Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Raumdenkzeiten außerhalb und ihre Klänge: Das „Subito“, das „Opera House“, „Queer as Folk“, Stonewall und Michael Neumann

20140116-173954.jpg

Was für ein Geschenk!

Die eigenen Jahre, lange her, hier in Hamburg, als es noch lebte und in Bewegung war.

Jetzt beklagen noch Jüngere als ich in DIE ZEIT das Clubsterben und kramen dabei das Dahinscheiden mancher der Lokalitäten wieder aus, die den Atem der späten 80er konservierten, heterosexualisierten und schwarz sowieso nie waren. Habe hier selbst einst beipflichtend einen Text von Reinald Goetz über das „Subito“ zitiert und bitte aufrichtig um Entschuldigung. Alleine schon, weil aus Diedrich Diedrichsen dort eine zweifache Ver-N-Wortung wurde.

Natürlich war das toll. Im „Subito“, wo jene herum hingen, die heute noch von taz-Autoren befragt werden, wenn es um Gentrifizierung geht und die Pudeleien mumifiziert haben. Immerhin solchen taz-Autoren, die großartigerweise in den frühen 80ern nach Berlin pilgerten, um Marc & The Mambas zu hören. Marc Almonds Selbszerstörungsprojekt, jenes Marc Almond, der der Welt mit „Say hello, wave goodbye“ einen der schönsten Pop-Songs ever einsang. „Standing in the door of the Pink Flamingo. Crying in the rain.“ Gestern war bei Facebook zu lesen, Gott sei schwul, weil ein Heterogott niemals Flamingos erschaffen hätte …

Marc & The Mambas: Düster, dissonant, dramatisch. Torment and Toreros. In my room – immer allein. „Caroline says“, ein Lou Reed Cover – it was such a funny feeling, als die Hand durch die Glasscheibe drang. Ich googel den Text jetzt nicht, was zählt, ist das Klangbild in der Erinnerung. Während vorm Stairway am Neuen Pferdemarkt Goths sich tummelten, trieben die anderen schwarz Gekleideten sich im Dschungel herum. Noch auf der anderen Straßenseite war er, wenn ich mich recht entsinne das ehemalige Vereinslokal der „Hell’s Angels“. Die fuhren ins „Picken Pack“

am Anfang des Schulterblatts einst noch mit ihren Harleys hinein.

Neben dem alten Dschungel befand sich eine Tankstelle. Nach einer berauschend durchzechten Nacht bekam man auf einmal von allen möglichen Leuten Zigarettenschachteln geschenkt. Volle Zigarettenschachteln. Ich nahm ein paar Rothändle mit Filter von Theo, der später mit O. in der Hafenstraße wohnte. In der Nacht war kurzerhand die Tankstelle gestürmt worden.

Das „Um Mitternacht“ am Hinterausgang der Herberstraße ein paar Treppen hinab war deshalb berühmt, weil Andrew Eldritch von den Sisters of Mercy, „My Corrosion“ hörten damals alle, dort oft am Thresen saß. Eines Abends saß ein charmanter Jüngling, mit dem ich kurz zuvor im Nichtraucherabteil eines Interregio ( 😀 ) illegal geraucht hatte, direkt links der Ausgangstür, zauberhafte schwarz gefärbte Haare und spitze Schuhe – ich warf ihm ein hoffentlich verführerisches Lächeln zu und gab mich cool, während es in mir zitterte – auf einmal scheppertte und klirrte es schaurig und mein Kopf flog schmerzend zurück. Ich hatte flirtversuchend schnurstracks strebend und zur Seite schauend nicht gesehen, dass die Glastür des Ausgangs geschlossen war. So weit meine Erfahrungen mit Glasscheiben, liebe Caroline.

In all dieses Läden waren wie selbstverständlich immer auch Grüppchen von Schwulen und Lesben. Wenn auch der doofste Witz heterosexistischer Gröhlrunden darin bestand, irgendwelche Typen zur Strafe nackt in die Frauenkneipe gegenüber des „Subito“ zu zwingen. Harhar. Der Buchladen „Männerschwarm“, der das „Frauenschwarm“ mittlerweile ergänzt hat, residierte noch am Neuen Pferdemarkt. Die monatlichen Parties im „Tuc Tuc“ an der Oelkersalle, wo Nina Hagen sich einst bei einem derer Angriffe auf dem Bürgersteig mit Neonazis prügelte: Pflichttermine. Um Mitternacht tanzten wir den Wiener Walzer, danach zu „Gimme me a man after midnight“ von ABBA und „Marleen, eine von uns beiden muss jetzt gehen.“ Im „Dschungel“ erzählte uns Despina erstmals von den geschwollenen Lymphknoten an ihrem Hals. Sie starb 1994. Eine so unendlich wundervolle Frau – ich heule und trauere gerade wieder um sie.

1988 die Wende. C. nahm mich mit zur Eröffnung eines neuen Clubs im „Grünspan“. Das „Opera House“. Ich stand ja auch erst irritiert dort herum inmitten all der kurzen Radlerhosen, der Frisuren mit nur noch einem Bürzel Haare auf der Stirn, den Smiley-T-Shirts und dieser pulsierend monotonen Musik, zu der sie mit Trillerpfeiffen schrien. Der Trockeneisnebel und die halbnackten Leiber, die Ekstase. Aciiiiiiid! Der einz’ge Weg ist hoch, Kleinkind. Kreisch! Dabei war ich doch gewohnt, Marc & The Mambas, „Torment, me and I love you“ zu hören. Ich war vorher auch schon im „Front“ gewesen, wo man hören konnte, was selbst in Paris erst 4 Jahre später ankam. Es hatte die Parties des „Kombinat“ gegeben. und doch waren „Cesar’s Palace“ am Millerntorplatz und „Opera House“ eine Zäsur. Das „Subito“ war binnen kurzem tot, obwohl ich Barkeeper Lappen eines abends den Kampfschwulen gab 😀 … Läden wie der Dschungel waren nicht mehr hip, nur noch linksalternativ. Am „Penny“ lief ich nur vorbei, verbrachte unvergessliche Nächte im „Or“ an der Gerhartstraße zu Lipovitan-Wodka und dem Sound von Miss Nico. Ihre Freundin gestaltete das Interieur – und auch schicke SM-Möbel. Mein Stammclub, weil C. an der Tür stand und die „dicke Inge“, der wohl gewaltigste Barkeeper der Stadt, mit dem bezauberndsten Zynismus so bitterböse über „Tante Sunshine“, stets solariumgebräunt, strahlend und mit blonden Locken auf der winzigen Tanzfläche zu „Cruzifued“ voguend, lästern konnte. Man ging in die Mitternachtsshow des Schmidt, später erlebte ich die schönsten und schrecklichsten Abende meines Lebens im Bistro von „Schmidt’s Tivoli“ und tanzte noch mit Knackarsch wackelnd im „Camelot“, einst Lesbendisco, nun Freitagabendevent mit Felix‘ „Don’t you want my love“ und Aretha Franklins „Freedom“ und in die Luft gerissenen Händen beim Tanz.

Das Bemerkenswerte: Bis auf das „Camelot“ habe ich diese ganzen House-Szenarien auf St. Pauli nie als nur queer erlebt. Eher als einen zwar von Koks und Ecstasy duchdrungenen und doch utopischen Raum. Es war wirklich die beschworene „Vielfalt“, die friedliche Koexistenz der Lüste. Dann konnte es einem zwar passieren, aus Versehen einen Hetero-Bundeswehroffizier schwer anzugraben, das fand der aber okay. Selbst im Tom Perstall und der Wunderbar waren immer auch Heten dabei.

Ich habe die House-Clubs auch nicht als rein weißen Raum in Erinnerung. Schon die Herkunft aus der Black Music wurde anders als im Techno nicht verborgen, Soul war auch immer da, U. hatte einen schwarzen Lover, Kay M. Sebastian, für den ich schwärmte, weil dessen Rücken im Feinripp-Unterhemd eine Offenbarung war, lief einem PoC-Jüngling hinterher, der dann Praktikum in der Firma, da auch ich arbeitete, machte, wo es auch Women of Colour als Chefinnen gab …

Komischerweise kanonisiert das niemand. In der taz nicht, in DIE ZEIT nicht. Vermutlich, weil sie alle auf dem Weg zu Tocotronic waren zur selben Zeit. Oder zum Pudel. Da kann die Story mit der vom Jolly ausgehenden „Freie Oberkörper“-Polonaise durch das benachbarte „Spundloch“ noch so oft erzählt werden. Ich habe die eh immer als Verarschung empfunden.

Ich sehe gerade erstmals so richtig „Queer as Folk“. Und bin total geflasht. All die Homophobie irgendwann wieder internalisiert habend in all den heterosexistischen Umfeldern, in denen man arbeitet, wo Kompagnon-Familienväter irgendwann in Pflichterfüllung noch letzte queere Inseln rodeten, bis ich flüchtete, war mir das nachts auf ProSieben auch „zu schwul“. Schlimm. Ist ja nicht so, dass man unberührt bliebe. Kein Wunder, dass angesichts des Partyrausches im „Babylon“, ein Club im Zentrum der Handlung, die eigenen wilden Nächte der späten Jugend wieder aufbrechen und solche Texte entstehen.

Ein Stereotypenreigen in Serienform voller Körperkult, Drogen, einer völligen Überbetonung von Sex und zudem fast völlig weiß. Die Lesben kriegen zudem die Mutterrolle zugeschoben; vergessen werden sie nicht.

Und doch geradezu ein audiovisuelles Traktat, wie man in einer feindlich gesinnten Umwelt die Würde wahrt. Bin ständig am Aufschluchzen und Jubilieren. wenn sie stolz mit einem von Kids zerstörten Jeep, auf den diese in pink „Faggots“ sprühten, mit quietschenden Reifen vor einer Schule vorfahren, um den Schüler-One-Night-Stand dort hin zu bringen. Oder mit einem anderen Jeep, von dem der Verkäufer abrät, weil so viele Schwule dieses Modell mögen würden, kurzerhand die Glasfront des Autohändlers zu Bruch gefahren wird – um das Fahrzeug dann zu kaufen. Oder auch der triumphale schwule Tanz beim Schulabschlussball, boah, das heilt kurz die alten Wunden der eigenen Abi-Feier und gleitet in der Serienhandlung doch hinüber in die Brutalität der Reaktion der Mehrheitsgesellschaft … auf’s Dramatischste und dann auch Realistischte. Pass auf, wo Du Dich zeigst.

Die Figurenkonstellationen sind so liebevoll gewoben, es treibt Dramen auf die Spitze bis ins fast Komische. Oder Ekstatische – Herzinfarkt des älteren Liebhabers beim Sex in der Flugzeugtoilette zum Beispiel. Dann doch Traurige, weil die trauernde Familie dem Lover noch nicht mal die Teilnahme an der Beerdigungsfeier zugesteht und ihn ums Erbe prellt – und entbirgt eine Binnensolidarität in der Community, dass gerade die allseits beschworene „Familie“ einen ganz anderen Sinn bekommt. Zum Disco- und House-Soundtrack. Es ist berauschend.

Guckt ruhig mal, ihr Heten. Ihr werdet Vorurteile bestätigt sehen und doch wenigstens mal eine schwule Perspektive kennen lernen, ohne sie auf Jahreshauptversammlungen nieder zu buhen. Oder das Thema „Gewalt“ von der Sexismus- und Homophobie-Frage zu entkoppeln, lieber Christoph. Guck Dir mal an, was für Formen der Gewalt die Serienfiguren erleben.

Bin gestern ergänzend noch auf einen Indie-Film von 1996 über „Stonewall“ gestolpert. Ja, jene Riots, die zum CSD führten, den manche irgendwann auf das „Homo-Ehe“-Thema reduzieren wollten. Jener Aufstand, der wegen einer Polizei-Razzia entbrannte. Nachdem die so gar nicht nur weiße LGBT-Community zuvor Polizeiterror ausgesetzt war, unaufhörlich, alltäglich. Das machen manche Polizisten so, wenn man ihnen die Macht dazu gibt. Das setzten Menschen wie Helmut Schmidt als Tanzverbot zwischen Männern in der Hamburger Neustadt auch brutalstmöglich durch. Tatsächlich historisch.

An Stonewall muss ich aktuell natürlich eh ständig denken, wenn Michael Neumann und Olaf Scholz von „Recht und Ordnung“ quatschen und die Lampedusa-Gruppe illegalisieren. Stonewall und Detroit gehören zusammen, wo ihr eh schon alle gerade Gregory Porter hört, lauscht mal „Ninety Sixty What“.

Da können Senat und Springer-Verlag die Differenz zwischen legal und legitim noch so nachhaltig einebnen wollen.

Ich weiß, was Michael Neumann 1969 in New York gesagt hätte zu den Riots.

Ich weiß aber auch, dass der Gewaltfetisch mancher weißer, heterosexueller Youngster damit nix zu tun hat.

Die Reaktion des Senates schon.

An all das muss ich aber ebenso denken, wenn Jan Freitag in DIE ZEIT über das Hamburger Clubsterben schreibt und alles vergisst, was weder weiß noch heterosexistisch dominiert war und ist …

Raumdenkzeiten außerhalb und ihre Klangwelten entbergen oft ganz andere Perspektiven.

Advertisements

6 Antworten zu “Raumdenkzeiten außerhalb und ihre Klänge: Das „Subito“, das „Opera House“, „Queer as Folk“, Stonewall und Michael Neumann

  1. Ring2 Januar 16, 2014 um 6:19 pm

    Warst Du gar nicht im Edeka? Oder Bendula? – ich möchte mehr davon, von der Perspektive, die nicht meine ist. QaF habe ich mir angesehen – erzähl ich Dir aber visavis von.

  2. momorulez Januar 16, 2014 um 6:34 pm

    Edeka war ja die Or-Nachfolge, den anderen Laden kenne ich nicht. Und Pergutory zum Beispiel war selbst mir zu verstrahlt 😀 – in der „Holiday Bar“ und auch dem „Soul-Kitchen“ waren wir zeitweise auch.

    Aber die St. Pauli-Retter übersehen ja sogar das Mojo, über das man lange streiten kann. Auf dem Spielbudenplatz war Ende der 80er auch ein reiner Black Music-Club. Für dessen Erhalt hat nie ein „Linker“ gekämpft.

    Das war aber ganz witzig, dass, als ich neulich mit Dirk vom Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus zusammen saß, er auch genau diese Stationen und teils sogar die Leute, Ingo zum Beispiel, aufzählte. Und bei mir platzte da auch ein biographischer Bruch rein, aber so ab ’94/95 änderte sich was, und nicht zum Guten, das sah er auch so. Es ist ja bezeichnend, dass, trotzdem es immer noch schwule Clubs und Kneipen auf St. Pauli gibt, jetzt St. Georg das Gay-Viertel wurde, und natürlich liegt das auch an dem othernden Dulden der erweiterten „linken Szene“ genau so wie an den Junggesellenabschieden. Und war 1987 noch nicht so. Da war das noch eher verteilt zwischen St. Pauli und St. Georg.

    Kommt bestimmt noch mehr; bin jetzt wohl in dem Alter, wo man seine wilden Zeiten dergestalt aufarbeitet 😀 – was Du zu „Queer as Folk“ sagst, interessiert mich brennend. Mich haut das erstaunlich nachhaltig um, und so ganz habe ich noch nicht verstanden, wieso eigentlich.

  3. René Martens Januar 19, 2014 um 10:10 pm

    Das Subito ist möglicherweise leichter zu kanonisieren, weil da, neben vielem anderen, große Reden geschwungen wurden (was gar nicht so negativ gemeint ist wie es klingt), im Opera House dagegen ging es ja eher um Nonverbales. Was nicht heißen soll, dass das, was sich da abspielte, weniger politisch gewesen wäre, nur lässt es sich halt schwieriger fassen. War auch für mich eine Zäsur, aber viel mehr fällt mir dazu gar nicht ein.

  4. momorulez Januar 19, 2014 um 10:30 pm

    😀 – ja, das stimmt. Aber das alleine sagt ja auch schon was aus, dass die Form des Posings eine andere war und somit nicht nur Bildungsbürgern vorbehalten war. Was bei allen Dsico-Vorgängern und Folgen ja gilt. Aber eben doch von enormer ästhetischer Wucht sind und eben einem ganz anderen Umgang mit ästhetischem Material als bei denen, die wahlweise eher an. E-Musik sich ran robben oder eher in einer literarischen Tradition stehen.

    Was ich ja ziemlich cool finde, ist, dass man die Acid-Basic-Sounds, 303, 808 und 909, jetzt alle auf dem iPad nachspielen kann mit Apps wie Rebirth. Macht Spaß.

    Und wenn man jetzt gerade in die Chicago-Sachen rein hört, ist das auch mehr als reine Funktionsmusik. Und gar nicht nur zeitgebunden. Und ich versuche dann ja immer nur, das Recht auf deren Geltung einzuklagen, wenn auch hier über den Weg der eigenen Erfahrung. Weil auch lauter Läden als relevant oft einfach aus der Geschichtsschreibung verschwinden. Aber den Weg zu Ästhetiken ebnen, die quer stehen zu den vermachteten White Supremacy-Kunst -Institutionen.

    In Berlin war das ja auch expliziter politisch als hier. Die kleine Or-Welt war trotzdem bei weitem nicht Front oder Opera House, aber irgendwie auch mehr als nur eine Stammkneipe.

    Und auch Lesben wie Andrea Juncker und Miss Nico waren damals ja auch überregional von Relevanz, vor allem erstere. Gab ja Housefrau auch bei VIVA.

  5. Franco März 4, 2015 um 10:55 am

    Yeha, suchte gestern im Netz nach ein paar Erinnerungen und Namen von Locations aus der Endachtziger Anfangneunziger Zeit und fand deinen Erinnerungswerten Text.

    Auch ich begab mich, damals Anfang zwanzig, ebenfalls fast allabendlich in das Bermudadreieck zwischen Kiez, Schanze und Hafen – alle Bars, Cafés und Clubs die du nennst waren Anlaufstellen, Subito, Dschungel, aber auch das Bendula, auf dem Spielbudenplatz, oder das Lehmitz (gibt’s ja immer noch) und nicht selten auch der Peerstall – hier ging ich übrigens fast immer allein hin und kam ein, zwei oder drei Mal auch in netter Gesellschaft wieder heraus.

    Neulich ging ich (nach laaanger Abstinenz und vielen Jahren des Exils in anderen Städten), mal wieder über den Kiez. Ich habe mich dabei nicht mehr sehr zu Hause gefühlt. Jemand hat meinen Spielplatz umgebaut, mein Wohnzimmer umgestaltet – ich fühle mich jetzt fremd hier – zwischen zig Touristengruppen, die über die Reeperbahn geschoben werden und aggressiven Horden, die nur darauf warten, dass man sie zu lange anguckt oder gar anrempelt.

    Eins sei noch hinzugefügt: ich bin eine der Heten, die damals völlig zwanglos zwischen hellblauen und rosa Welten herumdiffundierte, schwul oder nicht, das war egal, ich tat, worauf ich Lust hatte, hatte Freunde in allen Farbnuancen der Regenbogenpalette. Das hat gelegentlich auch mal für Irritationen gesorgt, nicht alle Menschen denken ohne Schubladen, das gibt’s übrigens hüben wie drüben.

    Lustig war die folgende Begebenheit eines Morgens um 5: Ich werde nie vergessen, wie erschrocken die zwei Deppen schauten, die mir und meinem Begleiter, mit dem ich gerade Arm in Arm vom Lehmitz zur S-Bahn schlenderte „Schwule Säue“ hinterherriefen – als ich in ein, zwei Sätzen neben ihnen stand und einem von Ihnen derart den Arm verdrehte, dass er die Englein singen hörte. Die haben so herrlich blöd geguckt und sich dann ganz nett entschuldigt. Ich glaube, nach meinen aktuellen Eindrücken vom letzten Kiezbesuch, dass ich heute von den herumlungernden, homophoben Gruppen aggressiver Jungmänner mit Vorstadthintergrund totgeprügelt würde.

    Schade, denn man sollte meinen, die Welt hätte sich in den letzten 30 Jahren weiterentwickelt, wäre offener geworden, auch und nicht zuletzt angesichts all der kommunikativen Möglichkeiten, die es heute gibt. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Niemand macht sich mehr die Mühe, andere Menschen wirklich kennenzulernen, oder ist imstande, anders denkende, anders aussehende, anders liebende einfach sein zu lassen. Der Begriff „Freund“ ist seit Facebook wirklich sinnentleert.

    Was bleibt sind gute Erinnerungen, an eine tolle Hamburger Zeit in damals wirklich „hippen“ und schmuddelig-schönen Schanzeclubs und auf einem multibunten Kiez.

  6. momorulez März 4, 2015 um 12:07 pm

    Danke für den Kommentar! Ich habe das damals ja auch deutlich gemischter, offener erlebt – Begriffe wie „Toleranz“ waren zumindest in diesem Dreieck echt unsinnig, das ging eh querbeet. Da sind heute noch bei den „Toleranten“ die Abgrenzungsmechanismen viel ausgeprägter. Und es ist echt gefährlicher geworden – trotzdem es damals ja auch fortwährend einfallende Nazis, vor allem rund um den Hans-Albers-Platz, gab. Bin trotzdem froh, das Damals noch erfahren zu haben 😉 – auch dieses schmalllipige Beleidigtsein, sprach man Homophobie oder Rassismus an, kam meines Erachtens erst später.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s