Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: März 2014

Fast ein Schlagertext :D : FC St. Pauli – Greuther Fürth 2:2

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Die Sonne scheint. Das Leben lacht.

Ein Saxophon träumt selig aus den Boxen, Töne schweben wie gut abgehangener Rauch in einer Kneipe zur Blue Hour und verzaubern den Tag.

Kitschverdacht. So what. Misstrauen wurde uns gelehrt, wer einfach nur die Seele baumelnd in Erinnerungen schwelge, wenn gar kein Kater nach dem Rausch sich zeige, das Hier und Jetzt in Wohlgefühl durch den Tag driftet – da könne doch was nicht stimmen. Dabei ist kaum ein Zustand stimmiger. Das trainierten sie uns nur an, die Hüter der Verwertungslogik, da mit Skepsis zu reagieren.

Eindrücke glimmen auf in der Erinnerung, keine Irrlichter, nein, Freudenfunken – sehe die Boys in Brown vor dem geistigen Auge den Rasen umpflügen, um jeden Meter fighten, sich lustvoll in den Zweikampf werfend, nicht locker lassend bis zum Schluss – höre noch das Echo der Hymen auf den Rängen, erlebe erneut die sonst oft so lethargischen Haupttribünensitzer um mich herum aufspringend und entfesselt in Chöre einstimmend, fast in Trance sich glücklich schreiend.

Dionysos war wieder da! Der im Rausch tanzende Gegenspieler Apollons, des Nüchternen, Kalkulierenden, am Millerntor vom Gott des Weines zu jenem des Bieres mutiert. Man mag von Nietzsche halten, was man will, aber was er zum Dionysischen schrub, gefällt mir schon – freilich nur dann, wenn die Ekstase mit Liebe vereint Erlebnisse anfacht, die nicht gegen andere sich wenden und jeden mit nehmen, der mit will.

Als die Mannschaft nach fast abgeschlossener Ehrenrunde vor der Süd die Welle machen wollte und ihr ein

„Oh St. Pauli
Bist mein Verein
Und du wirst es auch für immer bleiben
Denn ganz egal, was auch geschieht
wir werden immer bei dir sein“

entgegen schallte, es fühlte sich wieder so intensiv und gelebt wie lange nicht mehr an. Braun-weiße Herzen drehten über Köpfen wie im Comic.

Nach Diskussionen um Pfiffe auf den Rängen und Leidenschaftslosigkeit auf dem Platz entschied sich der Mikroskosmos FC St. Pauli wieder für das, was ihn so unvergleichlich macht: Die pralle Emotion des Stadionerlebnisses. Die alles darüber hinaus gehende, was an Inhalten in ihm schwirrt, gleich mit zu transportieren vermag.

Es macht jetzt gar keinen Sinn, den Spielverlauf zu beschreiben, den Fürther Spielern zu attestieren, dass sie trotz ausgeprägtem Hang zur Unsportlichkeit richtig guten Fussball spielen können, ihre Fans sind ja in der Lage, Unfairness zu kompensieren und auf dem Heimweg noch Begeisterung für die Stimmung im Stadion zu zeigen und Lob zu zollen – die ganzen strahlenden Gesichter nach dem Spiel, die gefühlsseligen, völlig zu recht so stolzen und angefixten Statements von Spielern und Trainer, das Verstummen der sonst Grantelnden neben mir auf der Haupttribüne, auf einmal lächelten sie, ja, Hippieseligkeit, schön!

Danke an die Mannschaft für diese, na, Wiedergeburt ist vielleicht zu viel gesagt, aber für dieses Annehmen und Genießen dessen, was auf St. Pauli möglich ist. Mit Wucht und Wums. So sexy.

War schon eines der schönsten Unentschieden aller Zeiten. Ich schwelge noch.
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Ein Anti-Hornby-Appell nach einem 0:3 in Paderborn: Für Hedonismus!

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„Der natürliche Grundzustand des Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht.“

Nick Hornby

Ist bei uns ja gar nicht durch und durch so. Um so seltener, desto besser! Enttäuscht wird nur, wer sich täuscht. Realist ist, wer auf Lustmaximierung setzt. Nur möglichst nicht auf Kosten Anderer. Lust im aristotelischen Sinne.

Wobei das schon eine gute Frage ist, wie denn nun der Grundzustand des St. Paulianers beschaffen ist. Wahrscheinlich besteht er darin, dass das fortwährend diskutiert wird.

Ist ein pfeifender St. Paulianer ein richtiger St. Paulianer? Oder ist die Party-Fraktion unrichtig – weil unpolitisch und schlagermovisiert? Handelt es sich um eine vor allem friedliche Crowd aus verbürgerlicht-biederen Love & Peace-Hippies oder um fortwährend grundlos entfesselte Polizistenhasser in bestimmten Stadionregionen, denen autoritär der Marsch geblasen und der Arsch versohlt gehört? Oder schadet gar dem Vereinswohl, wer das Erlebnis und individuelle Unterhaltungsbedürfnisse in den Mittelpunkt seiner Forderungskataloge stellt, wie im Forum zu lesen war?

„Warum bist Du bei St. Pauli“ ist ja sozusagen die Dauerbrenner-Frage, wobei die meisten Pointen schon darin bestehen, dass es zumindest um mehr als nur Fussball geht. Was dann von wieder anderen bei Facebook in Kommentarsektionen wütend attackiert wird, die „nur Fussball“ im Stadion wünschen. Irgendwie geschichtslos.

Denn was vereint, das ist zumindest geteilte Historie, Erlebnisse inmitten der Menge. Dazu gehört auch die Freude über Regenbogenchoreos.

Und mir fiel auch gestern ein Spiel in Kaiserslautern auf dem Betzenberg in der Stani-Aufstiegssaison Richtung Liga 1 wieder ein, in der Rückrunde, wo nun ausgerechnet die auch von mir jüngst beschworene „Heldengeneration“ in Mutlosigkeit kaum über die Mittellinie kam, Ebbers nur zeterte und das plural ausdifferenzierte Wir der St. Paulianer sich in Fassungslosigkeit erging angesichts unerklärlicher Passivität der Mannschaft. Ich meine mich sogar an ein desaströses, traumatisches 0:5 in Fürth in der Aufstiegssaison unter Demuth zu erinnern, auch in der Rückrunde.

Im Gegensatz zu Marcel Rath einst haben wir nun viel attraktivere und spielstärkere Männer im Kader, und dessen Kampfschweintugenden haben in Liga 1 auch nicht weiter geholfen. Wo ich eh nicht hin will.

Stattdessen wünsche ich mir einfach mal, dass, statt nun in Verzweiflung angesichts der Niederlage in Paderborn zu versinken, die Mannschaft doch einfach erfreut zur Kenntnis nehmen sollte, dass Scheitern auch mal cool sein und Lernen Spaß machen kann. Wenn Paderborns Pressing so formidabel funktioniert und zu Fehlpässen zwingt, dann probiert das doch einfach auch mal wieder! Wenn Herr Vrabec versteht, dass ein Sich-Aufregen über Pfiffe nur unnötige Energien kostet und sich daran erinnert, dass die ersten Spiele unter ihm vor allem von der Spielfreude lebten, die Frontzecksche „Ordnung“ mal verlassen zu können, hat er doch den Umgang mit Potenzialen in der Hand.

Ich denke nämlich im Gegensatz zu allen Forums-Unken, die „Vereinswohl “ definieren, dass neben der für mich auch so wichtigen politischen Komponente das „Wir!“ des FC St. Pauli ein letztlich hedonistisches ist.

Ganz billig „zusammen Spaß haben!“. Nicht zusammen enttäuscht sein oder von einstigen Europacupsiegen träumen und unbedingt etwas darstellen wollen. Sondern einfach sein und genießen, was kommt. Unter St. Paulianern.

Das Publikum zusammen mit der Mannschaft, und wenn letztere das mal wieder ausstrahlte, dass sie untereinander und zusammen einfach mal wieder Spaß haben wollten, um lustvoll den Gegner zu überlaufen: Hey, das wäre ja wie vor dem Trainingslager!

Nicht in Erwartungen oder Vorstellungen sich verlieren, sondern ganz in Situation seiend freudvolle Intensität, durchsetzt mit Gelächter, leben – und das für möglichst ALLE im Stadion als Setting etablieren, was dann auch schon Grund genug für die Diskriminierungsverbote ist. Freudvolle Intensität in Situation erlebt man nicht, während man als „Schwuchtel“ beschimpft wird (von bestimmten Situationen und dem „dirty talk“ dabei mal abgesehen).

Insofern: Liebe Mannschaft des FC St. Pauli – erzwingen kann man all das eh nicht, und wenn es passiert, dann freuen wir uns! Macht euch locker und lasst es zu!

Ihr habt nichts zu verlieren, ihr lebt und spielt in einer wunderschönen Stadt in einem Stadion in Bestlage vor immer vollem Haus und ihr seid auf der Welt, um glücklich zu sein.

Macht was draus, und wenn es gegen Fürth wieder schief geht, war es, um mit Hildegard Knef zu sprechen, eben Erfahrung anstatt Offenbarung, was macht das schon!

Hauptsache, wir finden zusammen zur Genußfähigkeit zurück …

No Spirit? FC St. Pauli – Ingolstadt 0:0

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Erhasche einen Florian-Bruns-Becher beim Bierholen! Wahrlich ein gutes Omen. Steige die Treppen hinauf zu H8, Reihe 13, atme die Millerntor-Luft genüßlich ein – ach, das Leben ist doch schön, Dienstags Jazz, Samstags Fussball. Es gibt ja Menschen, die leben in Wanne-Eickel oder Helmstedt und finden bestimmt auch ihre Wege des Glücks. Rund um St. Pauli wird es einem leichter gemacht.

Dachte ich so. Vor dem Spiel.

Einem Spiel mit dem Charme der Fussgängerzone niedersächsischer Mittel- und Kleinstädte, Lehrte vielleicht. Seid ihr je in Lehrte aus einem miefigen Nahverkehrszug gestiegen und die Unterführung in Richtung Fussgängerzone griesgrämig entlang gestolpert?

Ein Ralph Gunesch! Erster Applaus und „Ralle!“-Rufe auf der Haupttribüne, frenetischer Beifall auf der Gegengerade, zu recht! Bei der Durchsage der Spieler Ingolstadts wird jeder Nachname durch „Gunesch!“ lautstark ersetzt. Zu recht. Er spielte dann zwar gar nicht, aber hey, es gibt schon verdammt gute Gründe, ihn aktuell schmerzlichst zu vermissen!!!

Es ist fies und fettig, dem aktuellen Kader die Helden von einst, St. Paulianer bleiben sie eh durch und durch, unter die Nase zu reiben. Ja.

Nur: Was entsteht da nun eigentlich gerade?

Es bleibt alles so – schwammig. Diffus. Uneindeutig. Verhaspelt. Konturlos. Lehrte.

Zu Schubertschem Buchhalterfussball will ich ebenso wenig zurück wie zu Frontzecks zur Statik neigendem Korsett. Ich glaub auch fest an Vrabec. Der hat schon irgendeine richtig gute Idee im Kopf, und ihm sei alle Zeit der Welt gegönnt. Wir gewinnen ständig auswärts, sind Tabellenvierter, aufsteigen will ich gar nicht, eine Relegation gegen die Vorstadt wäre trotzdem prima.

WARUM ZUM TEUFEL WAR DAS NUN TROTZDEM SO ENTSETZLICH QUÄLEND UND ÖDE?

Das Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus bekundete ganz im Gegensatz dazu per Vidiwall Solidarität mit dem von Neonazis fast gelynchten Antiheterosexismus-Aktivisten:

„Kämpa Showan!
Solidaritet med kamraterna i Malmö.“

Sehr gut. „Der Verein“ schloss sich per Stadionsprecher dem an. Aufkleber werden beim nächsten Heimspiel verteilt. Super! Noch superer wäre es freilich, würden nicht Normalisierungskolonnen allerorten auf alles Antifaschistische, Feministische, Queere, auf PoC eindreschen.

Und auf dem Platz? Die ersten Minuten enorme Pass-Sicherheit der Boys in Brown. Vielleicht 5 Minuten lang, wenn überhaupt.

Danach Gegurke und eine Schiedsrichterin, die den gelegentlich sich frühlingshaft zeigenden Keim des Besseren ignorant zertrampelte.

Gregoritsch auf links ein Totalausfall, alles läuft über rechts und sich fest. So ein Youngster kann ruhig mal total ausfallen, so what. Abwertende Handbewegungen in Richtung der Gegengerade, ich habe sie nicht gesehen, es wurde jedoch glaubwürdig berichtet, kann er sich trotzdem sparen.

Als er raus ist und stattdessen Buchtmann kommt, wird es für wieder nur ein paar Minuten besser. Ingolstadt macht das Spiel. Bartels – gute Besserung! – wirkt wie ein Solitär ohne jede Bindung, Kringe kommt und tankt sich bis über die Grundlinie hinaus durch, aber in Tornähe gelangt auch er nicht. Halstenberg zieht lieber ab, als die Nr. 14 rechts von ihm, besser positioniert, anzuspielen.

Denke sehnsüchtig an Felgenralles Solo-Lauf zum Tor gegen Hoffenheim einst zurück, da versucht Nöthe, immerhin!, prompt auch dergleichen – und verreckt an der Strafraumkante. Auf dem Clo fassungslose Ausrufe fremder Männer: „Ich versteh das nicht! Ingolstadt spielt wie ein Team, und wir haben da gar keine Mannschaft!“

Da ist ja was dran. Klar, der Kader damals gegen Hoffenheim hatte sich auch schon durch die Geisterbahn der Regionalliga tapfer gemeinsam gekämpft , war so zusammen gewachsen, und ich könnte mich jetzt in Plattitüden wie „Die Hierarchie in der Mannschaft stimmt nicht“ hinein schreiben.

So wirkt es aber. Kann mich ja irren. Als wären da ganz schön viele eher damit beschäftigt, wie sie gerade wirken, und wenn es nicht läuft, dann finden sie Unsichtbarkeit vorübergehend auch nicht schlecht. Werden mutlos.

Aufstiegsangst? Lernbedarf beim Trainer, was Teambuilding betrifft? Die psychologische Seite, meine ich? Zu viel junges Gemüse im Kader? Keine Ahnung, vielleicht liege ja völlig falsch und bin fies und ungerecht und habe zu hohe Erwartungen …

Aber, oje, ich meine, trotz allem, trotz Kommerz, Entpolitisierung von Teilen des Publikums, trotz mancher Sloganhaftigkeit usw.: Ich spüre da nicht aktuell nicht in der Spielweise, wofür trotz allem St. Pauli doch noch steht, verglichen mit anderen. Es gehen immer noch Zehntausende für Refugees auf die Straße nach Spielen.

Einige sind wohl auch noch viel zu neu und grün, um das schon wissen zu können. Trotzdem sie ja auch schon dieses „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben! “ ins Stadion trugen.

Wir sind auch schon lange kein Underdog mehr.

Aber so ein wenig Wucht und Wums, Witz (!!!) und Wut gehört doch bei uns schon noch dazu. Da sind doch Reste des Nonkonformen, der Hochachtung vorm Individuellen, eine Solidarität, die sich aus Differenzerfahrungen speist am Millerntor noch maßgeblich. Sei es nun Rock’n’Roll, der Trance der House-Party, das Rotzige des Punk oder bei diesem Kader, der ja irgendwie was Queeres im Habitus zeigt, vielleicht Soul, Disco, auch das stolze Sich-Aufbäumen der für deviant Erklärten: Trotz Wollmützen und Vollbärten überall auf den Rängen ist das doch in guten Phasen auch in die Spielweise eingeflossen.

Die „Heldengeneration“, Ralle, Eger, Lechner, Ebbers, Bruns
hat das doch ausgezeichnet, sich damit auseinandergesetzt und es mitten im Viertel auch gelebt zu haben – um aus dem Stolz darauf die Lust zu entwickeln, jene hypnotische, magische Kraft zu entfalten, die zusammen mit denen auf den Rängen Widerständigkeit entwickeln kann, Audi in die eigene Hälfte zu drücken.

Vielleicht schüchtert die Historie ja auch ein und führt zum Heimkomplex?

Dieser Spirit fehlt jedoch derzeit.

Ich will das auch keinem schmollmundjgen Jungstar vorwerfen. Die lernen das ja gerade erst.

Es wäre nur so wundervoll, wenn sie sich stärker darauf fokussieren würden als darauf, ob Ingolstadt nun Schwächen bei der Spieleröffnung hat oder auch nicht.

Toll! Fatjazz, Dienstags im Golem – mit Gabriel Coburger, Klaus Heidenreich und Co

Es tropfte. Von meiner Mütze. Freundlicher Empfang, Smalltalk über’s feuchte Wetter. Wenn man so mit Hatteras (ist das eigentlich ein Plural?) auf dem Kopf im schwarzen Trenchcoat durch den Regen läuft, auf dem vernieselten Kopfsteinpflaster sich die Lichter der Leuchtreklame spiegeln so, dass es wie ein B-Movie aus den 60ern wirkt, in dem, pirscht sich der Detektiv durch ein verranztes Treppenhaus in finsteren Vierteln, mit Sicherheit ein einsames Saxophon aus dem Verborgenen sehnt und tönt, ist das ja eh schon jazzy. Auch, wenn im  Club, den man betritt, eine wirklich ungewöhnliche Mischung von Grau-und Weißhaarigen, neben denen selbst ich mich richtig jung fühle – einer teilte mit mir später die gesalzenen Mandeln, ich meine, er hätte einen französischen Akzent gehabt – und jüngeren Club-Gängern sich versammelt und Rotwein gleichberechtigt mit Bieren auf den Tischen verteilt steht, dann sucht das Besondere sich den Weg zum Gehör, ist als noch unerklungener Sound in Posaune, Trompete, Sax und Bajan schon längst da und wartet nur darauf, manifestiert zu werden.

Hochschul- und NDR-Big Band-Jazz im GOLEM, und ich muss den Machern dieses Clubs am Fischmarkt mal meine Verehrung bekunden. Das Programm, das die da bieten, ist ja so, als hätte ich es herbei gebloggt. Zwei Mal war ich nun bei der Sonntagsabendsveranstaltung, DIE UNTÜCHTIGEN – und war auch der Vortrag zu Homophobie und Fussball zwiespältig und das Interview mit Bruce LaBruce nur halbgar geführt, weil ohne Dramaturgie Recherche abhakend, das ist ja grandios, solche Themen in diesem Zwischenreich von linker Szene und Clubkultur zu bringen. Da wird wirklich liebevoll gesucht und ausgewählt, mit tollen und originellen Ankündigungstexten gearbeitet, Veranstaltungen zu Theorie und Praxis, zu jüdischem Humor, zu allerlei Grenzgängertum auf die kleine Bühne gebracht.

Und Dienstags ist in der FATJAZZ-Reihe der seit der Birdland-Schließung heimatlose Jazz zu hören. Jazz im verrauchten (!!!) Club am Hafen. Toll. Ich liebe Hamburg.

Gestern ging es hochkarätig, wenn auch recht akademisch zu; Klaus Heidenreich, Posaunist der NDR-Big-Band, trat ohne Sandra Tempel mit ziemlich coolem Gitarristen auf, stilecht trug er Karo-Hemd, Hipsterbrille und Wuschelfrisur. Posaune ist ja ein gar faszinierendes Instrument, wenn sie im Dunkeln raucht und hallt und dehnt, Flächen, fließende Übergänge  wie gebrochene Klänge schafft, durch die plötzlich das Grelle dringt, nicht so hoch und schrill wie das der Trompete, nicht so sanft wie das des Flügelhorns – mein Dritt-Favorit unter den Blasinstrumenten nach Saxophon und Bassklarinette. Heidenreich spielte Eigenkompositionen wie „b-minor-Blues“ und auch Material von Thelonius Monk und Wayne Shorter und bewegte sich auf diesem schmalen Grad, da der Versuch, nun auch ja jenseits des Eingängigen zu operieren und dem, was gemeinhin unter Musik verstanden wird, in’s fast Hurzige à la Kerkeling umschlagen kann, und dem Erzeugen wirklich toller Klangbilder und Atmosphären. Bestimmt war das harmonisch wie auch in der Phrasierung und, ja, Arhythmik-Rhythmik Feinkost; mir kam es seltsamerweise teilweise fast eher am gesprochenen Wort orientiert vor, was aus der Posaune kam, erzählte wohl unter anderem von den eigenen Fähigkeiten und geschultem Publikum von Virtuosität. Aber in manchen Passagen war das vermutlich auch zu ausgeklügelt, als dass ich es musikalisch noch verstehen würde.

Anschließend betrat das sechsköpfige Gabriel Coburger-Quartett die Bühne, und nun wurde ganz auf Dramatik gesetzt: Weit nach vorne gebeugt wühlte Coburger, der Saxoponist, in den Tiefen musikalischen Ausdrucks und richtete sich erst gaaaaaanz langsam auf. Neben dem namensgebenden Bandleader war Claus Stötter an der Trompete Solist, ebenfalls NDR-Big Band und Professor an der Hochschule für Musik und Theater – und was der seinem Instrument entlockte, war zwar auch seines Effektes und Publikumsreaktionen sich sicher, aber ungeheuer spannend und virtuos.Der rockte den Club derartig, dass es schon mutig von Gabriel Coburger war, mit ihm auf die Bühne zu gehen.

Völlig kurios der Kontrast zwischen Mimik und Spielweise des Trompeters: In Ausdruck wie Fingerfertigkeit ging er auf ganz die Zwölf, sein Minenspiel jedoch von kontrollierter Skepsis und Vorsicht geprägt mit einem Hauch der Verachtung, leidenschaftslos den Raum beäugend, dass kurz ich mich fragte, wen er des nachts wohl noch zerstückeln wolle.

Coburger gab alles, sich zu behaupten, mit einer Sax-Spielweise, die ja nun auch schon Tradition hat und im wesentlichen davon lebt, das Instrument so zu spielen, dass aller Schmelz, die dunkle Wärme, das Aufsteigen aus dem Bauch, das Vibrato, ja, das Schöne, zu dem das Tenorsaxophon fähig ist, zugunsten des Gequetschten, Geröchelten, Gequälten in schnellen Fingerläufen auf und ab ausgetrieben wird, um auch ja jedes Kitsch-Klischee, alles Poppige zu vermeiden und bloß nicht wie die Porno-Saxe der 80er zu klingen. Demonstrativ auf höchster Intensitätsstufe, sich verausgabend im Quälen und technisch wie auch harmonisch bestimmt dolle. Ich finde das immer etwas schade, aber im Gesamtbild passte das schon, diese wirklich bis an die Schmerzgrenze grelle, virtuose Trompete und das irgendwie im Gebremsten, Abgewürgten, Angestrengten seinen Ausdruck findende Saxophon – zudem mit dem Bajan, einer osteuropäischen Knopfakkordeon-Variante, ein auch die Grenzen zum Geräusch aufhebendes, dann aber wieder in die Randbereiche des Folkorischen vordringende Atmosphäre wie ein locker gewebter Vorhang im Hintergrund anhebend und absteigend, sich ausbreitend und verschwindend einen recht faszinierenden Gesamtsound ermöglichte. Die langen Locken des Pianisten zeigten ans Vibraphon vorgerückt auch noch mal, was sie draufhaben – ein soundtrackartiger Klang ohne Bilder mit Blick auf den Fischmarkt und auch eine Rhythmik und Melodik mit Lust an der Dissonanz entfaltete sich und sog hypnotisch ein; wenn Trompete und Saxophon die rhythmisch komplexe, Modern Jazz-traditionalistische Komposition im Satz gemeinsam spielten, der ich folgen konnte, das gab schon ein Klangraumerlebnis, in das ich richtig hinein gehen konnte. Dramaturgisch war das alles spitze gebaut und hatte tatsächlich einen Hauch des Musiktheaters mit Ahnungen Wagnerischer Tiefen in einem musikalisch gänzlich anders situierten Kontext. Das gefiel mir. An der Querflöte brillierte Coburger auch noch; in ein leise beginnendes, vieltönig filigranes, flächiges Intro hinein verschluckte ich mich schrecklich und übertönte aus Versehen hustend. ‚tschuldigung.

Auffällig fand ich wieder die arg reduzierte Kommunikation zwischen den Musikern – die US-Jazzer reagieren viel offener auf des Spiel ihrer Mitmusikanten, freudvoller, lustbetonter, während die Hiesigen ein wenig wie in Prüfungssituationen zeigten, was sie können, fast stoisch ihr Instrument buchstäblich beherrschend. Lediglich Gabriel Coburger zeigte sich charmant errötend emotional angesichts des mal eben Weggeblasenwerdens durch Herrn Stötter, lebte im Durchschnaufen der „Geschafft! Bestanden!“-Erleichterung nach seinen Soli auf und brachte so jene Mitmenschlichkeit im Hier und Jetzt, die den Jazz im besten Falle auszeichnet, in Deutschland aber oft zugunsten des Akademischen verschwindet, doch noch mit auf die Bühne.

Ich schreibe deshalb so ausführlich, weil es so klasse ist, dass das Golem solche Abende veranstaltet, dieser Nischenkultur Raum verschafft und so ja tolle Erlebnisse ermöglicht.  „Im „Golem“ erst ganz geilen Jazzern lauschen und danach am Hafenpanorama lang zu schlendern, das ist ja schon echt ein Luxusleben – schön!!!“ twitterte ich nach dem Nachhausekommen. Ja, so war es! Mehr davon!

Die vorkritischen Gegner der Gender-Theorien: Alexander Kissler glaubt das alles nicht …

Eine so ganz und gar nicht neue Form vermeintlicher Kritik an etwas ist, es als Religion behaupten.

Oft machen das sogar jene, die in den Fällen, da Religionen offen diffamieren, dieses unter dem Banner der „Religionsfreiheit“ für schützenwert erachten. Walter Benjamin hat den Kapitalismus als Religion eher kryptisch beschrieben; zum mit Neocon-Think-Thank- Munition bewaffneten Arsenal ehemaliger Pro-Bush-Blogger gehörte es, wahlweise den Sozialstaat, den Klimawandel, die Kritik an Konzernpolitiken und realwirtschaftlichen Prozessen, somit alles, wo Gegenargumente fehlten, zur „Religion“ zu verklären.

In Deutschland vernichtet man ja gerne bürokratisch, so ist es hier anders als ich Frankreich bisher noch nicht angesagt, wie die Bilderstürmer einst Bibliotheken zu attackieren, in denen Werke der Gender-Theorie ausliegen. Aus diesem Geiste des Nichtwissenwollens freilich nährt manch Publizist sich ebenso. Ermordet hat man hier auch noch niemanden, der für die Homo-Ehe eintrat; homophobe Gewalt und massenmediales Mobbing Heranwachsender wird dennoch eifrig betrieben.

Ganz und gar faszinierend plump und weltabgewandt geschieht die Fortsetzung dessen – nun wieder mit Bezug auf die Gender-Theorien –  im Cicero. Unter Berufung auf „unser aller Steuergelder“ begibt Alexander Kissler sich tief ins Reich des vorkritischen Katholizismus, um gewitzt ausgerechnet die Erben Kants der Religiosität zu bezichtigen. Nun hat auch dieser die Vernunft beschränken wollen, um dem Glauben Raum zu schaffen, aber Herr Kissler hat sich offenkundig gar nicht mit ihm beschäftigt, um ihn als Chiffre dennoch zu beschwören und Lügen, äh, Vorurteile schlecht recherchiert zu verbreiten:

„Die Gender-Religion befindet sich im vorkritischen Zustand. Sie hat keinen Spinoza, keinen Kant, keinen Schleiermacher erlebt. Sie ist wieder das, was einmal der Fall war: ein hermetisches Lehrgebäude aus kanonisierten Dogmen.“

Schein-Journalist, der er mutmaßlich dem Text zufolge ist, zeigt Kissler sich zumindest als unwillig, diese „Dogmen“ mal ausführen im Sinne ernstzunehmender Belege. Er thematisiert stattdessen gesellschaftliche Wirkungen wie den „Queer History Month“ und ein Interview. Ich vermute, er verwechselt die Systematik der Gender-Theorien und die der Neoklassik entstammenden Volkswirtschaftslehren, die tatsächlich mit einer solchen Axiomatik arbeiten und oft wie eine mathematisierte Kosmologie wirken.

Inwiefern eine Verflüssigung der Grenzen zwischen Homo und Hetero als normativ, also menschlich-gesellschaftlich wirksame Konzepte nun ein „Dogma“ darstellen, das erläutert er nicht. Ist es nicht eher das Gegenteil?

Stattdessen attackiert er die Erben Kants mit dem Argument vermeintlicher „Ineffizienz“. Als wäre nicht nach Kant gerade nicht-instrumentelles Denken jenes, das intersubjektive Freiheit ermögliche – ja, eben jene Formulierung des Kategorischen Imperativs, die den Mensch nicht als Mittel, sondern als Zweck an sich selbst behandelt. Aber Freiheit ist Herrn Kissler vermutlich nur dann wichtig, wenn es darum geht, Diffamierungen als „Meinung“ zu verteidigen.

Nun geht es es, so ganz deutlich wird das nicht im Text, aber vermutlich auch um so etwas wie „Wahrheit“, nicht Moral oder Freiheit. Was ihm dabei entgeht, dass im Gegensatz zu ihm die Gender-Theorien in ihrer Vielfalt sich ganz und gar im kantisch-kritischen, erkenntnistheoretischen Paradigma bewegen, obgleich sie nicht mentalistisch vorgehen.  Sie soziologisieren und historisieren u.a. auf Michel Foucault aufbauend eben das, was „Erkenntnis“ GESELLSCHAFTLICH erst ermöglicht, was dabei angerichtet wird – und nehmen die Unterscheidung zwischen Ding an sich und Erscheinung ernster als all die denkfeindlichen Katholizisten, Naturalisten und Biologisten, die die Publizistik gerade zukleistern.

Die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis ist institutionell manifestiert im Falle der Wissenschaftsgeschichte und gesellschaftlich wirksam z.B. in den Geschlechterverhältnissen – wie, das untersuchen dann die Gender-Theorien. Und die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung ist zugleich die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände von Erfahrung. Diese Bedingungen sind gesellschaftlich-historisch Gewordene. Die Gender-Theorien fragen nach eben diesen Bedingungen in jenen Bereichen, da sie aufzuspüren sind – z.B. in Texten –  und hinterfragen so Methodiken und unhinterfragte Vorraussetzungen traditioneller Forschung, ganz im Sinne Kants. Um diese aus ihrem dogmatischen Schlummer zu erwecken.

Anders als Kant mühen sie sich freilich nicht um ein transzendentales Programm, sondern arbeiten  z.B. im linguistischen Paradigma. Oder analysieren das Performative. So what? Eine Dogmatik kann ich da nicht erkennen.

Dogmatisch sind Konzepte wie Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität als Naturzweck usw.. Und das ja nun nicht im wissenschaftlichen Sinne – weil es Organe gibt, die der Fortpflanzung dienen können, heißt das ja noch lange nicht, dass all die anderen „Naturzwecke“ wie Spaß, Liebe, Schönheit irgendwie sekundär wären. Die sind auf Ebene der Motivation, der Handlungsgründe, auch maßgeblich.

Das ist ja die andere Pointe im Werke Kants, der Unterschied zwischen theoretischer und praktischer Vernunft: Sich selbst die Gründe für Handlungen geben zu können, ohne von den Sinnen affiziert zu sein, ist Freiheit. Da das Reich des Intelligiblen dennoch auf die Sinnenwelt gerichtet ist, ohne die es auch nichts zu erkennen vermöge, kann es auch immer wieder gute Gründe für Lust geben, die niemandem schadet. Und die biologische Ausstattung zu so genannten „homosexuellen Praktiken“ haben übrigens auch alle Menschen. Probiert mal! Nur dass man nur einmal in die Quantenphysik gucken könnte, um einen naiven Biologismus schon wieder aufzulösen.

Herr Kissler findet das alles im Gegensatz zu seinen eingestreuten Namens-Chiffren nicht relevant, obgleich er das spaßorientierte Ausgeben von Steuergeldern für Feuerwerke an der Alster, die ja nun auch keine Effizienz für sich beanspruchen können, nicht kritisiert. Womit ich nun meinerseits keineswegs die Gender-Theorien mit Feuerwerken vergleichen will, sie sind aber umfassender wissenschaftlich, als eine Verengung auf Nützlichkeit dieses je sein könnte.

Alleine schon die Prämisse der vermeintlichen „Evaluation“, die er verlinkt, ist ja falsch – „Forschung von Frauen über Frauen“. Dieses ist ein Hinweis auf den monströsen Mist, den die Realgeschichte der Wissenschaft als männliche, verfügenwollende verbrochen hat: Nämlich das Männliche, Weiße, Heterosexuelle als das Allgemeine auszugeben und den Anderen den Raum des Spezifischen zuzuweisen. Das ist aber wissenschaftlich falsch, weil es auf Ausgrenzung von Sphären des Sozialen als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis beruht und somit nur Teile dessen, was relevant ist, in den Blick geraten. Den Gender-Theorien geht es zudem schon auch darum, wie Vorstellungen von Männlichkeit sozial wirksam werden. Da können „Evaluationen“ noch so lustig polemisieren.

Aber diese Attacken auf das Fortsetzen des Kritischen Geschäfts eines Immanuel Kant sind letztlich ja selbst im Vorkritischen verortet und im Religiösen erst recht: Das sind die impliziten Rekurse auf Naturrechtslehre, einem höchst dogmatischen, vatikanisch verordneten Weltbild, dass der Ex-Papst dreist allen Religionen verordnen wollte.

Dieses ist nun gerade das, wogegen ein Kant sich wandte, weil er eine naive Vorstellung von Natur als unmittelbar zugänglicher nun gerade attackierte und die Naturgesetzlichkeit als Regel der Vernunft selbst begriff – im Rahmen einer sich selbst kritisierenden Vernunft, nicht des vermeintlich Offenkundigen. Da kommt dann auch nix Effizientes bei raus außer, eher, so Popper, dass man allenfalls falsifizieren könne. Wiederum eine Figur, die die Gender-Theorien methodisch vielfältig aufgreifen, ihm auch dahingehend folgend, dass Weiteres zur Natur Kant sich für die „Kritik der Urteilskraft“ aufsparte, eben seiner Begründung der Ästhetik, nicht der Wissenschaft im naturwissenschaftlichen Sinne. „Interesseloses Wohlgefallen“. Rums! Ist ja gar nicht effizient oder nützlich. Was dann häufig Thema ist in den Gender-Theorien; Judith Butler kommt nicht zufällig aus der Literaturwissenschaft.

Insofern mag man Kisslers in den 50ern bereits verreckten, ästhetischen Naivität vielleicht noch so etwas wie Meinungskraft zugestehen – mit kritischer Wissenschaft hat sein Text nix zu tun.  Und was anderes als „Ich glaub nicht an die Gender-Theorie“ schreibt er ja auch gar nicht, er, der Religiöse.

Die flächendeckende „Mitte“ des Audiovisuellen

Was Mathias Dell (via René Martens/Twitter) heute in seinem Altpapier zusammen gesammelt hat, ist so erschütternd wahr. Und ich behaupte, dass sich das auf diverse gesellschaftliche Bereiche bezieht – was man so aus akademischen Kontexten mitbekommt ist ja ähnlich armselig. Mal ab von Martin Seels Buch über das Kino. Aus der Politik nicht minder. Und die Non-Kommerz-Kultur der linken Kulturkritiker besorgt noch den Rest.

Einerseits existieren hier zwar staatliche Ermöglichungsformen, die andererseits freilich durch wilhelminische, institutionelle Ordnungen die bleierne Schwere der Antizipation der (austauschbaren) „Entscheider“-Gedanken in Hirnen etabliert, bis alles „Tatort“ ist. Der zum schwulen Fussballer zeigte ja, wie erbärmlich und niederträchtig solche Institutionen mit „gesellschaftlich relevanten Themen“ umgehen.

„Das Konzept der Entwicklung ist immer das gleiche. Zuerst werden die Autoren wegen ihrer originellen Idee verpflichtet, dann konfrontiert man sie so lange mit dem, was alles im deutschen Fernsehen nicht geht, weil es ‚der Zuschauer‘ nicht mitmacht und am Ende bleibt es dann bei den gewohnten Konzepten. ‚Lindenstraße‘ lässt grüßen.“

Und:

 

„Der Erfolg der Redakteure besteht heute eher darin, die Wünsche ihrer Chefs zu erahnen, um innerhalb der Funkhäuser Karriere zu machen, als sich auf die Suche nach der besonderen, der relevanten oder gar provozierenden Geschichte zu machen.“

 

Die von Mathias Dell zitierte Verteidigungsrede des leitenden WDR-Angestellten wirkt dann auch nicht zufällig wie die Proklamation des „Rechtsstaates“ durch Michael Neumann: Die Welt als „Gefahrengebiet“, in dem Gesetze dazu da sind, Freiheitsrechte einzuschränken. Und da sind wir stolz drauf, werten Kritik als „Selbsthass“ und immunisieren uns ansonsten.

Diese ästhetische Variante der Extremismustheorie zeigt ihre fatalen Folgen auch darin, wer vermutlich mit der Entwicklung neuer Serien beauftragt wird: Hauptsache, die Produzenten sind eh schon so riesig, dass sie alle Kanäle voll scheißen. Die können auch kompensieren, dass man mit allem Avancierten eh Miese macht.

Oder sie sind in irgendeiner Form mit etwas ökonomisch verwoben, was eine öffentlich-rechtliche Beteiligung in irgendeiner Form hat: Studio Hamburg, ZDF-Enterprises, Bavaria, wo sich dann auch ZDF/ARD-Gegensätze auflösen, bei letzterer. Und ist es nicht die Schäuble-Tochter, die jetzt der ARD-Degeto vorsteht? Irre ich?

Zukunft statt Häme: Der Möglichkeitsraum hinter dem x

Aktuell weht in Orkanstärke ein Shitstorm durch’s Netz; eine dieser Abwehrschlachten gegen das Infragestellen repressiver symbolischer und institutioneller Ordnungen und korrespondierender Geistesgeschichtsschreibungen. Räume der Kritik werden autoritär und gehässig mit Häme zugestellt.

Vermeintlich Liberale vergleichen bei Twitter studentische Interventionen an Universitäten gegen verschnarchte und denkfaule Klassiker-Lektüren mit dem Agieren der SED; ehemalige Bürgerrechtler gar, die wohl vergessen haben, wie eine unkritische Lesart des historisch-dialektischen Materialismus jedes Denken in öffentlichen Räumen einst in der DDR erstickte. Man kann freilich auch Rousseau so lesen, wie die FDJ Marx las: Im Sinne der Herrschenden.

Viel gelesene Blogger, die sich über Verschwörungstheorien, zugesandt, freuen

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„For feminism and against racism – in Malmö, Helsinki and everywhere“

Es ist über diverse Kanäle bereits verbreitet, dass in Malmö eine beinahe tödliche Attacke u.a. auf einen Fussballfan verübt wurde, der sich im Kampf gegen Homophobie in Stadien engagierte. Mein vollstes Mitgefühl, Solidarität – Hoffen und Bangen beim Wunsch nach Genesung!

Seine Aktionen und die seiner Mitstreiterinnen scheinen durch die Aktionen gegen Heterosexismus im Milerntor-Stadion inspiriert gewesen zu sein; das erfreut und erfüllt mit Stolz.

Um so schrecklicher die Konsequenzen, die er nun, im künstlichen Koma auf der Intensivstation, erleiden muss.

Ein wenig unter zu gehen schien mir im Zuge der großartig breiten Solidarisierungswelle, die sich vor allem bei Facebook nachvolziehen lässt, der Kontext, in dem der beinahe tödliche Angriff statt fand:

„★★★ Take Back The Night 2014 ★★★ We are gathering in Narinkkatori, Kamppi, on Saturday 15th March 2014 to take the night back! Join us on a march against misogynist and racist violence, in solidarity with the Malmö feminists. Last Saturday night on 8th March nazis armed with knives attacked a group of feminists after Take Back the Night Women’s Day demonstration in Malmö, Sweden. This can’t continue. People face constant harassment and violent attacks because of their gender, sexuality, skin colour, migrant background, disability or other arbitrary reason. We do not accept this. We want to move in the city without being attacked or having to feel threatened. We will not be disheartened by right wing extremist attacks or threats but continue to claim public spaces for ourselves. Bring your own signs, banderols and lights to light up the night. The streets belong to us! For feminism and against racism – in Malmö, Helsinki and everywhere.“

Ich halte das:

„Last Saturday night on 8th March nazis armed with knives attacked a group of feminists after Take Back the Night Women’s Day demonstration in Malmö“

nicht für zufällig, und es greift zu kurz, betrachtet man das nur im „Antifa“-Kontext, glaube ich zumindest, versteht man diese als Szene oder Personengruppe.

Das macht es der schwedischen Polizei auch viel zu einfach, das als Rangelei zwischen „Extremisten“ zu behaupten.

Wobei es auch im Trend liegt, Emanzipationsforderungen für ein diskrimierungsfreies Leben von PoC, LGBTQ und Frauen im Allgemeinen als „Extremismus“ auszulegen, den man im Sinne des Ausgleichs mittels irgendwelche Hater in Talkshows erst mal wieder mitten müssen.

Darum soll es in diesem Text gehen, ein Klima sei skizziert, in dessen Kontext solche Terrorattacken Legitimation erfahren, vermutlich, weil sie gegen „Tugemdterror“ gerichtet seien. An Orten, Stadien, wo man ja wohl mal die Sau raus lassen „dürfe“.

Ich habe keine Ahnung von der Diskussionslage in Schweden noch von dortigen Formen der Auseinandersetzung im Fussball-Zusammenhang. Allenfalls mit dem Pamphlet von Andreas Breivik, seinen Attacken auf den „Kulturmarxismus“, habe ich mich damals auseinander gesetzt, und das war im Nachbarland Norwegen. Da war einiges drin, dem Matussek oder Sarrazin vermutlich zustimmen würden. Die ja auch eher Symptome dessen sind, was überall herum geistert, und wohl viel Aufmerksamkeit brauchen. Kriegen sie jetzt hier auch mal ausnahmsweise.

Und es ist wohl davon auszugehen, dass diese aufgewärmte us-neokonservative Hetze von Sarrazin über Matussek, Thierse, Blüm und dieser geklonten Literaturpreisträgerin – geklont, weil die alle das gleiche brabbeln, sie hat es nur verbal etwas fantasievoller verunstaltet – in Schweden wie eben auch in Frankreich wie auch in Russland verbreitet ist. Um alle umzuerziehen, die nicht vollkommen genormt sind.

In Frankreich wollten manche der Hunderttausenden, die für faschistoide Ungleicheitsfantasien auf die Straße gehen, schon Bibliotheken stürmen, in denen Werke der Gender-Theorie sich finden.

Diese ganze Propaganda hat nicht nur eine dezidiert homophobe und bei anderen rassitische, sondern eben auch eine massiv antifeministische Pointe.

Jeder Matussek, der sich als „Erzeuger“ wähnend „Heterosexualität“ wegen der „Forpflanzungsfähigkeit“ abfeiert, weist Frauen die Rolle der Gebärerin zu und erklärt jene, die nicht wollen oder können, gleich mit für defizitär und die anderen als vom Manne abhängig, ohne ihn nur minderwertig, halbiert, denkbar.

Dass Frau Literaturpreisträgerin das flankiert, das ist kein Zufall.

Wie aus dem Nichts schossen mir heute die Textzeilen Nina Hagens durch’s Hirn „… Simone de Beauvoir sagt Gott bewahr und vor dem ersten Kinderschreien muss ich mich erst mal selbst befreien.“ Was nun auch keine Forderung implizieren soll, wer will, soll doch.

Dennoch: Diese fortwährende Platzzuweisung, die Frauen von Männern erfahren, welche sich über LGBTQ erheben, erscheint mir trotzdem viel zu wenig berücksichtigt. Matussek ist insofern meines Erachtens auch frauenfeindlich. Wer das Individuum biologischen Funktionen unter ordnet ist dies.

Und Ratzinger hat all den Menschenverächtern mit seiner ewigen, religionsübergreifenden „Naturrechtslehre“ das Paradigma geliefert.

Diese Re-Biologisierung des Sozialen ist problemlos für Nazismus anschlussfähig – die, wie in der „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben, in Mythologie umschlagende Aufklärung tut dieses ja aufgrund eines naiven, biologistischen Positivismus, der in Faschismus umschlägt.

Sarrazin äußert sich, verstehe ich ihn recht, in diesem Sinne.

Herr Peymann findet das diskussionsfähig, findet, man müsse gaaaaanz vorsichtig sein, bevor man Rassismus diagnostiziere, hat aber kein Problem damit, solche, die sich gegen Diskreditierung wehren, als nazihaften Pöbel zu bezeichnen. In diesem Peymannschen Sinne haben die prügelnden und messerstechenden schwedischen Nazis dann wohl konsequent antifaschistisch gehandelt.

Herr Bisky wiederum im Neuen Deutschland meint (ich verlinke das jetzt alles nicht, kann aber Belege liefern), man müsse das „Unbehagen“ angesichts von dauerndem Rumgeschwule, selbstbestimmter Frauen und der schlichten Existenz und Präsenz von PoC schon irgendwie aushalten und verkennt dabei, was diese so alles aushalten müssen den lieben langen Tag lang – unter anderem fortwährende Gewaltandrohungen, die von Latenz in Manifestes umschlagen können. Jederzeit.

Bei Twitter habe ich neulich eine Studie herum geschickt, dass jede dritte Frau in der EU Gewalterfahrungen hat. Dass es keineswegs in so genannten „Unterschichten“ oder jenen Exludierten, denen „Migrationshintergründe“ fortwährend angeschrieben und in Fragebögen abgefragt werden, am krassesten zugeht, sondern bei Akademikern. Den Matusseks und Sarrazins (nicht konkret bei denen, sondern solchen wie denen).

Die nun gerade ein Klima schaffen, in dem es kein Zufall ist, dass solche Attacken ausgerechnet im Zusammenhang mit einer feministischen Demo statt finden. Wenn es sie denn in Schweden auch gibt, wovon auszugehen ist. Ein Facebook-Kommentator berichtete sogar von schwedischen Matussek-Fans.

Es ist auch kein Zufall, dass man bei Women of Colour immer die besten Diagnosen der gesellschaftlichen Gegenwart findet.

Ich glaube, dass man die hier allenfalls skizzierte Gemengelage, auf die mit neuem Mut und neuer Wucht sich Neonazis problemlos, selbst von Peymann noch befeuert, drauf satteln können, aktuell stärker in den Focus rücken muss. Die NPD hat doch hierzulande nur solche Probleme, weil die so genannte „Mitte“ ihnen ständig die Themen klaut.

Und das auch und gerade hinsichtlich der antifeministischen „Pointe“.

Einige derer, die sich jetzt solidarisch zeigen mit den Opfern von Malmö, was gut und richtig ist, sind doch zudem die, die ansonsten gegen „Critical Whiteness“ ätzen, Feministinnen hämisch Traumatisierung und „Selbstopferisierung“ andichten, sich über Triggerwarnungen erheben und über den Terror der „Lesbenherrschaft“ in linken Szenen einst schwadronieren.

Es gibt da in Malmö Menschen, die sich, weil sie sich gegen Heterosexismus im pro-feministischen wie auch antirassistischen Sinne erhoben haben, fast umgebracht wurden.

Der Zusammenhang kann noch sehr viel deutlicher hervor gehoben werden; diagnostiziert man die Gründe, aufgrund derer sich von Matussek über französische Neofaschisten bis hin zu schwedischen Neonazis solche sich ach so gefährdet sehen, dass sie ausrasten und manche auch morden wollen (bzw. dies in Paris auch schon getan haben), findet man auch Wege zum Gegengift zu ihren Lügen.

Im Sinne der Opfer der Attacke sollte dies geschehen.

Momo on the radio, Nachschlag und Ausblick

Heute unterlief dem FSK wohl ein Programmierungsfehler, und die Sendung zur „Vergessenen Vorgeschichte des Hipsters“ lief schon von 12-14 h. Dafür wird sie aber heute um 23 h und morgen um 7 h noch einmal wiederholt.

In Zukunft wird voraussichtlich einmal im Monat ein Format ohne monothematischen Schwerpunkt dort von mir laufen: „Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum“. Das ist näher am Blog gehalten, eher essayistisch-kolumnenartig, aber definitiv auch mit viel Musik ausgestattet. Eine Mischung aus Kommentar zur Tagespolitik und verallgemeinernden Versuchen, die Welt und die Stadt durch die Metalust-Brille zu betrachten. Und der FC St. Pauli bzw. die Fanszene tauchen dann dort auch mit auf. In irgendeiner Form. Es wird mir etwas einfallen 🙂 … ein Remake von „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit Tom Trybull in der Hauptrolle fordern? Oder doch eine Neufassung von „Giganten“? Man wird hören.

Hier der Ankündigungstext im „Transmitter„:

Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum

Momo on the radio, die dritte

Uff. Ächz. Diesmal bin ich echt ins Schwitzen gekommen. Vermutlich, weil das Thema viel aktueller, relevanter ist und tiefer sitzt, als mir selbst es klar war zuvor.

Weil ich immer wieder vor mich hin quatschend merkte, wie ich mich verrannte (oder auch nicht?), dann mich selbst korrigierend kommentierte, anfing, Passagen gar nicht so einfacher, englischer Originaltexte lieber noch mal genauer zu übersetzen – um dann fest zu stellen, dass ich sie eigentlich ganz richtig verstanden und auch ganz gut zusammen gefasst hatte. Trotzdem musste ich die ganze Zeit auch vieles voraussetzen – Beat-Generation, Hippie-Bewegung -, und anderes kann man nicht mal eben so zwischen zwei Jazz-Stücken erläutern, den Existentialismus zum Beispiel.

Kurioserweise merkte ich dennoch, oder aber glaubte es zu merken, dass gerade diese Inswankenkommen dessen, der sich so oft in der oft in der Rolle des souveränen Weltendeuters gefällt, exakt Thema der Sendung ist. Und im Grunde genommen ein guter Effekt ist. Mehr wanken!

Konkret geht es um die „Vergessene Vorgeschichte des Hipsters“, ausgehend von einem hochumstrittenen Essays von Norman Mailer von 1959, „The White N…“. In dieser Zeit tauchte der Begriff des Hipsters zunehmend in Feuilletons und Traktaten auf. Gemeint waren damals jene weißen Jazz-Fans, die den Habitus urbaner Schwarzer kopierten. Oder aber die Jazzer idolisierten, wie Jack Kerouac – dieses freilich auf eine Art, die ziemlich ungebrochen Rassismen reproduzierte, während es sie zu reflektieren vorgab.

Dann vertiefte ich mich und fragte mich natürlich zunehmend, warum ich nun ausgerechnet den dieses Phämonen aus einer sehr eigentümlichen Perspektive auch kritisch betrachtenden, hochproblematischen Mailer ausbuddele, anstatt lieber gleich du Bois oder James Baldwin oder Autorinnen der Harlem Renaissance zu referieren.

Ich bin dann doch dran geblieben, weil ich mittlerweile kaum etwas für dringender geboten halte als eine kritische Selbstreflektion weißer „Gegenkulturen“. Dann entsteht freilich schnell das Übliche, dass Weiße wieder nur über sich selbst reden. Daraufhin bemühte ich mich, die Musik, zumeist aus dem Kontext des Jazz, dagegen zu montieren und zunehmend die (angelesenen) Erfahrungen von PoC gegen die teils hanebüchenen Deutungs- und Aneignungsformen der Black Cultures durch weiße „Gegenkulturen“ ins Feld zu führen.

Ich habe keine Ahnung, ob das gelungen ist. Ich habe so was wie „Critical Whiteness“ auf diesem Feld einfach mal versucht. Und die frühen Hipster, die Beat-Generation und “ Nonkonformisten“ der 50er und ihre Hippie-Erben haben da einfach eine Folie geschaffen, eine Blaupause, die auch scharf kritisiert gehört, weil sie immer noch wirkt.

Falls ich gescheitert bin, war es den Versuch vermutlich nicht wert und ich freue mich trotzdem über Kritik, damit ich daraus lernen kann. Falls wem daran gelegen sein sollte 😉 …

EDITH: Läuft von 14 -16 h – siehe hier.

PS: Was ich aufgrund der Größe des Sujets völlig außen vorgelassen habe ist die schwule Erfahrung Burroughs und Ginsbergs, auch Vertreter der Beat-Generation, und in letzterem Fall auch dessen Bezüge zur jüdischen Tradition. Das wäre zu kompliziert gewesen.