Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„That makes it much harder — and almost always much better.“

„That gap in our culture, the one that exists outside the mainstream — that’s where you find artists, gay people, all the outsiders. ‘Queer culture’ is bigger than most people think.“

Danke, Herr Matussek! Spätestens, als Sie sich in die Debatte eingeklinkt haben mit Ihrem chronisch talentfreien, aufmerksamkeitsheischenden Gekeife, das sich schon Überschrift zeigte, da war ich froh. Und es perlte nur noch ab.

Ich meine, wer will schon sein, denken, schreiben oder leben wie so einer?

Mir sind ja wenige heterosexuelle Beziehungen bekannt, angesichts derer ich denke: „Hey, da habe ich aber was verpasst!“ Mit einer davon fahre ich immer nach Sylt, eine andere, frisch verliebte mit bald 50, treffe ich nach Spielen vor der Domschänke. Die wissen um das, was im Rock’n’Roll über Appropriation hinaus geht.

Ich würde vielen Heten wie auch Regenbogenfamilien wünschen, dass gerade das Aufziehen ihrer Kinder gesellschaftlich so organisiert würde, dass sie es eingebettet in andere solidarische Zusammenhänge freier erleben könnten, als das, was der Fall ist. Wo man sie in das Hamsterrad ökonomischer Zwänge sperrt und sie erpresst, den Kapitalismus am Laufen zu halten. Dass Arbeiten, Wohnen, Kreativität
und Gelassensein, Sichfallenlassenkönnen, verschränkter wären und jeder doch die Möglichkeit hätte, seine Individualität, Freiräume und Bedürfnisse in anderen gesellschaftlichen Organisationsweisen zu leben.

Gar nicht im Sinne der „Kommunen“ von einst. Aber, dass nicht ganze Städte da, wo keine Einzelhäuser stehen und auch keine Bürogebäude, in diese 3,4,5-Zimmer-Areale unterteilt sind, wo die Alten auch keinen Platz mehr haben und alle wahnsinnig schuften müssen, sich das überhaupt leisten zu können.

Sondern all die Grenzen fließender würden und die armen Kinder nicht später das ausbaden müssten, was in „Zweierbeziehungen“ schiel lief, wo sich in Generation um Generation Familienneurose an Familienneurose reiht. Dieses Homohassertum ist ja eine objektive Neurose, die sich in solchen Zusammenhängen heraus bildet. Ich habe vermutlich wegen einer Nachbarsfamilie psychisch überlebt. Und in meiner Geschäftsführerzeit war ich immer froh, wenn Kinderwagen im Eingang standen, dass das Aufwachsen der Kleinen nicht so abgeschottet statt fand und die Eltern mal verschnaufen konnten.

Montag auf Kampnagel. John Waters betritt die Bühne und feuert wahnsinnig schnell frei und englisch sprechend ein Gag- und Gedankenfeuerwerk ab, dass man nach 2 Minuten schon immer gar nicht mehr weiß, welche 17 Pointen in den letzten dreißig Sekunden platziert wurden. Nicht alle sind gut, manche spielen der Anti-PC-Fraktion in die Hände, die solche wie ihn im Land, da viele die Opfer der Nazis derart hassen, völlig missverstehen. Bei Waters spürt man, dass der von ihm proklamierte Kampf gegen die Tyrannei des guten Geschmack der des Outlaws ist, und so was gibt es hier eben nicht. Da sorgen solche wie Neumann dafür.

Stellte mir vor, wie diese Kanonaden von Sex-Witzchen da auf Kampnagel, die tatsächlich derart fern des guten Geschmacks angesiedelt waren, dass die hier gar keiner zustande brächte, auf der Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli abgefeuert würden. Auf deutsch, nicht auf englisch. Von jemandem, der nicht als US-Regisseur Renommé genießt – unter anderem wegen der berühmten Geruchskarten. Er amüsierte sich auf der Bühne, dass er Menschen dazu gebracht hat, dafür zu bezahlen, dass sie an Scheiße riechen. Die JHV würde ihn vermutlich lynchen.

Hier glaubt man ja, „Bad Taste“ sei, sich gröhlend eine 70er-Jahre-Perücke aufzusetzen, im Sonderzug zu Eurodance zu tanzen und Tabubruch, wenn man das N-Wort sage und sich nicht von Minderheiten „unterdrücken“ ließe.

Sitze da und verstehe wieder besser, wie die Corny-Generation operiert hat. Auch Bockmeyers und Morgensterns „Geierwally“ wäre zu nennen, die früheren Geschichten von Dirk Bach, Hella von Sinnen in „Alles nichts oder“.

Neulich, zum Schmidt-Geburtstag, gab es eine „Best of Schmidt Show“-Zusammenstellung auf N3. Hier und da war es so schlecht, dass ich mich über meine damalige Begeisterung etwas wunderte; wir gingen da immer hin, als sie noch nicht im Fernsehen zu sehen war, bevor wir auf die Tanzflächen stürmten. Manchmal war es aber auch herrlich. Wenn Ernie als Krankenschwester die Show als Klinikfest moderierte zum Beispiel. Sie näselte damals noch so wundervoll wie Evelyn Künneke. „Und jetzt alle: Wir grüßen unsere Mitpatienten auf der Intensivstation!“

Oder wenn Trash-Queen Pelle Pershing als Transe Heinz Schenk parodierte, der (natürlich mit Bembel auf dem Kopf, in dem ein Dildo war) Zarah Leander parodiert.

Die letzten Tage wurde hier ja viel über Appropriation diskutiert.

Queer Cultures machen das ja umgekehrt: Aneignung durch Umdeutung. Es gibt ja fast nix, worauf man und frau und transgender aufbauen könnten, das ist anders als bei PoC-Cultures.

Es gibt die Geschichte von Psychiatrisierung, Verfolgung, Elektroschocks, Selbstgeißelungen, Sünde, Verbot, Versteckspiel, Schein-Ehen, zwischen den Zeilen lesen, in den Bildern verborgen sich äußern, Erpressung. Und persische Liebeslyrik und Shakespeare-Sonnette. Spekukationen: Hat er dje Rolle der Lady Macbeth für sich selbst geschrieben? Für Frauen gibt es noch weniger, weil Mann die gar erst nicht mit spielen ließ.

Es gibt dieses als „Milieu“ begriffen werden, Klappen, in denen Polizeispiegel eingeschlagen wurden und all die Versuche, „normal“ sein zu wollen.

LGBTQ lernten Lesarten, in Mainstream-Kulturen zu entdecken, was auf sie referiert, sie anspricht. Die Stimme und die Haltung der Knef, von Bette Davis oder das Tragischwerden von Judy Garland. Der Subtext in „Verdammt in alle Ewigkeit“. Mittlerweile gibt es ja mehr Identifikations- und Nebenfiguren. Aber verglichen mit dem Angebot für Heten immer noch sehr wenig.

Dieses aus dem Mainstream etwas auslesen und umdrehen, das kann ein ganz außerordentlich lustvolles, ästhetisches Vergnügen sein.

Und es bietet Freiheit durch Abstand. Dieses Nichtdazugehören ist ja auch etwas ganz Wundervolles, ein Raum, in dem man die „Urteilskraft des Pariah“ entfalten kann. So habe ich einst eine Hausarbeit über Hannah Arendt genannt. Divine im John Waters-Film als Vorstadt-Mami entsteht so.

Ich will das gar nicht missen. Und wenn bei Pierres & Gilles die eh schon erotisierte, katholische Ikonographie über sich hinaus getrieben wird – dann ist das der beste Tritt in die Fresse von Matussek, den ich mir vorstellen kann. Und eben viel eleganter als viele der linken Widerstandsmythen. Und lustiger. „Trink weiter, Sue Allen!“ Der Mann, in den ich am meisten verschossen war in ein paar wundervollen, gemeinsamen Wochen, sammelte Heiligenbilder. Der kam aus Schwaben.

Während ich mich also inmitten dieses homophoben Bombardements vor mich hin freue, frage ich mich auch weiterhin, wie ein Gale Harold als Hete die Rolle des Brian Kinney in „Queer as Folk“ derart überragend spielen konnte, wie er es tat. Heten können so was oft nicht so gut, wie ein Montgomery Clift es konnte. Für den es solche Rollen nicht gab. Er zerbrach daran.

Als Mischung aus Oscar Wilde und Lou Reed habe er Kinney zunächst anlegen wollen. Er begeisterte sich auch für Tennessee Williams, Jean Cocteau, Jean Genet. James Baldwin leider nicht. Inhalierte die Power of Queerness, sozusagen. Und hat, kurz nachdem er aus Gay Communities noch als Trespasser angegriffen wurde, an einer Doku über Scott Walker mit gewirkt – zusammen mit David Bowie. Und in einem Interview so zauberhafte Sachen gesagt:

„Gay artists, he said, can find themselves dealing with a double dose of cultural alienation. He talked about his teenaged years, listening to the Smiths while lying on his bed and staring out the window. He compared the group’s enigmatic lead singer and lyricist, Morrissey, to Walker, and said: „Think about how hard it is for anyone to pick up a guitar, to become any kind of an artist at all, to overcome the obstacles to expressing yourself in that way. But add to that being gay and having to write your songs with elaborate metaphors and layers of meaning, because you can’t really say what you mean. That makes it much harder — and almost always much better.“

Deshalb konnte er die Rolle so umwerfend spielen.

Matussek, Maischberger und die anderen werden das nie verstehen. Und das ist auch gut so.

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