Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Status versus Einfühlung: A-Ha-Effekte beim Saxophon-Spielen und Filme gucken

Verzweiflungen. Durchbrüche. Das Stimmgerät. Genauer: Die App, die die Intonation gnadenlos aufdeckt – also, ob die Töne getroffen werden, blase ich in das Saxophon hinein, oder auch nicht. Fast alle Töne spiele ich zu hoch. Man bekommt sie eigentlich tiefer gelegt, lockert man die Lippenspannung. Gelingt mir nicht. Komme einfach nicht in den „grünen Bereich“. Will schon alles wieder bleiben lassen und meine Saxe einmotten.

Spuren. Erfahrungsspuren. Körpergedächtnis. Wie man wird, wenn man sich wappnen muss und mitten im Pubertieren auf einen Orchestermusiker trifft. Aus dem Blasorchester. Dem Rufe nach das „zweitbeste“ Deutschlands. Spielt auch Verdi, Swing, nicht nur Märsche. Zählen wird geübt. Notenwerte. Taktvorgaben. Jede Woche eine neue Etüde, um mittels Noten lesen auf die funktionalen Erfordernisse der Stimme als Teil des Ganzen trainiert zu werden. Damals, als ich schon mal Unterricht hatte.

Lese im Netz. Was mach ich falsch? Ich weiß gar nicht, wie – merke auf einmal, dass ich jedes Mal, wenn ich hinein blase, die Schultern nach vorne bewege, die Arme verkrampfe und mich beuge. Nix Lippenspannung: Instinktiv, als wolle ich mich schützen, verkrampfe ich – noch verschärft durch den Umstand, dass ich seit bald 25 Jahren an Computern sitze und dort so lange jederzeit auf einen Machtkampf gefasst sein musste. Lauernd, mit leicht vorgerecktem Kopf. So ist das, wenn man dummerweise dachte, man müsse um Status mitspielen.

Reiße die Schultern zurück. Richte mich auf. Drücke den Rücken durch. Lasse die Arme bewusst locker. Mache das berühmte Ö, um nicht immer so mit der Unterlippe gegen das Holzblatt zu pressen, das den Ton erzeugt.

Blase hinein – umwerfend. Alles intoniert genau richtig. Der Ton ist voller, weicher, nicht so schrill. Bin völlig verblüfft. Habe 4 Jahre einst und ein Jahr jetzt Saxophon gespielt wie ein Hund, der an der Leine zieht, weil er denkt, er könne sich sonst gar nicht vorwärts bewegen. Dabei war da gar keine Leine mehr. Aber Werktreue und Orchestermentalität haben sie mir symbolisch angelegt.

Spiele jetzt manchmal in einem Übungsraum gemeinsam mit 3 anderen Musikern. Jazz-Standards. „All Blues“, „Girl from Ipanema“, „Blue Bossa“, sowas. Wir alle versuchen, auch über die Akkorde zu improvisieren. Denke manchmal an den Blockflötenunterricht in der Grundschule zurück. Zählen, Noten lesen, Werktreue. Spielerisch war da nix. Eine Klasse mit 30 Schülern, die mit der Blockflöte improvisiert, ist zugegebenermaßen auch die Vorstellung eines akustischen Grauens. Trotzdem: Es wurde Folgsamkeit und Sich-Einfügen trainiert, nicht Spielen.

Mit den anderen 3 Hobby-Musikern das anders zu machen, das macht schon echt Spaß. Allerdings: 4 Männer in einem Raum, die ihre Instrumente spielen – habe beim ersten Mal das Gefühl: Es wird sich abgecheckt. Kann der am Ende sein Instrument besser als ich? Dann ist Angst mit im Raum. Angst kann nicht spielen. Beim zweiten Mal ging es aber schon viel besser. Vielleicht bin ich das ja auch nur, der so denkt.

„Tauscht ihr euch aus? Redet ihr miteinander?“ fragt mich mein Saxlehrer mit einem seltsam verzweifelten Lachen. „Ja, ein wenig …“. An der Musikhochschule unter Studenten fände das kaum statt. Da würde nur geprüft, ob der Andere mehr Leistung bringe, mehr drauf habe als der Konkurrent. Das kenne er so gar nicht in dem lateinamerikanischen Lamd, aus dem er kommt. Da hätte er sich mich Freunden getriffen, sie hätten gejammt, Spaß gehabt, sich wechselseitig geholfen, die, die es noch nicht so gut konnten, mitgezogen – hier würde einfach immer nur be- und vor allem abgewertet. Ausgegrenzt, wenn jemand als „defizitär“ gelte.

Status. Nicht zufällig steht er als Vogelscheuche auch gleich auf dem nächsten Feld der Kunst, auf dem ich wilder. Christina Kallas, Kreatives Drehbuchschreiben.

Was ein Buch! Großartig!

Und wie in all diesen Büchern, sei es der Mozart in uns, Free Play oder Garantiert zeichnen lernen, entwickelt sie vor allem Methoden, das Urteil auszuschalten, um überhaupt wieder kreativ sein und kommunizieren zu können. Sich auf die Welt einzulassen. Nicht nur Regeln zu trauen, sondern die Spielmuskeln zu trainieren und überhaupt statt nur auf Technik auch Emotion und Wahrnehmung zu vertrauen. Sich selbst zu vertrauen. Dem Gespräch zu vertrauen, das gemeinschaftlich etwas entwickelt, anstatt das Gegenüber nieder zu machen.

Spannend ist, was Christina Kallas zu Status schreibt. Ich kannte die Regel für das Dialoge schreiben „Männer reden über Status, Frauen über Beziehungen“. Und nicht zufällig von Freunden beim Improvisationstheater, die, um Spannung aufzubauen, mit Hoch-Status und Niedrig-Status spielen.

Frau Kallas beschreibt Niedrig-Staus als den der Ja-Sager. Das seien die, die zustimmen müssten, dann aber auch die Abenteuer erlebten. Während Hoch-Status die Nein-Sager seien. Weil sie es sich leisten können. Diese würden vor allem durch Nein Sagen Zustände zemtieren, um ihren Status zu wahren, indem sie Veränderung verhindern.

Die Passagen krame ich demnächst noch mal raus, da steckt sehr komprimiert die halbe Diskussion um Privileg und Supremacy mit drin. Empowerment besagt ja auch, sich selbst als jemand, dem Niedrig-Staus zugewiesen wird von den Mächtigeren, das Nein-Sagen zuzugestehen. Und das ganz laut: So nicht!

Und was dann passiert, kann bei Matussek lesen und bei Denis Scheck sehen. Diese Status-Zuweisungen vollziehen sich ja in annähernd jedem Gespräch – wenn Nicht-Weiße mit Weißen reden, Nicht-Heten mit Heten, Nicht-Männer mit cis-Männern.

Auch politisch wirkt das gewaltig, die Politik Michael Neumanns und die von Dudde und Co belegt es.

Höhepunkt des Buches von Kallas ist freilich ein flammendes Plädoyer für die Pietas-Forderung des antiken Dramas, die doch auch im Kino zu erfüllen sei. Das ist insofern erstaunlich, weil exakt dieses Sich-Einfühlen und durch den Akt des Sich-Hineinversetzens eine Wandlung erfahren können bei derart viel rationalistischen Schein-Ästhetikern, die eine Logik der immanenten Stimmigkeit ein „Gelungen!“ abtrotzen, aber Möglichkeit der emotionalen Einsicht weder fühlen noch denken können, höhnische Zurückweisung – Nein-Sagen – erfährt, dass es nur so kracht.

All die Richter und ihre rekonstruierende Wahrheitsfindung prallen freilich ab an dem, was auch als Einwand von Carol Gilligan in der feministischen Moraltheorie gegen abstrakte Prinzipienmoral ins Feld geführt wurde: Dem konkreten Andere und dem Mitgefühl für ihn. Dann, wenn es gut läuft. Also eher selten. Dann aber richtig gut!

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9 Antworten zu “Status versus Einfühlung: A-Ha-Effekte beim Saxophon-Spielen und Filme gucken

  1. ziggev März 3, 2014 um 1:30 am

    ja,stimmt. in der lateinamerikanischen Szene in HH habe ich es noch nie erlebt, dass da irgendwer jamand kritisiert hätte oder sich gar abfällig über dessen Leistung geäußert hätte. Genaugenommen habe ich noch nie eine kritische Bemerkung aus disem Kontext zu den musikaliuschen Fähigkeiten eines Musikers gehört.

    Z.B. ein Kerl, der jetzt international-mäßig unterwegs ist, wollte einmal, dass ich ihm das Tamburin geben würde. Dazu muss ich sagen, dass ich ein katastrophales Timing habe, erst recht, wenn ich Percussion zu machen versuche. Aber in dieser Bitte lag absolut keine Geringschätzung oder Abwertung, obwohl ich fast durch meine Unfähigkeit die Session gesprengt hätte, auch keine Herbalassung nach dem Motto: Du kannst es ja nicht, lass mich mal, nein, einfach nur: „darf ich mal das Tamburin haben?“ – Ich hatte zwar schmerzlich einsehen müssen, dass ich niemals es schaffen würde, mich in diese lateinamerikanischen Rhythmen vernünftig einzuklinken, es wurde aber mit einzigartiger Grandezza einfach unterlassen, mich dies spüren zu lassenj. Ich bin mir sicher, man hätte mich auch so weiterspielen lassen, noch ein paar Jahre: und es wäre ja vielleicht doch noch etwas geworden mit meinem Timing

    Dagegen habe ich die absolute Katastrophe in ner deutschen Rock Band erlebt: Nach einem misslungenen Auftritt (anstatt die Leute einfach teilnehmenlassen an seiner der Ferude am Musikmachen) ging es los mit dem einander Herabsetzen und Fertigmachen, teilw. unter der Gürtellinie.. Also, so geht das nicht! Aboluter Horror. Das meinte ich übrigens neulich mit dem polyphonen Stil: Es ist eigentlich Jazz: jeder und jede hat seinen oder ihren Stil und die jeweils betreffende Aufgabe in der Band. Melodieinstruiment, Harmonien, Ryhthtmus,Bass. Und jeder oder jede zieht sein oder ihres Ding durch. Das Zusammenspielen wird gar nicht erst geprobt.

    Das ist eines der vielen Missverständnisse in der weißen Popmusik: dass man das proben müsste. Wie im Jazz, jeder/jede übernimmt seien/ihren Part, spannend ist dann, welches Soundmuster sich daraus ergibt. Ohne diesen südamerikanischen Input würde ich meine kleine musikalische Geschichte/Enticklung oder Entdeckungsreise als eine peinliche Episode betrachten und schon lange beendet haben. So aber habe ich immer noch große Freude an der Musik, weiß, welche Leute ich zu meiden habe, hol manchmal mein Intrument raus und übe freiwillig zum Metronom!

  2. Momo Rulez März 3, 2014 um 9:16 am

    Danke für die Geschichte; das bestätigt total, was ich da bei meinem Lehrer die ganze Zeit erlebe und wahrnehme. Der ist ja supervirtuos auf diversen Instrumenten, klar sagt er auch mal, was ihm bei meinen Impro-Versuchen nicht gefällt, damit ich voran komme, aber es ist nie dieses Herabwürdigen und Niedermachen, sondern hilfreich, kooperativ. Diese brutale Werten, das in Dtl. ja extrem ausgeprägt ist und alle so ängstlich macht, fällt weg. Letzte Stunde lachte er einmal, ich fühlte mich prompt ausgelacht, nein, nein, er freute sich, weil er merkte, wie ich eigene Wege fand, mich im Material zu orientieren, obwohl mir eine Skala gerade nicht einfiel.

    Finde auch spannend und völlig richtig, was Du zum Proben schreibst. Klar, auch Coltrane und Charly Parker haben 11-14 Stunden täglich Skalen geübt, aber wenn man sich die als Maßstab nimmt, hat man ja eh verloren. Dieses Kommunikation mittels Musik ist hier so gut wie gar nicht präsent. Das ist auch bei den Leuten, mit denen ich „jamme“, so, dass dann alle nacheinander mal dran sind und jeder irgendwie anwendet, was er gelernt hat, aber es findet sehr wenig Call & Response statt. Was das vollumfänglich bedeutet, habe ich hier auch erst gepeilt, als ich das Joshuah Redmann-Quartett, u.a. mit Brad Mehldau, live gesehen habe. Das ist nun auch ein musikalisch extrem hohes Niveau, und es spielte auch jeder seine Soli und Redman war Frontman – trotzdem, die haben die ganze Zeit miteinander kommuniziert, und Redman hat ihnen und dem Publikum Geschichten erzählt.

    Habe gestern bei Julia Cameron, die auch „Der Weg des Künstlers“ geschrieben hat, den wundervollen Tipp „schlecht schreiben!“ gelesen 😀 , absichtlich, um den inneren Zensor, der fortwährend wertet, auszuschalten. Großartig. Das ist Stephen King, der hat sich B-Movies, Comics und Pulp-Hefte genommen hat, um sie zu kopieren. Und er dabei ein ungleich emphatischerer und kommunikativerer Erzähler als viele der Verkünstelten, Gefeierteren

  3. ziggev März 3, 2014 um 1:30 pm

    ja, es ist natürlich noch einmal eine besondere Schwirigkeit neben dem, was ich oben Polyphonie genannt habe: musikalisch auf das musikalische Gesamtgeschehen zu reagieren. hierzu ist viel Erfahrung und, Mist!, Können erforderlich. Beim Call and Response ist es notwendig, in sekundenschnelle die musikalische Gestalt des Gegenübers zu übersetzen, anzuwenden und in die eigene weitermachende Interpretation einzuflechten. Manchmal scheitert das an den eigenen Fähigkeiten, der Auffassungsgabe und diese unzusetzen, wovon ich ein Lied singen kann …

    Wie wissen um die wichtige Rolle, die der Call-And-Response in der afroamerikanischen Musik gespielt hat. Und wir kennen nichts Vergleichbares, selbst wenn wir zurückgehen bis in die Renaissance.

    Es ist eine zutiefst menschliche Praxis und hier haben sich beim Hören mir Erfahrungshorizonte, kleine Dramen von musikalischen Persönlichkeiten untereinander ausgetragen, erschlossen, die ich nicht missen möchte.

  4. Realitätbrennt März 4, 2014 um 11:45 pm

    Gibt es nicht in ausgesprochen alter europäischer Kirchenmusik schon einige erste Ansätze zu Call-and-Response? Okay, das sogenannte Responsorium war insgesamt ziemlich barbarisch, ungeschliffen, roh, simpel. Das gab es aber immerhin schon seit dem vierten Jahrhundert. Verfeinert wurden das dann allerdings außerhalb Europas. Wobei diese Sachen in wohl genauso starken Maß auch auf auf afrikanische Traditionen zurück gehen, die dann in die Liturgie eingebaut wurden. Außerdem gab es das zusätzlich auch außerhalb der Kirchen als Arbeitslieder. Ich kenne mich da allerdings überhaupt nicht aus. Falls ich mit meinen Anmerkungen jemand verärgert haben sollte, bitte ich vorab um Freispruch! Spannendes Thema jedenfalls. Nicht zuletzt unter dem Aspekt, wo und wie sich die Verfeinerung und Ausdifferenzierung dieser musikalischen Technik ergeben hat.

  5. momorulez März 4, 2014 um 11:55 pm

    Du verärgerst nicht! Das mit den Arbeitsliedern ist ganz interessant, weil es auch auf Shanties verweist, und ich weiß nicht, ob es so war, aber ich stelle mir da immer oben den „White Trass“ vor und darunter verschiffte und krepierende, zukünftige Sklaven 😦 … Natürlich nicht auf allen Schiffen. Und ins Shantie sind auch viele keltische Weisen eingegangen.

    Ich den Bachschen Passionen gibt es dialogische Passagen zwischen Sänger und solo-Insrument. Das könnte schon darauf verweisen, dass das – wie vieles andere auch – erst nach der Barock-Zeit in das gewandelt wurde, was wir dann als „Klassik“ kennen lernten, wo halt der Beat fehlt. Ich habe mal eine „Popea“-Inszenierung, Monteverdi, gesehen, die mich dahin gehend völlig umgehauen hat. Zu Monteverdis Zeiten gab es noch nicht diese komplexe Notation, und dann haben sie überlegt, wie das wohl wirklich geklungen haben könnte vor der Domestizierung. Das war umwerfend, weil sie viel mit Percussions gespielt haben, und die ganze Oper echt derart mitreißend wurde, dass man aufspringen wollte und kreischen wie einst zu House-Music 😀 – haben einige ich. Insofern kann es schon sein, dass viel Dialogisches zugunsten des „Werkes“ verschwand, ganz analog.

  6. ziggev März 6, 2014 um 5:38 am

    ja, ich habe mich etwas zuweit aus dem Fenster hinausgehängt. wir haben den improvisatorischen Aspekt sehr deutlich bereits abendländisch in der mittelalterlichen Kirchenmusik. schauen wir uns bloß die die mittelalterlichen Notennotate an: vollkommen frei von Timing-Vorgaben. das mussten die Praktizierenden schon von selbst (improvisitorisch) hinkriegen.

    echte Mehrstimmigkeit finden wir übrigens nicht in Asien oder Amerika, sondern alleinig in Afrika und in Europa. Ich vermute immernoch, dass da was vom südlicheren Kontinent rübergeschwappt hat sein können.

  7. momorulez März 6, 2014 um 9:24 am

    Kennst. du dieses Buch „Free Play“? Der Autor, ein Geiger, nimmt darin auch schön auseinander, wie Bach und Mozart vor allem begnadete Improvisateure waren …

  8. ziggev März 6, 2014 um 1:06 pm

    … Beethoven nicht minder, so ist überliefert. werde ich mir gelegentlich mal besorgen. Danke für den Hinweis!

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