Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Erinnerungskultur neu gedacht mit Mustafa Esmer

Warum darf ich trotz der Tatsache, dass ich seit Geburt in Deutschland lebe, hier aufgewachsen bin und die Politik aktiv verfolge, die Missstände, die meinen Alltag bestimmen, nicht kritisieren? Ganz einfach: Mir fehlt ein wesentliches Merkmal biodeutscher Identität, nämlich die deutsche Erbsünde – der Holocaust. Die Exklusivität der deutschen Erbschuld ist das Problem, das zu der fehlenden Anerkennung Neudeutscher vonseiten der Mehrheitsgesellschaft führt.“

Das ist schon ein echt spannender Text da drüben im Migazin.

Dass auf recht abstruse Weise die Nazivergangenheit Antdiskriminierungsarbeit extrem behindert, weil allesamt damit beschäftigt sind, keine sein zu wollen, das ist mir ja auch schon häufig aufgefallen. Auch diese Arroganz, die aus diesem Teil der als eigene Geschichte verstandenen sich ergeben kann. Wenn wegen Auschwitz in den Krieg gezogen wird, wenn die USA darüber belehrt werden, ja im eigenen Land nie eine modernen Krieg erlebt zu haben, wenn gerade die Lehren, die man aus „finsteren Zeiten“ mit genommen habe, angeführt werden, sich Vernunft und Tiefe in Überlegenheit und ineins zuzusprechen – gruselig.

Wenn Verbrechen wie die kolonialen weg gewischt werden, weil die Nazis es ja viel schlimmer trieben, schwingt fast so etwas wie Stolz mit. Hitler ist ja auch ein medialer Exportschlager ersten Ranges. Und in „Unsere Mütter, unsere Väter“ sind vorsichtshalber Polen die wahren Antisemiten, im Alltag und der Weltpolitik halt „die Muslime“ – als Speerspitze der Homophobie werden sie ja trotz Hitlerjunge Ratzinger auch behauptet.

Mein Vater war übrigens auch Hitlerjunge. Väter von Freunden waren hohe NS-Beamte, die von ehemaligen Co-Bloggern in der SS. Bei den Jüngeren mag das Ganze nicht mehr soooo nah dran sein, deren Großväter nicht in Riga stationiert waren, eine der zentralen Drehscheiben der antisemitischen Vernichtungsmaschinerie – das unterschätzt der Autor vielleicht, dass es ja nicht nur darum geht, nicht ständig mit dem konfrontiert zu werden, was die Eltern und Großeltern taten. Sondern dass selbst dann, wenn „deutsch“ nur zur Selbst-Identifikation genutzt wird, wenn man im Ausland ist, diese Vorgeschichten in prägenden Kleinfamilienmustern präsent waren und sich Selbstverständnisse in diesen Zusammhängen formten, ob man das nun wollte oder nicht.

Umgekehrt sträubt sich in mir alles bei der Forderung nach einem nationalen „Wir“. Das muss man sich aber auch erst mal leisten können. Habe lange den Kampf von Freunden erleben dürfen, dass überhaupt mal zur Kenntnis genommen wird, dass es schwarze Deutsche gibt, und das nicht erst seitdem Menschen gegen so called „Asylanten“ fackelten und mordeten. Und Bundestagszweidrittelmehrheiten als Reaktion darauf Unrecht als Recht behaupteten. Die Zurückweisung dieses „Wir“ haut sich halt sehr leicht raus, wenn Mann eh als biodeutsch gelesen, nicht ständig von der Polizei kontrolliert wird und keine „Migrantisierung“ oder „Rassifizierung“ erfährt. Wenn in vielen Kontexten es sehr leicht ist, Gehör zu finden, wo es um Geschichtsschreibung geht – freilich auch nur dann, wenn man die schwule Perspektive nicht explizit macht.

Was Mustafa Esmer fordert, ist ja, dass nicht etwa Biodeutsche so etwas wie „Leitkultur“ vorgeben wie eine Forderung, deren Einhaltung ständiges Kommentieren und Kontrolle nach sich zieht – sondern dass diese gemeinsam (!!!) auch auf dem Feld der Erinnerungskultur entstehen können sollte. Worte wie „Leitkultur“ fühlen sich für mich allerdings immer an wie Stromstöße, weil sie sowieso an irgendeinem Punkt von der heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft als wahlweise Ausschlusskriterium oder Assimilationsforderung bzw. – wille – Homo-Ehe und Co – auch an LGBT-People heran getragen wird. Was ich als Zumutung empfinde. Trotzdem fordere ich fortwährend, dass weibliche, LGBT- und PoC-Perspektiven gefälligst im selben Sinne konstitutiv zu sein haben für Kanonisierung und Geschichtsschreibung wie die von Weiß-Hetero-Männlich. Und manche Auseinandersetzung im FC St. Pauli-Kontext verdankt sich der inständigen Weigerung von ach so toleranten WHM, das mal einzubauen in das, was sie veranstalten, ganz von selbst. Und nicht in die ausgesonderten Extra-Zonen zu verbannen. Mobbing ist oft die Antwort, insistiert man darauf. Offenes und verstecktes.

Es ist eben deshalb schon sehr spannend, wie Esmer auseinander nimmt, wie die Nazi-Vergangenheit geteilte Selbstverständnisse verhindert und durch sie ja gerade im Falle der Antirassismusarbeit sich auch krass krude Reaktionen vor eine Hinterfragung von „White Supremacy“ schieben.

Was einer der Gründe ist, dass Deutschland in solchen Fragen so erbärmlich provinziell ist – weil in einer Art dialektischer Tollheit die Vergangenheit zur Stabilisierung von Dünkel genutzt wird. Und es sich im Fall von PoC, von Herrn Esmer und Herrn Rösler auch nicht ganz so einfach so was sagen lässt wie „Die Nazis waren doch eh alle schwul und geisteskrank“.

Für die nicht minder populäre Behauptung, die Schwarzen seien doch die wahren Rassisten – besonders beliebt ausgerechnet in Miles Davis-Biographien – , braucht es schon einen Umweg mehr.

Und ich möchte auch nicht wissen, wer Herrn Esmer nun die Armenier mit Verve in die Kommentarsektion schreibt, um so zu bestätigen, was er schreibt.

„Meines Erachtens sind die politischen Maßnahmen, die als Entnazifizierung bezeichnet wurden, erfolglos gewesen, denn diese Methode war einzig ein Verbot der Nazidenke. In den Bildungseinrichtungen wurde durch ständiges Wiederholen ein Schuldkomplex eingepflanzt, ohne den Nachkriegsgenerationen Werkzeuge zur Hand zu geben, wie man denn nun damit umgehen soll.“

Bei „Schuldkomplex“ zucke ich auch schon wieder zusammen und meine den Nachhall von „Schuldkult“ und Ähnlichem zu vernehmen. Aber bin ich dann nicht exakt in jenem Belehrungsduktus gelandet, den Esmer völlig zu recht angreift?

Weil ich ihm auch hinsichtlich der Diagnose erfolgloser Entnazifizierung vollkommen zustimme. Ich höre aber schon die Sätze „… dann kommt da so ein Türke und will UNS etwas von Entnazifizierung erzählen!“ Und exakt das meint er ja.

Empfehle dringend die Lektüre.

(Übrigens auch und gerade hinsichtlich demnächst statt findender Veranstaltungen zum Thema „St. Pauli selber bauen“.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s