Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„White Brothers with no Soul“ – Radiofeature orientiert an einem Vortrag von Alexander Weheliye, 10.2., FSK, 14 h

Momo on the radio die zweite: Morgen ab 14 h läuft beim FSK-Hamburg ein weiterer Versuch, mich in diesem für mich neuen Medium zu orientieren. Damit ich mich nicht völlig verlaufe, habe ich mich an einem Vortrag von dem in Chicago Kulturwissenschaft lehrenden Prof. Alexander Weheliye orientiert: „White Brothers with no soul – wie der Berliner Techno weiß wurde“. Er hat ihn vor der Queer AG der Universität Hamburg gehalten, mir freundlicherweise die Power Point-Vorlage zur Verfügung gestellt und auch genehmigt, dass ich da drumherum die Sendung baue. Ich danke ganz herzlich dafür!!!

Wo ich mich verplapper, Unsinn rede oder etwas falsch verstanden habe, da bin ich freilich selbst voll und ganz verantwortlich. Selbst ja ein white brother, ob mit ein klein wenig Soul oder nicht, das mögen andere beurteilen, habe ich lediglich hier und da queere und Hamburger Perspektiven ergänzt.

Alex‘ Vortrag rekonstruiert virtuos und profund die oft verschwiegene Vorgeschichte dessen, was als Techno teutonisiert und als Sound von Berlin behauptet und vermarktet wurde: Zu weiten Teilen eine der PoC in den USA, Schwarze und Latinas und dortiger, queerer Clubkultur. Und nimmt darauf basierend das Selbstverständnis weißer, männlicher, heterosexueller „Macher“, „Schöpfer“ und „Erzeuger“ in der Musikproduktion hierzulande auseinander.

Ich bringe einiges an frühen House-Sounds auch zu Gehör, Frankie Knuckles, Phuture, Remixe von Larry Levan, Jamie Principle, schrecke auch vor zu Tode gespielten Disco-Krachern nicht zurück – einfach, weil sie es verdient haben, vor dem kulturellen Hintergrund gehört zu werden, vor dem sie entstanden.

Ich habe aus schlichter Unkenntnis nicht vertiefend einen ebenso wichtigen Aspekt ausführlich behandelt, die Rolle der G.I.-Discos in Berlin – hoffe aber, trotzdem deutlich genug gemacht zu haben, dass ich PoC keineswegs ausschließlich in den USA verorte. Ganz im Gegenteil. Alex hat mir u.a. ein sehr bedrückendes Gedicht zur „Wieder“vereinigung einer deutschen Autorin vorbereitet.

Ebenso habe ich mich bemüht, mich vor den großen schwarzen Sängerinnen des Sounds zu verbeugen und hoffe, dass dieses gelang. Adeva habe ich nicht mehr unterbekommen und werde es nachholen. Das Thema verträgt noch einige Sendungen. Auch die Bezüge zu Hip Hop und Synthie-Pop muss ich in die Zukunft verlagern. Wollte ja nicht nur quatschen, sondern auch Musik spielen.

Eventuell wird die Sendung um 23 h noch einmal wiederholt, was angesichts der gespielten Tracks auch Sinn machen würde.

Wer also zu diesem Blog eine Stimme hören möchte, der kann das morgen mal probieren. Habe wiederum nix vorformuliert, hatte ja Alex‘ pointierte Texte – insofern sind alle „diediedie“, irgendwies, Wortdopplungen (3 mal „Wurzel“ in 30 Sekunden), nicht zu Ende gesprochenen Sätze und Versprecher auch weitestgehend drin geblieben. Im Sinne von Emotion und Spontanität. Vielleicht gefällt’s ja.

21 Antworten zu “„White Brothers with no Soul“ – Radiofeature orientiert an einem Vortrag von Alexander Weheliye, 10.2., FSK, 14 h

  1. ziggev Februar 11, 2014 um 12:53 am

    schöne grüße, (fast) alles gerne gehört. ich finde übrigens, du hast ne ganz gute Radio stimme. es ist nur so eine Sache. du kennst sicher so Filmzitate, wo in einem kommerziellen Film zwei echt harte „Hard Rocker“ kurz auftauchen, aber anstatt dass die was böses planen, unterhalten die sich über barocke Arpeggios und barocke Akkordprogressionen. (haben ja auch viele sich mit beschäftigt, Blackmore ist,glaube ich, beim Cello gelandet.

    so kommst es mir vor: dergestalt, wie sich die Hard Rock-Szene in immer mehr Subgenres ausdifferenzierte – was ich völlig bescheuert finde, immer sich, weil es eben Jugendsubkulturen sind, die sich in einem fort von irgendwem und -was abgrenzen wollen (genaugenommen gibt es nur gute und schlechte Musik) – so kommt es mir vor, da ich ein paar Semester jünger bin (man, in dem Alter machen da ein paar Jährchen schon etwas aus), dass nämlich nun eine Art pseudowissenschaftliche Gattungsdifferenzierungssucht sich breitmacht, ganz typisch eben für eine Zeit, als – in der Tat – der Rock und alles, was damit zusammenhing, plötzlich nicht mehr nur Rock war, sondern in Heavy, Metal, Speet Metal usw. zerfiel. hat mich immer nur angeödet.

    ich verstehe ja schon, es geht auch um Soziologie, um Politik, um Rassismus. eine Geschichte zu schreiben, die – jedenfalls wenn wir sie lediglich unter kommerziellen Gesichtspunkten (in einigen Ländern, an einigen Orten) betrachten, und der Geschichte, die unter ihnen geschrieben wurde (…) – eben unter kapitalistischen Vorzeichen womöglich nicht erzählt worden wäre. wäre wirklich mehr als bedauerlich gewesen.

    und ich habe ja auch einiges gelernt, oder besser, was einige Aspekte einer Musik angeht, die einfach nicht in meine Zeit gehört, bin aufmerksamer geworden, diesen mal besser nachzuhören.

    aber auch als weißer Rocker solltest du ja wissen, dass deine Musik ohne diese ganze schwarze Geschichte nicht denkbar gewesen wäre, jedenfalls wenn du n anständiger Kerl bist. das Leichte, das Geschichtslose, der Ursprung des Pop, das Besingen des Augenblicks, das Leben des Jetzt – das war Chuck Berry. und er ist genial in der Simplifizierung. (einigen der ehemaligen „Speed Metal“ Burschen scheint das wirklich nicht klar gewesen zu sein, aber die waren ja sowieso schon meilenweit vom Idiom entert.)

    also: geht es jetzt darum, über die Jazz-, Blues-, Gospel-, Soulgeschichte etwas zu lernen – und dann über all die Dinge, über die du sprichst – über Kapitalismus, über Rassendiskriminierung, oder geht es um die Musik, die, das ist einfach ein Erfahrungswert, wenn sie die ‚Roots‘ vergisst oder nicht lernen kann oder einfach nicht kennt, eben oft einfach nicht mehr gut genug ist? wir wissen, es gibt selbst hier Ausnahmen.

    als Aicid aufkam, und wir Jungsters in der Wohnung über dem Subito uns einen reinzogen, wir hörten natürlich alles mit, und ich dann breit nach Hause fahrend im Nachtbus in der Nähe vom Mad House vorbeikam, und wenn ich dann alle diese Kids sah, alle vollkommen begeistert vom neuen Phänomen „Aicid“, da kamen die mir alle vor wie kleine Kinder. sie hatten immer solche Smiley-Zeichen irgendwo. was dann folgte, habe ich nicht mehr mitverfolgt. ich fand, man sollte erstmal Diana Washington hören.

    ich erinnere mich aber auch an eine etwas spätere Zeit, als es einen Riesenhype um die ganze Soulgeschichte gab, vorallendingen waren die alten Soulsachen nicht mehr zu kriegen. es gab einen richtigen Run auf die Sachen : um sie zu sampeln !! dafür hatte ich einfach nicht die Kohle gehabt.

    um die polyphonen Aspekte – als das Gegenteil von dem, was du mit Bob Dylan in Verbindung bringst – in der, ich nenne es Popmusik, zu erfahren hatte ich wohl erst mit Leuten aus Südamerika zusammenspielen müssen, aber am Anfang der Rockmusik stand bereits eine Band, die das bereits praktiziert hatte: schau sie dir an:

    http://johannasvisions.com/30-best-live-albums-countdown-18-at-fillmore-east-by-the-allman-brothers-band/

    so sahen die Leute aus, mit denen ich zuallererst rumgejamt hatte …

    die Allman Brothers, die einzige Country(!) Rock-Band, wo nicht bloß immer aller weiß gewesen waren.

    die hatten zwei Drummer, zwei Gitarristen. es war einfach nicht so, dass sich da immer nur einer in den Vordergrund spielte. und die improvisierten wirklich. wer sich nicht so sehr – Stockhausen usw. mal ausgenommen – auskannte, hatte ja immer geglaubt, dass über die afroamerikanische Kultur die Improvisation erst wieder in die musikalische Praxis übergreifend eingeführt wurde. natürlich ist in „der Klassik“ auch schon immer improvisiert worden.

    eine Rock Band, die im 3/4 Takt spielt? ja, gab´s. (ich kenne Jazz-Gitarristen, die den, jedenfalls technisch hoch achten.)

    und Duan Allman spielte immerhin mit Wilson Picket, auch die Rocker sollten sich mal erinnern. es liegt nicht unbedingt am Stil.

    aber mach bitte von mir aus gerne noch mal so ne Sendung ! kenne ich ja alles überhaupt nicht. bis darauf, dass im Kiosk im Hallenbad ein Plakat hing, das einen Auftritt der Bee Gees ankündigte, seltsam, diese Bärte, diese weißen Bärte …

    und Techno hab ich über irgendwelche Leute kennengelernt, die dann irgendwann aus Indien zurückkamen und die Beats dabeihatten. eher eine spirituelle Geschichte, eine Meditationsform. aber du hast ja bereits gesehen, ich bein eh´schon immer mehr psychedelisch drauf gewesen …

  2. momorulez Februar 11, 2014 um 1:57 am

    Ich danke Dir für das Zuhören, das Kompliment mit der Radiostimme auch und für Deinen Kommentar ebenso! Wirklich! Unbekanntermaßen bist Du mir ja recht vertraut 😉 …

    Du triffst aber gerade den Punkt nicht, um den es in dem, was ich aufbauend auf Alex da zu erzählen versuchte, nicht, was dann wohl an der Sendung lag. „Rockism“ und das, was zu Dylan relevant ist, meint ja eine Perspektive, die Du gerade nicht aufgreifst, weil „polyphon“ gar nicht die Frage ist.

    Ich antworte da aber morgen noch mal ausführlicher drauf; habe heute Abend John Waters gelauscht, auch ein Erlebnis :D, und muss mich jetzt wieder sortieren. Aber morgen mehr!!!

  3. ziggev Februar 11, 2014 um 6:07 am

    ok., ich habe jetzt erst Alex´ Ankündigung gelesen. – – – als ich 92 oder so auf ner großen Technopaty in Christania war, und das Gelände betrat, Pflastersteie, da war son rastaähnlicher Typ (auf die Hautfarbe nicht geachtet) mit der Gitarre und der spielte ungefähr diesen Freejazzstil wie jedner Typ mit dem ich angefangen hatte (2. Band) und der sich aus der Wohnung über dem Subito davongemacht hatte und – naja, er beendete sein Leben.

    ich will ehlich bleiben, ich stolpterte, auf mich zurückgeworfen, völlig verdattert. Um diesen Kerl saßen lauter Leute rum, Shillum, so alle diesen Rastalocken, auf dem Fußboden, später kam es mir vor, als ob es sich um eine Art Guru gehandelt hatte. Was war das nun mit diesem Techno? Solche Leute, die da rumsaßen, nannten uns Publik Enemy. Mehr aus dem Hippie-Impuls waren aber die meisten von uns gekommen. Jedenfalls hatte jemand aus unserem Bekanntenkreis die erste Open-Air Party organisiert.

    Und heute? Heute sind die Leute aus St. Petersburg da. Und es war echt heftig. Pseudoverschrägte Typen waren auch aufgetaucht, so Spackentypen – im selben Jahr nannte übrigens ein Journalist im Stern zu der Frage, was das peinlichste in diesem Jahr gewesen gewesen wäre: der Versuch von Nazies, die Technoszene zu unterwandern.

    Aber wir waren Hippies auf entsprechenden Drogen. Und in HH habe ich nichts anderes erlebt, als dass da eben diese Osho-Indien Leute auflegten, Free Form, die Firma, nicht der Stil, ich kannte Leute, die echt o.k. waren, die da ihr Geld verdienten, Dekoration und so, die das aber auch studiert hatten. Z.B., als dieses Schiff aus Russland in Hamburg anlegte. Großes Event. Ich hätte übrigens nie für sowas bezahlt, irgendwie hatte ich immer Konnektions und kam immer umsonst rein.

    Nicht dass ich besonders Stolz auf diese „Kultur“ gewesen wäre. In Christiania kam dann irgendwann, als wir am Lagerfeuer saßen, ein Bursche an, und erzählte, „this Musik is created in a consiousness state of mid“. Ah, so. Dann entwickelte sich das zu einem reinen Reibach und ich verachtete es nur noch. Was aber passierte? In Berlin jedenfalls etwas völlig anderes.

    Ja, es ist so, manchmal, wenn ich da bei Eintrittfrei in irgendeiner Kiesgrube zwischen den Weizenfeldern auf dem falschen – oder besser:richtigen Trip – nach zehn Stunden Party rumsaß, dachte ich mir immer nur: ich will endlich mal ne weibliche Soulstimme hören, die mich befreien würde!

    Hatte natürlich nichts mit Detroit zu tun, wie das lief. Aber es wurde eine Unmenge an Kreativität freigesetzt. Ein paar Freunde von mir, mit denen ich im Abiturjahrgang 13 Auftritte (also in dem Jahr) auf Schulfesten, aber auch Fabrik, Knust, abgeliefert hatte, machten dann später auch mal Live-Mix-Auftritte. Der Gärtner von neben an begann Bilder zu malen. Z.B. hatten auch mal Leute, bei ner Party, die in irgendeinem ehem. Fabrikgebäude stattfand, son Einstürzende Neubauten Gerät aufgebaut, an dem sich jeder mal abreagieren durfte, ne Freundin hatte ein anderes Mal dort irgendwo draußen extra ein Tipi aufgebaut, damit sich Leute (heterosexuell) lieben konnten …

    Dann ging es nur noch ums Geld, und dann kam die Love Parade. Ich fühlte mich auch verraten und kann das mit dem Teutonischem, das echt verstehen.

  4. futuretwin Februar 11, 2014 um 9:18 am

    „so kommst es mir vor: dergestalt, wie sich die Hard Rock-Szene in immer mehr Subgenres ausdifferenzierte – was ich völlig bescheuert finde, immer sich, weil es eben Jugendsubkulturen sind, die sich in einem fort von irgendwem und -was abgrenzen wollen (genaugenommen gibt es nur gute und schlechte Musik)“

    Ach komm, ziggev, blöde Aufspalterei? Was ist das denn für ein Quatsch? Bei Jazz ist das das dann wieder OK, oder was? Wenn die Unterschiede nicht erkannt werden, dann hat das schlicht damit zu tun, dass zu wenig Ahnung da ist. Keiner kann Ahnung von jeder Musikrichtung haben, dafür gibt es schlicht zu viele. Aber für mich schimmert da die „Nullchecker-Eltern-Ansage“ „Für mich klingt das alles gleich.“ durch.
    Klar geht es um Abgrenzung. Das ging es aber auzch schon immer. Ich kenne mich da nicht aus, wette aber, dass der Übergang von der Klassik zur Romantik AUCH nichts anderes war als Abgrenzung. So entsteht Musik. Und klar, haben sich viele zu weit von den Wurzeln entfernt. Das kann kritisiert werden. Aber dadurch entsteht doch dann auch wieder was Neues. Was dann wieder mit dem alten, „lebendigen“ Rock’n’Roll infiziert werden kann.
    Das ist eine Wellenbewegung, gerade beim Rock: Zuerst war Rock’nRoll, dass war roh, authentisch. Später uferte es dann in verspinnertem, sphärischem, sophisticated Art-Rock a la Yes aus. Dann kam im Punk eben wieder eine Gegenbewegung. Als Punk früh in den New Wave abkippte, war Hardcore wieder ein Versuch eine einfache Grundstimmung zu isolieren. Das kippte dann auch wieder in Verschwurbelungen ab, bzw. wurde zu melodiösem Pop-Punk. Dagegen haben z.B. The Hives deutlich den Rock’nRoll wieder in den Punk zurückgeholt. Durch solche Wellenbewegungen, von Vereinfachung und Ausdifferenzierung entsteht Musik. Und klar, hat das auch immer was mit Jugendkulturen zu tun. Aber für jede Generation ist ihre Abgrenzungsbewegung genauso wichtig, wie für alle anderen davor. Mein Prof hat mir auch gesagt, nachdem er meine Arbeit über HipHop gelesen hat: „Ist ja lustig, genau die gleichen Diskussionen über Ausverkauf et cetera gabs in meiner Jugend über Westcoast-Jazz.“ Deshalb sind die neuen Diskussionen aber nicht weniger wichtig.

  5. futuretwin Februar 11, 2014 um 9:19 am

    PS: Stuart Hall ist tot.

  6. futuretwin Februar 11, 2014 um 9:29 am

    Und, ziggev, was du im 2. Post beschreibst, sowas gibt es natürlich immer noch. In der Psychedelic-Trance bzw. Goa-Szene. Das meinte ich. Dann wird etwas vereinnahmt, kommerzialisiert, aber davon grenzt sich dann schon wieder eine neue Sub ab, die den Kommerz nicht mitmachen und lieber gechillte anarchische Underground-Parties feiern will. Das will ich (nicht zuletzt wegen Stuart Hall und den Cultural Studies) nicht unterbetont wissen. das ist so ähnlich wie der Unterschied zwischen klassischem Marxismus-Leninismus und Operaismus. Letzterer denkt die Arbeit als das eigentliche Moment der Entwicklung und eben nicht das Kapital. Genauso sollte die ursprüngliche, nie versiegende Kreativität als eigentliches Moment gedacht werden und nicht Vermarktung und Kulturindustrie! Und wenn wir überall nur noch das Gleiche hören, tja, dann sind wir zu alt und checken nix mehr. 😉

  7. momorulez Februar 11, 2014 um 10:28 am

    Das Interessante an euren Diskussionen ist ja, nix für ungut, dass genau das hier gerade passiert, was Alex rekonstruiert und kritisiert: Auf wundersame Weise vertragen es weiße Männer mal wieder nicht, dass zwei Stunden über schwarze und schwule Kultur geredet wurd, und setzen prompt und geradezu gespenstisch den ihnen bekannten Kanon an die Stelle dessen, worüber ich geredet und geschrieben habe.So tritt dann wieder die Artrock versus Punk als weiße Diskussion an die Stelle der viel wichtigeren, dass Kraftwerk sich schwarze Produzenten suchten und deren Wirkungsgeschichte sich stark der Rezeption Africa Bambaatas verdankt, der sowohl in House als auch Hip Hop sie einschleuste. Es verschwindet wieder Disco und HNRG. Stattdessen ist auf einmal am Leitfaden des Ausverkaufs der West Coast-Jazz Thema, anstatt auch da das Whitewashing zu registrieren, das war das Thema dessen, dass Chat Baker, auch Mulligan, auch wenn der aus dem New Yorker Cool-Szenario kam, die schwarzen Wurzeln des Jazz tilgten, um ihn für ein weißes Publikum konsumierbar zu machen. Und der Jazz war tot als Leitmusik der US-Jugenkultur, als zunächst im RR, dann im nicht zufällig hier auch gerade aufgefahrenen Hippie-Szenario und auch mit Dylan der Rockism etabliert wurde, der ja durch ein bestimmtes Verständnis von Werk, Autor und Kunst bestimmt ist, das sich im Supremacy-Gestus über alles Schwarze, Queere und Weibliche erhebt. Das ist schon gruselig, wie ihr das hier reproduziert, und ihr glaubt gar nicht, wie oft ich das schon erlebt habe – man referiert 2 Stunden, und die Leute sagen „ach so“ und wechseln das Thema in genau dem Sinne, wie es vorher kritisiert wurde. Als enthielte das Gesagte Fnords.

  8. momorulez Februar 11, 2014 um 10:31 am

    Ach, und noch zum Thema Acid und kleine Kinder: Das ist doch auch dieser beschissene Dünkel, den ich meine. Ist ja süß, dann Dinah Washington raus zu kramen, aber das ist einfach auch nur ein Beleg für die Thesen von Alex.

  9. futuretwin Februar 11, 2014 um 11:02 am

    Das mit Africa Bambaata hab ich auch gelesen. Das war aber auch jemand der eine Rückaneignung von Rock betrieben hat. Ich meine von ihm so nen Schnipsel irgendwo gelesen habe, so ein Wortwechsel zwischen ihm als DJ und nem Partygast: „Stehst Du auf die Rolling Stones?“ „Was? Ich hasse die Rolling Stones.“ „Du tanzt aber grade dazu!“
    Er hat das auf ne Art gemixt, dass alles wieder ging. Und so beeinflussen sich die Subgenres, nach der Aufspaltung wieder gegenseitig. Der HipHop ist aus Funk einerseits und jamaikanischer Soundsystem-Kultur andererseits entstanden. Das ist bei schwarzen Musikformen ja auch alles nicht anders. Und der HipHop wurde auch wieder durch Rock beeinflusst, siehe Bambaata oder auch Run DMC, die haben einen völlig neuen Sound kreiert.

  10. momorulez Februar 11, 2014 um 11:18 am

    Ja. Nur dass bemerkenswerterweise exakt das aus der Kanonisierung wieder verschwindet und als „zu kultivierendes“ Rohmaterial weißer „Künstler“ erst als relevant erachtet wird. Und die kriegen dann die Lehraufträge.

  11. ziggev Februar 11, 2014 um 3:54 pm

    ja, ihr beiden, dämmerte mir auch schon, nix verstahn (ich meine die Erläuterungen), und dann, naja, „kritisieren“, war ja klar, dass das so von mir rüberkommen würde. aber wenigstens kommen jetzt Beispiele, die ich überwiegend kenne 😉

    die Einleitung mit den Barock-Rockern war ja als illustratives Eingeständnis meiner Unwissenheit gedacht

    nun kam mir sogar die Idee, dass die Reaktion vorhersehbar war – ebenso wie du, momo, eben sagtest, meine Reaktion sei wieder typisch.

    wenn ich daraus aber nun ein „Argument“ machen würdest, würden wir uns vollends im Kreise drehen. insofern will ich da jetzt nicht mehr mitmachen. meine Verwunderung über die „Aicid-Kinds“ war aber schon irgendwie echt; kannst du mir jetzt glauben oder nicht, ich glaube aber, du kannst es mir schon Glauben. über „Dünkel“ habe ich mich schon ein bisschen geärgert; aber ich nehme mir vor, es nicht persönlich zu nehmen. zumindest insofern als es der Dünkel des Spätpubertierenden gegenüber den Spätpubertierenden gehört er gewissermaßen zum System. aber ich hatte ja angefangen.

    könnte ich aber weiterspinnen: wenn ich sage, es gebe eben nur gute oder schlechte Musik, ich kann diese immergleichen Debatten nicht mehr hören, dann würde es dem entsprechen, wenn du, momo, eben sagtest, du hättest es eben schon hunderte, tausende Mal erlebt, dass, nachdem du endlos eben dieses Verhalten analysiert, kritisiert hättest, eben kommentarlos mit ebenganzgenaudeselben weitergemacht werde.

    glaub mir aber bitte, dass ich nicht ignorant bin. Bücher über Musik zu lesen wird wohl wenig bringen. sind für mich zuviele Fremdwörter dabei. die Differenzierungen wären also nötig, habe ich ja damit implizit gesagt. und ich habe einfach kein Geld, um mir Musik zu kaufen. desh. fände ich es ja ganz gut, wenn du die beiden Sendungen mal als Podcast bringen würdest, QED.

    ich war übrigens Beatles-Fan; keinesfalls aber einer der Stones.

  12. momorulez Februar 11, 2014 um 4:13 pm

    Ich weiß ja, dass Du persönlich nicht ignorant bist, normalerweise. Und wir haben den Kanon, den Autorenbegriff – oder den gängigen des Künstlers – wie auch des „fertigen Werks, das einer bestimmten Form der Kritik zugeführt wird“ auch nicht erfunden, ebensowenig die Supremacy, die sich da einschleicht. Ich habe sogar einen hochangesehenen Preis dafür erhalten, sie schon mal anders erzählt zu haben. Und das Gespenstische ist der Automatismus, mit dem das immer passiert.

    Es gibt nur gute oder schlechte Musik bewegt sich halt auch nicht im kriterienfreien Raum, und die sind sozial generiert und reproduzieren oft einfach nur das, was eh schon Scheiße ist. Während Acid Räume eröffnet und fort geschrieben hat. Übrigens teilweise, das hatte ich dann vergessen zu erzählen, mit Mitteln, die zum Teil aus dem modalen Jazz stammen. Ob Vamp oder Loop, das ist eine Frage der Produktionstechnik.

    Ich habe ja nun zwanzig Jahre mit so einer Art Musikjournalismus mein Geld verdient; mit den Beatles kann ich bis heute am wenigsten anfangen. Seltsamerweise.

  13. ziggev Februar 11, 2014 um 4:45 pm

    naja, würde sich immer so weiterdrehen: sofern eins es sich überhaupt erlaubt, über Musik zu diskutieren als kulturelles Medium (sorry für den Pleonasmus), vielleicht als mediales bzw. kulturelles Phänomen, ergibt sich eben überhaupt die Möglichkeit, solche Supremativity auszuagieren ?

    desh. z.B. verstehe ich Adornos Jazz“kritik“ überhaupt nicht erst. man könnte meinen, darauf käme es ihm erst an, oder es ist so als ob. ich mein, so gespenstisch ist das nun wieder auch nicht.

    ist das „Diskurspop“ – der attempt, sich dagegen wehren zu wollen, auch wenn der Adornoähnlichkeitswettbewerb sich dergestalt nicht davonstehlen kann, er würde dadurch ja eben nicht überhaupt erst die Möglichkeit erzeugen, solche Supremativity auszuagieren.

    sich ganz doof stellen geht auch nicht, sehe ich ja ein.

    ich verstehe übrigens immer nicht, welchen Narren du so am Modalen Jazz gefressen hast, die Regeln sind super einfach. es bracht halt bloß super gute Musiker, damit was bei rauskommt.

    so kann im Prinzip jeder anfangen. lange Jahre ist es mein Fehler gewesen, den Blues modal aufzufassen. ist garnicht so leicht wieder rauszukriegen!

    für eine Fachsimpelei habe ich heute keine Lust, aber vielleicht kannst du mir ein paar Andeutungen geben, wie du das verstanden haben willst?

  14. ziggev Februar 11, 2014 um 4:48 pm

    PS – denn Aicid Jazz kam ja doch später, oder nicht? die eingespielten Schnipsel in der Sendung kamen übrigens ganz gut !

  15. futuretwin Februar 11, 2014 um 5:03 pm

    Acid Jazz, der Name war eher ein Witz. Ich hab gelsesn da hätte ein Musikjournalist einen Veranstalter von Acid zugeschwallt, das sei jetzt DAS neue Ding und so. Daraufhin hat er augenzwinkernd gesagt: „Wir spielen hier Acid Jazz.“ Das hat mit Acid daher nicht soviel zu tun. Ähnlich war es bei der Bezeichnung Rave sowohl für Madchester, als auch für Techno.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Manchester_Rave

  16. momorulez Februar 11, 2014 um 5:05 pm

    Die Frage verstehe ich nicht. Und es gibt ja auch die Möglichkeit des emphatischen Nachvollziehens kultureller Praxen und des Verstehenwollens, der Offenheit, nicht nur die des Urteils. So richtig gepeilt, was für eine Utopie in dem Hintersichlassen der White Supremacy und ihrer Verwandten steckt, habe ich ja auch erst, als mir Nörgler und Bersarin endgültig auf den Sack gingen. Und im modalen Jazz bist Du halt dabei, Dich ganz in den Klang zu begeben, und entziehst Dich der Funktionsharmonik. Das ist das Gegenteil von „Diskurspop“, was übrigens Tobias als Produzent des weißen Albums von Tocotronic auch verstanden hat, das setzt ja nicht gleich mit einem Statusurteil ein wie z.B. „Du bist hier nicht in Seattle, Dirk.“ Und eben Seattle, nicht Detroit.

    Ich hab übrigens nicht nur Schnipsel gespielt, einiges war auch voll ausgespielt.

    Acidjazz, Mojo und so habe ich ja nicht etwa raus gelassen, weil es nicht in meine These passte, sondern weil Appropriation da anders läuft und die queere Frage sich nicht im selben Sinne stellt.

  17. momorulez Februar 11, 2014 um 5:07 pm

    @Futuretwin: Hast du die Sendung gehört? Manchester habe ich ja einmal am Rande gestreift, aber nicht vertieft.

  18. ziggev Februar 11, 2014 um 6:19 pm

    „nicht nur die des Urteils“ = „heute keine Lust auf Fachsimpelei“

    ich habe mich wahrscheinlich nicht verständlich gemacht. Natürlich hast Du wohl auch ein paar Sachen ausgespielt, aber ich kenne das Genre zuwenig, um bei den Sachen, die ich kenne, wenigstens genau zu sagen wer es war, noch um um bei meinen schlechten Speakern zu entscheiden, ob es sich nicht um ein Remix handelte. Aber an der einen Stelle hast Du so zwischen den Sätzen, ungefähr wie ein Räusper, solche Schnipsel gespielt. Das ist das, was ich von damals noch im Ohr habe, viel ist es ja nicht, eigentlich genau nur sowas, aber das habe ich immer für Aicid gehalten.

  19. ziggev Februar 11, 2014 um 6:23 pm

    PS Daher konnte ich ja auch nicht wissen, ob das Stück ausgespielt wurde, wenn ich das Gefühl hatte, es endet etwas zu früh. Aber so richtig abgeschnitten schien mir eigentlich kein Stück.

  20. momorulez Februar 11, 2014 um 6:34 pm

    Einige habe ich auch abgeschnitten, andere nicht. Diese Schnipsel bzw. Trenner, die ich zwischen die Sprach-Takes gesetzt habe, waren schlicht Apple Loops aus Logic 9 🙂 … erst wollte ich mir sogar noch Remix-Passagen im Looptastic bauen, das war aber auch so schon echt aufwändig. Mit der reinen Aufnahme incl. Basteln war ich echt 10 Stunden beschäftigt, ohne Recherche vorab. Für ehrenamtliches Sendungsbewusstsein … und auch, weil ich so was wie FSK echt gut finde.

    Acid-House ist so was:

    http://m.youtube.com/watch?v=OKbLI8EufNo&desktop_uri=%2Fwatch%3Fv%3DOKbLI8EufNo

    Müsste noch mal gucken, ob ich den Track oder einen anderen gespielt habe. Was von Phuture war auf jeden Fall dabei.

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