Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Januar 2014

Erinnerungskultur neu gedacht mit Mustafa Esmer

Warum darf ich trotz der Tatsache, dass ich seit Geburt in Deutschland lebe, hier aufgewachsen bin und die Politik aktiv verfolge, die Missstände, die meinen Alltag bestimmen, nicht kritisieren? Ganz einfach: Mir fehlt ein wesentliches Merkmal biodeutscher Identität, nämlich die deutsche Erbsünde – der Holocaust. Die Exklusivität der deutschen Erbschuld ist das Problem, das zu der fehlenden Anerkennung Neudeutscher vonseiten der Mehrheitsgesellschaft führt.“

Das ist schon ein echt spannender Text da drüben im Migazin.

Dass auf recht abstruse Weise die Nazivergangenheit Antdiskriminierungsarbeit extrem behindert, weil allesamt damit beschäftigt sind, keine sein zu wollen, das ist mir ja auch schon häufig aufgefallen. Auch diese Arroganz, die aus diesem Teil der als eigene Geschichte verstandenen sich ergeben kann. Wenn wegen Auschwitz in den Krieg gezogen wird, wenn die USA darüber belehrt werden, ja im eigenen Land nie eine modernen Krieg erlebt zu haben, wenn gerade die Lehren, die man aus „finsteren Zeiten“ mit genommen habe, angeführt werden, sich Vernunft und Tiefe in Überlegenheit und ineins zuzusprechen – gruselig.

Wenn Verbrechen wie die kolonialen weg gewischt werden, weil die Nazis es ja viel schlimmer trieben, schwingt fast so etwas wie Stolz mit. Hitler ist ja auch ein medialer Exportschlager ersten Ranges. Und in „Unsere Mütter, unsere Väter“ sind vorsichtshalber Polen die wahren Antisemiten, im Alltag und der Weltpolitik halt „die Muslime“ – als Speerspitze der Homophobie werden sie ja trotz Hitlerjunge Ratzinger auch behauptet.

Mein Vater war übrigens auch Hitlerjunge. Väter von Freunden waren hohe NS-Beamte, die von ehemaligen Co-Bloggern in der SS. Bei den Jüngeren mag das Ganze nicht mehr soooo nah dran sein, deren Großväter nicht in Riga stationiert waren, eine der zentralen Drehscheiben der antisemitischen Vernichtungsmaschinerie – das unterschätzt der Autor vielleicht, dass es ja nicht nur darum geht, nicht ständig mit dem konfrontiert zu werden, was die Eltern und Großeltern taten. Sondern dass selbst dann, wenn „deutsch“ nur zur Selbst-Identifikation genutzt wird, wenn man im Ausland ist, diese Vorgeschichten in prägenden Kleinfamilienmustern präsent waren und sich Selbstverständnisse in diesen Zusammhängen formten, ob man das nun wollte oder nicht.

Umgekehrt sträubt sich in mir alles bei der Forderung nach einem nationalen „Wir“. Das muss man sich aber auch erst mal leisten können. Habe lange den Kampf von Freunden erleben dürfen, dass überhaupt mal zur Kenntnis genommen wird, dass es schwarze Deutsche gibt, und das nicht erst seitdem Menschen gegen so called „Asylanten“ fackelten und mordeten. Und Bundestagszweidrittelmehrheiten als Reaktion darauf Unrecht als Recht behaupteten. Die Zurückweisung dieses „Wir“ haut sich halt sehr leicht raus, wenn Mann eh als biodeutsch gelesen, nicht ständig von der Polizei kontrolliert wird und keine „Migrantisierung“ oder „Rassifizierung“ erfährt. Wenn in vielen Kontexten es sehr leicht ist, Gehör zu finden, wo es um Geschichtsschreibung geht – freilich auch nur dann, wenn man die schwule Perspektive nicht explizit macht.

Was Mustafa Esmer fordert, ist ja, dass nicht etwa Biodeutsche so etwas wie „Leitkultur“ vorgeben wie eine Forderung, deren Einhaltung ständiges Kommentieren und Kontrolle nach sich zieht – sondern dass diese gemeinsam (!!!) auch auf dem Feld der Erinnerungskultur entstehen können sollte. Worte wie „Leitkultur“ fühlen sich für mich allerdings immer an wie Stromstöße, weil sie sowieso an irgendeinem Punkt von der heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft als wahlweise Ausschlusskriterium oder Assimilationsforderung bzw. – wille – Homo-Ehe und Co – auch an LGBT-People heran getragen wird. Was ich als Zumutung empfinde. Trotzdem fordere ich fortwährend, dass weibliche, LGBT- und PoC-Perspektiven gefälligst im selben Sinne konstitutiv zu sein haben für Kanonisierung und Geschichtsschreibung wie die von Weiß-Hetero-Männlich. Und manche Auseinandersetzung im FC St. Pauli-Kontext verdankt sich der inständigen Weigerung von ach so toleranten WHM, das mal einzubauen in das, was sie veranstalten, ganz von selbst. Und nicht in die ausgesonderten Extra-Zonen zu verbannen. Mobbing ist oft die Antwort, insistiert man darauf. Offenes und verstecktes.

Es ist eben deshalb schon sehr spannend, wie Esmer auseinander nimmt, wie die Nazi-Vergangenheit geteilte Selbstverständnisse verhindert und durch sie ja gerade im Falle der Antirassismusarbeit sich auch krass krude Reaktionen vor eine Hinterfragung von „White Supremacy“ schieben.

Was einer der Gründe ist, dass Deutschland in solchen Fragen so erbärmlich provinziell ist – weil in einer Art dialektischer Tollheit die Vergangenheit zur Stabilisierung von Dünkel genutzt wird. Und es sich im Fall von PoC, von Herrn Esmer und Herrn Rösler auch nicht ganz so einfach so was sagen lässt wie „Die Nazis waren doch eh alle schwul und geisteskrank“.

Für die nicht minder populäre Behauptung, die Schwarzen seien doch die wahren Rassisten – besonders beliebt ausgerechnet in Miles Davis-Biographien – , braucht es schon einen Umweg mehr.

Und ich möchte auch nicht wissen, wer Herrn Esmer nun die Armenier mit Verve in die Kommentarsektion schreibt, um so zu bestätigen, was er schreibt.

„Meines Erachtens sind die politischen Maßnahmen, die als Entnazifizierung bezeichnet wurden, erfolglos gewesen, denn diese Methode war einzig ein Verbot der Nazidenke. In den Bildungseinrichtungen wurde durch ständiges Wiederholen ein Schuldkomplex eingepflanzt, ohne den Nachkriegsgenerationen Werkzeuge zur Hand zu geben, wie man denn nun damit umgehen soll.“

Bei „Schuldkomplex“ zucke ich auch schon wieder zusammen und meine den Nachhall von „Schuldkult“ und Ähnlichem zu vernehmen. Aber bin ich dann nicht exakt in jenem Belehrungsduktus gelandet, den Esmer völlig zu recht angreift?

Weil ich ihm auch hinsichtlich der Diagnose erfolgloser Entnazifizierung vollkommen zustimme. Ich höre aber schon die Sätze „… dann kommt da so ein Türke und will UNS etwas von Entnazifizierung erzählen!“ Und exakt das meint er ja.

Empfehle dringend die Lektüre.

(Übrigens auch und gerade hinsichtlich demnächst statt findender Veranstaltungen zum Thema „St. Pauli selber bauen“.)

Kein Vergeben – kein Vergessen!

Harald Stender-Platz, 27. 1. 2014, 19 h.

Es sind bereits sehr viele versammelt. Ich werde los und lasse raus, wie sehr es mich geärgert hat, dass im letzten Jahr bei der Ansprache Lesben und Schwule vergessen wurden.

Nicht wegen der „Opferkonkurrenz“. Sondern weil Rassismus/Antisemitismus, Zwangsheterosexualität, die Degradierung von Frauen zu Gebärmaschinen, um das Wachstum des „Volkskörpers“ zu forcieren und dem „Führer“ Bombenfutter für die früh geplante nächste Schlacht zu schenken, die Hatz auf Sinti und Roma, das Ermorden Behinderter und psychisch Kranker und die Überführung von Schwarzen ins KZ aus bestimmten Perspektiven auch zusammen hängen.

Die Singularität der Shoah steht nicht in Frage.

Der Nationalsozialimus als krasseste Ausprägung eines Extremismus der Mitte mit Mitteln des Staates hat manifeste Ressentiments gebündelt, den Dünkel der White Supremacy zum „Arischen“ zugespitzt und ihn dennoch auch gegen „Slaven“ gewandt, Herr Friedrich. Deswegen liefen die Feldzüge in Frankreich anders ab als in Osteuropa. Dieser Dünkel und die radikale Zurückweisung des Gleichheitspostulates charakterisierten das „3. Reich“. Dieses hat sich und „Ariern“ im Allgemeinen „kulturschöpferische“ Größe angedichtet, um jene, die vermeintlich nur „schmarotzten“, gnadenlos der Auslöschung anheimzugeben. So entstand das Gerede über Juden, die sich in „Wirtsvölkern einisteten“, weil sie ja angeblich so was wie Kultur oder Nationalstaatlichkeit gar nicht zustande brächten und immer nur auf Kosten Anderer leben würden. Steht so in „Mein Kampf“. Man wusste vorher schon, was hinterher angeblich keiner gewusst haben will. Mein Vater hat Bergen-Belsen noch gesehen, da wird er nicht der einzige gewesen sein.

Der Nationalsozialismus hat vorübergehend so erfolgreich sein können, weil schon zu Beginn der 30er Jahre dje Nazis in den Staatsapparat einsickerten, weil die wilheminischen Geister dort wie auch die Bürgerlichen und das Kapital mit ihm paktierten und weil er dezidiert antikommunistisch auftrat. „Gegen links!“ gehörte zu den schärfsten Waffen auf dem Weg zur Machtübernahme. Es war diese schon vor 1933 einsetzende Unterwanderung der Exekutive, die die Gleichschaltung in atemberaubender Geschwindigkeit ermöglichte. Und angesichts der „Gewalt auf der Straße“ sehnten sich viele nach „Recht und Ordnung“. Als Kapitalismusrettungsprogramm erfuhr er Unterstützung derer, die davon profitierten.

Sein Erfolg gründete auch darin, dass er rassifizierte, was Tradition hatte: Christlicher Antijudaismus und „Bevölkerungspolitik“. Das hatte er selbst nicht erfunden. Aber umgesetzt.

Demographiedebatten sind nie unschuldig. Sie waren es schon im 19. Jahrhundert nicht, als sie entstanden. Als jede nicht der Fortpflanzung dienende sexuelle Praktik psychiatrisiert wurde, man Frauen „hysterisierte“, widersetzten sie sich der Vergewaltigung in der Ehe. Und wüste Theorien die nunmehr „Homosexualität“ genannte „gleichgeschlechtliche“ Lust pathologisierten, um sie „behandelbar“ zu machen. In dieser Tradition stehen die Homo-Heiler und die Evangelikalen, die mit ihrer Unverschämtheit von der „Pink Svastika“ schwätzen und so für Mord, Totschlag und Vernichtung in afrikanischen Staaten sorgen, den üblichen Methoden der Kolonisatoren halt, und nicht in jener der ins Reine kanonisierten biblischen Texte.

Die Nazis kamen nicht aus dem Nichts. Sie waren nicht der Heimsuchung gleich wie im Heimatfilm. Sie wurden von Förstern in Silberwäldern gefeiert und hatten eine breitere Zustimmung, als die DDR es je hatte.

Auch, weil das deutsche Ego sich „gedemütigt“ fühlte. Jenes, das unter Wilhelm Zwo militarisiert wurde und im Wettstreit um den „Platz an der Sonne“, dem mordenden und brandschatzenden Erringen von Kolonien, mitspielen wollte. Deshalb und wegen reiner Kriegslust war der „deutsche Flottenverband“ der mit den meisten Mitgliedern seiner Zeit, im späten 19. und frühem 20. Jahrhundert. Wegen der „Schande von Versailles“ fühlte es sich „gedemütigt“. Auch wegen schwarzer Besatzungsoldaten im Rheinland. Deren Kinder landeten im KZ. Während zuvor in den Kolonien vieles ausprobiert wurde, was die Nazis im Zuge ihrer industriellen Genozid-Maschinerie dann „weiter entwickelten“. Einer Maschinerie, der auch so called „unwertes Leben“ zum Opfer fiel – weil es sich den ökonomischen Erfordernissen, der Nützlichkeit entzieht, auf die die Kriegsmaschinerie der Nazis gründete.

Es waren Buna-Werke und Zwangsarbeiterschaft, die den Ort zuwiesen, an dem Auschwitz entstand. Werke der „IG Farben“, die Vorgeschichte unter anderem von Bayer Leverkusen. Und somit auch des „deutschen Wirtschaftswunders“, das ja nicht nur wegen des Marshall-Plans entstand, sondern auch aufgrund all der Kontinuitäten. Mein Vater, selbst noch Pimpf, Flakhelfer und mit 17 an die mitten in Westfalen verlaufende Front geschickt, trat in den 60er Jahren aus einer Studentenverbindung aus, weil er die antisemitischen Sprüche nicht mehr aushielt. In der Verbindung waren vor allem Juristen. Solche, die für „Recht und Ordnung“ zuständig sein würden. Wann die christlichen Kirchen von ihrer Taufbereitschaft absahen, das kann ja jeder selbst ergoogeln. Es war deutlich nach 1945. Sehr viel später.

Stehe vor dem Millerntorstadion. Die nackte Fassungslosigkeit angesichts von Deportation und systematischer Vernichtung packt mich eiskalt. Obgleich da nix „irrational“ war.

Ein Kranz wird an der Gedenktafel niedergelegt. Die Menge schweigt. Man spürt, dass es um mehr geht als um Symbolpolitik. Dass wirklich der Opfer gedacht werden soll und nicht der eigenen postnationalsozialistischen Größe und achwiedolle man ja aus der Geschichte gelernt habe. Es ist Einfühlung spürbar.

Erinnere mich daran, dass mit Richard von Weiszäcker in einer wirklich großen Rede 1985 erstmals ein Spitzenpolitiker Homosexuelle erwähnte als Opfer der Nazis. 40 Jahre nach Kriegsende. Eine Rede, die heute vermutlich als linksradikal gelten würde.

In der Hinsicht standen ja Adenauer und sein Umfeld ganz in im Gefolge nationalsozialistischer Politik, der Paragraph 175 wurde unverändert übernommen und dessen Opfer nie rehabilitiert, Herr Blüm. Ihre Partei hat das immer wieder verhindert. Und Helmut Schmidt als Innensenator setzte das Tanzverbot zwischen Männern durch, das in der Hamburger Neustadt galt. Adenauer, der bei jeder „Wiedergutmachung“ an deutschen und nicht-deutschen Juden vorsichtshalber auch den „Vertriebenen“ eine Runde spendierte, weil sonst der Volkszorn hoch kochte. Man solle doch erst mal an die Ausgebombten denken. „Wiedergutmachung“ war nicht populär, und das Gerede von geldgeilen Israelis, die erpresserisch deutsches Geld sich einverleiben wollten, indem sie den Holocaust „instrumentalisierten“, war noch Standardrepertoire bei den Eltern von Schulfreunden, die die „Wall Street-Juden“ als weltbeherrschend betrachteten. So gab es in Hannover, wo ich her komme, zwar riesige Schlesier-Treffen, aber kaum wahrnehmbares jüdisches Leben.

Die Menge gestern lauschte der Tochter eines aktjven Widerstandskämpfers, der Glück hatte, nach England ausreisen zu können. Das, wie viele andere Länder auch, man denke nur an den Umgang der Schweiz mit Else Lasker-Schüler, lange Zeit keine Juden aufnehmen wollte.

Und da verteidigt Herr Neumann einen Abschiebestaat als Lehre aus Weimar? Da quasselt Herr Gabriel davon, Rassismus sei das gewesen, was die Nazis getrieben haben, deshalb gäbe es jetzt gar keinen mehr? So kann man Gedenken halt missbrauchen, so, wie die das tun.

Die Menge gestern hingegen hörte schweigend zu. Meine ständige Angst davor, dass das „Gegen Nazis!“ dazu dienen könnte, sich mit deren Opfern und der Funktionsweise des Nationalsozialismus nicht beschäftigen zu müssen, wurde gemildert. Das tat gut. Auch, weil Spieler unter den Lauschenden waren. Fabian Boll, Jan-Phillip Kalla, Florian Kringe. Und Philip Tschauner, der neulich noch die Regenbogenhandschuhe trug. Eine Mannschaft immerhin, die jüngst auch das Transparent „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ ins Stadion trug.

Man muss sich, will man gedenken, immer wieder die Gründe vergegenwärtigen, die Nazis dazu trieben, sich ausgerechnet diese Opfergruppen zu suchen. Nicht, weil die Opfer solche geliefert hätten, wie mancher ja auch raunend daher walsert. Nein!

Sondern weil diese Gründe sich aus dem ergeben, wie sich jene Mehrheitsgesellschaften und Mehrheitsgesellschaftler selbst verstehen, die gegen Minderheiten bis hin zum Mörderischen hetzen. Und auch, welche wirtschaftlichen Interessen sich dahinter verbergen, dass sie es tun.

Die Nazis haben es in der Tat unvergleichlich (!!!) auf die Spitze getrieben mit ihrem Grauen, ihrer Patchwork-Ideologie und ihrem ungezügelten Willen zu Macht und zur Gewalt.

Die Quellen, aus denen sie sich speisen, sind freilich auch geringer dosiert ein Gräuel, vernichten und sind gewalthaltig.

Gedenken im Sinne des „Nie wieder!“ gelingt nur dann, wenn man sich das immer wieder klar macht.

Von Hollywood lernen

Kennt jemand „Adaption“, diesen zauberhaften Film mit Nicholas Cage als Brüderpaar, Zwillinge halt, der ein Film über das Drehbuchschreiben ist?

An Details kann ich mich gar nicht erinnern. Aber daran, dass er sich über die Schule und die Schüler von Robert McKee lustig macht.

Der hat ein einflussreiches Buch namens „Story – Die Prinzipien des Drehbuchschreibens“ verfasst. Und erhält in „Adaption“ sogar einen Auftritt.

Wenn ich mich recht entsinne, soll Nicholas Cage einen Bestseller, der irgendetwas mit einer Orchidee zu tun hat, in ein Drehbuch überführen. Die Autorin des Bestsellers wird von Meryl Streep gespielt. Geplagt von episch-kosmologischen Visionen eines künstlerischem Films und Rückenproblemen zudem scheitert er an der Adaption. Bis sein Bruder, an Robert McKee geschult, die Sache übernimmt und prompt die Filmhandlung zu atemberaubender Geschwindigkeit sich steigert, irrwitzige Wendepunkte Handlung statt Reflektion voran treiben, aufgedeckte, schäbige Geheimnisse den Zuschauer erfreuen, Situationen, in denen die Protagonisten in Gefahr geraten, sich häufen und eine völligen Entzauberung der zuvor so sanftmütig kultivierten Bestsellerautorin als egomanische Diebin geschützter Pflanzen eine gute Pointe liefert.

Ein Film über das Erzählen, der beide Seiten aufs Korn nimmt: Die als Kunst getarnte Langeweile epischer Onanie wie auch das ins Absurde kippende Dramatisieren, das keine Ruhepausen kennt, Suspense auf Teufel komm raus erzeugen will und eben nur Action, Handlung, kennt.

Was dann bei Filmen, die sich wohl als „Arthouse“ verstehen, als Gegenreaktion wieder unerträglich stilisierte Bildverliebtheit nach sich ziehen kann, einen Fetisch des Bruchs und der Diskontinuität und selbstverliebte Ausweichmanöver, die vor lauter Weglassungen und Andeutungen gekünstelt rein gar nichts mehr erzählen.

Ebenso entstehen Stilblüten in Überlänge wie die Verfilmung des „Nachtzug nach Lissabon“, wo ein ständig getriebener Jeremy Irons wie besessen durch ein pittoreskes Postkarten-Portugal hetzt und absolut unverständlich bleibt, was ihn antreibt. Und das ganze Niveau suggeriert, weil scheibchenweise die Geschichte einer Widerstandsgruppe gegen die Diktatur einst enthüllt wird und existentialistische Plattitüden aus dem Off gesprochen werden. Und sich die Hauptfigur an der „Intensität“ der Erfahrung von Folteropfern weidet und dass sie doch so auf Handeln setzten und nicht wie er nur auf Altphilologie.

Ein Film, der deswegen viel geguckt wird, weil humorlose, gelangweilte DIE ZEIT-Leser in ihren bildungsbürgerlichen, weißen Heterowelten wie auch bei manchem Tatort in seiner Volkshochschulhaftigkeit glauben, da würde etwas über „Politik“ erzählt.

Als wisse nicht jeder vorher schon, dass es verwerflich ist zu foltern. Obgleich sich selbst diese Sicht der Dinge seit Waterboarding ja verwaschen hat.

Das sind dann die gleichen Leute, die heimlich Sarrazin zustimmen, die so was gucken. Die Leitartikel Giovanni diLorenzos und Co zur Rettung kolonialer Sichtweisen in Kinderbüchern und Performances von Denis Scheck in rassistischer Kostümierung vermutlich richtig und witzig finden. Dass ausgerechnet die dann mit Tucholsky, der ins Exil gehen musste und nicht lange überlebte, „Was darf Satire? Alles!“ ausrufen, wenn es darum geht, Minderheiten zu diskreditieren: Krass, wie das, was hierzulande als „Humor“ gefeiert wird, von eben dieser Haltung lebt und somit einfach nur als mehrheitsgesellschaftlicher Zement Verhältnisse geronnen hält. Selbst mein gerade mal 19jähriger Neffe plappert diesen Bullshit schon nach, dass jede Minderheit ein Recht darauf habe, sich über sie lustig zu machen. Da lacht der weiße Deutsche. Nur möglichst nicht über sich selbst.

Und immer wieder scheint es mir, dass hier auch die ästhetischen Verhältnisse seit Harald Schmidts Polenwitzen auch rein gar nichts anderes mehr erlauben. Und dass es sich drum lohnt, wenigstens in die Hollywood-Theorie hinein zu lesen, wenn das auch in der Praxis so oft nun auch nicht eingelöst wird:

„In Hollywood hat jeder Gastgeber diesen Fehler schon einmal gemacht: „Wir laden ein paar Komödienautoren zur Party ein. Dann wird es bestimnt lustig.“ Sicher … bis sie den Rettungsdienst rufen müssen. Diese zornigen Idealisten wissen aber, daß kein Mensch ihnen zuhören würde, wenn sie über den zerrotteten Zustand der Welt dozierten. Doch indem sie Hochstehendes trivialisieren, Snobismus durch den Kakao ziehen, wenn sie zeigen wie die Gesellschaft von Tyrannei, Narrheit und Gier beherrscht wird und so die Leute zum Lachen bringen, ändert sich vielleicht etwas. Zumindest wird ein Ausgleich geschaffen.“

Robert McKee, Story, Berlin 2000, S. 385

Aus dieser Perspektive war die Klobürste wirklich gut. Ebenso das lustvoll intonierte, vor Ironie triefende „Ladies and Gentleman“, das der moderierende Lampedusa-Flüchtling bei der „Schattensenat“-Performance in der St. Pauli-Kirche treffend platzierte. Auch „Stromberg“ und die „Heute-Show“ wagen es.

Ansonsten freilich herrscht eher die kontrafaktische Suggestion der Tyrannei faktisch Machtloser in Deutschland gnadenlos und greift epidemisch um sich. Weise weiße Deutsche auf ihre alltäglichen Herabwürdigungspraxen hin – prompt werfen sie sich in die Pose des Unterdrückten und Zensierten. Mach Dich dann noch über sie lustig, und es wird richtig gefährlich …

Die oben skizzierte Methode der Neuen Rechten ist erstaunlich erfolgreich, liest man sich die Leitartikelei im Allgemeinen durch. Weil seit Wilhelm Zwo spätestens die meisten Kulturpraxen dazu dienen, den Dünkel, die Achsoüberlegenheit des als eigen Verstandenen zu stabilisieren („WIR haben aus dem „3. Reich“ gelernt!“) und mittels Mario Barth noch die zur „Unterschicht“ Degradierten daran partizipieren zu lassen, wo man ihnen sonst schon nix mehr lässt. So trinken sie den Kakao, durch den man sie zieht. Fun ist ein Stahlbad, Und dazu gehört auch, über Machtlose zu lachen mit Dennis Scheck. Wieder im anderen Klassenzusammenhang.

Alles andere scheitert an der Filmstiftung.

Vielleicht sollte man sich lieber mal wieder von jenen Weisen des angloamerikanischen Erzählhandwerks inspirieren lassen, die ihre Formen aus Inhalten gewinnen. Liest man bei McKee genau hin, plädiert er dafür. Die Kunst der Dramatisierung kann über die Figur und deren Beziehungen auch hinein gehen in ein Thema und es brechen, statt Stellvertreter zu erfinden.

Anstatt in deutschem Dünkel sich ach so überlegen der Massenware der Kulturlosen zu wähnen. Um zugleich völlig dogmatisch die Fetzen all des Lehrbuchwissens, die allerorten gelehrt werden, Stoffen aufzuprägen, ohne sie aus ihnen entstehen zu lassen. Weil man so in stereotypisierten Rahmen diese aufbrechen könnte – zugunsten des Besonderen. Zumindest dann, wenn man das ernst nimmt, was Robert McKee schreibt. Um so das falsche Allgemeine, das als Macht in den Beziehungen wirkt, zu konservieren.

„Eat the Meat“

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Beziehungslos in einem Raum im Schatten Eimsbütteler Hochhäuser sitzen. 2 fremde Männer checken mich ab. Was kann der? Ist der eine Gefahr, weil er etwas besser kann? Nervt er, weil er gar nichts kann? Männer mittleren Alters. Sie kommunizieren wenig. Ich bin ihnen zu laut, sie haben sich die leisen, filigranen Nuancen in die Finger trainiert. Ganz kultiviert. Ich will sprechen über das, was wir tun. „Willst Du etwa Feedback?“

***

Pittsburgh. Queer as Folk, eine Fernsehserie aus den frühen Nuller-Jahren. (Achtung, Spoiler) Brian Kinney, Partner in einer Werbeagentur, kreiert die Kampagne für einen konservativen Polizeichef, der Bürgermeister werden will. Dieser plädiert für Moral, Sitte und Anstand. Will den „Sumpf“ in der schwulen Szene „trocken legen“. Brians Freunde verstehen es nicht, dass er diesen Law & Order-Demagogen unterstützt. Brian jedoch träumt davon, die „großen Tiere“ als Kunden zu gewinnen, die ihm eine Karriere in New York ermöglichen könnten. Sein Kumpel Ted, Betreiber einer Porno-Website, wird verhaftet – einer seiner Angestellten hat sich mit gefälschtem Ausweis eingeschlichen und ist minderjährig. Der Polizeichef möchte den Fall aufblähen, ein Exempel statuieren. Brian rät ab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Raumdenkzeiten außerhalb und ihre Klänge: Das „Subito“, das „Opera House“, „Queer as Folk“, Stonewall und Michael Neumann

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Was für ein Geschenk!

Die eigenen Jahre, lange her, hier in Hamburg, als es noch lebte und in Bewegung war.

Jetzt beklagen noch Jüngere als ich in DIE ZEIT das Clubsterben und kramen dabei das Dahinscheiden mancher der Lokalitäten wieder aus, die den Atem der späten 80er konservierten, heterosexualisierten und schwarz sowieso nie waren. Habe hier selbst einst beipflichtend einen Text von Reinald Goetz über das „Subito“ zitiert und bitte aufrichtig um Entschuldigung. Alleine schon, weil aus Diedrich Diedrichsen dort eine zweifache Ver-N-Wortung wurde.

Natürlich war das toll. Im „Subito“, wo jene herum hingen, die heute noch von taz-Autoren befragt werden, wenn es um Gentrifizierung geht und die Pudeleien mumifiziert haben. Immerhin solchen taz-Autoren, die großartigerweise in den frühen 80ern nach Berlin pilgerten, um Marc & The Mambas zu hören. Marc Almonds Selbszerstörungsprojekt, jenes Marc Almond, der der Welt mit „Say hello, wave goodbye“ einen der schönsten Pop-Songs ever einsang. „Standing in the door of the Pink Flamingo. Crying in the rain.“ Gestern war bei Facebook zu lesen, Gott sei schwul, weil ein Heterogott niemals Flamingos erschaffen hätte …

Marc & The Mambas: Düster, dissonant, dramatisch. Torment and Toreros. In my room – immer allein. „Caroline says“, ein Lou Reed Cover – it was such a funny feeling, als die Hand durch die Glasscheibe drang. Ich googel den Text jetzt nicht, was zählt, ist das Klangbild in der Erinnerung. Während vorm Stairway am Neuen Pferdemarkt Goths sich tummelten, trieben die anderen schwarz Gekleideten sich im Dschungel herum. Noch auf der anderen Straßenseite war er, wenn ich mich recht entsinne das ehemalige Vereinslokal der „Hell’s Angels“. Die fuhren ins „Picken Pack“

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Momo on the radio

„On the radio““ ist ja einer meiner Lieblingssongs von Donna Summer. Traumhafter Track.

Um sie ging es allerdings nicht, das kommt bestimmt noch, bei meinem ersten Radioversuch seit einer studentischen Streiksendung einst im offenen Kanal zu Zeiten der „alten BRD“.

Das Freie Senderkombinat trat aufgrund eines Textes über Lou Reed an mich heran, 3 Stunden Programm zu gestalten. Das schmeichelte meinem Ego, ist ja klar 😀 … . Da ich die Idee des Freien Radios aber auch vollends prima finde und es prompt zu sehr angenehmen Kommunikationen kam, habe ich mich dort mal ausprobiert. Die Sendung lief bereits am 2.1.; nun wird sie morgen, Sonntag, um 17 h wiederholt, sagte man mir. Da es einige Nachfragen gab, sei es angekündigt. Wer also mal eine durch den „Gated Voice“-Filter von „Logic 9“ gejagt eine Stimme zu diesem Blog hören will …

Die Arbeit an dem Programm war für mich ganz schön aufregend und schweißtreibend. Ein wenig so, wie als ich zu bloggen begann. Der Grund damals war, ganz pathetisch geschrieben, der Wunsch nach Freiheit: Bereits seit 15 Jahren in teils hochkommerziellen, teils auch sehr massenwirksamen und dann wieder inhaltlich durchaus hochkarätigen Sphären des Kulturjournalismus aktiv, nervten mich zusehends all die formalen Vorgaben, all die Kompromisse, all die vermachteten Räume, in denen ich agierte. All die Menschen, die herein reden und die eigene Existenz gefährden dürfen. Obgleich ich aufgrund toller Partner noch viel mehr Freiräume hatte als andere und bei vielen Produktionen so ganz und gar nicht meckern konnte.

Bis irgendwann Vergessen einsetzte, was ich wirklich dachte, fühlte, war und sein wollte. Von „Politics“ getränkt nur noch das Denken der „Entscheider“ zu antizipieren suchte. Was sich zu schreiben lohnt, weil diese Seite der Medienarbeit (und nicht nur der) aus Angst oft nicht erzählt wird. Dabei ist das nicht unüblich und zieht oft Burnouts nach sich.

Das Bloggen war eine Art Wiederentdeckungsreise. Bandwurmsätze! Verschroben schwurbeln! Politisch eindeutig und emotional sein dürfen! Empowerment! Regeln auf den Kopf stellen! Beziehungen zwischen als getrennt gedachten Sphären herstellen! Für Florian Bruns schwärmen! Abstraktion nicht unterbunden bekommen. Über Philosophen grübeln. Musik lieben. Themen selbst bestimmen. Die steile These wagen! Mit Sprache und Stilen spielen! Neue Formen suchen. Hach! Mich macht das glücklich!

Beim Radio muss ich das nun erstmal alles suchen und werde es irgendwann hoffentlich auch irgendwann finden. Ein Anfang ist gemacht. Ich habe viel mit professionellen Sprechern gearbeitet, solche vom Radio wie auch Schauspieler – ich wollte sie nicht imitieren. Könnte ich auch gar nicht. Und wurde ganz schön langsam 😀 – weil ich auch nicht aufschreiben und ablesen wollte, nur bei zitierten Originalquellen wie Andy Warhol und Lester Bangs und Laurie Anderson. Geht ja ums gesprochene Wort. So suchte ich sprechend Sinn und kultivierte unfreiwillig die Kunstpause. Ließ das aufkeimende Schluchzen drin und schnitt es nicht heraus, als es zum Tode von Lou Reed kam. Sentimental, wie ich bin, passieren mir solche Schluchzer immer mal. Habe erst versucht, Tonalität und Timbre konstant zu halten. Wie man das so macht bei Sprachaufnahmen, da am Ende vorsichtshalber noch mal in den ersten Take gehört wird, ob der noch passt. Und fand es irgendwann unsinnig, modulierte extra und setzte Soundeffekte dazwischen. Lies eindeutig Schnitte hörbar werden. Am Anfang legte ich auch Sounds unter die Sprache, dann drückte die Zeit und ich kam nicht mehr dazu, es durchzuziehen. Aber es gibt ja mit Adorno und Benjamin auch gute Gründe für das Fragmentarische, Unfertige. Sind Redundanzen, definitiv enthalten, bei einem flüchtigen Medium wie dem Radio halb so schlimm wie bei geschlossenen Werken? Kann man die große These einfach so raus hauen, wenn zu langes Quatschen auch nicht Ziel ist, Musik soll zu hören sein, und drum einiges in Andeutung bleibt oder Vorwissen erfordert? Ist es okay, die Songs einfach nur teilweise anzumoderieren, weil ich nicht Ansager sein mag? Erklärt sich das Assoziative selbst? Kann ich es mir als Medienprofi leisten, so „amateurhaft“ zu agieren, ohne die schützende Fassade der etablierten Form?

Vielleicht finde ich bei der voraussichtlich nächsten Sendung im Februar ja Antworten 😀 … . Ohne bisher ein Wort gesprochen zu haben, danke ich im voraus bereits Alex Weheliye, in Chicago lehrender Professor für Kukturwissenschaft, für die Genehmigung, diese auf seinen Vortrag „White Brothers with no Soul? Wie Berlin Techno weiß wurde“ aufbauen zu dürfen, gehalten im Frühsommer vor der Queer AG der Universität Hamburg. Um diese brilliante Abhandlung durch queere und Hamburger Perspektiven zu ergänzen. Bei der Eröffnung des „Opera House“ im Grünspan einst war ich ja zugegen. Und im „Front“ auch manches Mal.

Sonntag nun erst mal Lou Reed. Ich habe dessen Musik neu lieben gelernt und hoffe, an einigen Stellen trotzdem zumindest die richtigen Fragen aufgeworfen zu haben. Und danke dem FSK, mich ausprobieren zu dürfen!

EDITH: Läuft heute um 17 h noch mal. Und die auf Alex Weheliyes Vortrag aufbauende Sendung „White Brothers with no Soul“ wird (mit dessen Genehmigung, dass ich darauf aufbaue) am 10.2. von 14-16 Uhr zu hören sein.

Worum ging es noch? Um Klobürsten?

Oder Kissenschlachten?

„Unser Überlebenskampf ist eure Kirmes“ hat neulich treffsicher und claimfähig eine schwarze Kommentatorin hier ins Blog geschrieben.

Das habe ich mir gemerkt, und es schießt mir unaufhörlich durch den Kopf, wenn ich Twitter und Facebook verfolge.

Völlig berauscht von der eigenen Kreativität wandelt man den vermeintlichen „Kampf gegen die Polizei“, „das System“ oder was auch immer zum eigenen Abenteuerspielplatz. Ich finde die Aktionen auch witzig. Es tritt nur völlig in den Hintergrund, um was es ursprünglich mal ging. Da ist die Senatspolitik einfach voll aufgegangen.

Born und Neumann verheizen weiter ihr Personal, auf deren Rücken mutmaßlich Privatfehden gegen das, was als „linke Szene“ vorgestellt wird, ausgetragen werden. Personal, derer nicht wenige auch schwer verängstigt durch das Viertel fahren – während sie sich zuraunen, wie eine Kollegin vom Verkehrsschild fast aufgespießt worden wäre,  hätte sie nicht die Panzerung getragen. Und warten darauf, dass Böller in die Mannschaftswagen fliegen. Ich finde nicht, dass es Gründe gibt, sich darüber lustig zu machen oder das gar gut zu finden. Ich finde das Scheiße.

Neumann und Co hingegen freut es vermutlich; der Coup ist ihnen geglückt: Noch im Herbst bei einer Demo mit ca. 15.000 Teilnehmern, da die Polizei sich äußerst zurückhaltend zeigte, strahlte auf einmal die Möglichkeit einer anderen Flüchtlingsmöglichkeit unter Führung (!!!) der Flüchtlinge selbst auf ganz Deutschland, wenn nicht Europa aus.

Dann ließen es Exekutive und manche Demonstrierende Hand in Hand  krachen, und schwups war die Stabilität wieder her gestellt:  Teile der linken Szene konnten sich wieder selbst zum am schwersten unterdrückten Opfer des Systems stilisieren. Wenn mal weiter gehend Marginalisierte zu viel Aufmerksamkeit beanspruchen, kommen damit manche ja nicht klar und legen kurzerhand Flora, Esso-Häuser und Bürgerkriegsflüchtlinge in Gedanken zusammen, um anschließend selbst ein bißchen Bürgerkrieg zu spielen und danach wieder ins Seminar, die Werbeagentur oder den Job in der annähernd ausschließlich von Weißen besuchten, linken Kneipe zu verschwinden.

 Ja, es gibt tatsächliche Opfer von Polizeigewalt, und das ist zum Kotzen, und den Opfern gilt alle Emphatie.

Dass nunmehr aber sogar bei dem „Wir sind mehr!“-Facebook-Auftritt völlig unreflektiert von „Bürgerrechten“ die Rede ist, die eben STAATSBÜRGERRECHTE sind und nicht die allgemeinen Menschenrechte, auf die die Refugees sich nur berufen können, ja, es spricht Bände. Eine sofortige Einbürgerungsforderung habe ich da nicht gelesen. Ich erhebe sie hiermit.

Die Reflektierteren aus der Szene, nicht zufällig jene, die Diskrimierung auch tatsächlich am eigenen Leibe erlebt haben, gehen stattdessen mit ihren Kindern in Polizeiwachen, um diesen die Angst vor der Polizei zu nehmen. Weil viele der Kids gerade unter Schock stehen, wenn sie sie sehen, wie mit den Freunden ihrer Eltern von Polizeiseite umgesprungen wird. Und erfahren dort von denen, die täglich vor Ort ihren Job tun, dass diese genau so angekotzt sind vom Verhalten der Polizeioberen wie auch dem Agieren der Bereitschaftspolizei. Jahrelang erworbenes Vertrauen seil mit einem Schlag zerstört worden.

Hätten mal allesamt auf die Mahnungen der Refugees im Vorfeld gehört:

„Wir wollen gerne die Gelegenheit ergreifen um über Gewalt zu sprechen, denn als Kriegsflüchtlinge aus Libyen waren wir Opfer von mehr als genug Gewalt.

Die brutale NATO-Intervention hat uns alles genommen, was uns lieb war. Wir verloren unsere Familien und verloren alles aus unserem früheren Leben. Wir erlebten Gewalt auf dem Mittelmeer und viele von uns liegen tot auf dem Meeresboden. Die unmenschliche Gewalt der Ungerechtigkeit dauerte in Italien an, wo wir unter körperlich und psychisch verheerenden Bedingungen lebten. Das Leben auf den Straßen Hamburgs; Kriminelle genannt zu werden; die Verweigerung grundlegender Menschenrechte; von der Polizei gejagt zu werden wie Tiere – das ist auch Gewalt. Was wir jetzt brauchen, ist eine Heilung von unseren gewalttätigen traumatischen Erfahrungen. Wir brauchen die Möglichkeit, unsere Leben wieder aufzubauen.

Deshalb wollen wir Alle bitten, Gewalt aus einer umfassenderen Perspektive zu betrachten. Dies bringt uns Alle näher an die Wahrheit.“

(Quelle: http://lampedusa-in-hh.bplaced.net/wordpress/stellungnahme-zu-aktuellen-themen-bezuglich-unserer-politik-diskussion-um-gewalt/ – irgendwie lässt WordPress mich gerade nicht anders verlinken, formatieren geht auch gerade nicht richtig)

Ja, natürlich geht das insbesondere auch an die Polizeiführung, die, so scheint es, mutmaßlich absichtlich die Lage eskalieren ließ.

Dennoch habe ich nirgends eine Verbindung zwischen dem, was nun temporär und ausnahmsweise auch mal weiße Mittelständler im Rahmen des Gefahrengebietes erleben, und der totalen Entrechtung der Refugees und anderer PoC in Deutschland, die fortwährend Radial Profiling erleben und gezielt von der Polizei kriminalisiert werden, gelesen. Dabei bräuchte man dazu nur mal zuhören. Das ist gar nicht so schwierig, wird aber weitestgehend vermieden.

So zum Beispiel auch von der HfbK. Ganz großartig veranstaltet sie nun auch mal ein Symposion zum Zusammendenken von Kunst- und Kolonialgeschichte, was dem gesamten Lehrplan ansonsten nicht anzumerken ist. (Quelle: http://www.hfbk-hamburg.de/fileadmin/user_upload/diverse/blackbox_lampedusa_programm.jpg). Und formuliert dort in der Beschreibung mal eben so ganz im von Sinne Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, wenn auch in Anführungszeichen, man wolle die Beziehung zum „dunklen Kontinent“ vermutlich „erhellen“. Na super. „Herz der Finsternis“ ist nicht nur die Blaupause für den Film „Apokalypse Now“, sondern auch für einen zutiefst rassistischen Erzählrahmen.

Auch die Assoziationen zu „Blackbox“ dürften ähnlich ausfallen; irgendetwas, wo man nicht rein gucken kann und auch nicht will, wie das Veranstaltungsprogramm belegt. Ist aber dunkel.

Sind zwar erfreulicherweise sehr viele Frauen, aber eben nur ein PoC-Vortragender. Die Lampedusa-Gruppe Hamburg bräuchte vermutlich gerade mal eine halbe Stunde, um das gleiche Wissen aufzubereiten; mit akademischen Weihen versieht man freilich lieber Weiße, damit das Spiel auch ja so weiter geht wie bisher. 

Das soll jetzt gar nichts gegen die einzelnen Referenten sagen. Man sehe zum Beispiel mal bei ulrikebergermann.de/pages/aktuell/total.php nach. Wirklich guter Text, ich zitiere:

„Allgemeines und Besonderes, Eigenes und Fremdes, Original und Wiederholung: solche Paare formatieren, was wir über Arbeit von Medien denken – und generell, was wir über die Struktur von Wissen denken. Die modernen Wissenschaften entfalteten sich zusammen mit kolonialen Praxen. Ein enlarged knowledge bringt Weltbilder hervor, die aus dem Inbeziehungsetzen von Universalismen und Partikularem entstehen, von Globalem und Lokalem. Medien sind hierin: Transmittier, Produkte, Agenten. Sie erlauben das Vermessen, das Verfestigen von Maßstäben, die Zirkulation widerständiger Botschaften. Dass „die Medien“ als sortierende, verbindende die Globalisierung begleitet und befördert haben, ist unmittelbar einsichtig – weniger aber die Situiertheit des europäischen Denkens in der Aufklärung/Koloniserung, in dem auch die Medienwissenschaft zu Hause ist.“

Nun wäre es ja schön, wenn diese Erkenntnis sich auch in der Reflektion der je eigenen Wissenschaftspraxis wieder spiegeln würde. Pustekuchen. Noch die Kritik am von White Supremacy beherrschten System bleibt Weißen vorbehalten, und die anderen dürfen putzen gehen, als Küchenhilfen schuften oder von der Polizei gejagt werden. Ich durfte diese völlige Blindheit gegenüber der eigenen Disziplin neulich auch in der HfbK erleben, wenn auch vor allem bei Soziologen und Medienwissenschaftlern – solchen, die vermutlich in ihrer Jugend auch mal bei einer Flora-Party waren.

So zeigt man beim Symposion den mit dem Oscar prämierten Kurzfilm „Schwarzfahrer“ von Pepe Danquardt vom Anfang der 90er Jahre, weil der am Lerchenfeld zufällig über österreichische Filmemacher lehrt, und lädt gerade mal einen (!!!) PoC-Vertreter ein. Obgleich doch „Experten“ in der Ankündigung behauptet werden.

Filme aus Togo oder Namibia? Warum denn, wenn es um deutsche Kolonialgeschichte geht? Dabei wäre der koloniale Blick und die Reaktionen vor Ort darauf ein spannendes Thema für die Dokumentarfilmer. 

Charmant auch ein taz-Interview mit der geladenen Künstlerin HM Jokinen:

„taz: Arbeiten Sie auch mit mit der (!!!) Black Community zusammen?

HKM Jokinen: Ich bin bundesweit und auch in Ghana vernetzt und arbeite auch mit Schwarzen KünstlerInnen zusammen. Ich hoffe, dass es uns auch in Hamburg gelingt, zu kooperieren. Beim sogenannten Tansania-Park in Jenfeld hat der Bezirk einen weißen Beirat für die Entwicklung eines Erinnerungskonzeptes eingesetzt. Kritische Stimmen wurden nicht zugelassen. Wenn Hamburg es ernst meint mit postkolonialen Erinnerungsorten, müssen selbstverständlich vor allem Schwarze Menschen (das ist da wirklich groß geschrieben, das schwarz, MR) beteiligt werden. Und für diese Arbeiten müssen Fördermittel bereit gestellt werden. 

(Quelle: http://www.taz.de/!101761/)

Recht hat sie!

Nur: Geladen ist HM Jokinen, nicht die Schwarzen KünstlerInnen, mit denen sie vernetzt ist. Der ich gar nichts will, auch Ulrike Bergermann nicht. Das ist ja gut, was sie machen.

Es ist aber völlig absurd, wenn ihre Erkenntnisse keinerlei Folgen für das Aufstellen des Symposions haben.

Doch man kann sich sicher sein: Im Publikum wird die Klobürste geschwenkt!

Noch eins drauf setzen ganz und gar Kreative in St. Georg:

„Der Vorstand des„Kulturprojekt B20“ ist voll kreativer und engagierter Menschen, die hier ehrenamtlich mitarbeiten. An Projekten mangelt es daher nicht: Im B20 wurde eine Fahrradwekstatt eingerichtet; in der Volksküche wird täglich für die mobile Suppenküche mit Lebensmittelspenden gekocht und bald kann man wieder in dem Umsonstladen Kaufrausch Kleider, die man nicht mehr benötigt, tauschen. Zudem möchte der Verein das Gebäude weiterhin verschönern und im Erdgeschoss eine Art Diskoraum mit Beleuchtung aufbauen. Diesen und andere Räume soll man für bestimmte Anlässe und Zeiträume „mieten“ können. So haben sich für die nächsten Monate schon einige Künstler angekündigt, die im B20 ausstellen wollen. Der ehrenamtliche Verein unterstützt außerdem die Gruppe “Lampedusa in Hamburg“. Schon bald soll ein einwöchig stattfindender Deutschkurs mit eventuell abschließender Essensrunde realisiert werden.“

(Quelle: http://hh-mittendrin.de/2014/01/lang-lebe-das-kulturprojekt-b20/)

Bei der Performance der Refugees in der St. Pauli-Kirche – bei deren Zusammenfassung ich die Thalia-Beteiligung mit voller Absicht weg gelassen haben – war aber so was von spürbar, dass natürlich sie froh sind, ein Dach über dem Kopf und was zu essen zu haben. Sie wollen mit Sicherheit auch weiterhin deutsch lernen. Aber ich bin mir sicher, sie strotzen nur so vor Ideen, dieses B20 ganz zu bespielen. Eigentätig und in eigener Verantwortung.

Michael Neumann fragte mit der ihm eigenen Gewitzheit in irgendeinem Interview, was denn bitte aus den Refugees werden solle, wenn sie bleiben könnten. Sollten die ewig in der Kirche leben?

Sie haben darauf geantwortet: Sie wollen hier arbeiten, Wohnungen mieten, ihre Qualifikationen aktiv  einbringen und nicht nur für das Schlafen und Essen existieren.

Die, die die Demo am 21.1.2. ausriefen, hatten auch eine Antwort: Esso-Häuser und Flora bleiben! 

Na, super. Dann mal auf zur Kissenschlacht.