Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Viele Worte zur „Cultural Appropriation“

„Cultural appropriation is the adoption of some specific elements of one culture by a different cultural group. It describes acculturation or assimilation, but can imply a negative view towards acculturation from a minority culture by a dominant culture.[1][2] It can include the introduction of forms of dress or personal adornment, music and art, religion, language, or social behavior. These elements, once removed from their indigenous cultural contexts, can take on meanings that are significantly divergent from, or merely less nuanced than, those they originally held.“

http://en.wikipedia.org/wiki/Cultural_appropriation

In diesem Blog, oft auch und da eher noch mehr, wenn ich Leute kennen lerne, die dieses Blog lesen, ist die Abwehr gewaltig, kritisiere ich diese Praxis.

Oft wird dann gar nicht verstanden, wo denn bei Dreadlocks, Voodoo-Choreos und Co das Problem sei.

Das Problem entsteht freilich – ich bitte um Korrektur, wenn ich falsch liege!!! – auch nur in assymetrischen Konstellationen, da dominante Kulturen sich bei Marginalisierten und auch Deklassierten bedienen und davon auch noch ökonomisch profitieren. So dass alles beim Alten bleibt und die Herabwürdigung der Marginalisierten einfach Stabilisierung erfährt. Weil sie wieder zum Schweigen verdammt und an den Rand gedrängt werden und leer ausgehen.

Während zugleich die Erfahrung, die sich in den jeweiligen kulturellen Praxen zeigt, und deren Geschichte gleich mit verschwindet.

Und keinerlei Versuche unternommen werden, im Zuge der Auseinandersetzung mit dem, was sich angeeignet wird, diese unterschiedliche Positionierung der jeweils Handelnden auch zu reflektieren. Das auch im eigenen Werk, Look, Sound selbst zu thematisieren mit dem Ziel, Assymetrien zu überwinden und Bereitschaft zu zeigen, zurück zu treten, wenn Marginalisierte ihre Erfahrungen selbst zum Thema machen wollen. Und ihnen Raum dafür zu verschaffen bzw. zu lassen.

Da nun gerade weiße, linke „Gegenkulturen“ nur so strotzen vor Praktiken der kulturellen Appropriation, , ist die Aufregung ganz besonders groß bei diesem Thema.

Am stärksten im Falle der Praktiken in der Musik – schon in der Klassik, wo oft Tänze aufgegriffen wurden, die Kulturen der Sinti und Roma entstammen und dann noch, wie in „Carmen“, dazu dienen, ein durch und durch rassistisches Werk auf die Bühne zu bringen. Aber auch Czardas und Co haben einen ähnlichen Ursprung; häufig wurden auch Weisen „niederer Klassen“ „kultiviert“ von bürgerlichen Schichten.

Diese Behauptung der „Kultivierung“ von etwas „Niederem“, das als reiner, gar „regressiver“ Party-Rohstoff dann im Berliner Techno „transzendiert“ würde, ist ja auch die zentrale These von Alex, auf der ich die Radiosendung beim FSK baute.

Ich könnte mehrbändige Werke mit Beispielen füllen. Die Geschichte der bildenden Kunst, gerade der modernen, ist voll davon. Und bildhaft begreifen lässt es sich bei Adele in der St. Alberts Hall: Die weiße Frau wird in den konzertanten Supremacy-Rahmen gestellt, wo sie Gospel, Soul und Dance im bürgerlichen Sinne vermeintlich transzendiert, de facto aber die Entstehungsbedingungen und Originale zum Verschwinden bringt und auch noch die Kohle abräumt. Bzw. ihre Hintermänner.

Während die Marginalisierten weiter marginalisiert und in den kleinen Clubs bleiben und ihr Stück vom Kuchen krümelig bleibt.

Das hat es in der Musikgeschichte derart oft gegeben, und das ist gerade für Hamburg ein Riesenthema angesichts von Szene-Helden wie Jan Delay und Fettes Brot. Ob nun ein schwarzer Künstler, eine schwarze Künstlerin die selbe Resonanz erhielten, wenn sie Hoffnung in Prince und Stevie Wonder suchten?

Bemerkenswerterweise wurden auch rund um das Gefahrengebiet die Goldenen Zitronen dumm und dusselig gefragt, aber Y’akoto nicht. Und bemerkenswerterweise spricht man mich auf solche Fragen an und lädt mich zum FSK, obgleich Hamburg voll von PoC ist, die da viel mehr zu sagen hätten als ich.

Nun ist mir rund um meine wie üblich etwas teeniehafte Queer as Folk-Begeisterung ein ziemlich bemerkenswertes Interview mit Gale Harold über den Weg gelaufen, der als so called „Hetero“ dort die wohl radikalste, schwule Hauptfigur spielt, Brian Kinney:

“ (…) And, uh, I think I should have known that – and I was very, very nervous about representing other people’s existence, and their lives and going so deep into a place where a lot of people had suffered, had suffered a lot. Died, been beaten, hurt. Uh, had to deal with a legal system where it’s not very kind to them. And you can look at Russia right now, and see it in its extreme. Um, so a lot of people that, I think, connected to what we were trying to do relieved on some level to be able to see themselves presented as a valid part of life as it is. And it’s sort of unusual to have to say that, because we’re all human beings, and we all deserve to live, and to live the way that we want to live, regardless of what anyone else thinks about what we feel life is. But I never personally experienced that intensity as a kid growing up.

(…) it was hard to put it into perspective for me. You know? And I’m, like, probably grappling with 30% of the intensity that some of the other actors that worked with, that we were working with, what they were going through. So I think that, you know, kind your question, this response and the impact that it’s had on people is a result of people being able to see a version of their own life, or a mirror for the things that they were going through that, for better or worse, wasn’t allowed to be acknowledged. And sometimes we got it right and sometimes we got it wrong. .“

Quelle: http://www.gale-harold.it/english/interviews/on-air-with-douglas.php

Das Bemerkenswerte daran ist, dass er sich nun tatsächlich offenkundig intensiv mit dem beschäftigte, was er da im Fernsehen immerhin 5 Jahre lang sehr erfolgreich verkörpert hat. Und dass man sich natürlich fragen kann, wieso die Rollen nicht durchgängig mit LGBTQ und möglichst auch nicht nur Weißen besetzt wurden. Wieso auch die teils schwer verunglückt dargestellten Lesben von einer Hetera und einer Bi-Frau gespielt wurden, letzteres ist ja prima, und alle, bis auf Daphne, einziges Woman of Colour in einer größeren Rolle als beste Freundin des jugendlichen Lovers von Kinney/Harold, auf die Mutterrolle reduziert oder aber als berechnende Karrierefrauen dargestellt werden. Ausnahme Debbie, die als Frau über 40 auch eine Affäre, dann eine Beziehung haben darf. Aber primär Mutti aller Schwulen bleibt.

Die Serie wurde von einem schwulen Paar produziert, das sehr stark auf einen Kontrast zwischen stark sexualisierter Sub mit Darkroom, Pornostars und Promiskuität und einem an Heteroleben assimilierte Zweisamkeit mit Kinderwunsch den Plot aufbaut. Hetero-Kollegen von Gale Harold, namentlich Hal Sparks in der Rolle von Kinneys bestem Freund Michael, äußerte sich gar, andere Männer zu küssen sei, wie einen Hund zu küssen, um das später wortreich als harmlos zu rechtfertigen. Arschloch. Sein Spiel als „Bottom“ in einer schwulen Beziehung habe er sich bei Schwestern und Cousinen abgeguckt. Arschloch. Und beim Casting habe es ja viele Emmeds gegeben, aber nur wenig richtige Kerle wie ihn und Harold. Arschloch. Emmed ist die Figur der aufrechten Tunte mit dem Herz am rechten Fleck, neben Brian Kinney wohl die stärkste in der Serie. Er wird von einem schwulen Darsteller gespielt, Peter Paige.

Die Serie ist von den Produzenten so gebaut, dass ein kleines schwules Viertel rund um die Liberty-Street sich wie ein gallisches Dorf in einer feindseligen Umwelt behaupten muss. Randy Harrison, einer der schwulen Darsteller, opponierte früh gegen das „Wir gegen die“, es gibt tatsächlich nur 3 übergreifend relevante Heten-Figuren in der Serie. Und nannte das dann etwas naiv „post-gay“. Und wurde zur „Post-gay gay Icon“ gekürt.

Aus den Gay Communities gab es wahlweise die kalte Schulter zu sehen, oder es hagelte Kritik aufgrund stereotypisierter Darstellungen. Beim Reinzappen auf ProSieben habe ich einst auch genau das gedacht und kaum geguckt. Finde ich im Nachhinein ungerecht. Mir ist kein anderes Beispiel bekannt, das versucht hätte, so umfangreich queeres Leben zu zeigen und mit queeren Figuren so liebevoll zu arbeiten. Und der „Tuntenhass“ und dieses Bestehen auf “ Normalität“ und „Anstand“ gehen mir nur noch auf die Nerven. Ja, es gibt da sehr viel zu kritisieren, aber es wurde auch etwas gewagt.

Trotzdem verglichen viele Teile der Serie glatt mit „Blackfacing“. Finde ich nicht zutreffend, trägt aber dazu bei, das Thema zu bestimmen. „Blackfacing“ ist trotzdem offene Verhöhnung, keine Appropriation. Es gibt stereotypisierte Darstellungen von Schwulen und Lesben, die dem nahe kommen. Aber eben nur nahe, weil das „White Privilige“ nicht verschwindet – in dem Fall, da weiße Schwule und Lesben stereotypisiert werden.

Es gibt einige Interviews mit Gale Harold, nicht nur das oben Zitierte, wo er sich nachhaltig schockiert zeigt angesichts dieser Reaktionen. Man merkt es seinem Spiel auch an, er legt eindimensionaler los, ganz von dem Engagement getrieben, den Gay Communities eine starke, schwule Hauptfigur schenken zu wollen. Er hat auch die Rolle inne, die sich hochaggressiv gegen Heten im Allgemeinen positioniert und einen promisken Lebensstil gegen die „Freak Show“ von Familienmodellen behauptet. Ich finde, er macht das großartig 😀 – das ist nun freilich exakt das, was häufig GEGEN Schwule ins Feld geführt wird: Besinnungslos los rammeln und Familien zerstören wollen würden sie. Dadurch freilich, dass Harold immer stärker eine nicht zugegebene Suche nach Nähe und Liebe im Subtext spielt, verleiht der dem Ganzen schon eine Dimension, die die Figur zur übergroßen macht. Was wichtig ist im Filmischen.

Mehrfach äußerte er sich, dass ihm die Verantwortung zu groß gewesen sei, eine „Community repräsentieren“ zu sollen. Und das in der Bush-Ära. Worin sich wieder die Absurdität dessen äußert, so eine in Einheitlichkeit überhaupt anzunehmen, bei „Sex in the City“ sprach ja auch keiner von der „Straight Community“, die repräsentiert würde. Sehr wohl aber entstehen Diskussionen um Frauenbilder, und immer wenn solche Debatten entstehen, liegt etwas im Argen. Es zeigt halt, wer sich mit bescheuerten Stereotypen und Verallgemeinerungen herum schlagen muss und wer nicht. Auch, welche Männerbilder gar nicht erst problematisiert werden. Und dass die Macher von „Queer as Folk“ tatsächlich vorgeben, „die Community“ zu zeigen, ist eh problematisch.

Alleine schon solche Folgediskussionen freilich führen nun oft dazu, dass solche Projekte gar nicht erst realisiert werden. Das wirklich tief Getroffensein der Produzenten von „Queer as Folk“ ist extrem häufig aufzufinden, wenn Leute versuchen, „Gutes“ zu tun, um dann gerade von denen, für die sie es tun wollen, harsche Kritik zu ernten. Zudem Cowlip, die Produzenten, sogar noch selbst Betroffene sind und wohl insofern autobiographisch agieren, dass die mythische Disco Babylon, die im Zentrum der Handlung steht, die neue, schwule Freiheit in den 70ern symbolisiert.

Harold hat auch zu Beginn der Serie nichts, rein gar nichts zur eigenen „Orientierung“ gesagt, um nicht wie sein Kollege Hal Sparks durch die Gegend zu laufen und in jedem Interview „Ich bin doch nicht schwul“ auszurufen – wo sich natürlich auch die fundamentale Differenz zum Einstieg des Textes, der Appropriation von Black Cultures, zeigt. Die Praxen der Rolling Stones sind etwas anderes, als wenn ein Hetero einen Schwulen spielt. Die Reaktion auf Kritik ist es, die ich interessant finde. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien.

Das ist einfach eine ganz andere Reaktion, als man sie sonst so liest. Da hat sich jemand mit der Differenz der eigenen Erfahrungen zu denen der Marginalisierten, die er spielt, tatsächlich auseinandergesetzt. Da beschimpft nicht jemand die Kritiker, sondern stellt aufgrund der Kritik das eigene Schaffen in Frage.

Vielleicht ja ein Weg? Ja, in anderen Fällen ist “ lieber gleich bleiben lassen“ die sinnvollere Weise.

In diesem nicht. Bin sehr froh, dass es Brian Kinney dank Gale Harold so und in dieser Form gegeben hat.

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31 Antworten zu “Viele Worte zur „Cultural Appropriation“

  1. Realitätbrennt Februar 11, 2014 um 7:10 pm

    Ich bin etwas überrascht, das du um Korrektur bittest. Ich bin auch in keiner „Korrekturposition“, zumal ich ich stecke da nicht so in dem Thema drin stecke. Allerdings glaube ich im Gegensatz zu dir nicht, dass kulturelle Übernahmen zwangsläufig einseitig zugunsten der Dominanzkultur verlaufen müssen. Du kennst dich da sicher besser aus, aber vielleicht lässt sich ja sogar bei Elvis argumentieren, dass seine Erfolge schwarzen Musikern und ihrer Musik den Weg in den Mainstream erleichtert hat.

    Meine Gegenthese lautet: Es kommt mehr darauf an wie (das ist das entscheidende Wort) kulturelle Übernahmen seitens der Dominanzkultur erfolgen, als darauf, dass diese möglichst unterbleiben. Respekt, Benennung der Quellen etc. finde ich gut, von kulturellem Separatismus halte ich sowieso nichts und mit am wenigsten, wenn es sich hier um popkulturelle Fragen handelt. Wechselseitige kulturelle Übernahmen und Adaptionen halte ich da eher für den erfreulichen Normalfall. Abgesehen davon ist Popkultur, auf der Ebene der „Kulturtragenden“ nach meinem Verständnis ohnehin ausbeuterisch strukturiert. Nur ganz wenige an der Spitze profitieren, der große Rest guckt in die Röhre. Ein vollständiger und ausnahmsloser Verzicht auf kulturelle Übernahmen seitens der Dominanzkultur, als gedankliche Alternative schlampig in den Raum hinein gedacht, brächte für niemanden eine Verbesserung. Jedenfalls, so weit ich es erkennen kann. Fühle mich aber nicht kompetent, um das wirklich zu beurteilen. Wie würde wohl unsere Popularmusik aussehen, ganz ohne kulturelle Übernahmen? Keine Disco, keinen Rock, keinen modernen Pop und dafür Marika Rökks Töchter im Tanzsaal. Elektronische Musik wäre noch nicht mal auf der Stufe der Krautrocknachfahren (Kraftwerk etc.), da die ja auch schon umfangreich von kulturellen Übernahmen auch schwarzer Musiker geprägt waren. Tja. Dann Heino und den Wendler dazu, allerdings einen ohne Discofox. Ziemlich gruselig, glaube ich.

    Ich bin allerdings ohnehin geneigt zu glauben, dass in einer modernen Welt kulturelle Übernahmen so gut wie unvermeidbar sind. Ob nun seitens der Dominanzkultur oder andersherum. Ich glaube sogar, dass Kultur, ohne Übernahmen und Nachahmungen, eigentlich nicht existenzfähig ist. Ohne Übernahnmen bleibt nur noch tote Erstarrung. Kann das aber nicht so dolle begründen. Keine Ahnung, ob du mit meinem nicht sonderlich ausgebufften bzw. theoretisch praktisch überhaupt nicht unterfütterten Stellungnahme überhaupt etwas anfangen kannst.

    Zudem ich dir damit ja auch in der Sache widerspreche. Kann mir irgendwie nicht so recht vorstellen, dass dich das begeistert oder irgendwie weiter bringt. Vielleicht aber doch irgendwie. Und sei es als schlechtes Beispiel.

  2. momorulez Februar 11, 2014 um 7:55 pm

    Bei Themen, wo ich mitten hinein in die Debatten der Black Cultures latsche, bitte ich immer um Korrektur. Und das nicht aus strategischen Gründen, sondern ganz und gar von Herzen kommend, und weil ich auch nicht annektieren will.

    Zunächst verweise ich zur Vertiefung auf den Aufsatz von Noah Sow zur Kulturellen Aneignung in Susanne Arndt und andere,Wie Rassismus aus Wörtern spricht, Unrast-Verlag.

    Ansonsten formulierst Du ja weitestgehend aus Perspektive der dominanten Kultur, was die also davon hat. Und ja, es ist tatsächlich z.B. Formen der Black Music sehr viel zu verdanken – die Befreiung der Körper zum Beispiel. Aber was hatten da nun PoC davon? Ein weiteres Klischee am Hals. Im Rahmen der, wie es in der DDR hieß, „Unterhaltungskunst“. Zur Unterhaltung Weißer. Beweihräuchert werden die Beatles, Dylan und die Stones, und die Leute gingen in die Konzerte von Joe Cocker, weil der „wie ein Schwarzer singt“. Das veranlasste sie aber nicht, sich vielleicht mal mit der Geschichte von Blues und Gospel zu beschäftigen. Und wenn, dann bleiben sie auf dem Baumwollfeld stehen. Dann lies mal, was Miles Davis dazu zu sagen hatte. Der in Harmonielehre und Kompositionstechnik bestens bewanderte Zahnarztsohn. Und als nächstes, was Chuck Berry so über Elvis dachte. Den ich sogar noch als Sonderfall sehe, weil der als „White Trash“ fast schwarz sozialisiert war, sehr früh auch Gospel-Alben aufgenommen hat, da ist noch viel Verbeugung und tiefere Beschäftigung vorhanden. Ray Charles, Billie Holiday oder Solomon Burke, dessen Gesang Elvis kopierte, James Brown oder Sam Cook, der vermutlich umgebracht wurde,weil er den wirtschaftlichen Teil selbst übernehmen wollte, sind trotzdem viel wichtiger gewesen. Und wen davon kennt man noch? Selbst Berry Gordys Lebensleistung wird unter „Fließbandpop“ verbucht, dabei hat der vermutlich genau so viel bewirkt wie Martin Luther King.

    All diese Appropriationen finden ja immer im Rahmen von White Supremacy-Vorstellungen statt und lösen die auch nicht auf. Eher dienen sie noch als schmückendes Beiwerk, sich selbst als fürchterlich progressiv zu begreifen, oder müssen von Weißen erstmal „veredelt“ oder „kultiviert“ werden.An den rassistischen Strukturen, dass die Lehrstühle zum Thema, die Geschäftsführerposten, die Plätze in der NDR Big Band von Weißen besetzt werden, ändert sich nix.

    Deine generellen Hybriditätsthesen mögen ja richtig sein, aber der das Gegenteil des Emanzipatorischen zementierende institutionelle und gesellschaftliche Rahmen ändert sich nicht, und PoC-Perspektiven finden kaum Gehör. Auch, weil Appropriation überschreibt.

    Ich könnte das jetzt noch hinsichtlich der Statuszuweisungen, die Women of Colour erfahren, vertiefen. Du glaubst es kaum, was die so erleben. Auch, weil die Aneignungspraktiken sich vor die Wahrnehmung derer Subjektivität schieben. Noah hat neulich eine List besonders doofer Fragen veröffentlicht. Eine war „Du kannst bestimmt gut singen!“ „Du kannst bestimmt gut Songs schreiben!“ merkt keiner an. Dabei sind ihre echt super!!!

  3. Realitätbrennt Februar 11, 2014 um 9:39 pm

    Die Sache mit „schmückendes Beiwerk“ oder viel ärger noch, um sich selbst als irrsinnig progressiv zu inszenieren, all sowas begreife ich als Unterabteilung des von mir stark betonten „wie“. Ich würde zwischen verschiedenen Formen von Appropriation unterscheiden, auch wenn das wohl nicht ganz trennschaft geht, z.B. „annektierende Appropriation“, „ausbeuterische Appropriation“, „respektvoll kulturaustauschende Appropriation“, „bewundernde Appropriation“, „naiv nachahmende Appropriation“ etc. Am liebsten ist mir persönlich das Zusammenwirken, quasi „black & white – unite, unite!“ direkt auf der musikalischen Ebene, und zwar auf gleicher Ebene, das würde ich wohl „wechselseitige Appropriation“ nennen.

    Ob Appropriation überschreibt oder gar negiert, hängt meiner Einschätzung nach vor allem am „wie“, ist aber, das spricht jetzt gegen meine etwas naive Begeisterung fürs Hybride, leider teils auch unabhängig davon, und hängt dann an den Rezipienten und nicht zuletzt auch denen, welche als Medienschaffende Rezeption vorbereiten.

    Würde das weiße Amerika, frei von jeglicher Appropriation, eine Form von kulturellen Separatismus betreiben, die weißen Amerikaner also vorzugsweise Schlager und Country (aber da wirds schon schwierig: wie „weiß“ ist Country eigentlich?) konsumieren: Was genau wäre damit besser? Ich glaube, mit aller Vorsicht, kulturelle Appropriation kann auch eine Chance sein. Der Umstand, dass die Musik schwarzer Künstler in weißen Wohnstuben gespielt wird und dort dann auch Geld verdient, wird mit einer halbwegs freien Appropriation meiner Einschätzung nach eher erleichtert.

    Was dann aber Ausbeutungs- und Herrschaftsstrukturen im Musikbusiness leider kaum beseitigt. Insofern ist das bloße Hoffen auf die segensreichen Wirkungen von Hybridität sicher etwas naiv. Da gehört dann mehr dazu.

    Dort aber, wo es in der Kultur bevorzugt um Darstellung und Repräsentation geht, da machst du bei mir wieder starke Punkte, wenn du auf die Problematik von Appropriation hinweist. Wenn Heten schwule Subkulturen schildern oder schauspielerisch darstellen, das hast du ja wunderbar heraus gearbeitet, dann ist das eben hochgradig problematisch. Für den einzelnen Musiker, Songschreiber oder auch Acid-Musikproduzenten geht es allerdings so gut wie nie, behaupte ich jetzt mal, um Repräsentation oder Darstellung. Der (bzw. die) Musikerin liebt einfach eine bestimmte Stilistik oder bestimmte musikalische Kniffe, und „macht das dann halt einfach“. Wenn dabei der Respekt gegenüber den Quellen gewahrt wird oder, das finde ich dann noch besser, direkt eine gemischtes Projekt angestrebt wird, dann gefällt mir das auf alle Fälle besser als musikalischer Separatismus.

    Ich bin insgesamt ein großer Fan von Hybridität. Das hat bei mir fast schon eine esoterische Dimension. Ich glaube, der Mensch insgesamt ist eher hybrid und das Hybride ist insgesamt menschlicher. So sehe ich das. Ob ich damit in gesamtgesellschaftlicher Sicht richtig liege, kann ich nicht beurteilen, ich will da auch nicht zum Dogma machen, aber persönlich habe ich damit gute Erfahrungen gemacht. Musik ohne Austausch, ohne gegenseitiges Verstehenwollen, einfach als säuberlich und kulturell streng voneinander geschieden, als in einzelne Bereiche getrennte Veranstaltung von Gruppen, die nichts voneinander wissen wollen:

    Ich glaube, das würde mir nicht gefallen. Wenn ich mir so darüber Gedanken mache, die für mich berührendsten Momente in der Musik und in der Musikgeschichte, das waren ja genau die „hybriden Momente“! Sowas wie „my house is your house – and your house is mine!“. Das alles hatte ja eine Programmatik. Eine hybride.

  4. momorulez Februar 11, 2014 um 10:34 pm

    Ich denke, so lange es die gesellschaftlich wirksame Asymmetrie gibt, ist diese Wechselseitigkeit gar nicht so einfach. Ich merke einfach einen fundamentalen Unterschied, ob ich in Arbeitssituationen eine schwule Perspektive eröffne oder nicht. Die Wechselseitigkeit funktioniert, so lange ich es bleiben lasse. Sobald sie im Raum steht und ich sie auch einklage, verändern sich die Gegenüber. Und ich habe da die Wahl. PoC nicht.

    Wenn es aber erst mal im Raum ist, muss ich mit einem bestimmten Blick auf meine Arbeit rechnen, den Heten so nicht erfahren werden. Es wird in Relation zu Stereotypen abgeklopft. Es werden auf einmal Grenzen gesetzt – nicht zu schwul jetzt, bitte. Es wird weniger ertragen, wenn ich etwas besser kann als Andere. Es wird als dummes Rumgenerve, Erpressung, Beleidigung wahr genommen, wenn ich darauf bestehe, doch bitte nicht nur in der ausgegrenzten „Gegen Homophobie“-Sektion LGBTQ-Perspektiven zu eröffnen und dass doch die anderen auch darauf achten und sich in dem Bereich bilden mögen. Da Rassismus von vielen als schlimmer als Homophobie begriffen wird, treten diese Reaktionen bei PoC sogar noch mal verschärft auf. Oft von einem zwanghaften Gewitzel begleitet.

    Und dann ist die Arbeitssituation vorbei, und mit mir macht es dann was ganz anderes als mit manch Kollegen, wenn ich aktuell die Maischberger-Diskussion verfolge. Das geht mich ganz anders an. Wenn die dafür sorgt, dass all der homophobe Müll wieder hoffähig wird, kann mich das ratzfatz in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen, und das hat es auch schon. Meine intellektuelle Aufrüstung ist ja Ergebnis dessen, dass ich viel mehr auffahren musste, um ernst genommen zu werden.

    Nun gibt es eine „Queer Culture“ ja in einem ganz anderen Sinne als die der Black Cultures in den USA. Weil die sich halt von bestimmten historischen, kurzen Sequenzen abgesehen nicht offen artikulieren durfte, um nicht wie Oscar Wilde zu enden. Das sind ganz andere Manöver. Was meinste denn, warum mich „Queer as Folk“ auch so fasziniert – das ist die einzige Serie, wo 5 Staffeln lang Schwule und ihre Beziehungen, Wünsche, Träume, Bedürfnisse, Probleme im Mittelpunkt stehen. Die einzige. Die UK-Version wurde nach 1 Staffel und zwei Folgen beendet, „Noahs Ark“, wo es um gay PoC ging, nach zwei Staffeln. Es gibt mittlerweile immer mal 1, 2 schwule Figuren. Aber ansonsten Billionen und Aberbillionen Sendeminuten Heteros.

    Die der PoC-Cultures ist viel klarer geschichtlich und in ihren Codes. Schon die frühen Aufnahmen des Blues und Jazz sind oft für ein weißes Publikum gemacht, schon der Gospel ist der Weg der „Integration“, ins überhaupt mit spielen dürfen, ein ganz klein wenig mit spielen. Es gibt doch auch diese ganz und gar grausamen Momente, wo Louis Armstrong als Star nach New Orleans zurück kehrte und nur vor einem weißen Publikum auftreten durfte, von Clubs wie dem Cotton Club, wo auch nur Weiße rein durfte. Das sind Erfahrungen, die Weiße so nicht machten, weil selbst Lumpenproletarier die nicht gemacht haben. Die in den Formen aber drin stecken.

    Ob man sich das nun als z.B. Afrodeutscher zueigen macht oder nicht als Geschichte ist noch mal eine ganz andere Frage – das wurde hier auch schon mal sehr kontrovers, und ich wurde zu recht gerüffelt. Da gibt es ja auch unter PoC alle möglichen Perspektiven, wie überall anders auch. Ich kenne auch sonst keinen Schwulen, der solche Thesen wie ich vertritt 😀 … doch, Loellie, der hier lange kommentiert hat. Und ein paar Leute bei Facebook.

    Trotzdem wurden weiße Deutsche nicht auf dem Spielbudenplatz und in Hagenbeck in Völkerschauen begafft und manchmal auch heute noch in der U-Bahn. Das sind Hintergründe und immer ja auch Ängste, die sich in den verschiedenen kulturellen Formen zeigen, denen manche ausgesetzt wurden und andere nicht. Guck Dir mal bei Youtube die Bilder von Sammy Davis Jr. als Kind an, auf die kann ich hier nicht ohne Triggerwarnung verweisen, dann bekommst Du eine entfernte Ahnung davon, was da so alles rein spielt und in der Appropriation auch gar nicht nachvollzogen werden KANN. Oder lies Dir den Text von Billie Holidays „Strange Fruit“ durch und höre es Dir genau an. Und die Stones machen da „Black Sugar“ draus, indirekt. Unmöglich. Es steckt so viel Scheißleid in diese kulturellen Formen.

    Und ich würde in Fällen eines respektvollen, wissenden, sich beschäftigenden und ggf. zurück tretenden Umgangs auch gar nicht von Appropriation sprechen. Noah schreibt im Falle symmetrischer Konstellationen oder Aneignungen durch Marginalisierte ganz einfach von Zitaten. Man kann auch über Fälle wie Eric Burdon oder Van Morrison ganz gut diskutieren.

    Aber lies mal den Aufsatz von Bell Hooks über Madonnas „Sex“-Buch, da wird sehr deutlich, worum es geht.

    Das ist noch nicht einmal eine Gegenthese zu dem, was Du schreibst. Aber ohne sich so was in die Richtung und weit darüber hinaus erst mal klar zu machen, kannste das Hybride knicken. Ich weiß auch genau, was Du meinst, und als Hoffnung ist das auch meine. Im Jazz als einzigem, mir bekannten Feld hat das auch ab irgendeinem Punkt funktioniert. Aber noch nicht zu Zeiten der Segregation. Brad Mehldau und Joshua Redman haut hin. Es gibt auch Leute wie Nile Rodgers, die den Spieß umdrehten und u.a. Madonna produzierte. Die sind nur selten so bekannt geworden wie ihre weißen Kollegen.

    Und natürlich ist der Schwachpunkt der, dass eine Welt nur aus Schlagern, Märschen und Klassik nun auch nicht wünschenswert ist. Ja. Aber eine, wo lauter Jan Delays vorne stehen und schwarze Backgroundsängerinnen für wenig Geld dahinter auch nicht.

    Den ganzen kolonialen Kontext habe ich jetzt noch nicht mal eröffnet. Tablas, Dreadlocks, Masken, „Kolonialstil“.

  5. momorulez Februar 12, 2014 um 1:27 am

    Apropos: Schreckliches Lied, aber tolle Montage …

  6. futuretwin Februar 12, 2014 um 12:33 pm

    Wo hier jetzt wiederholt der Name Jan Delay fällt: Sagt dir der Name (Absolute) Beginner was? Und Denyo 77? Und Samy Deluxe?

  7. momorulez Februar 12, 2014 um 12:35 pm

    Ja, sehr wohl sagen die mir was. „Quäl ihn mit Simple Minds bis er weint“ 😀 …

  8. futuretwin Februar 12, 2014 um 12:40 pm

    D-Flame könnte auch noch erwähnt werden, da der in der Mongo-Clikke mit dabei war. Das sind PoC-Rapper. Und Denyo und Jan waren bei den Beginnern ja nun gleichberechtigt. Klar kannst du jetzt wieder sagen: Jan macht jetzt die dicke Kohle eben solo, aber ihm da ein falsches Bewußtsein vorzuwerfen….. ich weiss nicht.

  9. momorulez Februar 12, 2014 um 12:56 pm

    Die Praxis des Umgangs mit Backgroundsängerinnen ist keine Bewusstseinfrage- aber ihm die Rezeptionsgewohnheiten weißer Deutscher exklusiv anzulasten habe ich ja gar nicht vor. Es geht mir um Strukturen, nicht Intentionen. D- Flame habe ich sogar mal kurz kennen gelernt, der ist prima! „Dieser Song ist für jede alleinerziehende Mom“ 🙂 – toll!

  10. futuretwin Februar 12, 2014 um 1:04 pm

    Einfach mal ein paar Zeilen Eißfeldt:

    „Lieber Herr oder Frau Musik, ich möchte ihnen von Herzen danken, da sie irgendwann,
    irgendwie einmal das allerderbste erfanden
    ihr Patent zeugt von Talent bedenkt man was es für Früchte trägt, denn Musik ist
    immer da, auch wenn alles andere in die Brüche geht
    Oh ja, hier ist einer, der ihr Geschenk so sehr zu schätzen weiß.
    Sie gaben uns Marvin Gaye, NWA, oder die Jackson 5
    Gegen Wut und Aggression gab es den akustischen Sandsack, für die einen Black Flag
    und Punkrock, für uns waren’s Hijack und Gunshot.
    Ja, mich hat die Musik erzogen, denn Noten sind die besten Pädagogen, KRS-1 und
    Chuck D sagten die Wahrheit während die Lehrer logen
    Und statt sich im TV mehr Scheiß anzuschau‘n als Klofrauen, hießen meine Programme
    Ruthless, Def Jam, Island oder Motown
    Und eines wußt‘ ich schon als kleiner niedlicher Kackzwerg: am wichtigsten sind die
    Erschaffer, wie die Beatles, die Meters und Kraftwerk
    Also respektiert, sie sonst wird’s haarig wie ein Flokati, denn das sind die
    Originale und ihr König heißt Bob Marley!“

  11. momorulez Februar 12, 2014 um 1:10 pm

    Er inszeniert sich später aber als Stellvertreter, fördert die Verdrängung, reflektiert Appropriation kein Stück und geht ja nicht zufällig mit Lindenberg auf die Bühne und nicht mit Chuck D ..

  12. futuretwin Februar 12, 2014 um 1:12 pm

    „Es geht mir um Strukturen, nicht Intentionen.“ Sorry, aber so kommt es selten rüber.

    Ich bin sehr bei dem, was Realitätbrennt über Hybridität schreibt. Klar muss da auch immer geguckt werden, dass nicht alles in ein übertriebenes Abfeiern von „Hybridität“ und „Subversion“ abkippt. Aber ich finds spannender die Potentiale aufzuzeigen, als immer den trostlosen Status quo anzuprangern. (Bzw. ist beides wichtig.) Ist das nicht auch etwas, wo ein grundlegender Bruch etwa zwischen „Frankfurter Schule“ und „Cultural Studies“ liegt?

  13. futuretwin Februar 12, 2014 um 1:18 pm

    „Er inszeniert sich später aber als Stellvertreter, fördert die Verdrängung, reflektiert Appropriation kein Stück“

    Sorry, jetzt hab ich das Gefühl, bei mir wären Fnords drin.

    Was wäre denn mal ein gelungenes Sampling? Was eine Verbeugung und keine illegitime Aneignung? Gib mal ein paar positive Beispiele.

  14. momorulez Februar 12, 2014 um 2:03 pm

    Ich sehe das Potenzial da, wo Marginalisierten explizit Respekt erwiesen wird und darauf geachtet, dass sie selbst zu Worte kommen, selbst agieren können, wirtschaftlich nicht ausgegrenzt werden und immer wieder auch selbst den Hut auf haben.

  15. futuretwin Februar 12, 2014 um 2:12 pm

    Ich dachte eigentlich an konkrete Beispiele.

  16. Realitätbrennt Februar 12, 2014 um 4:02 pm

    „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)

    Gelungene Beispiele von Pop-Musikern aus Schland, welche die Appropriation auf akzeptable Weise reflektieren, die würden mich auch interessieren. Okay, im Jazz fällt mir da einiges ein, aber im Pop? Generell halte ich Musik für eine ungemein wichtige Ausdrucksform, das wollte ich mit diesem Zitat von Hugo anklingen lassen, und bin auch darum erst einmal sehr skeptisch, ob eine Musik „frei von Appropriation“ dem dann gerecht werden kann. Mit gelingt es nicht so recht, es mir überhaupt vorzustellen. Ist das Benutzen bzw. Nachahmen einer musikalische Stilistik ein Zitat im Sinne von Noah Sow? Wann ist es das, wann nicht? Wenn ist es okay, wann wiederum nicht? Ich merke, ich stecke da nicht in dem Thema drin. Leichter fällt mir dann schon die Vorstellung eines respektvollen Umgangs mit musikalischen oder ideellen Quellen. Obwohl das auch nicht leicht ist, zumal Musikgeschichte, auch bei Musikern, ja nicht immer gleich parat ist.

    Wie gesagt, ich steck da nicht so in dem Thema drin, will hier auch nicht unbedingt den Advokatus Diabolus Fatalis spielen, das fände ich respektlos, aber je mehr ich mir darüber Gedanken zu machen versuche, umso mehr Fragen stellen sich mir. Etwas ketzerisch formuliert: Wenn jetzt linke Musiker Marschmusik produzieren, weil auf diese Weise Appropriation ausgeschlossen wird, dann wäre das meinem Empfinden nach eher keine Verbesserung.

    Andererseits verstehe ich schon, dass es geradezu räuberisch wirkt, wenn sich weiße Musiker einfach am Schaffen schwarzer Musiker bedienen. Ohne, dass ich jetzt sage, das wäre ein wichtiger Aspekt (dazu müsste ich erst mal selbst Klarheit über das Thema haben), fällt mir zu diesen Mechanismen das Beispiel der NDW ein. Als das, wider der Erwartung des Establishments, erfolgreich wurde und die Charts enterte, da wurden auf einmal eher nur sehr mäßig gelungene Nachahmungen in der Art von „Fräulein Menke“ und „Markus“ auf den Markt gedrückt, und mit dieser „Schlager-NDW“ die ursprüngliche NDW verdrängt. Weiße beklauen hier also Weiße. Unter dem Gesichtspunkt der Appropriation ist das eventuell ganz interessant.

    Sehr spannend finde ich das, was du oben geschrieben hat, über die Erfahrungen, die dir widerfahren, oder eben die mehrfach üblen Erfahrungen, die eine Komponistin of Color regelmäßig macht. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das in diesem Zusammenhang wirklich gegen absichtsvolle Hybridität oder Kooperation spricht, denn als Musiker kann ich mir meine Mitmusikanten ja hoffentlich aussuchen. Diejenigen, die mich unterbuttern, denen kann ich aus dem Weg gehen. Andererseits finde ich die Erfahrungen die du da schilderst absolut bedeutend und hammerhart. Ich könnte da auch ein paar Sachen beisteuern, will dir da aber nicht in die Parade fahren. Folgt dann aus diesen Erfahrungen, dass auf Hybridität besser verzichtet werden sollte? Ich könnte mir das als Konsequenz durchaus vorstellen, besonders dann, wenn es mir endgültig zuviel geworden ist.

    Behandelt Jan Delay seine Backgroundsängerinnen wirklich so unfair, bezahlt er so schlecht? Ist es besser, wenn er auf Backgroundsängerinnen of Color verzichten würde, so wie es Ina Müller tut? Da fällt mir ein, dass Ina Müller auf ihren Konzerten einen aus meiner Sicht tollen Umgang mit ihren Mitmusikern pflegt, und ihre beiden Backgroundsängerinnen richtig doll heraus stellt. Bei mir wäre das dann der Wunsch, den ich an Jan Delay hätte.

    Etwas weniger Ego-Show. Die Mit-Musikerinnen und Backgroundsängerinnen deutlicher heraus stellen. Eigentlich wollte ich ja noch viel mehr zu deiner Antwort schreiben, die ich toll fand, die mich berührt hat, aber im Moment fehlt mir da leider etwas die Zeit dafür. Mit meinem Kommentar jetzt gerade bin ich auch etwas unglücklich, aber mir fehlt da leider grade die Zeit und ganz weglöschen, fände ich jetzt auch nicht so hilfreich. Vielleicht geht die Diskussion ja auch ohne mich ganz wunderbar weiter, denn gerade am Anfang fand ich den Gedankenaustauch richtig klasse, bereichernd.

  17. momorulez Februar 12, 2014 um 4:15 pm

    Da kann ich nun nun auch nix für, dass es das in Deutschland kaum gibt – dieses Label der Specials damals, Subtones, ist eins. Wie die bei dem von Nate 57 arbeiten, weiß ich nicht, könnte aber eines sein. Ich denke auch, dass es vielleicht eher an der Zeit ist, dass Marginalisierte mal selbst an ihrer eigenen Geschichte schreiben, selbst die Zeichen, Sounds und Formen erkunden und interpretieren können sollen und die anderen einfach mal zuhören und nicht gleich wieder drauflos hybridisieren. Du hast doch z.B. in den postkolonialen Studien das Problem, dass da, wo es Geld gibt, das dann auch oft wieder nur Weiße unter sich diskutieren, gerade neulich an der HfbK wieder. In Deutschland fangen ISD und auch migrantische Institutionen gerade erst damit an, ihre Geschichte aufzubereiten. Es gibt 1 Buch (!) zur schwulen Geschichte in Hamburg. Und das ist der Kontext, in dem auch Musik, Kunst, Theater usw, entsteht, und die Institutionen schotten sich völlig ab. Und laden gelegentlich mal möglichst für umsonst ein paar exotisierte Geschöpfe ein, die dann wieder Objekte des weißen Hetero-Blicks werden. Oder Gehörs. Lieber Amy Winehouse hören, weil es so schön hybrid ist, als Sharon Jones and the Dap Kings, das ist doch manchmal auch ein Zeichen für die Probleme, die viele mit Schwarzen und auch Schwulen haben. Bitte nicht zu sehr.

  18. futuretwin Februar 12, 2014 um 4:39 pm

    „Obwohl das auch nicht leicht ist, zumal Musikgeschichte, auch bei Musikern, ja nicht immer gleich parat ist. “ Ganz genau. Das hat im Übrigen auch viel mit Bildungsprivilegien zu tun!

    NDW passt nicht ganz, das würde ich eher unter dem Aspekt Kommerzialisierung sehen. Das Thema ist ja so alt wie Pop selbst. Und nichts anderes wollte ich mit dem Westcoast-Jazz-Beispiel im anderen Thread sagen, nämlich dass die Diskurse, auf die ich bei der Beschäftigung mit HipHop gestoßen bin, schon so viel älter sind. Von HipHop hatte mein Prof keine Ahnung, die Diskurse kamen ihm seltsam bekannt vor. 😉
    Das wurde mir dann auch gleich als White Supremacy ausgelegt, dabei habe ich wiederum von Jazz keine Ahnung. Und wollte auch gar nicht Westcoast Jazz als per se kommerziell darstellen. Um den Prof mal wörtlich zu zitieren: „Das fand ich lustig was ich da in Ihrer Arbeit über Ausverkaufsvorwürfe gelesen habe. Das war in meiner Jugend das gleiche beim Westcoast Jazz. Da hieß es auch, den und den darfst du nicht mehr hören, der ist commercial.“

  19. momorulez Februar 12, 2014 um 4:48 pm

    Nein, nicht als White Supremacy, sondern eher als Derailing, weil „Ausverkauf“ was anderes ist als „Whitewashing“. Und ich bin ja für Bildungsprivilegien für alle 🙂 – NDW ist insofern interessant, weil anders als im UK-Postpunk bis auf Fehlfarben, nachdem Peter Hein weg war, versucht wurde, eine rein weiße Linie zu etablieren, während von The Clash bis zu Gang of Four sich sehr produktiv und übrigens auch im Sinne der Hybridität mit Black Music auseinander gesetzt wurde. Ich habe doch auch gar nix gegen Hybridität, finde das nur merkwürdig, wenn die beim Thema Appropriation kommt, wo es um Respekt vor der Geschichte der Originale geht.

  20. futuretwin Februar 12, 2014 um 5:01 pm

    Fehlfarben war aber ja die Initialzündung oder? Der Beat von „Voran“ war (glaub ich) inspiriert von „Le Freak“.
    Ideal hatten Jamaika-Adaptionen, aber eher peinlich. So wie „Bruttosozialprodukt“ ja auch nen Ska-Beat hat. Aber vielleicht nicht so gelungen, das. 😉

  21. momorulez Februar 12, 2014 um 6:44 pm

    Ja, das hatten sie von Nile Rodgers. Auf dem zweiten Album dann haben sie mehr davon versucht. Und die Taking Heads wurden in Deutschland des zu schwarz seins bezichtig.

    Der eigentliche Appell bei dem ganzen Thema besteht ja darin, @realitätbrennt, Danke für Deinen Kommentar!, wenn ich das überhaupt alles richtig verstehe,dass man sich, ohne gleich wieder rein zu agieren, die Sache zu annektieren und sich auf Geschichtsschreibungen zu beziehen, dass Geschichte das ist, was von Weißen erstmal kultiviert und verfeinert werden musste, sich die tatsächliche Geschichte von Kolonisation, Sklaverei und rassistischer Herabwürdigung überhaupt mal rein zu ziehen so, wie sie von Nicht-Weißen erzählt wird. Und was die Erzählung betrifft, war z.B der Gospel wegen der herausragenden Stellung der Kirchen als Kommunikationsraum wichtig. Und es ist schier unglaublich, unter was für Bedingungen Blues, Jazz, Soul, auch Performance-Praktiken in afrikanischen Regionen und das nicht, weil die „rückständig“ waren, sondern weil sie kolonisiert waren, als echt gigantische und grossartige Kunstformen entstanden. Ebenso, wie Dreadlocks als Widerstandspraktik Schwarzer entstanden. Ebenso, wie ein millionenschweres Geschäft wie die Musikindustrie auf den Leistungen von PoC gründet, und trotzdem feiert man dann Kate Bush und Tocotronic als Künstler und watscht Beyoncé als industrielle Poparbeiterin ab.

    Darüber reden, was das nun für Konsequenzen für das Verhalten Weißer hat, ist sekundär. Die sind auch mal einfach nicht dran. Das kann auch nicht Teil dieses Diskurses sein. Beklaut und dominiert uns nicht reicht ja als Appell. Wir sind gerade in Deutschland derart weit weg davon, uns mal nicht nicht nur mit uns selbst und unserem heroischen Postnazismus zu beschäftigen, das doch nix von dem hier passiert.

    Ich denke aber, dass das, was Du zum Ego schreibst, ein Schlüssel ist. Tatsächlich. Das wird nur hierzulande unter „Esoterik“ verbucht. Woanders heißt das Spiritualität.

  22. Realitätbrennt Februar 12, 2014 um 8:09 pm

    Das war nicht bloß „Ausverkauf“ (das wäre mit einer Kontinuität der musikalischen Akteure einher gegangen), sondern meines Erachtens eher eine Art feindliche Übernahme mit dem Mittel der Nachahmung. Das etablierte System „wehrte“ sich damit gegen die Newcomer und drängte sie aus dem Geschäft. Finde das spannend, dass du das als Fachmann wirklich komplett anders auffasst.

    Genau diese Mechanismen der feindlichen, respektlosen, verdrängenden Übernahme unter Anwendung von Nachahmungsstrategien halte ich für ein Wesensmerkmal der Musikindustrie überhaupt. Vielleicht irre ich mich hier. Mein Eindruck ist an dieser Stelle aber schon ziemlich verfestigt. Der böse Witz an der Sache besteht darin, dass marginalisierte Gruppen von diesem Mechanismus deutlich stärker getroffen werden. Ob dann nun aber Amy Whinehouse ein besonders gelungenes Beispiel dafür ist, schwarzen Musikern das Geschäft zu zerstören, weiß ich nicht.

    Das lässt sich in diesem besonderen Fall vielleicht auch andersherum interpretieren, meine ich. Sicher bin ich mir da nicht, aber ich argumentiere mal munter drauf los: Die junge, hochtalentierte, sensationell fatal auftretende (Drogeneskapaden etc) Amy Whinehouse half, dass schwarze Musiker (ihre Band- und Sessionmusiker, darunter eben auch exakt die Dap Kings) gutes Geld mit Musik verdienten. Darüber hinaus bewirkten die Erfolge von Whinehouse, dass sich das Interesse im Mainstream an Soulmusik wieder verstärkte, was vielleicht sogar bis in die heutige Zeit wirkend dazu beiträgt, dass Sharon Jones dieses Jahr eine kleine Deutschlandtournee macht. Unabhängig davon, dass ich Whinehouse für die mit Abstand bessere Sängerin halte (und das mit Sharon Jones als Maßstab!) denke ich, dass eine bestimmte Form von Rassismus (Nichtidentifikationsvermögen), neben der Qualität der Songs und der bestens vermarktbaren Jugendlichkeit von Whinehouse, dazu beitrug, das eben eine Whinehouse im Mainstream „alles abräumte“, und eben nicht eine Sharon Jones.

    Was ist hier für weiße Musiker die gangbare Alternative?

    Hätte jemand Amy Whinehouse sagen sollen, „Nimm dich zurück, lass das mit der schwarzen Musik, denn du bist ein weißes Mädchen, vergiss Sinatra und die schwarze Soulmusik, die du so sehr liebst“? Oder was Ähnliches?

  23. momorulez Februar 12, 2014 um 8:21 pm

    Ich finde, dass das gar nicht der Punkt ist, das Gespräch über sie zu führen. Sondern dass weißes Publikum sich fragen kann , wieso es erst eine Amy Winehouse braucht, um sich mal ein wenig für Soul zu interessieren – und dabei kommen dann Filme wie „Soulboy“ raus, wo wieder keine PoC zu sehen sind. Das sind doch die Prozesse, um die es hier geht. Dass sich dann verarmte Soul-Helden von einst ein Hungerbrot auf Soul-Festivals für weiße Mittelstands-Nerds verdienen müssen wie immer schon.

  24. Realitätbrennt Februar 12, 2014 um 8:30 pm

    So, nachdem ich sehr darum bemüht war, mich in die Nesseln zu setzen, möchte ich ergänzen, das ich die sehr weiße Bewunderung für Tocotronic nie so ganz verstanden habe. Und auch als „weiß“ im Sinne einer typisch weiß auftretenden Dominanzkultur aufgefasst habe. Für mich hat ein einzelner Song von Sharon Jones and the DAP Kings (Beispiel: „I learned the hard way“, den Song liebe ich) viele Dutzend mal mehr musikalische Qualität als das das ganze, sture musikalische Schaffen von Tocotronic.

    Beyonce als „industrielle Pop-Arbeiterin“, dieser Eindruck kommt wohl auch daher, dass die Songs von Beyonce eben diesen musikindustriellen Songwritingfabriken entstammen, und auch eben auch diesen Produktionsstrukturen. Oder täusche ich mich da? Ihre Songwriting Credits gelten als Fake. Wenn ich an Beyonce denke, dann finde ich, dass mich Songs von Elif weitaus mehr berühren. Elif finde ich sowieso total klasse, auch wenn ihre gesangliche Entwicklung und ihr Songwriting noch ausbaufähig sind.

    Ach ich schaufel mal den Link rein, einfach, weil mich das im Moment total flasht und weil das nach meinem Empfinden in wirklich jeder Beziehung ein Gegenpol zu Beyonce ist.

    Ist das nicht geil?

  25. futurtwin Februar 12, 2014 um 8:54 pm

    „Das war nicht bloß “Ausverkauf” (das wäre mit einer Kontinuität der musikalischen Akteure einher gegangen), sondern meines Erachtens eher eine Art feindliche Übernahme mit dem Mittel der Nachahmung. Das etablierte System “wehrte” sich damit gegen die Newcomer und drängte sie aus dem Geschäft. Finde das spannend, dass du das als Fachmann wirklich komplett anders auffasst.
    Genau diese Mechanismen der feindlichen, respektlosen, verdrängenden Übernahme unter Anwendung von Nachahmungsstrategien halte ich für ein Wesensmerkmal der Musikindustrie überhaupt. Vielleicht irre ich mich hier.“

    Nein tust du imho nicht.
    Wir sind hier auch überhaupt nicht so weit auseinander. Und als Fachmann möchte ich mich hier gar nicht hervortun, wenn ich denn gemeint war.
    Feindliche Übernahme bringt es schon auf den Punkt. Aber das ist letztlich einfach der Markt. Wenn die Industrie einen Trend wittert, wird alles gesignt was irgendwie zu diesem Trend passt. Bleiben wir mal bei NDW, spasseshalber. Was wurde da alles drunter subsumiert. Von wirklich originären Bands wie Ideal (die ich ja eigentlich mag) oder DAF, über völlig überforderte Newcomer wie Andreas Dorau, weiter über die EAV oder die Spider Murphy Gang, die eigentlich was ganz anderes machten, bis hin gar zu Kraftwerk, die da allen Ernstes mit drunter gefasst wurden. Da wird dann halt alles in eine Schublade gezwängt. Und es setzt sich gerne das Seichte, Geglättete durch. Das Publikum ist ein Griessbreiesser (Advanced Chemistry haben das mal gerappt, könnte mir aber vorstellen, dass das auch irgendwo gesampelt ist). Das Gelaber über die NDW könnte mir jetzt auch wieder als DErailing ausgelegt werden, aber das war halt das Beispiel.

  26. Momo Rulez Februar 12, 2014 um 10:37 pm

    @Realitätbrennt:

    Der Song ist super! Dann erzähl mir aber mal, was für eine Wahl eine Beyoncé hat. Der Kate Bush-Weg stünde ihr schlicht offen, weil das nicht akzeptiert würde. Deswegen ist auch klar, dass ihre Songwriter-Credits angezweifelt werden. Werden sie bei schwarzen Frauen IMMER und grundsätzlich. Mir fallen jetzt auf Anhieb zwei schwarze Songwriterinnen ein, die Erfolg hatten, was jetzt auch echt mein Problem sein kann, und bei denen man das auch wusste, Joan Armatrading und Tracy Chapmann. Und zwei weitere, von denen die eine in ihrem Blog übelst rassistisch beschimpft wird, und bei der anderen wurde es gar nicht bemerkt, Donna Summer nämlich. Guck Dich mal um, wen man auf die HfbK läßt und wer stattdessen auf die Kunsthandwerkschulen geht. An der HfbK sind fast ausschließlich Weiße. Bei wem man „genialen Dilettantismus“ durchgehen lässt und bei wem nicht. Und was ist denn „Songwriting“? Das Wissen um funktionierende Akkordfolgen und irgendwie ein Text drauf. Handwerk. Dieser ganze in den Pop-Diskurs gewanderte Kunstbegriff ist völlig schief.

    Auf diese ganze „handgemacht“ und „authentisch“-Geschichte gehe ich noch nicht mal ein. Black Music wird zumindest am ehesten dann akzeptiert, wenn sie „ursprünglich“ wirkt oder über eine klare, soziale Verortung wie in dem Video verkauft wird (bei so Leuten wie uns. Der normale Einkaufszentrumbesucher hört Beyoncé ganz anders, die einfach viel, viel mehr leisten und können muss als ihre weißen Kolleginnen). Den Song finde ich ja auch super.

    Weiße Musik wird akzeptiert, wenn sie sich ganz „kunstvoll“ gibt oder aber sich im weiß gewaschenen Rockism bewegt oder aber Appropriation betreibt, dass es wieder so wirkt als sei etwas „kultiviert“ worden. Der „machistische Migrant“ versus Fettes Brot.

    Ein Phänomen ist darüber hinaus gehend gerade Gregory Porter, übrigens.

  27. Momo Rulez Februar 12, 2014 um 10:45 pm

    @futuretwin:

    Der Markt, über den wir hier reden, ist halt ein weißer Markt, und es wird alles dafür getan, dass das so bleibt. It’s the economy, stupid, bis hin zur Buddah-Statue aus dem Geschenkartikelladen. Ich weiß nicht, ob Du in Hamburg lebst, ich gehe verhältnismäßig oft in die O-Feuer-Sports-Bar, weil die viel besser die tatsächliche Bevölkerungsstruktur abbildet, auch zum Fussball gucken. Eben sehr „migrantisch“ würde das markiert von Bio-Deutschen. Fühle mich da sauwohl 😉 …

    Aber auch Formen von „Szene“ sind da, die Bio-Deutsche gar nicht wahr nehmen.

    Und dann lausch mal auf die Musik da und geh danach in eine St. Pauli-Fan-Kneipe, guck Dich um und lausche der Musik. Zwei Welten. Das ist echt krass.

  28. Realitätbrennt Februar 12, 2014 um 11:29 pm

    Beyonce ist trotzdem eine tolle Sängerin, Performerin und Künstlerin. Aber sie ist so ziemlich die einzige schwarze Künstlerin, bei ich den Vorwurf des Erschleichens von Songwriter Credits überhaupt kenne. Ansonsten kenne ich das fast nur von weißen Spackos der Bohlen-Kategorie. Im Fall Beyonce sind diese Vorwürfe meines Wissens, leider, völlig berechtigt. Das ist bei Dutzenden ihrer Songs eindeutig nachgewiesen worden, sogar in völlig eindeutigen Fällen, dass sie sich sogar dort an die erste Stelle der Songwriter Credits drängelt, wo die Songs schon viele Jahre vor der Berücksichtigung in Musikproduktionen von Beyonce existiert haben. Was diesen Punkt betrifft, ist sie schlicht eine Betrügerin, die ihre Machtposition in der Musikindustrie schamlos ausnutzt.

    Ich könnte dir das im Fall Beyonce sogar im Detail ausführen, falls dich das interessiert. In der weißen, US-amerikanischen Musikwelt ist ein derartiges Verhalten weitaus gängiger, ja in einigen Bereichen beinahe schon als Standard zu sehen. Bei den großen internationalen Top Acts fällt es schon fast mehr auf, wenn die Songwritingfabriken (z.B. Stargate) überhaupt mal die vollen, ungeminderten Credits bekommen. Bei Rihanna ist das beispielsweise der Fall, was insofern interessant ist, weil sie in vielen Fällen exakt die gleichen Songwriter/Produktionsfirmen für ihre Musiproduktionen einspannt wie eben Beyonce. Und weil bei Rihanna, inzwischen jedenfalls, echte Songwritingbefähigungen von Mitmusikern verbürgt sind. Teilweise bearbeitet sie das angebotene Songmaterial relativ umfangreich, und lässt sich trotzdem in den Credits nicht aufführen. Du kannst dir denken, welche der beiden Künstlerinnen, was diesen Punkt betrifft, mir da sympathischer ist. Wie gesagt, im Fall von Beyonce gibt es, was diese Praktik betrifft, nicht den allergeringsten Zweifel. Das ist einfach so, und damit eben auch ein Beispiel dafür, wie in der Musikindustrie Machtpositionen ausgespielt werden.

    Welche Wahl Beyonce hat? Gute Frage. Auch keine einfache Frage. Ich weiß ja nicht einmal, welche Wahl ich als Mensch habe. Da forsche ich noch. Zurück zu Beyonce, ich denke, nach ihrer Zeit bei Destiny´s Child hatte sie jede Menge künstlerische Wahlmöglichkeiten. Wie viele andere Künstlerinnen/Performerinnen (als Vergleichsbeispiel nehme ich mal Katy Perry) gehört eine geschickte Sexualisierung zu ihrem Performancekonzept, aber als schwarze Künstlerin wäre ihr eine eher „rockige“ Entwicklung wohl nicht abgenommen worden, insofern fügte sie sich ins musikalische Stereotypenbild. Oder sie wollte es genau so. Das kann ich nicht beurteilen.

    Das Fiese in der Musikindustrie ist ja, dass nur eine ganz dünne Schicht von Künstlern größere Aufmerksamkeit bekommt, ein noch kleiner Teil eine echte musikalische Machtposition erringt, und der ganz große Rest eigentlich nur massiv und auf das Allergründlichste verarscht wird. In die Hot Rotation der Radiostationen kommen immer nur wenige. Insofern ist Beyonce vielleicht nicht so ein Top-Beispiel für eine schwer benachteiligte Existenz als hochgradig marginalisierte Künstlerin. Allerdings erschrecke ich mich immer wieder über den alle Aspekte des Daseins durchziehenden Perfektionsdruck, in dem diese Künstler stehen, die es „nach ganz oben“ geschafft haben.

    Unmenschlich. Ich würde da wohl nicht tauschen wollen, kann mir diese Welt aber ohnehin nicht vorstellen. Bei einer durchschnittlichen Bühnenshow würde ich spätestens nach der Hälfte mutmaßlich tot umfallen, weil mein Körper das nicht mitmachen könnte. Ah, der fällt mir ein Aspekt zu Beyonce ein, der mir bei ihr ganz ausgezeichnet gefällt. Ihr gelingt es nämlich, ganz im Gegensatz zu vielen anderen „Top Acts“ im Popbusiness, ihr Privatleben privat zu halten. Das finde ich allemal bemerkenswert.

  29. ziggev Februar 13, 2014 um 1:42 am

    ja, als ich Alex‘ Vorankündigung las, und erfuhr, dass es da ein – geförderter?, von wem? – „Dokumentarfilm“ in die Welt gesetzt wurde, in dem Techno als urdeutsches Phänomen dargestellt wurde, da blieb mir echt die Spucke weg. Klar, wenn in bei den „Simpsons“ ein Deutscher auftritt, dann läuft da eine coole technoartige Musik im Hintergrund – vielleicht aber auch eine Reminiszenz an Kraftwerk. Sowas aber wie eine solche Doku ist einfach eine Frechheit. Schopenhauer zufolge ist bekanntlich Dummheit die Verwechslung von Ursache mit Wirkung. Nur weil für manche Hirne es sich so durchgesetzt hat, vornehmlich in Deutschland beheimatete, und eine Art „deutscher“ Techno in der Öffentlichkeit das Bild des Techno als Musiktypus mittlerweile geprägt hat, weil andere Bilder verdrängt wurden, kann mitnichten darauf geschlossen werden, dass auch die Entstehungsgeschichte des ach so deutschen Techno deutsch gewesen sei. Dummheit ist ja normalerweise eine Privatangelegenheit. Hier aber wird sie gewissermaßen institutionalisiert. Die Empörung über eine solche Frechheit, kann sie sich nur gegen die privat zu verantwortende Unwissenheit, also die vermutlich gezielte Unwissenheit der Produzenten, richten, oder sollte sie dies nicht auch gegen etwas tun, das sich systematisch institutionalisiert hat? Es ist natürlich das Letztere das Problem. Mir scheint, Vermassungsphänomene sind hier Voraussetzung, denn die Masse ist immer unwissend. – Ist nun eine solche Doku das Erzeugnis von zynischen Demagogen oder selber ein Symptom der Dummheit der Massen? Ich vermute leider letzteres. Das Ergebnis, Techno ist deutsch, steht vorher fest, also werden nur „deutsche“ Ursachen gefunden. Dummheit in Reinkultur.

  30. momorulez Februar 13, 2014 um 1:55 am

    Von „Machtposition“ in dem Fall zu reden halte ich für reichlich übertrieben. In dem Falle kenne ich zumindest ihren Gesangscoach persönlich, ein schwarzer Schwuler, und der erzählt die Story aus einer Perspektive, da alle Kriterien schwinden, die hier – in Deutschland – im Allgemeinen angeführt werden.

    Und Pointe bei der Wahl, die man hat, in Beyoncés Fall, ist doch, welche Möglichkeiten ihr strukturell verwehrt blieben.

    Und diese Nachweise, die Du anführst bzgl. ihres Songwritings: Die Anstrengung unternimmt einfach keiner, das bei anderen nachweisen zu wollen. Außer Klaus Kauker bei Bohlen. Das ist einfach üblich, Dir die Akkorde und Melodien bisher entstandener Songs zu nehmen und darauf aufzubauen. Große Teile des Jazz funktionieren so. Tocotronic haben über „diebische Elstern“ und so sogar getextet.

    Beyoncé ist nicht das Paradebeispiel für Marginalsierung, das ist eine Mittelkalsse-Story, sondern dafür, dass die „Kunst“-Schiene Weißen vorbehalten bleibt. Und die Möglichkeitsspielräume für PoC aktiv begrenzt werden.

    Was Deine Wahl, Dein Leben betrifft: Ich kenne Dich ja nicht, und spüre da eher was, sehr sympathisches, was sich dann außerhalb dieser Diskussion bewegt und zugleich auch nicht 😉 – so einen Beyoncé-Weg konnte ich, kannst Du vermutlich ja eh nicht gehen. Und in Systemen, wo Musikindustrie eine Rolle spielte, habe ich ja gelebt und gearbeitet zu Zeiten, als die noch Kohle hatten (bester Literatur-Tipp zu dem Thema: „Kill gor Friends“ von einem Herr Niven, ein derart komisches und treffsicheres Buch habe ich vorher und nachher nicht gelesen) – Du bist vermutlich viel jünger. Und da, in diesen Zusammenhängen, war es klar besser, nicht der vor der Kamera zu sein. Definitiv.

    Und es gab in all dem fürchterlichen Zynismus auf Ebene der „Produkte“ und dem Umgang mit Menschen, zumindest, Gott, Spuren, ganz leichte, angedeutete, der Utopie, die ich nie in linken, kommerzkritischen Zusammenhängen erlebt habe. NIE.

    Das führt jetzt zwar ganz weit weg vom Thema Appropriation. Aber es sagt vielleicht was über Zielrichtungen aus.

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