Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Worum ging es noch? Um Klobürsten?

Oder Kissenschlachten?

„Unser Überlebenskampf ist eure Kirmes“ hat neulich treffsicher und claimfähig eine schwarze Kommentatorin hier ins Blog geschrieben.

Das habe ich mir gemerkt, und es schießt mir unaufhörlich durch den Kopf, wenn ich Twitter und Facebook verfolge.

Völlig berauscht von der eigenen Kreativität wandelt man den vermeintlichen „Kampf gegen die Polizei“, „das System“ oder was auch immer zum eigenen Abenteuerspielplatz. Ich finde die Aktionen auch witzig. Es tritt nur völlig in den Hintergrund, um was es ursprünglich mal ging. Da ist die Senatspolitik einfach voll aufgegangen.

Born und Neumann verheizen weiter ihr Personal, auf deren Rücken mutmaßlich Privatfehden gegen das, was als „linke Szene“ vorgestellt wird, ausgetragen werden. Personal, derer nicht wenige auch schwer verängstigt durch das Viertel fahren – während sie sich zuraunen, wie eine Kollegin vom Verkehrsschild fast aufgespießt worden wäre,  hätte sie nicht die Panzerung getragen. Und warten darauf, dass Böller in die Mannschaftswagen fliegen. Ich finde nicht, dass es Gründe gibt, sich darüber lustig zu machen oder das gar gut zu finden. Ich finde das Scheiße.

Neumann und Co hingegen freut es vermutlich; der Coup ist ihnen geglückt: Noch im Herbst bei einer Demo mit ca. 15.000 Teilnehmern, da die Polizei sich äußerst zurückhaltend zeigte, strahlte auf einmal die Möglichkeit einer anderen Flüchtlingsmöglichkeit unter Führung (!!!) der Flüchtlinge selbst auf ganz Deutschland, wenn nicht Europa aus.

Dann ließen es Exekutive und manche Demonstrierende Hand in Hand  krachen, und schwups war die Stabilität wieder her gestellt:  Teile der linken Szene konnten sich wieder selbst zum am schwersten unterdrückten Opfer des Systems stilisieren. Wenn mal weiter gehend Marginalisierte zu viel Aufmerksamkeit beanspruchen, kommen damit manche ja nicht klar und legen kurzerhand Flora, Esso-Häuser und Bürgerkriegsflüchtlinge in Gedanken zusammen, um anschließend selbst ein bißchen Bürgerkrieg zu spielen und danach wieder ins Seminar, die Werbeagentur oder den Job in der annähernd ausschließlich von Weißen besuchten, linken Kneipe zu verschwinden.

 Ja, es gibt tatsächliche Opfer von Polizeigewalt, und das ist zum Kotzen, und den Opfern gilt alle Emphatie.

Dass nunmehr aber sogar bei dem „Wir sind mehr!“-Facebook-Auftritt völlig unreflektiert von „Bürgerrechten“ die Rede ist, die eben STAATSBÜRGERRECHTE sind und nicht die allgemeinen Menschenrechte, auf die die Refugees sich nur berufen können, ja, es spricht Bände. Eine sofortige Einbürgerungsforderung habe ich da nicht gelesen. Ich erhebe sie hiermit.

Die Reflektierteren aus der Szene, nicht zufällig jene, die Diskrimierung auch tatsächlich am eigenen Leibe erlebt haben, gehen stattdessen mit ihren Kindern in Polizeiwachen, um diesen die Angst vor der Polizei zu nehmen. Weil viele der Kids gerade unter Schock stehen, wenn sie sie sehen, wie mit den Freunden ihrer Eltern von Polizeiseite umgesprungen wird. Und erfahren dort von denen, die täglich vor Ort ihren Job tun, dass diese genau so angekotzt sind vom Verhalten der Polizeioberen wie auch dem Agieren der Bereitschaftspolizei. Jahrelang erworbenes Vertrauen seil mit einem Schlag zerstört worden.

Hätten mal allesamt auf die Mahnungen der Refugees im Vorfeld gehört:

„Wir wollen gerne die Gelegenheit ergreifen um über Gewalt zu sprechen, denn als Kriegsflüchtlinge aus Libyen waren wir Opfer von mehr als genug Gewalt.

Die brutale NATO-Intervention hat uns alles genommen, was uns lieb war. Wir verloren unsere Familien und verloren alles aus unserem früheren Leben. Wir erlebten Gewalt auf dem Mittelmeer und viele von uns liegen tot auf dem Meeresboden. Die unmenschliche Gewalt der Ungerechtigkeit dauerte in Italien an, wo wir unter körperlich und psychisch verheerenden Bedingungen lebten. Das Leben auf den Straßen Hamburgs; Kriminelle genannt zu werden; die Verweigerung grundlegender Menschenrechte; von der Polizei gejagt zu werden wie Tiere – das ist auch Gewalt. Was wir jetzt brauchen, ist eine Heilung von unseren gewalttätigen traumatischen Erfahrungen. Wir brauchen die Möglichkeit, unsere Leben wieder aufzubauen.

Deshalb wollen wir Alle bitten, Gewalt aus einer umfassenderen Perspektive zu betrachten. Dies bringt uns Alle näher an die Wahrheit.“

(Quelle: http://lampedusa-in-hh.bplaced.net/wordpress/stellungnahme-zu-aktuellen-themen-bezuglich-unserer-politik-diskussion-um-gewalt/ – irgendwie lässt WordPress mich gerade nicht anders verlinken, formatieren geht auch gerade nicht richtig)

Ja, natürlich geht das insbesondere auch an die Polizeiführung, die, so scheint es, mutmaßlich absichtlich die Lage eskalieren ließ.

Dennoch habe ich nirgends eine Verbindung zwischen dem, was nun temporär und ausnahmsweise auch mal weiße Mittelständler im Rahmen des Gefahrengebietes erleben, und der totalen Entrechtung der Refugees und anderer PoC in Deutschland, die fortwährend Radial Profiling erleben und gezielt von der Polizei kriminalisiert werden, gelesen. Dabei bräuchte man dazu nur mal zuhören. Das ist gar nicht so schwierig, wird aber weitestgehend vermieden.

So zum Beispiel auch von der HfbK. Ganz großartig veranstaltet sie nun auch mal ein Symposion zum Zusammendenken von Kunst- und Kolonialgeschichte, was dem gesamten Lehrplan ansonsten nicht anzumerken ist. (Quelle: http://www.hfbk-hamburg.de/fileadmin/user_upload/diverse/blackbox_lampedusa_programm.jpg). Und formuliert dort in der Beschreibung mal eben so ganz im von Sinne Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, wenn auch in Anführungszeichen, man wolle die Beziehung zum „dunklen Kontinent“ vermutlich „erhellen“. Na super. „Herz der Finsternis“ ist nicht nur die Blaupause für den Film „Apokalypse Now“, sondern auch für einen zutiefst rassistischen Erzählrahmen.

Auch die Assoziationen zu „Blackbox“ dürften ähnlich ausfallen; irgendetwas, wo man nicht rein gucken kann und auch nicht will, wie das Veranstaltungsprogramm belegt. Ist aber dunkel.

Sind zwar erfreulicherweise sehr viele Frauen, aber eben nur ein PoC-Vortragender. Die Lampedusa-Gruppe Hamburg bräuchte vermutlich gerade mal eine halbe Stunde, um das gleiche Wissen aufzubereiten; mit akademischen Weihen versieht man freilich lieber Weiße, damit das Spiel auch ja so weiter geht wie bisher. 

Das soll jetzt gar nichts gegen die einzelnen Referenten sagen. Man sehe zum Beispiel mal bei ulrikebergermann.de/pages/aktuell/total.php nach. Wirklich guter Text, ich zitiere:

„Allgemeines und Besonderes, Eigenes und Fremdes, Original und Wiederholung: solche Paare formatieren, was wir über Arbeit von Medien denken – und generell, was wir über die Struktur von Wissen denken. Die modernen Wissenschaften entfalteten sich zusammen mit kolonialen Praxen. Ein enlarged knowledge bringt Weltbilder hervor, die aus dem Inbeziehungsetzen von Universalismen und Partikularem entstehen, von Globalem und Lokalem. Medien sind hierin: Transmittier, Produkte, Agenten. Sie erlauben das Vermessen, das Verfestigen von Maßstäben, die Zirkulation widerständiger Botschaften. Dass „die Medien“ als sortierende, verbindende die Globalisierung begleitet und befördert haben, ist unmittelbar einsichtig – weniger aber die Situiertheit des europäischen Denkens in der Aufklärung/Koloniserung, in dem auch die Medienwissenschaft zu Hause ist.“

Nun wäre es ja schön, wenn diese Erkenntnis sich auch in der Reflektion der je eigenen Wissenschaftspraxis wieder spiegeln würde. Pustekuchen. Noch die Kritik am von White Supremacy beherrschten System bleibt Weißen vorbehalten, und die anderen dürfen putzen gehen, als Küchenhilfen schuften oder von der Polizei gejagt werden. Ich durfte diese völlige Blindheit gegenüber der eigenen Disziplin neulich auch in der HfbK erleben, wenn auch vor allem bei Soziologen und Medienwissenschaftlern – solchen, die vermutlich in ihrer Jugend auch mal bei einer Flora-Party waren.

So zeigt man beim Symposion den mit dem Oscar prämierten Kurzfilm „Schwarzfahrer“ von Pepe Danquardt vom Anfang der 90er Jahre, weil der am Lerchenfeld zufällig über österreichische Filmemacher lehrt, und lädt gerade mal einen (!!!) PoC-Vertreter ein. Obgleich doch „Experten“ in der Ankündigung behauptet werden.

Filme aus Togo oder Namibia? Warum denn, wenn es um deutsche Kolonialgeschichte geht? Dabei wäre der koloniale Blick und die Reaktionen vor Ort darauf ein spannendes Thema für die Dokumentarfilmer. 

Charmant auch ein taz-Interview mit der geladenen Künstlerin HM Jokinen:

„taz: Arbeiten Sie auch mit mit der (!!!) Black Community zusammen?

HKM Jokinen: Ich bin bundesweit und auch in Ghana vernetzt und arbeite auch mit Schwarzen KünstlerInnen zusammen. Ich hoffe, dass es uns auch in Hamburg gelingt, zu kooperieren. Beim sogenannten Tansania-Park in Jenfeld hat der Bezirk einen weißen Beirat für die Entwicklung eines Erinnerungskonzeptes eingesetzt. Kritische Stimmen wurden nicht zugelassen. Wenn Hamburg es ernst meint mit postkolonialen Erinnerungsorten, müssen selbstverständlich vor allem Schwarze Menschen (das ist da wirklich groß geschrieben, das schwarz, MR) beteiligt werden. Und für diese Arbeiten müssen Fördermittel bereit gestellt werden. 

(Quelle: http://www.taz.de/!101761/)

Recht hat sie!

Nur: Geladen ist HM Jokinen, nicht die Schwarzen KünstlerInnen, mit denen sie vernetzt ist. Der ich gar nichts will, auch Ulrike Bergermann nicht. Das ist ja gut, was sie machen.

Es ist aber völlig absurd, wenn ihre Erkenntnisse keinerlei Folgen für das Aufstellen des Symposions haben.

Doch man kann sich sicher sein: Im Publikum wird die Klobürste geschwenkt!

Noch eins drauf setzen ganz und gar Kreative in St. Georg:

„Der Vorstand des„Kulturprojekt B20“ ist voll kreativer und engagierter Menschen, die hier ehrenamtlich mitarbeiten. An Projekten mangelt es daher nicht: Im B20 wurde eine Fahrradwekstatt eingerichtet; in der Volksküche wird täglich für die mobile Suppenküche mit Lebensmittelspenden gekocht und bald kann man wieder in dem Umsonstladen Kaufrausch Kleider, die man nicht mehr benötigt, tauschen. Zudem möchte der Verein das Gebäude weiterhin verschönern und im Erdgeschoss eine Art Diskoraum mit Beleuchtung aufbauen. Diesen und andere Räume soll man für bestimmte Anlässe und Zeiträume „mieten“ können. So haben sich für die nächsten Monate schon einige Künstler angekündigt, die im B20 ausstellen wollen. Der ehrenamtliche Verein unterstützt außerdem die Gruppe “Lampedusa in Hamburg“. Schon bald soll ein einwöchig stattfindender Deutschkurs mit eventuell abschließender Essensrunde realisiert werden.“

(Quelle: http://hh-mittendrin.de/2014/01/lang-lebe-das-kulturprojekt-b20/)

Bei der Performance der Refugees in der St. Pauli-Kirche – bei deren Zusammenfassung ich die Thalia-Beteiligung mit voller Absicht weg gelassen haben – war aber so was von spürbar, dass natürlich sie froh sind, ein Dach über dem Kopf und was zu essen zu haben. Sie wollen mit Sicherheit auch weiterhin deutsch lernen. Aber ich bin mir sicher, sie strotzen nur so vor Ideen, dieses B20 ganz zu bespielen. Eigentätig und in eigener Verantwortung.

Michael Neumann fragte mit der ihm eigenen Gewitzheit in irgendeinem Interview, was denn bitte aus den Refugees werden solle, wenn sie bleiben könnten. Sollten die ewig in der Kirche leben?

Sie haben darauf geantwortet: Sie wollen hier arbeiten, Wohnungen mieten, ihre Qualifikationen aktiv  einbringen und nicht nur für das Schlafen und Essen existieren.

Die, die die Demo am 21.1.2. ausriefen, hatten auch eine Antwort: Esso-Häuser und Flora bleiben! 

Na, super. Dann mal auf zur Kissenschlacht.

25 Antworten zu “Worum ging es noch? Um Klobürsten?

  1. Christiane Schneider Januar 10, 2014 um 9:13 pm

    Kennen Sie übrigens die Essays von Chinua Achebe, veröffentlicht in „Ein Bild von Afrika“, Alexander Verlag Berlin, darin eine sehr eindrucksvolle Kritik am Rassismus in Conrads „Herz der Finsternis“? Ich weiß nicht, ob das Buch heute noch erhältlich ist, es hat aber für mich viel dazu beigetragen, Conrad anders zu lesen.
    Ich teile aber Ihre Kritik am subversiven Protest gegen das Gefahrengebiet nicht. Die verstehe ich von eben diesem „kleinen Ausnahmezustand“ her, sie machen lächerlich und sind deshalb zersetzend.

  2. momorulez Januar 10, 2014 um 9:19 pm

    „Zersetzend“ ist ja auch immer so eine Vokabel – dass ich das witzig finde, habe ich auch geschrieben. Ich finde es auch wichtig, für Grundrechte zu kämpfen. Was ich schwer erträglich finde, ist, wenn die, für die man sich noch vor Kurzem einsetzte, dabei völlig verschwinden. Und das ist spätestens seit dem 21.12 der Fall. Aufgrund von Leuten, die sich halt leisten können, über die Perspektiven Marginalisierter hinweg zu gehen.

  3. Nils Januar 10, 2014 um 10:30 pm

    Fantastisch, wie Du -immer wieder- auf eine bestimmte, existente Selbstbezüglichkeit hinweist und das eigentliche Thema zum Aufscheinen bringst. Auf das es, nach der -aufgezwungenen- momentanen Fokussierung wieder den Stellenwert erfährt, den es braucht und verdient.
    Die Analyse: das Thema zum verschwinden zu bringen, war Ziel des Senats-Einsatzes, ist ja bereits am 21.12. ganz deutlich ausgesprochen worden.
    Das die Konzentration jetzt darauf liegt, die Stimmen für die relevanten Themen wieder erheben zu können und dabei -wichtig- die schweigende Bevölkerung nicht alleine zu lassen mit Boulevard- und Senatssicht auf die Ereignisse des 21.12 und danach, sondern die Absurdität deutlich zu machen, in der sich der Senat verstrickt, kann ich gut nachvollziehen – und es ist richtig die Themen voneinander zu trennen: Nur wenn wir „Bürgerrechte“ durchsetzen, haben wir die Möglichkeit andere Themen laut zu machen und hoffentlich erfolgreich zu platzieren.
    Das muss dann auch passieren – und dafür sind Deine mahnenden Worte sehr hilfreich.
    Finde ich, Danke!

  4. Christiane Schneider Januar 10, 2014 um 11:04 pm

    Ja, Momorulez, das stimmt. Und ich weiß auch nicht, wie die nötige Unterstützung neu zu mobilisieren ist. Genausowenig wie ich weiß, wie diese Abschiebemaschinerie gestoppt werden kann. Denn die wachsenden Zahlen neu ankommender Flüchtlinge stehen für wachsende Zahlen an Abschiebungen. Das findet fast lautlos statt und bedeutet in unzähligen namenlosen Fällen furchtbares Elend und manchmal Tod.

  5. momorulez Januar 10, 2014 um 11:47 pm

    Das ist ja der Horror. Und ich denke, das , was da am besten hilft und was die Lampedusa-Gruppe so wahnsinnig gut hingekriegt haben, ist, dass man den Betroffenen zuhört und sich auf ihre Geschichten einlässt. Ich habe ja nix gegen kreative Protestformen. Ich will nur keine selbstzweckhaften.

    Noch wichtiger als Joseph Conrad neu lesen wäre ja auch Beschäftigung mit Literatur aus afrikanischen Ländern. Mache ich auch zu wenig, viel zu wenig.

  6. jv Januar 11, 2014 um 12:45 pm

    Danke. Sehr guter und wichtiger Anfang. Ein bisschen schade, dass du zwischendurch irgendwie im Hörsaal hängen bleibst, auch wenn die Kritik wichtig ist, aber die Uni-Diskurse sind momentan eben eh privilegierte Orte, auch wenn sie kritischer und selbstreflexiver wären und sind von dem, was du am Anfang ansprichst – den (Alltags-)Kämpfen von Refugees – meilenweit entfernt. Danke für die Intervention.

  7. momorulez Januar 11, 2014 um 12:47 pm

    Gern geschehen 🙂 – und ja, die sind weit weg, die Uni-Geschichten, aber sie machen sich das Thema ja unter Weißen zueigen. Und nur mal vorgestellt, die ja hochqualifizierte Lampedusa-Gruppe würde plötzlich eingebügert: Denkste, da bekäme einer einen Lehrauftrag an der HfbK oder eine Professur bei den Chemikern? Pustekuchen. Und was der dann von denen an Rassismus aushalten müsste, die ihn zuvor noch paternalisierten, das will ich mir noch nicht mal vorstellen. Das ist aber Alltag in Deutschland.

  8. jv Januar 11, 2014 um 12:52 pm

    PS: Noch wichtiger als Literatur zu lesen, wäre mehr tragfähige und gleichberechtigte – persönliche und politische – Kontakte zu Menschen aufbauen, die in Sammelunterkünften leben müssen, die eigenen Privilegien nutzen und Kohle zusammenbringen für Wohnungen, in denen Leute, denen von der rassistischen Migrationspolitik der Aufenthalt verweigert wurde, leben können, solidarische Netzwerke, verlässliche Infrastruktur schaffen, weg mit dem antirassistischen Helfer_innen-Paternalismus, etc.

  9. Jonathan N Januar 11, 2014 um 2:35 pm

    „Protestform“ und Subjekt des Protestes sind jedoch weiterhin zwei Unterschiedliche Dinge.

  10. Realitätbrennt Januar 11, 2014 um 2:46 pm

    Ich denke nicht dass die linke Szene ein einheitliches Subjekt ist. Den autonomen, bundesweit und übernational angereisten Demonstranten ging es sicherlich nicht um Solidarität, sondern um die Herausforderung „der Bullen“.

    Was ihnen ja auch gelungen ist, Hand in Hand mit den eskalierenden Kräften der Hamburger Polizei. Sicherlich spielt das auch „Sicherheitspolitikern“ wie Neumann in die Hand, dem die breite Solidarität in Hamburg mit dem Lampedusageflüchteten ein Dorn im Auge ist.

    Diejenigen in der linken Szene, die Kissenschlachten und andere Verarschungsaktionen gegen die Hamburger Polizeigesetze und ihre Anwendung organisieren, sind aber ganz sicher nicht nur Spaßdemonstranten, die sich über Facebook mobilisieren lassen. Das sind auch jede Menge Anwohner aktiv und auch solche Menschen, die sich im Rahmen der Lampedusasolidarität engagieren. Ich finde es nicht gut wenn dieser bunten Schar von linken Protestierern der Stempel „Kirmis“ aufgedrückt wird.

    Das ist kein Kirmis, auch wenn der Protest auch mal bunt, kreativ und ironisch daher kommt. Es sind auch keine unsolidarischen Menschen. Da fallen mir ganz andere Leute ein, die mich nerven.

  11. momorulez Januar 11, 2014 um 3:00 pm

    Kirmes deshalb, weil häufig wenig Wissen oder Verständnis dafür da ist, was es heißt, ohne White Privilege durch die Republik sich zu bewegen. Und zudem Weißen nicht zustünde, da Belehrungen zu formulieren.

    Und weil hinter den Bildern der Kissenschlachten ganz unabhängig davon, wer da im einzelnen was auch immer denkt und sonst tut, das Lampedusa-Anliegen aktuell faktisch und tatsächlich verschwunden ist und alle wieder nur über die linke Szene reden.

    Das ist auch sehr praktisch für Herrn Neumann. Ich habe nun echt viele Posting vor allem aus dem FC St. Pauli-Kontext bei Facebook gesehen; alle finden die Kissenschlacht total super, aber das Anliegen wird wenn, dann ausschließlich bezogen auf das Gefahrengebiet erwähnt. Das ich auch unter aller Sau finde; Neumann und Born haben jetzt trotzdem gelernt: Wir brauchen nur eine Demo eskalieren lassen, mutmaßlich, dann ein Gefahrengebiet ausrufen, und prompt hat die Stadt gar keine Probleme mehr außer eines mit linker Gewalt. Das ist sehr praktisch für die.

    Und kontaminiert die Refugee-Proteste gleich mit, indem sie als „linksradikales Anliegen“ abgebucht werden können. Und dann kommt die nächste unsinnige Rechtsstaats-Behauptung – Neumann denkt ja im Rahmen von Militärgesetzbarkeit, nicht des Rechtsstaates – „Illegale, die sich noch damit brüsten, Gesetze zu brechen“. Deckel zu.

  12. Realitätbrennt Januar 11, 2014 um 10:28 pm

    „Wir brauchen nur eine Demo eskalieren lassen, mutmaßlich, dann ein Gefahrengebiet ausrufen, und prompt hat die Stadt gar keine Probleme mehr außer eines mit linker Gewalt. Das ist sehr praktisch für die. “

    Schön formuliert.

    Ich sehe nur eben nicht die Alternative darin, auf den Protest gegen die Gefahrengebietspflege zu verzichten. Ich bin da eigentlich ganz zuversichtlich, dass die Lampedusageflüchteten bzw. insgesamt der unwürdige Umgang mit Geflüchteten schon nicht vergessen werden.

    Wenn die lebendigen Protestformen dazu führen, meinetwegen auch Kissenschlachten (die ich eher albern finde), dass sich neue Menschen für linke Politik engagieren, dann bin ich nicht dagegen. Und so derbe schlau ist das Kalkül von Neumann nun auch nicht. Der hält sich vermutlich für einen grandiosen Militärtaktiker, aber dass er sich mit einem Eskalationprojekt ins eigene Knie schießt, auch politstrategisch, das merkt er nicht.

  13. Krille Januar 12, 2014 um 12:32 am

    Paterlanistisch und abschätzig die bisherige „Bewegung“ grob als undifferenziert darzustellen, trägt natürlich auch nicht dazu bei, die drängenden Fragen und Probleme politischer und struktureller Natur in der Stadt anzugehen. Deswegen tun wir alle gut daran, wichtige Forderungen zu stellen und innerhalb neu entstandener Netzwerke in der Ära nach der „Klobürsten-Revolution“ sachlich und konkret zu interagieren. Flora, Esso Häuser und Flüchtlingspolitik sind drei Punkte von vielen. Die sogenannte Öffentlichkeit hört natürlich nun genauer und mit anderen Ohren hin – und das nicht wegen einem einzelnen Blogeintrag, sondern vor allem auch weil verschiedenste Zähne ineinandergreifen. Kissenschlachten bzw. ziviler Ungehorsam von tausenden Anwohnern jeden Alters (der hier und da etwas „menschelt“) wirkt nach aussen natürlich nochmal anders als der Subdiskurs im Kämmerlein – Qualitätsunterschiede dieser beiden Extrembeispiele zu suchen und zu diskutieren, täuscht vielleicht darüber hinweg wie gut das Zusammenspiel funktioniert. Und funktioniert hat … in den letzten 6 (!) Tagen.

  14. rutzel Januar 12, 2014 um 11:04 am

    Hat dies auf T*park rebloggt.

  15. Pingback: LabourNet Germany: Treffpunkt für Ungehorsame, mit und ohne Job, basisnah, gesellschaftskritisch » Hamburger »Gefahrengebiet«: Folgen und Protest

  16. mrs next match Januar 13, 2014 um 12:35 pm

    Chinua Achebes wichtigstes Werk ist „things fall apart“. Das unbedingt lesen. Keine Gewähr für die deutsche Übersetzung ‚alles zerfällt‘. Es bezieht sich nicht explizit auf Conrad, seine Sorte kommt aber vor. Das Buch ist u.a. deswegen so wichtig, weil es unendlich viele afrikanische Autor_innen beeinflusst hat, und weil es der white supremacy Fabulierung das echte, eigene, wirklich Große entgegensetzt. Nebenbei auch bessere Literatur.

    Eine Anmerkung zu diesem ganzen Diskurs: es fällt auf, dass PoC gerade nur bestärkt werden, wenn sie Weiße zu Neben-Held_innen erheben oder sich mit deren Anliegen beschäftigen.

    Dass die als positive Beispiele (warum eigentlich) vorgestellten zitierten Frauen bei der HfbK Podiumssache da allesamt schön bei PoC, die ihnen das beigebracht haben, abgeschrieben haben, ist schon erkennbar, aber schlimm ist es, dass sie die Frechheit besitzen, die Strukturen zu kennen und TROTZDEM nicht mal im Traum dran denken, dafür zu sorgen, dass ebendiese sie bevorzugenden Strukturen mal DURCH SIE SELBST unterbrochen werden sollten. Es ist nicht zu viel verlangt, die eigene Verantwortung wahrzunehmen. Wir PoC können auch nicht jede Einladung annehmen, bekommen auch viel weniger. Von Weißen kann ich doch wohl verlangen, dass sie ihre weißen Kolleg_innen aufklären, dass die Zusammenstellung in der Form bockmist ist. Und sie halt entsprechend ändern oder fernbleiben. Also, sich selber da rauszuschreiben, aus dem BEFREIUNGSDISKURS. Aber es ist ihnen halt nicht so wichtig wie die eigene Reputation (Selbstbild schlägt angewandte Gleichbehandlung). Die 1000 Ausreden, die kommen, sobald frau verlangt, dass aus Theorie Praxis wird, sind fast obszön. Gipfel der Heuchelei.

    Und dann dieser unmögliche abgestandene „Schwarzfahrer“film, die Story aus einer urban legend, die ich schon in den 1970er Jahren gehört habe, von einem Schwarzen Münchner damals übrigens. Es ist auch 1994 schon nicht witzig oder in Ordnung gewesen, einen Film komplett mit rassistischem Müll vollzustopfen, um am Ende eine vermeintlich antirassistische Pointe zu bringen. Empowern kann das höchstens Weiße, und diese weit verbreitete Art von „Witz“ (PoC im heroischen Narrativ nur erlaubt nach 8000 Erniedrigungen) absolut auf Pro Sieben SWITCH Niveau, die sind oft wesentlich aufgeklärter als dieser Kurzfilmversuch, es wundert nicht, dass die sich gut finden und kein schlechtes Gewissen haben wollenden aber trotzdem 50 mal N wort hören möchtende weiße Männer Oscar Jury den Quatsch gut fand. Auch dieser Film handelt, wie das Podium, NICHT von Lösungsansätzen, wie white supremacy zu überstehen und überwinden sei, sondern dient einzig und allein der neuen Erzählung „warum wir paar hier heute voll so die Guten sind“.

    Daher nur: weiße Leute sind auf kolonialthematischen Paneln nicht ‚okay‘ oder ‚erfreulich‘ oder ‚wünschenswert‘ oer dergleichen, nur weil sie mal schön gelernte Aussagen wo hingeschrieben haben, sofern sie in der Praxis ihre Pfründe stecken und sogar den Raum der Dekolonisierung kolonisieren, und sich ansonsten einen Scheiß um die Kollateralschäden der Veranstaltung scheren.
    Sich an weiß zusammengestellten und ahnungslos borderline-rassistisch angekündigten Veranstaltungen beteiligen. Allein, dass die schon da mitmachen, unter dem saublöden frechen Titel, mit dem dunklen Kontinent im Subtitel, das dann in Anführungszeichen ist, damit es nicht so echt da steht, sagt schon genug mangelnde Qualifikation der Leute aus, oder ihren Charakter.
    Natürlich ist daher was gegen die Referierenden zu sagen, und zwar Einiges.

    Sogar Studis und Berufsanfänger können das viel besser; so geht das: http://mindthetrapberlin.wordpress.com/intervention-im-dt/

    http://feminspire.com/why-white-feminists-need-to-shut-up-and-listen-when-it-comes-to-race/
    (unbedingt den Link zu Tim Wise lesen!)

    http://www.noahsow.de/blog/2014/01/04/funny-not-how-although-coming-from-an-oppressed-speaking-position-we-constantly-have-to-turn-down-offers-to-speak-in-order-to-not-entirely-corrupt-what-it-is-were-working-for/

  17. momorulez Januar 13, 2014 um 2:02 pm

    Danke für den Kommentar und auch die sehr deutlichen Hinweise in meine Richtung. Das, was ich lediglich gut fand an den konkreten AutorInnen, war, dass sie überhaupt bei PoC lesen. Aber Du hast ja in jeder Hinsicht recht. Danke auch für den Literaturtipp und die Links!

  18. mrs next match Januar 13, 2014 um 2:49 pm

    Das war nicht gegen Dich gerichtet, Du baust (wenn mir nicht etwas entgangen ist oder Du in Wirklichkeit Tim Wise bist) doch keine Karriere auf dem De-/Postkolonisierungs-Wissen auf, das PoC nicht sagen dürfen aber Weißen einen Job verschafft! ^^

  19. Pingback: Treibgut 16.1.14 | .::: derMattn.de :::.

  20. Realitätbrennt Januar 18, 2014 um 2:43 pm

    Bleiberecht sofort!

    Das ist die erste Forderung der aktuellen Demo. Ich würde sagen, das Kalkül von Neumann ist sehr gründlich schief gegangen. Auch ist die Polizei zu einem eher deeskalierenden Auftreten zurück gekehrt. Die Geflüchteten werden nicht vergessen, der Widerstand in der Stadt wurde gestärkt. Ist doch kein Stratege, der Herr Neumann.

  21. mrs next match Januar 20, 2014 um 8:50 am

    … wobei natürlich schon bemerkenswert ist, dass Du es bist, der eine Sendung angeboten bekommt, und das aufgrund des Beitrags über Lou Reed, der in Kenntnis des großen Unbehagens von vielen women of color zu LRs Texten jenes Unbehagen mal eben zur Seite wischt weil ja die Musik und weiße queerness so schön war. Hier wären wir dann mitten im pudelesken Grenzziehungsmodus, exakt so funktioniert er: Über Soli-Prioritäten versichern – richtige Antwort – check.

  22. momorulez Januar 20, 2014 um 10:03 am

    Na ja, weg wischt – bei der Radiosendung habe ich das schon zu vertiefen gesucht, wenn auch vermutlich unzulänglich. Umgekehrt gibt es schon noch ein paar weiß-schwule Erfahrungen, die auch mal in ihrer Eigenständigkeit da stehen dürfen. Bei allen Problematiken, die darin auch enthalten sind. Aber Elektroschockbehandlungen und Strafandrohung und Polizeiterror war nun auch für die nicht lustig und haben da natürlich auch Spuren hinter lassen, auch in dessen Musik. Sehr tiefe Spuren.

    Er hat dann ja später tatsächlich auch so was wie eine Selbstauslöschung vollzogen, allerdings zugunsten eines Weges, der zur Metallica führte. Gruselig. Und war eh ständig auf Droge.

    Und dem Polizeiterror waren extremst auch gerade Transvestiten und Transsexuelle ausgesetzt, wenn man sich „Stonewall Uprising“ mal anguckt (wo die Lesben dann mal wieder vergessen werden). Die nun bei ihm und dem ganzen Warhol-Umfeld eine sehr große Rolle spielten. Er lebte in den 70ern ja auch mit Rachel zusammen.

    Ich finde das völlig richtig, immer wieder klar zu machen, anzugreifen, dass ständig die Lesben vergessen werden und PoC auch z.B. im Falle von Stonewall. Da, wo ich Geld für meine Arbeit gekriegt habe, habe immer schwarze Frauen und schwarze Schwule nach vorne geholt, wo immer das ging. Und mir Themen wie Velvet Underground außer einmal gar nicht erst gesucht.

    Was dabei gelegentlich auch passiert, das ist freilich, dass schwule Erfahrungen dabei auch Auslöschung. erfahren können und somit halt auch meine eigene. Es gibt aus der weiß-feministischen Ecke gerade in deutschen Diskussionszusammenhängen auch ein ganzes Arsenal krass schwulenfeindlicher Ansätze, die nicht zuletzt von Evangelikalen begierig aufgegriffen wurden (oder umgekehrt) und in manchen Weltgegenden verheerend wirken. Auch der in vielerlei Hinsicht ja richtige „Homonationalismus“-Diskurs geht an manchen Stellen schlicht in eine Vernichtungsdrohung über.

    Genau so gibt es krassen Rassismus und Frauenfeindlichkeit in der schwulen Sub, ja. Thematisiere ich häufig.

    Korrespondierend mit einer fortwährend sich vollziehenden Selbstentwürdigung, Selbsthass und ziemlich menschenverachtenden Interaktionen, die ich eher als Effekte mehrgesellschaftlicher Prozesse verstehe, in „der Sub“.

    Das ist für mich gerade Thema. Da habe ich ein manifestes Interesse daran, da nun mal mit fast 50 auch mal ran zu gehen, ohne immer gleich diesen gehässigen Mädchenmannschaft-Diskurs im Ohr zu haben, der mich nun auch schon seit meinem 9. Lebensjahr begleitet. Nicht zufällig hatte ich die schönste Phase meines Lebens nach einem Zerwürfnis mit meiner feministischen Cousine – ja, ich bringe hier gerade was durcheinander. Bin ja auch nur Mensch und kein Roboter-Theorem.

    Da Du aber freilich ja im Allgemeinen völlig recht hast, sei das nicht als Einwand verstanden.

    Was ich nicht kann, ist, zur freiwilligen Selbstvernichtung und Selbstauslöschung überzugehen. Diese Erwartungshaltung würde schlicht der der Mehrheitsgesellschaft entsprechen.

    Was ich machen kann, ist, an den von Dir angemahnten Grenzziehungen dran zu bleiben und bei der nächsten Sendung mit Alex Weheliyes Vortrag weiter zu machen. Und da bin ich ja dran.

  23. Pingback: Worum ging es noch? Um Klobürsten?    | blackkraken

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