Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kein Vergeben – kein Vergessen!

Harald Stender-Platz, 27. 1. 2014, 19 h.

Es sind bereits sehr viele versammelt. Ich werde los und lasse raus, wie sehr es mich geärgert hat, dass im letzten Jahr bei der Ansprache Lesben und Schwule vergessen wurden.

Nicht wegen der „Opferkonkurrenz“. Sondern weil Rassismus/Antisemitismus, Zwangsheterosexualität, die Degradierung von Frauen zu Gebärmaschinen, um das Wachstum des „Volkskörpers“ zu forcieren und dem „Führer“ Bombenfutter für die früh geplante nächste Schlacht zu schenken, die Hatz auf Sinti und Roma, das Ermorden Behinderter und psychisch Kranker und die Überführung von Schwarzen ins KZ aus bestimmten Perspektiven auch zusammen hängen.

Die Singularität der Shoah steht nicht in Frage.

Der Nationalsozialimus als krasseste Ausprägung eines Extremismus der Mitte mit Mitteln des Staates hat manifeste Ressentiments gebündelt, den Dünkel der White Supremacy zum „Arischen“ zugespitzt und ihn dennoch auch gegen „Slaven“ gewandt, Herr Friedrich. Deswegen liefen die Feldzüge in Frankreich anders ab als in Osteuropa. Dieser Dünkel und die radikale Zurückweisung des Gleichheitspostulates charakterisierten das „3. Reich“. Dieses hat sich und „Ariern“ im Allgemeinen „kulturschöpferische“ Größe angedichtet, um jene, die vermeintlich nur „schmarotzten“, gnadenlos der Auslöschung anheimzugeben. So entstand das Gerede über Juden, die sich in „Wirtsvölkern einisteten“, weil sie ja angeblich so was wie Kultur oder Nationalstaatlichkeit gar nicht zustande brächten und immer nur auf Kosten Anderer leben würden. Steht so in „Mein Kampf“. Man wusste vorher schon, was hinterher angeblich keiner gewusst haben will. Mein Vater hat Bergen-Belsen noch gesehen, da wird er nicht der einzige gewesen sein.

Der Nationalsozialismus hat vorübergehend so erfolgreich sein können, weil schon zu Beginn der 30er Jahre dje Nazis in den Staatsapparat einsickerten, weil die wilheminischen Geister dort wie auch die Bürgerlichen und das Kapital mit ihm paktierten und weil er dezidiert antikommunistisch auftrat. „Gegen links!“ gehörte zu den schärfsten Waffen auf dem Weg zur Machtübernahme. Es war diese schon vor 1933 einsetzende Unterwanderung der Exekutive, die die Gleichschaltung in atemberaubender Geschwindigkeit ermöglichte. Und angesichts der „Gewalt auf der Straße“ sehnten sich viele nach „Recht und Ordnung“. Als Kapitalismusrettungsprogramm erfuhr er Unterstützung derer, die davon profitierten.

Sein Erfolg gründete auch darin, dass er rassifizierte, was Tradition hatte: Christlicher Antijudaismus und „Bevölkerungspolitik“. Das hatte er selbst nicht erfunden. Aber umgesetzt.

Demographiedebatten sind nie unschuldig. Sie waren es schon im 19. Jahrhundert nicht, als sie entstanden. Als jede nicht der Fortpflanzung dienende sexuelle Praktik psychiatrisiert wurde, man Frauen „hysterisierte“, widersetzten sie sich der Vergewaltigung in der Ehe. Und wüste Theorien die nunmehr „Homosexualität“ genannte „gleichgeschlechtliche“ Lust pathologisierten, um sie „behandelbar“ zu machen. In dieser Tradition stehen die Homo-Heiler und die Evangelikalen, die mit ihrer Unverschämtheit von der „Pink Svastika“ schwätzen und so für Mord, Totschlag und Vernichtung in afrikanischen Staaten sorgen, den üblichen Methoden der Kolonisatoren halt, und nicht in jener der ins Reine kanonisierten biblischen Texte.

Die Nazis kamen nicht aus dem Nichts. Sie waren nicht der Heimsuchung gleich wie im Heimatfilm. Sie wurden von Förstern in Silberwäldern gefeiert und hatten eine breitere Zustimmung, als die DDR es je hatte.

Auch, weil das deutsche Ego sich „gedemütigt“ fühlte. Jenes, das unter Wilhelm Zwo militarisiert wurde und im Wettstreit um den „Platz an der Sonne“, dem mordenden und brandschatzenden Erringen von Kolonien, mitspielen wollte. Deshalb und wegen reiner Kriegslust war der „deutsche Flottenverband“ der mit den meisten Mitgliedern seiner Zeit, im späten 19. und frühem 20. Jahrhundert. Wegen der „Schande von Versailles“ fühlte es sich „gedemütigt“. Auch wegen schwarzer Besatzungsoldaten im Rheinland. Deren Kinder landeten im KZ. Während zuvor in den Kolonien vieles ausprobiert wurde, was die Nazis im Zuge ihrer industriellen Genozid-Maschinerie dann „weiter entwickelten“. Einer Maschinerie, der auch so called „unwertes Leben“ zum Opfer fiel – weil es sich den ökonomischen Erfordernissen, der Nützlichkeit entzieht, auf die die Kriegsmaschinerie der Nazis gründete.

Es waren Buna-Werke und Zwangsarbeiterschaft, die den Ort zuwiesen, an dem Auschwitz entstand. Werke der „IG Farben“, die Vorgeschichte unter anderem von Bayer Leverkusen. Und somit auch des „deutschen Wirtschaftswunders“, das ja nicht nur wegen des Marshall-Plans entstand, sondern auch aufgrund all der Kontinuitäten. Mein Vater, selbst noch Pimpf, Flakhelfer und mit 17 an die mitten in Westfalen verlaufende Front geschickt, trat in den 60er Jahren aus einer Studentenverbindung aus, weil er die antisemitischen Sprüche nicht mehr aushielt. In der Verbindung waren vor allem Juristen. Solche, die für „Recht und Ordnung“ zuständig sein würden. Wann die christlichen Kirchen von ihrer Taufbereitschaft absahen, das kann ja jeder selbst ergoogeln. Es war deutlich nach 1945. Sehr viel später.

Stehe vor dem Millerntorstadion. Die nackte Fassungslosigkeit angesichts von Deportation und systematischer Vernichtung packt mich eiskalt. Obgleich da nix „irrational“ war.

Ein Kranz wird an der Gedenktafel niedergelegt. Die Menge schweigt. Man spürt, dass es um mehr geht als um Symbolpolitik. Dass wirklich der Opfer gedacht werden soll und nicht der eigenen postnationalsozialistischen Größe und achwiedolle man ja aus der Geschichte gelernt habe. Es ist Einfühlung spürbar.

Erinnere mich daran, dass mit Richard von Weiszäcker in einer wirklich großen Rede 1985 erstmals ein Spitzenpolitiker Homosexuelle erwähnte als Opfer der Nazis. 40 Jahre nach Kriegsende. Eine Rede, die heute vermutlich als linksradikal gelten würde.

In der Hinsicht standen ja Adenauer und sein Umfeld ganz in im Gefolge nationalsozialistischer Politik, der Paragraph 175 wurde unverändert übernommen und dessen Opfer nie rehabilitiert, Herr Blüm. Ihre Partei hat das immer wieder verhindert. Und Helmut Schmidt als Innensenator setzte das Tanzverbot zwischen Männern durch, das in der Hamburger Neustadt galt. Adenauer, der bei jeder „Wiedergutmachung“ an deutschen und nicht-deutschen Juden vorsichtshalber auch den „Vertriebenen“ eine Runde spendierte, weil sonst der Volkszorn hoch kochte. Man solle doch erst mal an die Ausgebombten denken. „Wiedergutmachung“ war nicht populär, und das Gerede von geldgeilen Israelis, die erpresserisch deutsches Geld sich einverleiben wollten, indem sie den Holocaust „instrumentalisierten“, war noch Standardrepertoire bei den Eltern von Schulfreunden, die die „Wall Street-Juden“ als weltbeherrschend betrachteten. So gab es in Hannover, wo ich her komme, zwar riesige Schlesier-Treffen, aber kaum wahrnehmbares jüdisches Leben.

Die Menge gestern lauschte der Tochter eines aktjven Widerstandskämpfers, der Glück hatte, nach England ausreisen zu können. Das, wie viele andere Länder auch, man denke nur an den Umgang der Schweiz mit Else Lasker-Schüler, lange Zeit keine Juden aufnehmen wollte.

Und da verteidigt Herr Neumann einen Abschiebestaat als Lehre aus Weimar? Da quasselt Herr Gabriel davon, Rassismus sei das gewesen, was die Nazis getrieben haben, deshalb gäbe es jetzt gar keinen mehr? So kann man Gedenken halt missbrauchen, so, wie die das tun.

Die Menge gestern hingegen hörte schweigend zu. Meine ständige Angst davor, dass das „Gegen Nazis!“ dazu dienen könnte, sich mit deren Opfern und der Funktionsweise des Nationalsozialismus nicht beschäftigen zu müssen, wurde gemildert. Das tat gut. Auch, weil Spieler unter den Lauschenden waren. Fabian Boll, Jan-Phillip Kalla, Florian Kringe. Und Philip Tschauner, der neulich noch die Regenbogenhandschuhe trug. Eine Mannschaft immerhin, die jüngst auch das Transparent „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ ins Stadion trug.

Man muss sich, will man gedenken, immer wieder die Gründe vergegenwärtigen, die Nazis dazu trieben, sich ausgerechnet diese Opfergruppen zu suchen. Nicht, weil die Opfer solche geliefert hätten, wie mancher ja auch raunend daher walsert. Nein!

Sondern weil diese Gründe sich aus dem ergeben, wie sich jene Mehrheitsgesellschaften und Mehrheitsgesellschaftler selbst verstehen, die gegen Minderheiten bis hin zum Mörderischen hetzen. Und auch, welche wirtschaftlichen Interessen sich dahinter verbergen, dass sie es tun.

Die Nazis haben es in der Tat unvergleichlich (!!!) auf die Spitze getrieben mit ihrem Grauen, ihrer Patchwork-Ideologie und ihrem ungezügelten Willen zu Macht und zur Gewalt.

Die Quellen, aus denen sie sich speisen, sind freilich auch geringer dosiert ein Gräuel, vernichten und sind gewalthaltig.

Gedenken im Sinne des „Nie wieder!“ gelingt nur dann, wenn man sich das immer wieder klar macht.

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Eine Antwort zu “Kein Vergeben – kein Vergessen!

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