst Du Sozialstrukturen und de facto-Dominanzen. Und Diskriminierungshistorie.

  12. Timo Ollech März 16, 2014 um 11:04 pm

    Ich finde das ja grundsätzlich rühmlich, frage mich allerdings, ob es in der geballten Form praxistauglich ist. Gibt es irgendwo Hörbeispiele? Wenn ich Texte wie den Auslöser der aktuellen Debatte lese, bin ich überfragt, wie das gesprochen klingen soll. „Studierxs“. Das sind doch finsterste Zungenbrecher.
    Wie gesagt, bin ich auch dafür, unsere Sprechweise in diesem Bereich zu sensibilisieren & bisherige unbewusste Denkmuster bewusst zu machen. Ich würde aber viel eher von der gesprochenen Sprache ausgehen. Was sich flüssig sprechen lässt, lässt sich auch ohne Probleme schreiben – umgekehrt gilt das offensichtlich nicht. Wofür gerade das x ein Beispiel ist.

  13. momorulez März 16, 2014 um 11:09 pm

    Ich habe mir das ja deshalb als Leerstelle verstanden, die im Grunde genommen zu füllen wäre … ich habe da ja schon auch einen Riesenrespekt vor, wie Du auch, wenn sich Leute die Mühe geben, Sprache zu durchforsten und Alternativen zu erdenken. Und die, na, Unleserlichkeit bzw. dass man erst lernen muss, es zu lesen, zeigt eben ziemlich gut auf, wie Stolpersteine, wie Sprache sonst gebaut ist. Aber das mit dem gesprochenen Wort ist definitiv ein Argument, und ich bedanke mich für den sehr konstruktiven Kommentar 😉 ….

  14. stefanolix März 16, 2014 um 11:53 pm

    Es geht dort m. W. um eine Fakultät Erziehungswissenschaften. Da sind Männer sowohl unter den Studierenden als auch unter den Lehrkräften i. d. R. in der Minderheit. Von einer systematischen Unterdrückung der Frauen kann also keine Rede sein. In meiner nahen Verwandtschaft studiert jemand an einer solchen Fakultät (nicht in Berlin) und diese Frau empfindet es rein fachlich als großen Nachteil, dass dort so wenig Männer zu Wort kommen und dass die männliche Perspektive fehlt. Das wird mir übrigens auch aus der Praxis in den Kindergärten und Grundschulen berichtet.

    Zur Werbung und zur Kultur: In einer Gesellschaft mit >90 % Heteras und Heteros sind logischerweise auch die meisten Märkte auf Heteros und Heteras ausgerichtet. Daraus folgt die entsprechende Orientierung der Werbung. Wenn ich von mir ausgehen darf: Ich »sehe« Werbung fast überhaupt nicht. Auch wenn ich ohne Werbeblocker ins Netz gehe, habe ich einen Tunnelblick auf den Inhalt. Mir würde es also gar nicht auffallen, wenn plötzlich 90 % der Werbung nicht mehr auf mich als Hetero ausgerichtet wären. Ich sehe sie einfach nicht. Ich filtere sie schon mit dem Unterbewusstsein weg. Und bei Filmen, Büchern, bildender Kunst treffe ich bewusste Entscheidungen. Ich ärgere mich also nicht über Rosamunde Pilcher und schlechte »Tatort«-Filme, auch nicht über Jauch, Musikantenstadl oder »Emma« – ich treffe bewusste Entscheidungen, weil mir meine Lebenszeit zum Ärgern viel zu schade ist.

    Zum gesprochenen und geschriebenen Wort noch eine Anmerkung: Was beim fehlerfreien langsamen Vorlesen nicht verstanden wird, taugt nicht zur Argumentation. Die Autorinnen und Autoren dieser Stellungnahme (und mehr noch: des entsprechenden Handbuchs) konzentrieren sich auf den Sender und nicht auf den Empfänger. Wie ich oben schon schrieb: Es ist ein Elite-Projekt, es grenzt aus, es ist in der Praxis untauglich.

  15. momorulez März 17, 2014 um 12:10 am

    Die ganzen Rationalitätskonzepte in Wissenschaftsbetrieb sind und die Wissenschaftsgeschichte ist männlich, unabhängig vom dort agierenden Personal – und falls es so Inseln gibt, wo Frauen mal die Mehrheit sind, stehen die immer noch in Relation zu anderen Wissensbereichen. Ich bin nun selbst in einem recht frauendominierten Haushalt groß geworden, und in der Tat fehlten mir da sogar männliche Perspektiven – aber ich glaube nicht an die Relevanz dessen auf politisch-gesellschaftlicher Ebene. Mich nervt ja eher, wie seltsames Verzerrungen patriarchaler Konzepte und auch heteronormativer in schwulen Szenen so dominant werden.

    Ich hätte auch nichts gegen Rosamunde Pilcher, wenn es die Möglichkeit der Finanzierung von Alternativen gäbe, und das ist in Deutschland anders als in den USA nicht der Fall. Das war ja auch der Konter zu dieser vermeintlichen Indoktrination der Gesellschaft durch Schwule. Ich halte traditionelle Formen christlicher Erziehung für weit schädlicher für Kinder als das Entdecken von Freiheitsspielräumen. Es ist schon erstaunlich, mit was für einem Selbstbewusstsein eine Institution mit einer derartigen Geschichte auftrumpft. Das noch mal am Rande erwähnt. Aber zum Glück gibt es ja auch andere Kräfte in den Kirchen.

    Dieser Ausschluss aus Argumentationen, den Du die ganze Zeit versuchst bei dem, was die Intervenierenden formulierten, ist selbst argumentativ auch mit dem „Elite“-Argument nicht durchzuhalten. Das würdest Du bei McKinsey so nicht bringen, und in der Atomphysik übrigens auch nicht 😀 .

    Und es grenzt nicht aus, es formuliert ein Angebot zum Nachdenken und aufmerksam werden. Wenn das möchte freilich auch nur. Man kann da natürlich auch mit Polizei, also staatlichem Zwang, drauf antworten. (verzeih mir meine raysoneske Pointe 😉 …)

  16. ziggev März 18, 2014 um 7:41 am

    „(…), was diesen Professor qualifiziert, Rousseau zu lehren.“ ? Die Antwort hast Du oben selbst schon gegeben: Eben weil er eine „verschnarchte und denkfaule Klassiker-Lektüren“ bietet. Oder war das oben bloß leere Polemik, achtlos und ohne zu denken hingeschrieben?

    Erstmal also festlegen, wohin die Reise geht; dazu der Link. Sorry, ich habe da keine zwei Absätze ausgehalten. Irgendwann kommt dann etwas wie: „und es war offensichtlich, dass xy ….“, also all das als unangenehm empfand, kurz vorm ausrasten war, oder etwas in der Art. Solche Sätze sind typisch für „Diskussionen“, die sich auf Kindergarten-Eskaltionsstufe II befinden. Kindergarten. Übrigens findet sich eben ein ganz analoger Satz, wo das Verhalten der im Vorlesungssaal dazumals „Intervenierenden“ beschrieben wurde. Und wo berichtet wird, der Professor hätte ausdrücklich vorgeschlagen, dass an anderer Stelle darüber diskutiert werden könne.

    Was an jener Klassiker-Lektüre verschnarcht und denkfaul ist, wird nicht gezeigt. Es gibt die inkriminierten Stellen. O.k. Und es gibt den – oder wohl besser: die Gegenentwürfe. Die zu kurz kommen. (Ist das wirklich so?) In der Tat kann ich mir vorstellen, dass es mal an der Zeit für eine feministisch inspirierte (oder anders kritische) Rousseau-Lektüre wäre. Von der könnten aber nur Pädagogik-Studentinnen und Studenten profitieren, die Rousseau inklusive der inkriminierten Stellen gelesen haben. Dann würden sie aber Romanistik studieren und nicht Pädagogik. Habe mal bei den Pädagogen und Rousseau vorbeigeschaut. Rousseau ist ein derartiger Schinken – oder, anders gesagt, insgesamt, also einschließlich der Rezeptionsgeschichte, bereits derart komplex, dass Pädagogik-StudentInnen es sich einfach nicht leisten können, sich ausreichend mir Rousseau zu beschäftigen.

    Ich war wirklich schockiert, wie niedrig das Niveau dort im Seminar war. Bei mir heißt das schon was. Also, ja, er ist qualifiziert, Rousseau zu lehren, weil er eine verschnarchte und denkfaule Lektüre bietet. Studierende sind hier eh auf Sekundärliteratur angewiesen, es sei denn, sie sind klug genug, zu sehen, dass das nichts für ihre Ausbildung und das kommende Berufsleben bringt.

    Denken wir uns jetzt mal die feministische Rousseau-Lektüre, und dass diese nun gelehrt würde. Studierende würden etwas über Textkritik und Exegese lernen. Sie würden etwas über die Zusammenhänge lernen, in die jene inkriminierten Stellen einzuordnen sind. Ansonsten hätten sie es, schon allein vom Lernstoff her, mit noch mehr Sekundärliteratur zu tun. Denn nun müssten sie noch, in diesem Fall, feministische Textkritik lernen, was sie nicht bewerkstelligen können … Am Ende machen sie sich ein Bild: nur diesmal ein anderes. Diese Positionen zu hinterfragen – dafür bleibt dann erst recht keine Zeit.

    Warum nun fordern die „Interventionalisten“ (ich meine die im Hörsaal), den „Klassikern“ sollte (wegen der inkriminierten Stellen) Ade gesagt werden? Weil sie keine Lust auf noch mehr Sekundärliteratur haben? Oder weil ihnen ein bisschen Textkritik zu viel ist?

    Das Kassettenrekorderbeispiel: Jahrelang brachten die Leute ihre Kassenttenrekorder zur Reparatur in Laden L. Irgendwann sterben die Kassenttenrekordermenschen aus; es werden nur noch MP3-Player verkauft. Sohnemann, der den Laden übernommen hat, hatte es einfach zu uncool gefunden zu lernen, wie so ein Ding zu reparieren ist. Zeit vergeht. Dann taucht eine Kassette mit einem Vortrag von J.Butler auf. Es war immer gerätselt worden, ob es davon überhaupt je eine Audio-Aufnahme gegeben hatte. Eine Sensation! Aber alle Kassenttenrekorder sind kaputt und kein Mensch kann sie reparieren. Es gibt noch ein paar Berichte von Menschen, die sich kritisch mit Reparaturanleitungen beschäftigt hatten, einige hatte einzelne Seiten auswendig gelernt, aber nix zu machen, der Vortrag war unwiederbringlich verloren.

    Glaubst Du wirklich, weil die Kindergärtnerin eine Stelle bei Rousseau gelesen oder gehört hat und dadurch daran teilnahm, wie sich eine bestimmte Struktur sich noch weiter verfestigte oder perpetuierte, würde sie nicht intervenieren, wenn eines ihrer Schützlinge rassistischer Diskriminierung ausgesetzt wird?

    Solchem entgegenzuwirken und zu vermeiden – das wird ihr Hauptjob sein. Um zu verstehen, dass dies notwendig ist – musste sie dazu wirklich erst den Weg gehen, den Du gegangen bist, von einer Analyse der Gesamtgesellschaft, insbesondere der Situation von Minderheiten, der Ätiologie von Rassismen in „klassischer“ Literatur und des damit tradierten Gebrauchs, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass Proteste gegen die Lehre, die solche Texte miteinbezieht, im Prinzip gerechtfertigt sind?

    Zu diesem Ergebnis würden sicher viele kommen. Ganz sicher aber durch die Wahl der Mittel durch die Protestierenden. Die gedachte Kindergärtnerin würde gegen diese Wahl protestieren.

    Was an jener Klassiker-Lektüre verschnarcht und denkfaul ist, hast Du immer noch nicht gezeigt. Es wurde von Dir aufgezeigt, dass es eine gewisse Menge an möglw. produktiveren Ansätze gibt, aber keinen von ihnen erläutert.

  17. ziggev März 18, 2014 um 7:56 am

    „Ganz sich aber nicht durch die Wahl …“ – so sollte es lauten.

  18. momorulez März 18, 2014 um 11:11 am

    Verschnarcht ist das deshalb, weil der Erziehungsgedanke und die Konstruktion von Natur bei Rousseau eben nicht auf patriachale und koloniale Implikationen abgeklopft wird. Dass das auch anders geht, durfte ich einst in meinem Studium ja erleben, als mir der Unterschied zwischen Rousseau und Rousseauismus durch treffsicher in einer Vorlesung erläutert wurde, ganz und gar nicht verschnarcht. Ich nehme auch gerne Lehraufträge entgegen, um das Ganze noch mal durchzudeklenieren 🙂 …

    Diese Arroganz, die hier durchgängig weiße Männer und auch Du den Studierenden gegenüber und auch hinsichtlich ihrer Anliegen einnehmen ist nun gerade das, weshalb sie intervenieren. Formale Logik folgt nun auch nicht dem gesprochenen Wort und es käme kein Schwein auf die Idee, sie wegen Unleserlichkeit zu geißeln, weil da a priori ein Status zugesprochen würde, der im Rahmen der Konstitution von Supremacy gesellschaftlich als akzeptabel gilt. „Kindergarten“ ist übrigens in einem Kontext, wo es um Rassismus geht, auch wieder symptomatisch: Diese ganze Infantilisierung und „schreibt erst mal richtiges Deutsch“, die da durchscheint, ist auch ganz schön sarrazinesk. Lies dazu mal Fanon.

    Zudem auch Du nicht die Frage beantwortest: Warum überhaupt Rousseau lesen?

  19. ziggev März 18, 2014 um 2:31 pm

    naja, das hatte ich ja angedeutet, dass ich glaube, dass ich solches Abklopfen z.B. auf – wenn Du es schon benennst – „patriachale und koloniale Implikationen“ sicherlich spannend finden würde. Es gibt sicherlich noch andere Kontextualisierungen, die eine aktuelle Relevanz haben. Dieser Frage nach der Relevanz könnte z.B. bei Michelle de Onfray nachgegangen werden, dem Neo-Nietzschesianer, der, soweit ich mich erinnere, Rousseaus „Erleuchtungserlebnis“ in Verbindung bringt mit Körperfeindlichkeit bringt. Nicht dass ich nun über Onfray oder Neo-Nietschesianismus diskutieren wollte. Nur als Beispiel. Ich frage mich nämlich, ob ich Deine Begründung für „verschnarcht‘ – immerhin antwortest Du stantepede und direkt auf meine Frage – als das einzig entscheidende Kriterium für „verschnarcht“ oder nicht auffasst.

    Bedenke bitte, dass das Angebot, gerne auch mal Lehraufträge anzunehmen, genauso gut als arrogant aufgefasst werden kann. Zumal ich ja gesagt hatte, dass eine – in meinem Beispiel – feministische Lektüre Rousseaus sicherlich recht spannend werden könnte und dass es dafür vielleicht Zeit sei (inwiefern es eine solche bereits gibt, entzieht sich meiner Kenntnis).

    Ich vermute, dass jenes o.g. Abklopfen sehr viel mit der Rousseau-Rezeption zu tun hat. Und habe es selber mal erlebt, wie nach einem Vortrag zu Rousseau ein junger Student kämpferisch versuchte, die Veranstaltung in eine politische Debattenveranstaltung zu verwandeln. Offenbar hatte er eine bestimmte Lesart im Kopf, die er gegen andere, die womöglich nur in seinem Kopf, also in seiner Lesart, so existierten, in Stellung zu bringen versuchte. Er war aber auf verlorenem Posten und konnte seinen Punkt nicht klarmachen. Offenbar sah er in der Art, wie Rousseau diskutiert wurde, bestimmte Implikationen am Werke, welche, konnte er nicht klar machen, das lag aber auch an dem ganzen Setting (eine Vortragreihe bei den Freimaurern), klar war jedoch, dass es ihm um etwas ging, das ich „politische Vorfestlegung“ nennen würde. Wie ich es mitgekriegt habe, handelt es sich bei Rousseau extrem um so einen Fall: Wir treffen auch und vor allem historisch auf vollkommen divergierende Positionen – die immer mit bestimmten politischen Positionen verbunden sind. Ganz ehrlich: ich finde soetwas extrem nervig. Eins wird in einen Diskurs hineingezogen, der einem schlicht nicht bekannt ist, sodass es schwer ist zu erfahren, worin der Vorwurf eigentlich genau besteht.

    Wie ich das verstanden habe, geht es darum, sich gegen einen bestimmten Macht-Diskurs zu wenden. Wenn dann aber die Antwortstrategie in etwa lautet: schau her, ich vertrete eine Non-Maintream-Position und greife Deinen Mainstream-Diskurs an, ätsch! aber so richtig rausrücken damit, was meine Position ist, tue ich nicht, dann scheint mir das ebenfalls nichts weiter als ein Machtdiskurs zu sein.

    Aus dieser Position heraus kann immer behauptet werden, die andere Seite würde aus einer Machtposition heraus agieren, was per definitionem – und ja gar nicht so unplausibel – einfach so sei. Ein Projekt, das patriarchalische und koloniale Implikationen herausarbeiten würde, wäre sicherlich ziemlich ertragreich, insbesondere, wenn die Rousseau-Rezeption – da scheiden sich ja bekanntlich schon seit ein paar Jahrhunderten die Geister – in den Blick genommen werden würde; nicht nur das, sondern eben auch die Rezeption, wenn ich so sagen darf, durch Rousseau. Bereits mit dem bisschen Vorwissen, über das ich vage verfüge, leuchtet es mir sofort ein, das das Thema Rousseau vs. Rousseauismus wahrscheinlich ziemlich ergiebig wäre, vielleicht sogar aktuell relevant, den immerhin streiten manche heute immer noch über Rousseau.

    Aber ätsch! Ich weiß was, was Du nicht weißt! (Nehme gerne Vortragsaufträge entgegen.) Anstelle einer Diskussion über Rousseau wird einzig das Machtspiel derjenigen deutlich, die der Gegenseite vorwerfen, sie seinen in dem und dem Machtdiskurs befangen. Wirklich spannend finde ich das nicht.

    Natürlich ziehe ich mir den Schuh, meine Arroganz offenbart zu haben, nicht gern an. Aber wenn es einem so leicht gemacht wird … die Versuchung ist einfach groß. Wenn immer wieder derselbe Fehler gemacht wird, dann weiß ich aber nicht mehr so genau ob ich ihn nicht doch lieber anbehalte. Dieser Fehler lässt sich auch ganz leicht charakterisieren: Falsche Methode!

    Eine Methode, die von außen unvermeidlich als eine denunziatorische wahrgenommen wird (ich möchte dennoch versuchen, hartmutsche Terminologie zu vermeiden).

    Ich habe versucht anzudeuten, warum und auf welche Weise mir das Agieren der „Interventionisten“ (die im Hörsaal) widersprüchlich erscheint. Vielleicht war ich zu arrogant, um deutlich genug zu werden. Aber auf das, was ich anzudeuten versuchte, bist Du nicht eingegangen. Stattdessen sei ich arrogant auch „hinsichtlich ihrer Anliegen“. Wie könnte ich das, wenn ich sie gar nicht genug kenne, um da arrogant zu sein? Ich verfolge solche und ähnliche Diskussionen gelegentlich schon seit einer gewissen Zeit mit: Ich mag nicht die Art und Weise wie Du intervenierst – genau die Art und Weise, wie Dir nicht gefällt, wie wir intervenieren, gefällt uns nicht – eben; die Art und Weise, wie euch meine Art und Weise nicht gefällt, wie mir es nicht gefällt, wie ihr interveniert, gefällt mir nicht – siehst Du? Wieder ist es dieselbe Art und Weise, wie Dir nicht gefällt, wie uns es nicht gefällt, wie Dir es nicht gefällt, wie wir intervenieren, wie …. Watzlawick zufolge macht der Alltagsverstand nach, ich glaube, spätestens vier solcher Operationen schlapp.

    Das Perpetuum Mobile dreht sich aber unversöhnlich immer weiter. Ohne Probleme ist es möglich an jeder beliebigen Stelle neu einzusteigen oder es wieder in Schwung zu bringen.

    Hast Du nicht bemerkt, dass ich gewisse Debattenstile, die mich zuerst zu der Diagnose „kindisch“ führten, auf beiden Seiten ausgemacht hatte? Ich meinte die Eskalationsstufe, und so habe ich das auch gesagt. Denke auch an diese hilflosen „Studentenstreiks“. Irgendwelche K-Leute gefielen sich darin, über Manipulation der Rednerliste, die Diskussion zu beeinflussen/sabotieren. Am Schluss stand dann jemand am Pult – welch ein Erfolgserlebnis! – und durfte sich selber zuhören, wie sie, es war eine sie, als letztes Wort ihren Sermon ablassen durfte. Kein Arsch interessierte das. Dann wurden die Treppenaufgänge/Zugänge zu den Fahrstühlen blockiert. Ich kannte ja die Pappenheimer; es würde mit Sicherheit Leute geben, unbedingt ihre Bestätigung in ihrer (vermeintlichen) white Supremacy suchen würden – um jeden Preis. Diese Penner halten mich davon ab, mein tolles Studium fortzusetzen. Vollkommen kindisch. Ich befürchtete wirklich, es könnte zur Spielplatzklopperei kommen, weil nicht weniger fanatisierte nun alles daransetzen würden, sie daran zu hindern. Ich stellte mich in die Blockade und sorgte dafür, dass das Schlimmst nicht eintrat. Wer unbedingt wollte, wurde durchgelassen. Aber ich schämte mich.

    Meine Arroganz besteht darin, dass ich keine Sekunde mir einen schwarzen Menschen vorgestellt habe, als ich von Kindergarten sprach. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass ich selber das eine oder andere Mal zu spüren geglaubt hatte, welche Folgen das von Dir angeführte „lebenslange Mobbing“ bei den Schwarzen angerichtet hatte, die ich kennenlernte. Dies bitte nicht als sarkastische Bemerkung lesen. Mein Vorurteil ist wahrscheinlich, dass ich glaubte, dass sich da paternalistische Ambitionen breitmachten.

    Im Weber-Seminar. Asien kam dran. Weber: hätte von Robinson Crusoe abgeschrieben worden sein. Ein Typ mit einer asiatisch aussehen Kommilitonin oder umgekehrt saßen im Seminar. Ich war nicht elaboriert genug, traute mich nicht. Versuchte an den Gesichtern abzulesen, wie die das auffassten. Nix. Sie gingen dann. Eigentlich hatte ich erwartet, dass jemand etwa sagt: „An dieser Stelle fällt mir auf, dass Weber nicht sachlich ist, sondern rassistisch. Auch wenn wir das Thema Rassismus nicht nur bei Weber hier nicht vollständig aufarbeiten können, finde ich sollten wir konstatieren, dass Webern hier eindeutig rassistisch ist. Ich glaube, das können wir hier so festhalten. Vielleicht hat jemand eine Idee, wie wie weiter damit umgehen können/sollten?“ Eigentlich hätte ich das vom Professor erwartet. Wer sich aber traut, in einer solchen Situation gleich das ganze Seminar zu sprengen, dem ist auch zuzutrauen, es zunächst einmal mit einer solchen Einlassung zu versuchen. „Hiermit übergebe ich den Flammen die Schriften von …“ Wirklich?

    Mich haben die Argumente, warum Rousseau nicht zu lesen sei, nicht überzeugt. Bisher kenne ich nur eine Methode, die dies verhindern will. Stattdessen habe ich argumentiert, dass es tatsächlich einen Grund gebe, warum Rousseau an pädagogischen Instituten nicht zu lesen sei: Weil das für angehende Pädagogen nicht nur völlig überflüssig ist, sondern auch eine maßlose Zeitverschwendung wäre, denn es ist ein von Widersprüchen nur so trotzendes Werk, oder sagen wir Ambivalenzen, oder Rousseau sei sehr „schillernd“. Es ist nicht zu erwarten, dass Studierende während der kurzen Frist ihres Aufenthalt an der Uni sich ein abschließendes Urteil werden können. Sowas kann ins Selbststudium – wie Texte zu lesen sind, das sollen ja Studenten erst lernen – in Arbeitsgruppen oder ins Nebenstudium verlegt werden. Wie es für viele halt so üblich ist mit Klassikern. Die Arbeit von Pädagogen ist viel konkreter.

    Rousseau sollte gelesen werden: Eben weil er ein einflussreicher Klassiker ist. Einfach aus kriminalistischer Sorgfalt/Neugier. Um all diese Debatten besser zu verstehen.

  20. momorulez März 18, 2014 um 3:22 pm

    Dass Rousseau ein einflussreicher Klassiker ist ist ja nun gerade das Problem. Dass die Art des Kanons, der gelehrt wird, auf Exklusion basiert. Weber ist viel interessanter z.B. in der Systematik des Religionsvergleiches noch da, wo sich ja auch allerlei Schindluder einschleicht und der biographisch ein Schlimmfinger war, ist ja noch irgendein Versuch erkennbar, werftfrei sich auf „das Andere“ einzulassen. Anders als die von Cassirer zitierten Quellen aus der „Völkerkunde“, die „Naturvölkern“ eine Unfähigkeit zur Abstraktion unterstellen.

    „Rousseauismus“ nach Schnädelbach war übrigens, wenn ich mich recht entsinne, „Zurück zur Natur“, die Gauguin-Nummer, die geradezu konstitutiv für bestimmte Arten des Rassismus wie auch des Sexismus ist. Nur dass, indem immer wieder er und nicht etwa Du Bois oder Bel Hooks gelehrt werden, eine fortwährende Aufwertung der eurozentristischen Geschichtsschreibung erfolgt.

    Und wo Du schon die K-Gruppen (auch so ein Standard, das ist doch auch denunziatorisch) bringst und ich Schnädelbach: Es gab damals einen Fall, da er, Lieblingsopfer der K-Gruppen („Was weiß Schnädelbach wirklich?“) sich wahnsinnig echauffierte, dass ein Vortrag von Singer, glaube ich, der sich in Euthanasie-Fantasien Disabled People gegenüber hinein philosophiert hatte, von Behindertenverbänden verhindert wurde. Und ging so weit, dass er behauptete, auch so ein Klassiker, dass seine Studenten von Behindertenverbänden instrumentalisiert worden seien.

    Aber warum soll man so was diskutieren? Was für eine Verfügungsgewalt gestehen sich denn Leute zu, die Leben ganz rational für „unwert“ erklären? Rassismus, Homophobie, Sexismus, Ableismus sind ja kein Gegensatz zu „sachlich“. Das Ganze wird da ganz besonders brutal und gefährlich, wo es in wissenschaftlichen Paradigmen „sachlich und emotionslos“ wird. Und sich eine Haltung heraus bildet, die Andere dann für kindisch erklärt. Um über sie verfügen zu können. Das erleben nur Nicht-Marginalisierte nie, diese Mengele-Sachlichkeit. Ich muss da immer an Laurence Olivier im „Marathon-Man“ denken.

    Und natürlich geht es in den Interventionen um Gegenmacht, um was denn sonst? Dass ein Professor mehr institutionalisierte Macht hat als Studenten ist doch offenkundig. Dass ein Kanon Platon-Aristoteles-Hume-Descartes-Voltaire-Rousseau-Locke-Kant-Hegel als Upanishaden-I Ging-Tao Te King-Ashanti-Epos auch. Dass die gesamte us-amerikanische, aber auch indische Tradition hier nun kaum Gewicht hat, wenn sie nicht gerade wie ein Charles Taylor auf Hegel aufbaut, das ist doch auch offenkundig. Ob das nun irgendwas mit Wahrheitsfindung zu tun hat, das ist eine völlig andere Frage.

  21. ziggev März 18, 2014 um 4:43 pm

    Amerika: da fielen mir schon ein paar Namen ein …

    Ich kenne übrigens einen deutschen Kanonexperte, der das mit den Logischen Junktoren, all den Zeichen vehement ablehnt: bersarin. In diesem Satz von Dir verstehe ich allerdings das „auch“ nicht so ganz.

    Indien: hast Du die Rede des indischen Preisträgers des Leipziger Buchpreises zur europäischen Verständigung, es ist der Historiker Pankaj Mishra, gehört. Sein Buch: „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“.

    Ihm zufolge ging die Asienverachtung mit Hegel los. Ausgerechnet über Schopenhauer und Nietzsche und frühere startete er sein Buch-Projekt über Buddha.

    Link zur Seite mit den Infos und Link zur (gekürzten) Rede. Fand ich recht erfrischend.

    http://www.deutschlandfunk.de/leipziger-buchpreistraeger-laudatio-und-rede-von-pankaj.911.de.html?dram:article_id=280283

  22. momorulez März 18, 2014 um 5:11 pm

    Danke für den Link! Und welches „auch“?

    Bersarin war mir persönlich ja immer sehr sympathisch, aber bei dem habe ich erst richtig verstanden, was gewaltförmige, mackerhafte Rationalität und autoritäres, ästhetisches Denken ist – wie weiße Männer sich also aufwerten und was dabei so alles auf der Strecke bleibt. Auch, was sie sich selbst dabei antun. Deshalb konnte ich da auch irgendwann nicht mehr lesen. Im Grunde genommen habe ich ihm aber schon zu verdanken, da echt was geschnallt zu haben, auch wenn ich in der Anwendung dieser Erkenntnisse sehr inkonsequent bin 😉 …

  23. ziggev März 18, 2014 um 6:54 pm

    Dieses „auch“:

    März 18, 2014 um 11:11 vormittag

    „Formale Logik folgt nun auch nicht dem gesprochenen Wort und es käme kein Schwein auf die Idee, sie wegen Unleserlichkeit zu geißeln, weil da a priori ein Status zugesprochen würde, der im Rahmen der Konstitution von Supremacy gesellschaftlich als akzeptabel gilt. “

    rhetorisch, vom Sprachrhythmus her motiviert – oder doch ein inhaltlicher Bezug, den ich aber nicht herstellen konnte?

    jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, irgendwo etwas wie „lern erstmal Detusch“ gesagt oder gemeint zu haben. sehe ich in der Tat als ein Humpty-Dumpty-Argument der übelsten Sorte an. auch Varianten: du kannst halt nicht denken; Frauen können nicht einparken usw. sind mir eher zuwider.

    oder ist mit „nicht gesprochenem Wort“ das performative Auftreten im Protest gemeint, üder das wir hier redeten?

  24. momorulez März 18, 2014 um 7:34 pm

    „Auch“ im selben Sinne wie weiter oben jemand schrub, dass das Pamphlet der Interventionisten nicht in gesprochener Sprache funktionieren würde. X ist nun aber der Klassiker der Formalisierung. Und es fallen doch hier alle und Fefe schon zuvor über die dort verwendete Sprache her, die sich ja nur dem verdankt, dass eine Assimilation an die Sprache der Fordernden nur die üblichen Stereotype reproduzieren würde.

    Der Link zu Herrn Mishra ist übrigens sehr spannend und bestätigt mich sehr in dem, was ich hier im Blog, aber auch im sonstigen Leben seit geraumer Zeit treibe. Schopenhauer wollte ich erst sogar erwähnt haben, der ist halt nur zugleich auch der Frauenverächter par excellence. Interessant ist in dessen Philosophie ja die Ethik der Emphatie, und das taucht auch sehr zentral in den beiden verlinkten Reden auf. Überhaupt sind die Bezüge, die er herstellt, sehr interessant -Kritische Theorie, Weber, Schopenhauer, Nietzsche und Hegel dann als der Gegenspieler.

    In diesem „Free Play“-Buch zur Improvisation, dass ich Dir neulich verlinkte, tauchen auch sehr viele Bezüge zu indischer Spiritualität auf; bei der zauberhaften Julia Cameron las ich heute den Satz „Verletzlichkeit jst der Gegenspieler der Grandiosität“. Wow! Wenn Du Musik emphatisch improvisierend durch Dich spielen lässt, manchmal kommt man ja in so einen Flow, landest Du ja auch in so einer Art egobefreiter Einfühlung, bei den Balladen von Joshua Redman kann man das auch hören.

    Der Redner vor dem Preisträger führt so treffend aus, in was für einem Kontext hier wenn überhaupt indische Intellektuelle übersetzt werden: Als Lebenshilfe-Häppchen im Rahmen der Esoterik. Dabei gehen da ganze Welten auf, die so viel reicher, intensiver, schöner, erfüllender sind als die Brutalität westlicher Rationalitätskonzepte, dass der ganze „Erfolg“ des „westlichen“ Modells als totale Gewaltförmigkeit nur noch verständlich wird, Klar gab es auch Kastensystem, Witwenverbrennung, einen streng hierarchischen Konfuzianismus, aber Hexenverbrennung und Klassengesellschaft hier ja genau so. Das ist auch interessant, wie der Preisträger erläutert, wie in Indien längst verschüttete Denkweisen ihm über europäische Gelehrte, die nun gerade nicht schulbildend wurden – mal ab von der Kritischen Theorie – vermittelt wurden. So läuft es ja, auf Wegen seltsamer Vernetzungen, Aristoteles ist auch über die „islamische Welt“ re-importiert worden.

    Finde ich eine gute Wende hier in der Debatte, das sind ja nun gerade in Fragen der Erziehung ganz entscheidende Fragen. Ich habe ja nach nun über einem Jahr Unterricht jetzt und vier Jahren Unterricht einst gerade fest gestellt, dass ich konstant zu hoch intoniert habe, weil ich meine Schultern zusammen ziehe, mich nach vorne beuge und einfach nicht locker mache. Das ist Effekt einer typischen Disziplinierungsform durch meinen Lehrer einst und einem an Noten orientierten Unterricht: Jede Woche eine Etüde möglichst exakt spielen. Das ist eine ganz bestimmte Form der Rationalität, die sich da verbirgt und Körper schindet (und auch nicht die des Stube fegens im Zen). So lerne ich mich fast 50 erstmals SPIELEN auf diesem Instrument. Dafür brauche ich keinen Rousseau, sondern diffamierungsfreies Ausprobieren und Lockermachen statt Bonus- und Maluspunkten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s