Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Eat the Meat“

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Beziehungslos in einem Raum im Schatten Eimsbütteler Hochhäuser sitzen. 2 fremde Männer checken mich ab. Was kann der? Ist der eine Gefahr, weil er etwas besser kann? Nervt er, weil er gar nichts kann? Männer mittleren Alters. Sie kommunizieren wenig. Ich bin ihnen zu laut, sie haben sich die leisen, filigranen Nuancen in die Finger trainiert. Ganz kultiviert. Ich will sprechen über das, was wir tun. „Willst Du etwa Feedback?“

***

Pittsburgh. Queer as Folk, eine Fernsehserie aus den frühen Nuller-Jahren. (Achtung, Spoiler) Brian Kinney, Partner in einer Werbeagentur, kreiert die Kampagne für einen konservativen Polizeichef, der Bürgermeister werden will. Dieser plädiert für Moral, Sitte und Anstand. Will den „Sumpf“ in der schwulen Szene „trocken legen“. Brians Freunde verstehen es nicht, dass er diesen Law & Order-Demagogen unterstützt. Brian jedoch träumt davon, die „großen Tiere“ als Kunden zu gewinnen, die ihm eine Karriere in New York ermöglichen könnten. Sein Kumpel Ted, Betreiber einer Porno-Website, wird verhaftet – einer seiner Angestellten hat sich mit gefälschtem Ausweis eingeschlichen und ist minderjährig. Der Polizeichef möchte den Fall aufblähen, ein Exempel statuieren. Brian rät ab.
So schaffe er nur einen Märtyrer, liefere Gründe zu glauben, dass er nur auf die Kleinen, Schwachen einschlagen würde. Sein Vater habe ihn gelehrt, dass, wenn er sich prügeln wolle, er dieses doch mit jenen der eigenen Größe tun solle. Der Polizeichef pfeifft die Staatsanwälte zurück.

Bei der Beerdigung seines Vaters hatte Brian der versammelten Trauer- und Familienschar böse lachend berichtet, wie sein Erzeuger die Mutter gebeten habe, ihn abzutreiben, weil er nicht noch so ein Balg wolle wie ihre Tochter.

Brians Mutter trinkt und prognostiziert ihm regelmäßig die Hölle. Männer, die bei Männern liegen, seien ein Gräuel. Mit ihrem Priester hat er schon in einem Darkroom gefickt.

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Wir spielen erst „Girl from Ipanema“, dann „Black Orpheus“. Bei letzterem, auch „Manhana de Carneval“ genannt und von Alexandra mit den Worten „Das Glück kam zu mir wie ein Traum“ gesungen, finden sie mittendrin die Akkorde nicht mehr. Die Melodien sind verhältnismäßig einfach zu spielen. Sie haben Gitarre und Bass in Verstärker gestöpselt, ich übertröte sie problemlos. Sie zupfen, ich röhre. Wir probieren uns an zwei Stücken vom „Kind of Blue“-Album. Verstehe die Notation von „So what“ und „All Blues“ nicht, sammel mir aus den Tonleitern, die meine iReal Pro-App ausspuckt, ein paar passende Töne zusammen und spiele irgendwas. Finde meine Rhythmik banal, Spaß macht es trotzdem. Es befreit, Goldie Horn in den Höhen quietschen zu lassen, dass es sich wie Schreie anhört, solche zwischen Lust und Verzweiflung angesichts dessen, dass die beiden versuchen, so ORDENTLICH zu spielen. Und möglichst nah am Original. Was mir eh verwehrt wäre. Wie John Coltrane, Cannonball Adderley oder Miles Davis spielen: Utopisch. Jahrelang 11-14 Stunden täglich Skalen üben will ich nicht. Achte bei Coltrane immer auf die Rhythmik und das, was ich als Melodie und Phrasierung höre und verstehe es nicht. Mein Sax-Lehrer erklärt mit später, Coltrane habe versucht, durch das schnelle Spiel der Tonfolgen einen Gesamtklang der Tonleitern und Akkorde zu erkunden – auf einem Instrument, das gar keine Akkorde spielen kann, sondern immer nur einen Ton. Demonstriert es mir, indem er in Höchstgeschwindigkeit in den Corpus eines Klaviers bläst. Das antwortet mit einem Echo, einer verhallenden Klangfläche. Aber es antwortet. Die Welt geht auf.

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Fahre mit meinem ehemaligen Kompagnon durch Hammerbrook. Oder ist es Rothenburgsort? Durch Lagerhäuser und Speditionen hindurch. Gerade noch waren wir gemeinsam einkaufen wie ein altes Ehepaar. Er biegt ab, „Das musst Du sehen! Das nennt man hier auch Klein-Afrika!“ Eine Parallelökonomie offenbart sich mir: Höfe, Garagen, Hallen bieten ein ganz anderes Bild als Schulterblatt oder Mönkebergstraße. Lastwagen werden flott gemacht, um in afrikanische Staaten verschifft zu werden. Kühlschränke auch. Läden mit Allerlei. Spielzeug, Möbel, Elektro. Er berichtet, wie er genieße, dort auf manchem Hof nur unter Schwarzen zu sein. Er könne auch gar nicht anderes mehr gucken als „The Wire“ weil da mal nicht nur Weiße in den Hauptrollen zu sehen sind. Bin völlig begeistert von der Szenerie inmitten des Industriegebietes. Dort passiert das, was in innenstädtischen Regionen da, wo es möglich wäre und nicht schon Investoren alles platt gemacht haben, sofort von weißen, linken Szenen okkupiert würde, die seit 30 Jahren gleich aussehen, das gleiche sagen und das gleiche machen. Obwohl manche noch nicht mal geboren waren zu Zeiten des „Hamburger Kessels“. Hier, draußen, im Industriegebiet, entsteht kulturelle Zukunft.

Mein Ex-Kompagnon erzählt von einer Veranstaltung, da Olaf Scholz ausgerastet sei, als man ihn auf „Racial Profiling“ angesprochen habe. Wütend mit einem Vortrag über seine heroische Lebensleistung antwortete, bis ihn jemand darauf hin wies, dass er auf die Frage gar nicht eingehe. Ich erzähle von der Aussage Olaf Scholz‘ in Niendorf: „In Hamburg wird niemand aufgrund seiner Hautfarbe von der Polizei kontrolliert!“ Mein Ex-Kompagnon bekommt einen Lachkrampf.

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Brian Kinney wurde aufgefordert, eine Kampagne für eine Steakhousekette zu planen. Er schmeißt sich weg vor Lachen angesichts der tumben Provinzialität dieser rustikalen Restaurants und schüttet Häme aus. Wie fast jeden Abend besucht er, obgleich doch sein Lover Justin zu Hause mit ihm kuscheln möchte, den Darkroom der Discothek „Babylon“. Zur Entspannung. Lässt sich vom willigen Gegenüber einen blasen. Dieser ruft aus vor der Tat: „Eat the Meat!“ Am nächsten Morgen präsentiert Kinney dem Vorstand der Steakhousekette einen ersten Kampagnenschritt, der aus dem Plakatieren von lediglich 3 Worten bestehen würde. Kein Logo, kein Steak. Sein Partner in der Agentur findet das genial. Wie ihm nur immer so etwas einfiele? Die Idee sei ihm eben so gekommen, antwortet Kinney.

Bei Facebook diskutiere ich parallel zum Anschauen von „Queer as Folk“-DVDs am Computer mit zwei schwulen Kommunisten, ja, die gibt es, über ein Foto in der taz zum Schwerpunkt „Homosexualität“. Das Close-Up eines Mundes, der sich, umgeben von Bartstoppeln, Lippenstift aufträgt. Sie ereifern sich über das Klischee, ich finde es sexy. In der schwulen Szene würden immer alle nur ans Bumsen denken, schreiben sie.

Parallel im Facebook-Chat kann es ein alleinerziehender Vater nicht fassen. Schwule Kommunisten? Wüssten die denn gar nicht, was die in der Vergangenheit mit Schwulen angestellt hätten? Neulich beim Frühstück berichtete er noch, wie er die Stellungen von Partisanen gegen die italienischen Faschisten in den Dolomiten besichtigt hätte. Die hätten Schwule, wenn sie sie entdeckten, kurzerhand erschossen.

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„Wie zum Teufel baue ich so ein Sax-Solo denn mal auf? Muss ich das nicht vom Ende her denken? Mache ich doch auch so, wenn ich einen Film baue: Alles muss eben auf dieses Ende hin arrangiert werden.“ „Lern doch erstmal die Töne, die zu den Akkorden passen“ antwortet mein Lehrer. „Aber deshalb mag ich doch auch die Oper lieber als Symphonien: Wenn Tosca zum Schluß von der Engelsburg springt, bin ich ja zufrieden. Also jetzt nicht, weil sie springt … .“ „Ich weiß nie, wo es enden wird, wenn ich improvisiere.“

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Der Polizeichef, dessen Kampagne Brian Kinney steuert, setzt ganz auf Moral, auf Werte, auf die Sauberkeit der Stadt. Und sorgt dafür, dass eine Sauna nach der anderen in der Liberty Street, der schwulen Meile, schließt. Das schwul-lesbische Zentrum unterstützt ihn bei seinen Aktionen, um das Schmuddelimage des „Schwulen-Mileus“ einer Renovierung zu unterziehen. Brians Lover Justin kreiert stattdessen Plakate, die den Polizeichef mit Hitlerbärtchen zeigen und klebt sie heimlich in der ganzen Stadt. Der Polizeichef ist erbost – in einer Zeitung sei das aufgegriffen worden, man habe ihn Nazi genannt! Brian sagt, er solle dem doch einfach mit Humor begegnen. Justin macht Praktikum in Brians Agentur und vervielfältigt dort nachts heimlich die Plakate. Brian erwischt ihn und untersagt das illegale Kopieren. Sie gehen ins „Babylon“. Der Polizeichef hat den dortigen Darkroom schließen lassen. Brian geht mit Justin Plakate kleben. Überzeugt den Polizeichef, doch zur Verbesserung des Images Veranstaltungen von ethnischen Minderheiten zu besuchen – und auch das schwul-lesbische Zentrum. Das unterstutze ihn schließlich. Als der Bürgermeisterkandidat seine Parolen zu Moral, Sitte und Anstand hält, konfrontieren Brians Freunde, u.a. Debbie, die wundervolle und buchstäbliche Schwulenmami par excellence und Mutter seines besten Freundes, bei der er Teile seiner Jugend verbrachte, den Polizeichef mit plakatgroßen Fotos der Opfer ungeklärter und ungeahndeter Morde und Mordanschläge an und auf Transsexuelle und Schwule. Weil sich die Polizei für deren Klärung nicht interessiere. Eines der Plakate hält Justin hoch, selbst Opfer einer homophoben Attacke durch einen ehemaligen Mitschüler, die er gerade so und mit leichter Behinderung überlebt hat. Die Veranstaltung gerät zum PR-Desaster für den Polizeichef. Er erkennt Justin wieder als jemanden, den er bereits in der Agentur gesehen hat. Stellt Brians Kompagnon des nachts zur Rede: Jemand, dem er vertraue, habe ihn doch in eine Falle gelockt. Sie fahren zu Brians Loft, um ihn dort zur Rede zu stellen. Treffen auf Justin und Brian, die inmitten der den Polizeichef verunglimpfenden Plakate und auch auf ihnen Sex haben. Brian verliert seinen Job. Debbie besucht ihn, sie kiffen zusammen, Debbie erstmals seit Jahren – er witzelt über Jefferson Airplanes „White Rabbit“, sie erinnert sich kichernd an Sex mit drei Männern gleichzeitig beim Woodstock-Festival, die alle den gleichen Namen nannten. Sie ist stolz auf Brian und fragt ihn, warum er immer den zynischen Bosewicht spiele.

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„Baut man so ein Solo nicht vom Einfachen zum Komplexen auf? Erst einen simplen Rhythmus anspielen und dann erweitern?“ „Ich will nicht, dass Du Dir das alles immer so kompliziert machst!“

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Und wie mache ich nun aus alledem meine „Tales of St. Pauli“, die lang schon angekündigte eBook-Soap?

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4 Antworten zu “„Eat the Meat“

  1. Erik P. Hauth Januar 23, 2014 um 1:58 pm

    Denk das doch vom Anfang her. 😉

  2. momorulez Januar 23, 2014 um 2:09 pm

    Ja, das war die Pointe des Textes – einlassen und rauslassen statt Ordnung suchen. Muss ich jetzt mal machen und mir das Konstruieren austreiben …

  3. Ring2 Januar 23, 2014 um 6:01 pm

    Ich war ja vorstrukturiert durch dutzende Cafés mit eben diesem Sujet ;))

  4. momorulez Januar 23, 2014 um 6:02 pm

    Welchem? Saxophon-Soli?

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