Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tugend, Macht, Moral, Interesse, Gemeinschaft: Ein paar Worte zu Anatol Stefanowitsch, Antje Schrupp und Immanuel Kant

Diese Replik des ansonsten von mir als Leser sehr geschätzten Anatol Stefanowitsch auf einen sehr guten Text von Antje Schrupp enthält meines Erachtens derart viele Denkfehler und falsche Grundannahmen, dass es mir altem bzw. ehemaligen Studenten der Moralphilosophie einfach in den Fingern juckt, das zu kommentieren. Zum Verständnis des folgenden sollte man die eben beiden Texte gelesen haben.

Und es ist sinnvoll, durchaus im von Antje und Anatol vorgebenen Rahmen – und wo wir ja in Zeiten des Tugendterrors durch Sarrazin, Matussek und solche uns bewegen, ist es auch gut, ein paar grundsätzliche moralphilosophische Frage aktuell zu diskutieren, weil z.B. das, was Tugendethik von modernen Moralkonzepten unterscheidet, zumeist unterbelichtet bleibt –  zunächst mal die ganz grundsätzliche Frage stellen: Warum überhaupt moralisch sein?

Diese Frage beinhaltet zwei Unteraspekte: Was motiviert mich zur Moral, und was ist moralische Motivation? Und: Was ist außer-. was amoralisch?

Erstere impliziert, dass Moral eine Funktion habe, sie ist zu etwas nütze.

Das ist in der Kantischen Tradition allerdings gar keine moralische Frage. Ich weiß, dass Kant ein  sinnenfeindlicher, rassistischer, patriarchaler Schlimmfinger war, so ganz zu den Akten legen kann man ihn meines Erachtens dennoch nicht, weil er auch vortrefflich das Gegengift zu seinen eigenen Lügen formulierte.

Die kantische Tradition hat zwei große Gegenspieler, die eine ist die aristotelisch-hegelianische Linie, die andere die utilitaristische. Beide sind fusionierbar.

Erstere formuliert Tugendlehren, in kantischer Terminologie Pflichten gegenüber sich selbst: Du musst immer Gemüse essen, um gesund zu bleiben, es schadet Deinem Seelenheil, wenn Du mit Männer schläfst, man muss tapfer, authentisch und ehrlich sein, um ein guter Mensch zu sein.

Tritt Hegel noch hinzu, so nimmt man das, was heute Kultur heißt und historisch geworden ist, mit hinein. Sittlichkeit, traditionell gesprochen. Im Zuge der historischen Entwicklung als Entfaltung der Vernunft (so bei den „Aufgeklärten“, bei anderen kann das auch das Wirken der Lehre Jesu Christi, die unergründliche Rätselhaftigkeit und Schönheit Allahs und dergleichen sein) haben sich diese und jene Traditionen heraus gebildet, die selbst normativ gehaltvoll seien und an denen man sich orientieren solle, alles Andere sei Hybris. Du Wurm.

Letzterer Schritt ist insofern einer zur – historisch verstanden – modernen Moral, dass er am Sollen ansetzt. Das ist eine weitere grundsätzliche Unterscheidung zur antiken Ethik, die eher am Guten orientiert war. In der Hinsicht vertritt nun gerade Sarrazin eine Tugendlehre, weil er ja die ganze Zeit zwischen „besser“ (weiß/hetero/männlich) und „schlechter“ (die anderen) unterscheidet. Bei einem gleichzeitigen Zurückweisen des Gedankens der Freiheit: Er behauptet ja Determinanten.

Interessant ist übrigens, dass fernöstliche Modelle der Tugendethik wie der Buddhismus oder der Taoismus eher auf wertfreie Achtsamkeit zwecks Auflösung des Ego abzielen. Das ist sozusagen das Gegenmodell zu Sarrazin im Kontext der Tugendfrage.

Der andere Gegenspieler ist der Utilitarismus. Der fragt nach dem Nützlichen. Unter Rekurs auf ein Gemeinwohl: „Das größte Glück der größten Zahl“ (Bentham). Das klassische Wiederlegungsbeispiel ist das mit den vier Schiffbrüchigen, die nur überleben können, wenn sie einen derer aufessen. Ist das moralisch?

Das ist zugleich die Leitideologie des Kapitalismus: Wenn man dafür sorge, dass es den Investoren, Anteilseignern und Konzernen gut gehe, dann gehe es allen gut, weil für die „kleinen Leute“ (das hat man einst wirklich so gesagt) auch etwas abfiele. Arbeitsplätze usw.. Die ganze Armen, Hungernden usw. nimmt man dann halt in Kauf, so lange es nicht die größte Zahl wird.

Aus kantischer Perspektive ist das keine Moral. Sehr schön ausgeführt hat das Ernst Tugendhat in seinen „Vorlesungen über Ethik“. Der Kategorische Imperativ heißt so, weil er solche Hypothesen über die Wirkung von Regeln im Sinne ihrer Nützlichkeit ins Reich der Empirie verweist, er seinerseits sich aber müht, Moral aus den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft selbst im metaphysischen Sinne herzuleiten als kategorisch. Die Form der Vernunft ist das Gesetz, das Allgemeine, „alle Äpfel fallen herunter“, also ist die Gesetzesform selbst jene, die das Sollen in dem Sinne begründe, dass die Gründe meiner Handlung verallgemeinerungsfähig sein sollen. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Gesetz heißt jetzt aber nicht das, was im BGB steht, sondern gemeint ist die Form „Regel für alle vernünftigen Wesen“, in Analogie zu Naturgesetzen verstanden – aber doch deren Gegenteil. Da sie im Geiste, der intelligiblen Welt, nicht der sinnlich-natürlichen formuliert werden und so in der Lage sind, selbst kausal zu wirken in der empirischen als Handlungsgründe.

Das kann man – vor allem aufgrund der zugrunde liegenden „Zwei-Reiche-Lehre“, wo die Vernunft gewissermaßen vor der Erfahrung liegt und so in der Erfahrung etwas bewirken kann, ohne selbst Teil der Erfahrung zu sein, und was hinten raus kommt, kann gar nicht beeinflusst werden – in vielerlei Hinsicht falsch finden.

Es ist aber insofern tiefsinnig, dass es einen Bereich ausweist, der durch Nützlichkeitserwägungen nicht erreicht werden kann. Und DAS ist Kant zufolge die Moral. Sie ist also gegen das Instrumentelle gerichtet.

Womit schon alle Kandidaten, die mit „Demographie“ operieren, aus dieser Perspektive vielleicht nicht un-, aber zumindest außermoralisch agieren und mittels Moral kritisiert werden können.

Es gibt zudem eine zweite Formulierung des Kategorischen Imperativ, ein jeder Mensch sei als Zweck an sich selbst zu behandeln. Ich schreibe jetzt nicht explizit alles auf, wo ich denke, dass Antje ganz auf Kantischer Linie liegt, aber ein absolutes Verfügungsrecht über den eigenen Körper zu behaupten ist ganz in diesem Sinne ein Achten des Anderen als Zweck an sich selbst. Was eben auch eine Achtung vor dessen Freiheitsspielräumen ist. Tugendhat formuliert das um in „Instrumentalisiere niemanden!“, und in was für einer amoralischen Mistwelt wir leben, das wird schon daran ersichtlich, dass hier sowieso jeder permanent instrumentalisiert wird.

Nun ist es aus dieser Perspektive aber auch nicht möglich, Menschen, die sich instrumentalisieren lassen wollen, weil sie unter Bedingungen des real existierenden Kapitalismus auch gar keine andere Wahl haben oder zumindest keine Alternative gewählt haben in den Fällen, da sie möglich wäre, Prostituierte zum Beispiel, dazu zu zwingen, sich nicht nicht instrumentalisieren zu lassen.

Bei der Abtreibungsfrage verhält es sich noch ein wenig anders, weil da der Konflikt darin besteht, sich zu fragen, ab wann ein Mensch ein Mensch ist und wie lange der Fötus eben Teil des Körpers der Frau ist. Ich habe da eine dezidierte Meinung, das ist aber der Punkt, wo sich für viele (nicht für mich) die Frage stellt, ob da das Verfügungsrecht über den eigenen Körper gegeben ist oder nicht vielmehr die Achtung vor dem puren Leben eines zukünftigen Kindes geboten sei.

Meines Erachtens greift da vollkommen das Verfügungsrecht über den eigenen Körper, das ist aber zunächst mal der Unterschied zur Sterbehilfe zum Beispiel. Oder zum Drogenkonsum. So lange man Anderen nicht schadet, finde ich jedes Gesetz da unsinnig. Und die meisten schädlichen Handlungen wie Beschaffungskriminalität sind Folge der Gesetze, nicht des Drogenkonsums. Zudem gerade die oft verboten sind, die z.B, Aggression wie Alkohol gar nicht fördern. Nach Kant gibt es keine Pflichten gegenüber sich selbst, sondern nur ANDEREN gegenüber.

Das ist aber nicht gleich die „Gemeinschaft“, die Anatol da postuliert. Sondern die konkreten Anderen gegenüber, um mit Sheyla Benhabib zu sprechen. Den Punkt überspringt Anatol, wie ich meine, typisch für die deutschen Denkwelten – und dass jener, der Intersubjektivität in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellte, Jürgen Habermas, so oft gescholten wird, liegt daran, dass das außerhalb von Rosamunde Pilcher-Verfilmungen und vorformatierten Lebensentwürfen wie „Ehe“ auch keiner wirklich diskutieren will. Es ist verblüffend, wie Anatol von der Frage nach der Mitwirkung an etwas sofort zu einem Ensemble geteilter Normen über geht und das, was auch als „Vertragsmodell“ bezeichnet wird z.B. im Falle wechselseitig einvernehmlicher sadomasochistischer Sexualpraktiken, überspringt.

Marxisten hat diese ganze Art, die Diskussion zu führen, mit teils guten Gründen schon immer genervt. Erst kommt das Brot, dann die Moral! Ein, wenn es nicht gerade um Nationen oder Konzerne geht, seltsam verschwundener Begriff, nämlich jener des Interesses, wird in Anschlag gebracht. Gesellschaft wird verstanden als sich widerstreitende Interessen, und kampfstark hat man die eigenen durchzusetzen gegen jene, die nur ausbeuten.

Diese ganzen immer irgendwie auch utilitaristische argumentierenden Modelle, es läge nicht im Sinne des Gemeinwohls, wenn die Mieten überall steigen, entstehen, so scheint es mir, oft daraus, dass viele zu feige sind, zu ihren Interessen zu stehen. Weil ihnen ständig eingeredet wird, sie dürften keine haben.

Aber warum denn? Jeder Baulöwe macht das doch auch. Und es ist im Interesse von Frauen, abtreiben zu können, und im Interesse von Schwulen, nicht verprügelt und beschimpft zu werden, im Interesse von PoC, nicht ständig von Weißen belehrt zu werden, die dann die Jobs kriegen, wo es auch mal Geld gibt – aber warum denn auch nicht?

Und ja, das ist der Punkt, wo Macht ins Spiel kommt. Auf der Linken haben ja alle immer ein Problem damit, auch einfach mal mächtig statt ohnmächtig sein zu wollen.

Historisch führte das u.a. zum Aufblühen des so genannten „Kommunitarismus“ in den 80er und 90er Jahren. Das ist zum Teil sozusagen das nach links wenden der aristotelisch-hegelianischen Linie und gründet in us-amerikanischen Graswurzel-Bewegungen. Der interessanteste Philosoph aus der Ecke ist meines Erachtens Charles Taylor. Eben „Communities“, manche nannten das auch „Nations“. In denen haben sich diese und jene Sitten, Gebräuche und Tugenden heraus gebildet, an denen man sich nun orientieren könne. Gerade in autonomen- und postautonmen Zusammenhängen haben sich diese Modelle auch etabliert; strukturell sind sie freilich konservativ, weil Gruppendruck über individuelle Freiheit gestellt wird. Nein, keine Sorge, ich lande keineswegs bei Sarrazineskem.

Anatol argumentiert ganz auf der kommunitaristischen Linie im Sinne einer Selbstgesetzgebung:

„Themen im Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und den legitimen Interessen der Gemeinschaft können weder durch Berufung auf Traditionen oder die scheinbare Selbstverständlichkeit des Status Quo noch durch Berufung auf das Prinzip absoluter Eigenverfügung sinnvoll vorangebracht werden. Stattdessen müssen wir diskutieren, welche ethischen Prinzipien wir unserer Gemeinschaft geben wollen und wie diese zu rechtfertigen sind.“

Da hat nun auf einmal wieder die Gemeinschaft „Interessen“. Aber wer ist denn Teil dieser „Gemeinschaft“, und wieso sind deren Interessen legitim, das Individuum hingegen ist lediglich frei und in dieser Freiheit einzuschränken?

Ich finde das frappierend.

Andere moderne Moralkonzepte setzen wenigstens universell an: „Alle“. Armatya Sen zum Beispiel.

Und dann kann man diskutieren, wer denn nun alle sind.

Aber das ist wenigstens diesem seltsamen Binnenmodell „Gemeinschaft“ entgegen gesetzt, das man im Falle des FC St. Pauli noch in Anschlag bringen mag, aber doch nicht in so einer Frage. Was für ein legitimes Interesse hat denn bitte eine wie auch immer erfundene „Gemeinschaft“ gegenüber der einzelnen Frau? Gar keines!!!

Das sind einfach irre Hilfskonstruktionen, um Einzelne zu unterwerfen und das auch noch als gerechtfertigt zu behaupten. Diese „Gemeinschaft“ ist einfach immer der Schatten der „Nation“, und da kann man wenigstens noch sagen, dass die über die Staatsbürgerschaft definiert ist – was dabei raus kommt an Grauen, das kann man nun auch täglich in der Abschiebehaft beobachten. Es gibt keine Verpflichtung der „Gemeinschaft“ gegenüber, weil die ein viel zu schwammiges, je nach Interesse sonstwie auszudeutendes Monstrum ist, das nur dazu dient, dass der Einzelne sich klein fühlen möge. Diese der „Gesellschaft“ als Institutionengefüge vorgängige „Gemeinschaft“ hat auch sehr viel gruseliges Denken hervor gebracht. Die Habermassche Öffentlichkeit, die Antje in Anspruch nimmt, ist einfach ein Kommunikationsraum, keine „Gemeinschaft“.

„Und da Gesetze nichts anderes sind als das institutionalisierte ethische Gerüst einer Gesellschaft, soll das keine abstrakte moralphilosophische Diskussion sein, sondern auch eine Diskussion über die Weiterentwicklung von Gesetzen.“

Das ist falsch. Das betrifft die Grundrechte, aber nicht das Steuerrecht, zum Beispiel, oder Bebauungspläne. Das war übrigens der große Streit zwischen Habermas und Apel, seinem langjährigen Mitstreiter –  letzterer dachte, dass das, was sie aus Kommunikationsmechanismen als Moral heraus destillierten, 1 zu 1 in Gesetzesform zu bringen sei, und dann sei alles gut. Da war Habermas trotz Wende zum Staatsphilosophen aber wenigstens noch so schlau, dass er entgegnete: Lieber Herr Apel, Recht betrifft auch allerlei FUNKTIONALE Erfordernisse.

Nach Kant haben die aber weder mit Ethik noch mit Moral etwas zu tun, und auch ohne Kant ist eine funktionale Begründung einfach etwas ganz anderes als die moralische. Und Recht ist zudem oft INTERESSENAUSGLEICH, wie z.B. der berühmte Vergleich vor Gericht.

Deutsches Recht gründet aber zudem auch auf dem Eigentumsschutz, ist also Absicherung der Besitzverhältnisse, und das ist meines Erachtens noch niemandem gelungen, das moralisch zu begründen. Hinsichtlich des von Antje Beschriebenen ist trotzdem ganz interessant, dass der ja voll und ganz zu unterschreibende Slogan „Mein Körper gehört mir!“ in der Hardcore-Liberalen-Auslegung gründet, dass es sich bei Körperlichkeit um ein Eigentumsverhältnis handele.Was insofern nicht trivial ist, weil ja sowieso alle, die dem Lohnerwerb nachgehen, ihre Körper vermieten, sozusagen. Es ist naiv, angesichts dieser ganzen wirtschaftlichen Interessen im Großen wie im Kleinen davon auszugehen, dass „Gesetze das nichts anderes als das institutionalisierte ethische Gerüst einer Gesellschaft sei“.

Was bleibt? Die Frage nicht etwa nach der Motivation zur Moral, sondern der moralischen Motivation.

Warum will ich jemanden helfen? Die Frage zur Motivation zur Moral kann durchaus mit narzisstischer Selbstbefriedigung, „ein guter Mensch sein wollen“, beantwortet werden. Was aber, wenn der Andere sich gar nicht helfen lassen WILL? Dann wechsele ich u.U. die Perspektive und lasse es sein – dann ist der Andere selbst mein Grund und Ziel. Die Achtung vor seiner Würde, seiner Freiheit, seinem So-oder-so-sein-wollen. Das wäre die Kantische Antwort. Die moralische Motivation. Das hat auch politische Implikationen:

„Ob Menschen über ihren eigenen Körper verfügen (dürfen), ist deshalb keine offene Frage, über die gesellschaftlich zu entscheiden wäre, sondern eine Tatsache, die bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden muss.“

Eben.

Die Pointe der Kantischen Modelle ist, dass sie nur wechselseitig, neudeutsch: „reziprok“, funktionieren. Diese sarrazinesken, sich auf „Gemeinschaft“ im Sinne der Demographie berufenden Modelle sind eben einseitig. Die denken ihre Freiheit unabhängig von der der anderen. Sie schränken massiv mittels Mobbing die der Diskreditierten ein mit ihrem Tugendterror und behaupten Diffamierung als „Wahrheit“.

Auch deshalb ist freilich die machtgesättigte Form des mittels Gewaltmonopol durchgesetzten Rechts als eines, das den Interessen von Staat und Wirtschaft dient, sowieso immer schon im außermoralischen Sinne angesiedelt, mag sie noch so sehr moralisch aufgeplustert auftrumpfen. Auch ein Kant-Lehrsatz: Recht ist mit der Befugnis zu zwingen verbunden. Moral nicht. Nur dass die Herleitung des Eigentums aus dem A Priori in Kants „Metaphysik der Sitten“ scheitert, anders als eine wohlverstandene Auslegung des Kategorischen Imperativs.

Das ist ein Unterschied ums Ganze, aber auch ein Hinweis darauf, dass zum Leben dazu gehört, mal so, mal so zu agieren. Mal im Sinne des wohlverstandenen Eigeninteresses, mal im Sinne moralischer Motivation. Da gibt es kein Metakriterium.

Und dass, will man frei sein, man Macht nicht als das ausschließlich Böse betrachten sollte. Sonst kann man sich nicht wehren. Sollen im außermoralischen Sinne. Manchmal ist Macht ganz nützlich – dann, wenn man sie hat. Sie kann nämlich kantisch beschränkt werden. Auch ohne die Annahme einer „Gemeinschaft“.

Edith: Hier noch eine Antwort von Antje auf Anatol Stefanowitsch.

4 Antworten zu “Tugend, Macht, Moral, Interesse, Gemeinschaft: Ein paar Worte zu Anatol Stefanowitsch, Antje Schrupp und Immanuel Kant

  1. MartinM März 5, 2014 um 8:56 pm

    Eine großartige und bei allem Tiefsinn gut verständliche Replik auf Anatol Stefanowitsches Replik auf einen sehr guten Text von Antje Schrupp.
    Du berühst ganz zentral Themen, die auch mich immer wieder beschäftigen.

    Und der Text enthält eine für mich, als „Kantianer“ , tröstliche Erkenntniss: Kant war, wie ich ja einsehe, leider ein rassistischer, patriarchaler Schlimmfinger, der eine sinnenfeindliche Erkenntnisstheorie formulierte, aber er formulierte vortrefflich das Gegengift zu seinen eigenen Lügen.
    Wobei Kant m. E. oft nur die (im marxischen Sinne ideologischen – „falsches Bewußtsein“) Ansichten seiner Zeitgenossen unhinterfragt übernahm, die mitunter auch wider besseren Wissens „falsch“, also unehrlich, waren, also der „Meister der Kritiken“ unkritisch war – in einigen Fällen belog er sich wohl in erster Linie sich selbst. (Vielleicht, weil er die Konsequenzen seines eigenen Denkens nicht ertrug, oder einfach Privilegien, die er als preußischer Professor nun einmal genosse, nicht gefährden wollte?)

    Für einen Absatz könnte ich Dich knutschen:
    „Diese ganzen immer irgendwie auch utilitaristische argumentierenden Modelle, es läge nicht im Sinne des Gemeinwohls, wenn die Mieten überall steigen, entstehen, so scheint es mir, oft daraus, dass viele zu feige sind, zu ihren Interessen zu stehen. Weil ihnen ständig eingeredet wird, sie dürften keine haben.“
    Ja, Deine Antwort auf die Frage, wieso ich, wieso wir „einfachen Menschen“ gefälligst keine Interessen zu haben hätten, und wenn wir sie wahrzunehmen versuchen, schnell als „egoistisch“, „querköpfig“ oder „unmoralisch“ bezeichnet werden, und warum Konstrukte wie Staat, Religion, Unternehmen, Verbände usw. und sogar so abstrakte Wesenheiten wie „das Gemeinwohl“, „die öffentliche Ordnung“ oder gar „die Gemeinschaft der Betragszahler“ sehr wohl und meisten unhinterfragt Interessen haben dürfen, gefällt mir gut.

    Und Antje hat Recht, und zwar so was von! 😉

  2. momorulez März 5, 2014 um 9:06 pm

    Antje hat völlig recht, sehe ich ja auch so. Und in letzter Zeit denke ich auch häufiger an die Debatten mit de Liberalen zurück. Weil die gerade in der Frage mit dem Eigeninteresse komplett selbstwidersprüchlich waren, da sie das „unternehmerischer Feiheit“ zugestanden haben, sonst aber niemandem.

    Komischerweise laufen mir aber in letzter Zeit ständig Gedanken über den Weg, die aus ähnlichen Quellen schöpfen, diese aber in einen ganz anderen Kontext überführen, dass es plötzlich Sinn macht.

    Kant kann man in Grund und Boden kritisieren, in seiner Moralphilosophie steckt aber Unterhintergehbares. Glaube ich.

  3. astefanowitsch März 6, 2014 um 10:23 am

    Danke für diese ausführlichen Überlegungen, auf die ich hier natürlich nicht ausführlich eingehen kann (die aber sicher in weitere Beiträge meinerseits einfließen werden). Nur zwei Klarstellungen zu meinem Text. Erstens: Mir ging (und geht) es zunächst nur um die Frage, ob und inwieweit die Gemeinschaft(en), denen ein Individuum angehört, prinzipiell das Recht haben, Handlungen des Individuums ethisch zu bewerten (und, da ich Ethik und Gesetz – sicher stark verkürzt – gleichsetze, ggf. mit Konsequenzen zu belegen). Und da scheint es mir produktiv, davon auszugehen, dass die absolute Eigenverfügung dort endet, wo mehr als eine Person beteiligt ist. Denn (das hat Antje in ihrer Antwort sehr gut formuliert) zumindest die anderen beteiligten Personen (also die, um deren Körper/Selbst es gerade nicht geht) müssen hier ethisch begründbare Entscheidungen treffen. Zweitens: Ich habe die Frage, auf welcher Grundlage die Gemeinschaft in Entscheidungen des Individuums eingreift, und speziell die Frage nach der Moral bewusst ausgeklammert und mich auf die Ethik beschränkt. Das ist sicher problematisch, da die Frage, wie die Gemeinschaft in die Handlungen des Individuums eingreift, möglicherweise nicht unabhängig von der Frage ist, wo bzw. ob sie das überhaupt darf. Aber mir ging es eben zunächst darum, das Prinzip der absoluten Eigenverfügung an sich infrage zu stellen bzw. zu zeigen, dass es die Eingebundenheit des Individuums in soziale Zusammenhänge ausblendet. Das Prinzip der Eigenverfügung sieht zunächst gut aus, weil es illegitime Fremdbestimmung ausschließt. Aber es trifft eben eine in dieser Kategorialität falsche Unterscheidung in „selbstbestimmt“ und „fremdbestimmt“, sodass alle Argumente, die auf den Prinzip der Eigenverfügung aufbauen, an der Realität scheitern werden.

  4. Momo Rulez März 6, 2014 um 11:15 am

    Na ja, an der Realität scheitern – die normative Kraft des Faktischen ist halt auch ein naturalistischer Fehlschluss, also einer, der vom Sein auf’s Sollen schließt. Und Deine Unterscheidung von Ethik und Moral habe ich ehrlich gesagt auch in den Kommentaren bei Facebook nicht verstanden. Meinst Du mit Ethik sozusagen den zu rekonstruierenden Überbau, mit Moral das, was man selbst fordert? Falls ja, ist dann aber schwierig, daraus dann wieder praktische Schlüsse zu ziehen, die außerordentlich moralisch sind.

    Aufbauend auf einem Aufsatz von Habermas über den pragmatischen, ethischen und moralischen Gebrauch der praktischen Vernunft unterscheide ich da eh anders: Ethik behandelt die Tugendlehre und Fragen nach Lebensformen, das ist die antike und aristotelisch-hegelianische Linie, die nach dem Guten fragt, Moral hingegen umfasst die Linie von Kant zu Kohlberg, deontologisch, also jene, die nach dem begründeten Sollen fragt in einem bestimmten Bereich, nämlich „wie zusammen leben“. Meines Erachtens gehören da Emphatie-Modelle von Schopenhauer bis Gilligan mit rein.

    Und da haben „Gemeinschaften“ gar nix zu suchen, allenfalls die Menschheit als Ganze. Ein „Bewertungsrecht durch die Gemeinschaft“ gibt es nicht, weil „Gemeinschaft“ kein Subjekt, sondern ein Phantom ist. Und natürlich kann man alles mögliche sonstwie bewerten, das ist aber eher in der Kunstkritik zu verorten. Evaluative Sprache hat eher was mit typisch europäischen ästhetischen, nicht normativen Urteilen zu tun. Das kann man auch „Ethik“ nennen, und es bauen Menschen darauf normative Forderungen auf; das ist aber falsch.

    Und das Eingebundensein in soziale Zusammenhänge verfehlst Du ja gerade, wenn Du gleich auf „Gemeinschaft“ rekurrierst. Das, worin wir leben, ist zum einen ein Bündel von konkreten intersubjektiven Beziehungen – ggf. auch zum Sterbehelfer. Da können aber in unterschiedlichen konkreten Konstellation ganz unterschiedliche Regeln greifen; moralisch geboten ist die Achtung vor den Freiheitsmöglichkeiten des Anderen. Aber ansonsten habe ich zu verschiedenen Personen ganz unterschiedliche Beziehungen, die mit denen zu einer „Gemeinschaft“ nur in wenigen Fällen etwas zu tun hat. Es kommt doch bei der Frage, wer jetzt abwäscht, allenfalls die WG als Gemeinschaft ins Spiel. Das kann man aber nicht auf 80 Millionen Deutsche oder gar darüber hinaus hoch projizieren. Und in der Abtreibungsfrage ist schon mehr als nur fraglich, ob der „Erzeuger“ da was zu melden hat.

    Zum anderen leben wir in einem Institutionengefüge, staatlich-rechtlich geregelt und auch im Sinne darauf basierender privatrechtlicher Verträge. „Ehe“ z.B. ist ja genuin nix, was in Liebe gründen würde, sondern ein Wirtschaftsgemeinschaft. Da taucht nun aber zum ersten Mal „Gemeinschaft“ auf – zwischen zweien. Und Staat und Wirtschaft als „Gemeinschaft“ zu bezeichnen ist deskriptiv falsch. Das sind konkurrierende Interessen.

    Wo in alledem nun eine ethisch wertende Gemeinschaft, die sich ein Recht über die Eigenverfügung von Personen anmaßt, wahlweise empirisch oder normativ auftaucht – ich weiß es einfach nicht. Deshalb weiß ich auch gar nicht, was da an welcher Realität scheitern soll.

    De facto scheitert ein freies Ausleben z.B. von Schwulsein auf dem Schulhof an der Prügel der Anderen, ja, und da gibt es dann welche, die Religion z.B. für Moral halten und ihre Ängste so rationalisieren. Aber „Gemeinschaft“? Die der Heteros, die sich die Behandlung von Homos auf der Grundlage „ethischen Wertens“ zugesteht? Das ist eine reine Machtfrage, keine moralische. Und daraus gültige Ethik im Sinne der aristotelisch-hegelianischen „Sittlichkeit“ abzuleiten und das als Maßstab anzunehmen ist eine Zumutung, die nur mit Gewalt durchsetzbar ist. Siehe Schulhof. Oder der 175 einst.

    Ich denke, das ist bei Abtreibung genau so. Es geht um nackte Macht, nimmt man eine „Gemeinschaft“ an, die sich Rechte zugesteht, in das individuelle Verhalten, die ja krassen, inneren Kämpfe und Auseinandersetzungen von Frauen, einzugreifen. Es ist ja dolle, wo so überall „Gewissensentscheidungen“ zugestanden werden, nur da nun ausgerechnet nicht.

    Ich glaube, Du begründest, ohne das zu wollen, den Anspruch einer institutionell patriachalen Gesellschaft, nicht etwa „ethischen Gemeinschaft“, über Frauenkörper.

    Was, um mit Foucault zu sprechen, perfekt in aktuelle Schemata der wirtschaftlichen Interessen folgenden „Bio-Macht“ passt.

    Das ist nicht Dein Anliegen, Du argumentierst aber so.

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