Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Storytelling mal anders: FC St. Pauli – Union Berlin 2:1

Enteisernt

 

 

Blick auf die Tabelle. Wir könnten an Union vorbei ziehen.

Darum: Wird doch eh nix, bei so einer Voraussetzung.

Erstaunen.

Ziereis als Buchmann-Ersatz? Kein Bartels im Team? Nöthe draußen? Huch? Letzteres geht schon aus ästhetischen Gründen gar nicht. Eigentlich.

Na, der Trainer wird das schon besser wissen als nun ausgerechnet ich.

Spiel beginnt. Sooo lahm erzählt.

Julia Cameron, die auch das tatsächlich lebensverändernde Konzept der „Morgenseiten“ im ziemlich esoterischen und doch großartigen „Der Weg des Künstlers“ mir und so vielen anderen schenkte, empfiehlt in ihrem Creative Writing-Ratgeber, dessen Name mir jetzt nicht einfällt:  „Schlecht schreiben!“

Sollte man einfach mal probieren, so richtig schön schlecht schreiben, ganz absichtlich. Wie für einen Groschenroman, eine Daily Soap, eine schlechte Serie. Übertragen auf Fussball heißt das ja nicht schlecht spielen, sondern keine Angst vor der großen Geste, den großen Gefühlen, dem Schurkesein und dem Helden haben. Etwas wagen und probieren, auch wenn’s blöd kommt.

Schlecht schreiben sei der beste Weg, sich von all dem Kladderadatsch zu lösen, der einem von Lehrern und Kunstgelehrten eingeimpft wurde und seinen wertend-mahnenden Zeigefinger im eigenen Kopf fortwährend erhebt. Dieses etwas „gut machen“ wollen kann ja ätzende Resultate hervor rufen.

So fände man viel besser eine eigene Stimme, schreibt Cameron, erfände richtige Bösewichter, Besessenheit und Liebe ohne Furcht vor Kitsch und Pathos. Entflöhe dem Ego, das ganz großartig sein wolle, und würde stattdessen viel spannender erzählen als in dem verkrampften „gut schreiben wollen“. Der Handlungsbogen fürchte sich so nicht vor dem Diktat des Realitätsprinzips, gehe viel angstfreier drauflos auf so richtig deftige Handlungsbögen, die größer sind als der triste Alltag und deshalb sehenswert.

Fussball ist ja auch so eine Art Storytelling, wie Serien gucken – einige Handlungsbögen ziehen sich über die ganze Saison, manche Spieler werden Hauptdarsteller und Helden, andere mutieren zu denen, über die man sich immer ärgert, oder verschwinden ganz aus der Geschichte. Der Trainer führt Regie.

Es ist kaum möglich, das Spiel nicht als Geschichte im strikten 90-Minuten-Schema wahrzunehmen, eine, die wahlweise begeistert, langweilt, zu Tränen rührt oder quält, richtig sauer macht und eben öde dahin plätschert. Eine mit einem Anfang, einem Ende, einer Mitte, mit einer Exposition – die Mannschaftsaufstellungen -, und alle kommen aus ihrem Ordinary Life ins Stadion und erleben die Heldenreise stellvertretend mit.

Ja, ich überbrücke gerade die Zeit bis zur Auswechslung Kringes. Bis dahin geschah es mir nämlich, dass ich fortwährend abschweifte. Mich fragte, ob die Boys in Brown glaubten, das irgendwie spielerisch locker nach Hause zu bringen, ob sie einfach ratlos sind oder warum sie nicht die Protagonisten, die in all den Lehrbüchern als einzig mögliche (zu unrecht) behauptet werden, eben jene, die ein Ziel unbedingt erreichen wollen, auf dem Platz wenigstens darstellten. Die Story entwickelte sich aus den antagonistischen Kräften, den Widerständen, auf die sie dabei stoßen. Klar, Union war schon ’ne Wand, aber. Ihr Spiel war irgendwie so, als hätten sie die wahren Künste der Dramatik in den Bereich des Kitsches verbannt und müssten der Tristesse des Realitätsprinzips folgend da möglichst wirklichkeitsnah herum traben.

Vielleicht tue ich ihnen Unrecht, ich weiß ja nicht, was in den Jungs vorgeht, und manchmal ist das vermutlich auch besser so, aber ich ertappte mich ständig dabei, wie meine Gedanken zu meiner eBook-Soap „Tales of St. Pauli“ schweiften. Schreibe ich da eigentlich pathetische Scheiße voller politischer Plattitüden? Kann ich das mit dem Prinzip des „schlecht Schreibens“ rechtfertigen? So als John Waters der FC St. Pauli-eBook-Soap? Wie der gehe ich da aber gar nicht ran. Habe immer die Stimme von Brian Kinney im Ohr, „Momo, you’re SO pathetic!“ Und wie er dabei das „th“ so weich ausmoduliert und das Konsonantische des „c“ am Schluss zum Klicken bringt. Sexy. In der der deutschen Quer as Folk-Fassung wurde das mit „peinlich“ übersetzt. Als hieße das nicht was ganz anderes. Na ja, je nachdem.

Die Jungs spielten da unten auf dem Platz irgendwie ganz  niedlich vor sich hin, und ich beschäftigte mich derweil damit, wieso ich Karla eigentlich Karla genannt habe, was für ein blöder Name! So hieß die Frau des Offiziers-Kumpels meines Vaters. Mit denen waren wir einst in Lignano, ein an sich scheußliches Touristenkaff an der Adria, völlig zugebaut, Menschen wie Ölsardinen am Strand und Hotelkomplex an Hotelkomplex; die reale Karla verspeiste da immer „Nafta“, irgendein Eis-Getränk mit Kirschen. Aber dieser Name verschwindet einfach nicht. Geht nicht mehr. Die Karla in meiner eBook-Soap, die hat sich innerhalb eines Jahres schon völlig verwandelt und erweist sich als erstaunlich eigenwillig. Von der ausschließlich spießigen, christlich Indoktrinierten von Polizei und Politik des Jahres 2025, der Zeit nach dem „großen Schnitt“,  eingesetzten Fanratsvorsitzenden hat sie sich mittlerweile zur spaßorientierten Geliebten des Beinahe-Mörders ihres Bruders gewandelt. Bei gleichzeitig überkorrekter Amtserfüllung, die selbst vor der eigenen Familie nicht halt macht. Ein Feuer lodert unter dem Wunsch nach Macht und Kontrolle. Weil Karlas Bruder, mit dem sie gar nicht aufgewachsen ist, nämlich, aber auch nur vielleicht, er musste dafür in den Knast, vielleicht ja auch unschuldig verurteilt?, seinen Vater auf dem Gewissen hatte, wird Karlas Geliebter selbst fast zum Mörder. Dann passiert aber was.

Und das klärt sich alles frühestens in Band 12, im Staffelfinale, was wirklich mit dem Vater von Karlas Geliebtem passiert ist.

Man merkt, ich nehme das mit dem „schlecht schreiben“ echt ernst! Und Arthur, Karlas Gatte, entgleitet mir auch schon völlig. Wird Kuno ihn überzeugen? Tom, Karlas Bruder, ist mir ein völliges Rätsel, aber sehr sexy, und Diana in ihrem Biker-Dress, das ist eigentlich ziemlich konsistent  …

Wieso zum Teufel nimmt der jetzt Kringe raus? War zwar zumeist, mal ab von Tschauners Glanzparaden, eher öde, aber wieso raubt Vrabec der Truppe die Stabilität? Sehe mich schon am nächsten Tag bloggen, dass ich von Frontzecks Korsett-Fussball ja nun auch nicht viel hielt, besser als der Bürokraten-Fussball von Schubert war der allerdings, aber dessen Auswechslungen, die hatten ja was, das Spiel lesen konnte er, und wieso JETZT Bartels und nicht von Anfang an? Und wenn die eh schon so kopflos spielen, wieso dann der Erfahrenste raus? Prompt klingelt es. Gegentor. Fühle mich bestätigt.

Ja, sorry, Herr Vrabec. Sie behielten ja recht. Ich schreibe ja nur, was ich dachte, als ich aufhörte, ständig wegzudämmern in Zonen fernab des Spiels.

Plötzlich war nämlich Feuer drin. Sie rafften sich, bäumten sich auf, Barrels machte richtig Wind, Sturm, Orkan, und Schachten, ja, also, es ist ja auch nicht leicht, gegen die „Heldengeneration“ zu bestehen, starke Charaktere, schönste Beine der Liga,  aber wenn jemand das Zeug und die sittliche Reife dazu hat, sie noch zu überragen, dann ja wohl Du. Hach! Es passt einfach, dass Du das Steuer mit dem Ausgleich herum gerissen hast.

Bin wieder ganz im Spiel, diesem hypnotischen Zustand der Selbstvergessenheit, da die Distanz zwischen Subjekt und Objekt sich auflöst, weil sinnlich das Sich:Entwerfen hin auf das Spiel total wird und jeder blöde Tritt gegen einen Ball Emotionen hervor ruft, man folgt und wird stimuliert, das große JAAAAA! nach einem Pass von Maier, was ein Pass, hatte gar nicht mit bekommen, dass der jetzt auch auf dem Platz war, noch mal sorry, Roland Vrabec, da war ich wohl pinkeln, also, dieser Pass, grandios, mit der Hacke hinterrücks, wenn ich das richtig gesehen habe, sah gar nicht, dass er es war, sah aber den Pass und musste ihn mir auf Quotenrockers Geheiß noch mal angucken, auf Halstenberg und der auf Bartels und JAAAAA!

Doch der Fatalismus alternder Stänkerer kann gnadenlos sein. Statt Genuss nur die Überzeugung „Wir fangen uns doch eh noch einen!“, alles stoßen schon Jubelchöre aus, ich denke an irgendein Spiel, wo wir uns zu früh einschunkelten und doch noch was schief ging, und doch, Abpfiff!! Gewonnen!

Komisches Storytelling ist das ja schon, erst mal soooo lange fast episch zu erzählen und durch den Wechsel der Hauptfiguren erst Unruhe, dann Spannung und auch noch ein fantastisches Folgen-Finale einzuleiten.

Das mit dem Wechsel der Hauptfigur mitten im Film hat Hitchcock in „Psycho“ ja auch gemacht. Und bei uns wurde noch nicht mal jemand in der Dusche erstochen. Das nenne ich zivilisatorischen Fortschritt!

 

4 Antworten zu “Storytelling mal anders: FC St. Pauli – Union Berlin 2:1

  1. Realitätbrennt März 4, 2014 um 11:31 pm

    Ist mehr sone Art OT Lattentreffer, aber ich dachte, vielleicht kennst du das noch nicht.

    http://blogs.taz.de/reptilienfonds/2014/03/03/dank-sarrazin-und-matussek-schwule-und-lesben-beenden-homosexualitat/

  2. momorulez März 4, 2014 um 11:56 pm

    Habe ich gelesen, und fand das Anliegen ja gut, aber die Ausführung hat mich irgendwie nervös gemacht.

  3. Realitätbrennt März 5, 2014 um 11:31 am

    Darum schrub ich ja auch vom Lattentreffer. Die Umsetzung fand ich auch eher naja.

  4. Pingback: Die unwahrscheinliche Serie – Teil 2: #FCSP gewinnt daheim gegen Union Berlin | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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