Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Von Hollywood lernen

Kennt jemand „Adaption“, diesen zauberhaften Film mit Nicholas Cage als Brüderpaar, Zwillinge halt, der ein Film über das Drehbuchschreiben ist?

An Details kann ich mich gar nicht erinnern. Aber daran, dass er sich über die Schule und die Schüler von Robert McKee lustig macht.

Der hat ein einflussreiches Buch namens „Story – Die Prinzipien des Drehbuchschreibens“ verfasst. Und erhält in „Adaption“ sogar einen Auftritt.

Wenn ich mich recht entsinne, soll Nicholas Cage einen Bestseller, der irgendetwas mit einer Orchidee zu tun hat, in ein Drehbuch überführen. Die Autorin des Bestsellers wird von Meryl Streep gespielt. Geplagt von episch-kosmologischen Visionen eines künstlerischem Films und Rückenproblemen zudem scheitert er an der Adaption. Bis sein Bruder, an Robert McKee geschult, die Sache übernimmt und prompt die Filmhandlung zu atemberaubender Geschwindigkeit sich steigert, irrwitzige Wendepunkte Handlung statt Reflektion voran treiben, aufgedeckte, schäbige Geheimnisse den Zuschauer erfreuen, Situationen, in denen die Protagonisten in Gefahr geraten, sich häufen und eine völligen Entzauberung der zuvor so sanftmütig kultivierten Bestsellerautorin als egomanische Diebin geschützter Pflanzen eine gute Pointe liefert.

Ein Film über das Erzählen, der beide Seiten aufs Korn nimmt: Die als Kunst getarnte Langeweile epischer Onanie wie auch das ins Absurde kippende Dramatisieren, das keine Ruhepausen kennt, Suspense auf Teufel komm raus erzeugen will und eben nur Action, Handlung, kennt.

Was dann bei Filmen, die sich wohl als „Arthouse“ verstehen, als Gegenreaktion wieder unerträglich stilisierte Bildverliebtheit nach sich ziehen kann, einen Fetisch des Bruchs und der Diskontinuität und selbstverliebte Ausweichmanöver, die vor lauter Weglassungen und Andeutungen gekünstelt rein gar nichts mehr erzählen.

Ebenso entstehen Stilblüten in Überlänge wie die Verfilmung des „Nachtzug nach Lissabon“, wo ein ständig getriebener Jeremy Irons wie besessen durch ein pittoreskes Postkarten-Portugal hetzt und absolut unverständlich bleibt, was ihn antreibt. Und das ganze Niveau suggeriert, weil scheibchenweise die Geschichte einer Widerstandsgruppe gegen die Diktatur einst enthüllt wird und existentialistische Plattitüden aus dem Off gesprochen werden. Und sich die Hauptfigur an der „Intensität“ der Erfahrung von Folteropfern weidet und dass sie doch so auf Handeln setzten und nicht wie er nur auf Altphilologie.

Ein Film, der deswegen viel geguckt wird, weil humorlose, gelangweilte DIE ZEIT-Leser in ihren bildungsbürgerlichen, weißen Heterowelten wie auch bei manchem Tatort in seiner Volkshochschulhaftigkeit glauben, da würde etwas über „Politik“ erzählt.

Als wisse nicht jeder vorher schon, dass es verwerflich ist zu foltern. Obgleich sich selbst diese Sicht der Dinge seit Waterboarding ja verwaschen hat.

Das sind dann die gleichen Leute, die heimlich Sarrazin zustimmen, die so was gucken. Die Leitartikel Giovanni diLorenzos und Co zur Rettung kolonialer Sichtweisen in Kinderbüchern und Performances von Denis Scheck in rassistischer Kostümierung vermutlich richtig und witzig finden. Dass ausgerechnet die dann mit Tucholsky, der ins Exil gehen musste und nicht lange überlebte, „Was darf Satire? Alles!“ ausrufen, wenn es darum geht, Minderheiten zu diskreditieren: Krass, wie das, was hierzulande als „Humor“ gefeiert wird, von eben dieser Haltung lebt und somit einfach nur als mehrheitsgesellschaftlicher Zement Verhältnisse geronnen hält. Selbst mein gerade mal 19jähriger Neffe plappert diesen Bullshit schon nach, dass jede Minderheit ein Recht darauf habe, sich über sie lustig zu machen. Da lacht der weiße Deutsche. Nur möglichst nicht über sich selbst.

Und immer wieder scheint es mir, dass hier auch die ästhetischen Verhältnisse seit Harald Schmidts Polenwitzen auch rein gar nichts anderes mehr erlauben. Und dass es sich drum lohnt, wenigstens in die Hollywood-Theorie hinein zu lesen, wenn das auch in der Praxis so oft nun auch nicht eingelöst wird:

„In Hollywood hat jeder Gastgeber diesen Fehler schon einmal gemacht: „Wir laden ein paar Komödienautoren zur Party ein. Dann wird es bestimnt lustig.“ Sicher … bis sie den Rettungsdienst rufen müssen. Diese zornigen Idealisten wissen aber, daß kein Mensch ihnen zuhören würde, wenn sie über den zerrotteten Zustand der Welt dozierten. Doch indem sie Hochstehendes trivialisieren, Snobismus durch den Kakao ziehen, wenn sie zeigen wie die Gesellschaft von Tyrannei, Narrheit und Gier beherrscht wird und so die Leute zum Lachen bringen, ändert sich vielleicht etwas. Zumindest wird ein Ausgleich geschaffen.“

Robert McKee, Story, Berlin 2000, S. 385

Aus dieser Perspektive war die Klobürste wirklich gut. Ebenso das lustvoll intonierte, vor Ironie triefende „Ladies and Gentleman“, das der moderierende Lampedusa-Flüchtling bei der „Schattensenat“-Performance in der St. Pauli-Kirche treffend platzierte. Auch „Stromberg“ und die „Heute-Show“ wagen es.

Ansonsten freilich herrscht eher die kontrafaktische Suggestion der Tyrannei faktisch Machtloser in Deutschland gnadenlos und greift epidemisch um sich. Weise weiße Deutsche auf ihre alltäglichen Herabwürdigungspraxen hin – prompt werfen sie sich in die Pose des Unterdrückten und Zensierten. Mach Dich dann noch über sie lustig, und es wird richtig gefährlich …

Die oben skizzierte Methode der Neuen Rechten ist erstaunlich erfolgreich, liest man sich die Leitartikelei im Allgemeinen durch. Weil seit Wilhelm Zwo spätestens die meisten Kulturpraxen dazu dienen, den Dünkel, die Achsoüberlegenheit des als eigen Verstandenen zu stabilisieren („WIR haben aus dem „3. Reich“ gelernt!“) und mittels Mario Barth noch die zur „Unterschicht“ Degradierten daran partizipieren zu lassen, wo man ihnen sonst schon nix mehr lässt. So trinken sie den Kakao, durch den man sie zieht. Fun ist ein Stahlbad, Und dazu gehört auch, über Machtlose zu lachen mit Dennis Scheck. Wieder im anderen Klassenzusammenhang.

Alles andere scheitert an der Filmstiftung.

Vielleicht sollte man sich lieber mal wieder von jenen Weisen des angloamerikanischen Erzählhandwerks inspirieren lassen, die ihre Formen aus Inhalten gewinnen. Liest man bei McKee genau hin, plädiert er dafür. Die Kunst der Dramatisierung kann über die Figur und deren Beziehungen auch hinein gehen in ein Thema und es brechen, statt Stellvertreter zu erfinden.

Anstatt in deutschem Dünkel sich ach so überlegen der Massenware der Kulturlosen zu wähnen. Um zugleich völlig dogmatisch die Fetzen all des Lehrbuchwissens, die allerorten gelehrt werden, Stoffen aufzuprägen, ohne sie aus ihnen entstehen zu lassen. Weil man so in stereotypisierten Rahmen diese aufbrechen könnte – zugunsten des Besonderen. Zumindest dann, wenn man das ernst nimmt, was Robert McKee schreibt. Um so das falsche Allgemeine, das als Macht in den Beziehungen wirkt, zu konservieren.

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