Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„For feminism and against racism – in Malmö, Helsinki and everywhere“

Es ist über diverse Kanäle bereits verbreitet, dass in Malmö eine beinahe tödliche Attacke u.a. auf einen Fussballfan verübt wurde, der sich im Kampf gegen Homophobie in Stadien engagierte. Mein vollstes Mitgefühl, Solidarität – Hoffen und Bangen beim Wunsch nach Genesung!

Seine Aktionen und die seiner Mitstreiterinnen scheinen durch die Aktionen gegen Heterosexismus im Milerntor-Stadion inspiriert gewesen zu sein; das erfreut und erfüllt mit Stolz.

Um so schrecklicher die Konsequenzen, die er nun, im künstlichen Koma auf der Intensivstation, erleiden muss.

Ein wenig unter zu gehen schien mir im Zuge der großartig breiten Solidarisierungswelle, die sich vor allem bei Facebook nachvolziehen lässt, der Kontext, in dem der beinahe tödliche Angriff statt fand:

„★★★ Take Back The Night 2014 ★★★ We are gathering in Narinkkatori, Kamppi, on Saturday 15th March 2014 to take the night back! Join us on a march against misogynist and racist violence, in solidarity with the Malmö feminists. Last Saturday night on 8th March nazis armed with knives attacked a group of feminists after Take Back the Night Women’s Day demonstration in Malmö, Sweden. This can’t continue. People face constant harassment and violent attacks because of their gender, sexuality, skin colour, migrant background, disability or other arbitrary reason. We do not accept this. We want to move in the city without being attacked or having to feel threatened. We will not be disheartened by right wing extremist attacks or threats but continue to claim public spaces for ourselves. Bring your own signs, banderols and lights to light up the night. The streets belong to us! For feminism and against racism – in Malmö, Helsinki and everywhere.“

Ich halte das:

„Last Saturday night on 8th March nazis armed with knives attacked a group of feminists after Take Back the Night Women’s Day demonstration in Malmö“

nicht für zufällig, und es greift zu kurz, betrachtet man das nur im „Antifa“-Kontext, glaube ich zumindest, versteht man diese als Szene oder Personengruppe.

Das macht es der schwedischen Polizei auch viel zu einfach, das als Rangelei zwischen „Extremisten“ zu behaupten.

Wobei es auch im Trend liegt, Emanzipationsforderungen für ein diskrimierungsfreies Leben von PoC, LGBTQ und Frauen im Allgemeinen als „Extremismus“ auszulegen, den man im Sinne des Ausgleichs mittels irgendwelche Hater in Talkshows erst mal wieder mitten müssen.

Darum soll es in diesem Text gehen, ein Klima sei skizziert, in dessen Kontext solche Terrorattacken Legitimation erfahren, vermutlich, weil sie gegen „Tugemdterror“ gerichtet seien. An Orten, Stadien, wo man ja wohl mal die Sau raus lassen „dürfe“.

Ich habe keine Ahnung von der Diskussionslage in Schweden noch von dortigen Formen der Auseinandersetzung im Fussball-Zusammenhang. Allenfalls mit dem Pamphlet von Andreas Breivik, seinen Attacken auf den „Kulturmarxismus“, habe ich mich damals auseinander gesetzt, und das war im Nachbarland Norwegen. Da war einiges drin, dem Matussek oder Sarrazin vermutlich zustimmen würden. Die ja auch eher Symptome dessen sind, was überall herum geistert, und wohl viel Aufmerksamkeit brauchen. Kriegen sie jetzt hier auch mal ausnahmsweise.

Und es ist wohl davon auszugehen, dass diese aufgewärmte us-neokonservative Hetze von Sarrazin über Matussek, Thierse, Blüm und dieser geklonten Literaturpreisträgerin – geklont, weil die alle das gleiche brabbeln, sie hat es nur verbal etwas fantasievoller verunstaltet – in Schweden wie eben auch in Frankreich wie auch in Russland verbreitet ist. Um alle umzuerziehen, die nicht vollkommen genormt sind.

In Frankreich wollten manche der Hunderttausenden, die für faschistoide Ungleicheitsfantasien auf die Straße gehen, schon Bibliotheken stürmen, in denen Werke der Gender-Theorie sich finden.

Diese ganze Propaganda hat nicht nur eine dezidiert homophobe und bei anderen rassitische, sondern eben auch eine massiv antifeministische Pointe.

Jeder Matussek, der sich als „Erzeuger“ wähnend „Heterosexualität“ wegen der „Forpflanzungsfähigkeit“ abfeiert, weist Frauen die Rolle der Gebärerin zu und erklärt jene, die nicht wollen oder können, gleich mit für defizitär und die anderen als vom Manne abhängig, ohne ihn nur minderwertig, halbiert, denkbar.

Dass Frau Literaturpreisträgerin das flankiert, das ist kein Zufall.

Wie aus dem Nichts schossen mir heute die Textzeilen Nina Hagens durch’s Hirn „… Simone de Beauvoir sagt Gott bewahr und vor dem ersten Kinderschreien muss ich mich erst mal selbst befreien.“ Was nun auch keine Forderung implizieren soll, wer will, soll doch.

Dennoch: Diese fortwährende Platzzuweisung, die Frauen von Männern erfahren, welche sich über LGBTQ erheben, erscheint mir trotzdem viel zu wenig berücksichtigt. Matussek ist insofern meines Erachtens auch frauenfeindlich. Wer das Individuum biologischen Funktionen unter ordnet ist dies.

Und Ratzinger hat all den Menschenverächtern mit seiner ewigen, religionsübergreifenden „Naturrechtslehre“ das Paradigma geliefert.

Diese Re-Biologisierung des Sozialen ist problemlos für Nazismus anschlussfähig – die, wie in der „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben, in Mythologie umschlagende Aufklärung tut dieses ja aufgrund eines naiven, biologistischen Positivismus, der in Faschismus umschlägt.

Sarrazin äußert sich, verstehe ich ihn recht, in diesem Sinne.

Herr Peymann findet das diskussionsfähig, findet, man müsse gaaaaanz vorsichtig sein, bevor man Rassismus diagnostiziere, hat aber kein Problem damit, solche, die sich gegen Diskreditierung wehren, als nazihaften Pöbel zu bezeichnen. In diesem Peymannschen Sinne haben die prügelnden und messerstechenden schwedischen Nazis dann wohl konsequent antifaschistisch gehandelt.

Herr Bisky wiederum im Neuen Deutschland meint (ich verlinke das jetzt alles nicht, kann aber Belege liefern), man müsse das „Unbehagen“ angesichts von dauerndem Rumgeschwule, selbstbestimmter Frauen und der schlichten Existenz und Präsenz von PoC schon irgendwie aushalten und verkennt dabei, was diese so alles aushalten müssen den lieben langen Tag lang – unter anderem fortwährende Gewaltandrohungen, die von Latenz in Manifestes umschlagen können. Jederzeit.

Bei Twitter habe ich neulich eine Studie herum geschickt, dass jede dritte Frau in der EU Gewalterfahrungen hat. Dass es keineswegs in so genannten „Unterschichten“ oder jenen Exludierten, denen „Migrationshintergründe“ fortwährend angeschrieben und in Fragebögen abgefragt werden, am krassesten zugeht, sondern bei Akademikern. Den Matusseks und Sarrazins (nicht konkret bei denen, sondern solchen wie denen).

Die nun gerade ein Klima schaffen, in dem es kein Zufall ist, dass solche Attacken ausgerechnet im Zusammenhang mit einer feministischen Demo statt finden. Wenn es sie denn in Schweden auch gibt, wovon auszugehen ist. Ein Facebook-Kommentator berichtete sogar von schwedischen Matussek-Fans.

Es ist auch kein Zufall, dass man bei Women of Colour immer die besten Diagnosen der gesellschaftlichen Gegenwart findet.

Ich glaube, dass man die hier allenfalls skizzierte Gemengelage, auf die mit neuem Mut und neuer Wucht sich Neonazis problemlos, selbst von Peymann noch befeuert, drauf satteln können, aktuell stärker in den Focus rücken muss. Die NPD hat doch hierzulande nur solche Probleme, weil die so genannte „Mitte“ ihnen ständig die Themen klaut.

Und das auch und gerade hinsichtlich der antifeministischen „Pointe“.

Einige derer, die sich jetzt solidarisch zeigen mit den Opfern von Malmö, was gut und richtig ist, sind doch zudem die, die ansonsten gegen „Critical Whiteness“ ätzen, Feministinnen hämisch Traumatisierung und „Selbstopferisierung“ andichten, sich über Triggerwarnungen erheben und über den Terror der „Lesbenherrschaft“ in linken Szenen einst schwadronieren.

Es gibt da in Malmö Menschen, die sich, weil sie sich gegen Heterosexismus im pro-feministischen wie auch antirassistischen Sinne erhoben haben, fast umgebracht wurden.

Der Zusammenhang kann noch sehr viel deutlicher hervor gehoben werden; diagnostiziert man die Gründe, aufgrund derer sich von Matussek über französische Neofaschisten bis hin zu schwedischen Neonazis solche sich ach so gefährdet sehen, dass sie ausrasten und manche auch morden wollen (bzw. dies in Paris auch schon getan haben), findet man auch Wege zum Gegengift zu ihren Lügen.

Im Sinne der Opfer der Attacke sollte dies geschehen.

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Eine Antwort zu “„For feminism and against racism – in Malmö, Helsinki and everywhere“

  1. Pingback: Lieber mit den Richtigen verlieren als mit den Falschen gewinnen – #FCSP beim FSV | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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